Einige Fragen bleiben offen : Wie wird Schmerz hinreichend vermieden? Was geschieht, wenn Kleinkinder ablehnend reagieren? Welche Qualifikation muss ein nicht-ärztlicher Beschneider vorweisen? Wie regelt mein rein kosmetische Operationen? In diesen Punkten muss sich der Gesetzgeber allerdings angesichts sich ändernder wissenschaftlicher Erkenntnisse und praktischer Erfahrungen notgedrungen zurückhalten. Der Entwurf klärt lediglich, dass in den ausdrücklich erfassten Sachlagen Beschneidung nicht bestraft wird. Das heißt jedoch keineswegs, dass alle anderen Fälle strafbar wären. So muss zum Beispiel die Strafjustiz in Hof prüfen, ob ein jüdischer Fachmann die Eingriffe weiterhin ohne Schmerzbehandlung durchführen darf. Ein Gießener Arzt hatte ihn angezeigt.

Das heißt, ein solches Gesetz könnte den geforderten Rechtsfrieden herstellen. Indes droht neuer Unfriede: Dem Parlament liegt nämlich ein Gegenentwurf vor. Verfasser sind die Kinderrechtsexpertin der SPD-Fraktion, Marlene Rupprecht, ihre Kolleginnen von den Grünen und der Linken sowie weitere 50 Bundestagsabgeordnete. Deren Vorschlag greift dramatisch in die Tradition jüdischer und muslimischer Bevölkerungsgruppen ein. Er käme einer kulturhistorischen Revolution nahe. Denn darin sollen alle nicht gesundheitlich erforderlichen Beschneidungen der unter 14-Jährigen im Familienrecht verboten werden. Spätere Beschneidungen sollen Fachärzten vorbehalten werden und sowohl der Sorgeberechtigte als auch der Junge müssen sich einverstanden erklären.

Man könnte sich polemisch begnügen mit dem Zitat des englischen Forschers Freeman: "Soweit bekannt haben nur Antiochus IV Epiphanes, Hadrian, Stalin und Hitler die rituelle Knaben-Beschneidung gesetzlich verboten. Ist dies die Gesellschaft, in der sich heutige Beschneidungsgegner zu Hause fühlen wollen?" Im zweiten Jahrhundert vor und nach Christus sollten damit Juden der Fremdherrschaft unterworfen werden; im 20. Jahrhundert mündete Judenhass in den Holocaust.

Natürlich geht es an den Motiven der Verfasser des Gegenentwurfs vorbei, ihnen Antisemitismus vorzuwerfen. Sie sind ersichtlich um das Kindeswohl besorgt. Bei manchen mögen zudem aufklärerisch-säkulare, religionskritische Einstellungen mitschwingen. Außerdem können sie sich auf beschneidungskritische Stellungnahmen der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin sowie des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte stützen. Trotzdem schießt ihr Entwurf weit über ein vertretbares Ziel hinaus. Denn die Reminiszenzen an frühere Herrscher und die damit einhergehenden kulturgeschichtlichen Dimensionen bleiben im Gegenentwurf ausgeblendet.

Außerdem wiederholen sie die Fehler jenes zu Recht kritisierten Kölner Urteils. Die verfassungsrechtlich gebotene Abwägung aller betroffenen Grundrechte bleibt völlig aus. Denn es geht nicht allein um das Grundrecht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit. Betroffen ist darüber hinaus das Grundrecht auf die Freiheit des religiösen Bekenntnisses. Es ist sogar gesetzlichen Beschränkungen entzogen. Außerdem muss das Grundrecht der Eltern beachtet werden, das Sorgerecht auszuüben und Inhalte des Kindeswohls, zu denen auch die religiöse Ausrichtung gehört, selbst zu bestimmen. Der Staat wacht lediglich darüber, ob nötige Grenzen überschritten werden.

Jedem dieser Grundrechte aus Artikel 2, 4 und 6 des Grundgesetzes muss der Gesetzgeber also weitestgehend gerecht werden. Die Risiken einer Bescheidung sind verhältnismäßig gering. Internationale medizinische Organisationen wie die British Medical Association haben alle vorliegenden Untersuchungen ausgewertet. Sie resümieren, es sei gegenwärtig nicht eindeutig klärbar, ob nicht-therapeutische Beschneidungen vorteilhaft, neutral oder schädlich seien. Deswegen komme den Eltern die verantwortliche Entscheidung zu. Dementsprechend wurde vor geraumer Zeit noch Müttern in Geburtskliniken die routinemäßige Beschneidung ihrer neugeborenen Söhne geradezu nahegelegt. Wo blieb damals die Kritik von Kinderärztevertretungen gegen diese Praxis? Weltweit dürfte jeder dritte Mann beschnitten sein.

Da Juden und Muslime die Knabenbeschneidung zudem als Ausdruck des Bundes Gottes mit Abraham verstehen und als unabdingbare Voraussetzung dafür ansehen, an der religiösen und kulturellen Gemeinschaft teilzuhaben, würde ein gesetzliches Verbot Jungen bis zum 14. Lebensjahr der Glaubensgemeinschaft entfremden, sie ausgrenzen. All das spricht dafür, den Eltern das Recht einzuräumen, Beschneidungen zuzustimmen, die ärztlichen Standards entsprechen.

Diese Bewertung wird untermauert, wenn man die gleichfalls unerwähnten Folgen eines gesetzlichen Verbots bedenkt: Es wäre das erste gesetzliche Beschneidungsverbot in einer Demokratie. Mit einer in Jahrtausenden entstandenen Tradition würde gebrochen. Das Gefühl, ausgegrenzt, unwillkommen zu sein, würde in den betroffenen Minderheiten verstärkt – das Gegenteil vernünftiger Integrationspolitik. Das Gesetz würde zum Berufsverbot für nichtärztliche Beschneider führen. Betroffene Eltern würden die Rituale heimlich durchführen lassen, wahrscheinlich unter schlechteren hygienischen Bedingungen. Sie würden kriminalisiert. Ein solches Gesetz trüge den Makel der Verfassungswidrigkeit auf der Stirn. Es müsste vom Bundesverfassungsgericht kassiert werden.

Wahrscheinlich werden sich allmählich religiöse körperliche Rituale durch geistig-geistliche ersetzen lassen. Der Völkerapostel Paulus war Vorreiter solchen Denkens. Doch bleibt das innerreligiöser Entwicklung vorbehalten. Es lässt sich nicht staatlich-gesetzlich erzwingen.