RitenBeschneidung von Jungen regulieren, aber nicht verbieten

Der Bundestag steht vor einer kulturgeschichtlich bedeutsamen Entscheidung. Der Gesetzesentwurf zur Beschneidung sollte eine Mehrheit finden, schreibt Arthur Kreuzer. von 

Am Mittwoch berät der Bundestag in erster Lesung über den Regierungsentwurf eines Gesetzes, das die Beschneidung von Jungen unter bestimmten Bedingungen erlaubt. Er soll Rechtsfrieden herstellen, wie es das Parlament am 19. Juli fast einmütig gefordert hat. Der Bundesrat hatte keine Einwände gegen den Entwurf erhoben.

Anlass für den Entwurf war, dass die Kölner Strafkammer am 7. Mai jüdischen und muslimischen Bevölkerungsgruppen erhebliche Sorgen bereitet hatte: Religiös motivierte Beschneidungen von Knaben seien strafbar, verkündete sie. Der Bundestag verlangte daraufhin von der Bundesregierung , "einen Gesetzentwurf vorzulegen, der sicherstellt, dass eine medizinisch fachgerechte Beschneidung von Jungen ohne unnötige Schmerzen grundsätzlich zulässig ist". Die Bundesregierung sollte dabei nicht nur das Recht auf körperliche Unversehrtheit beachten, sondern auch die anderen betroffenen Rechte: die Religionsfreiheit und das Recht der Eltern auf Erziehung.

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Arthur Kreuzer

Der Autor ist emeritierter Professor für Kriminologie der Gießener Universität.

Der Regierungsentwurf entspricht dieser Aufforderung. Beschneidungen werden künftig im Sinne des Kindeswohls sinnvoll eingegrenzt . Ein neuer Paragraf 1631 d m Familienrecht des Bürgerlichen Gesetzbuchs klärt, dass der Erziehungsberechtigten das Recht hat, "in eine medizinisch nicht erforderliche Beschneidung des nicht einsichts- und urteilsfähigen männlichen Kindes einzuwilligen, wenn diese nach den Regeln der ärztlichen Kunst durchgeführt werden soll". Grenzen sind gesetzt, wenn das Kindeswohl gefährdet ist. In den ersten sechs Monaten darf auch ein entsprechend befähigter nicht-ärztlicher Beschneider den Eingriff vornehmen.

Leserkommentare
  1. Sehe ich auch so - sehr gefährliches Terrain. Die Ansprüche der Religionsgemeinschaften werden nicht lange auf sich warten lassen. Zwar erwarten ich in den nächsten Jahren keine Diskussion über Hexenverbrennung pro und contra. Trotzdem eine hoch gefährliche Entwicklung.

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    Nein - da ist nichts hochgefährlich. In diesem Land werden seit Jahrtausenden Knaben beschnitten - und es war immer erlaubt. In keinem Staat dieser Welt steht das unter Strafdrohung. Wenn D. sich jetzt an diesen Maßstab anschliesst (und in der Sache so verfahren wird wie seit eh und je), woher soll da der Dammbruch kommen?

    • Suryo
    • 20. November 2012 17:26 Uhr

    Warum ist es eine "hochgefährliche" "Entwicklung", was den status quo, der bisher keinen Menschen störte, erhält?

    Das Gesetz schafft doch keine Fakten, die es nicht schon immer gab.

    Im übrigen würde ein Verbot auch nichts ändern - dann wird halt heimlich oder im Ausland (neun Nachbarländer Deutschlands stehen bereit!) beschnitten.

  2. 90. [...]

    Kritik an der Moderation richten Sie gerne an community@zeit.de. Darüber hinaus bitten wir darum, zum konkreten Artikelthema zu diskutieren. Danke, die Redaktion/kvk

    Antwort auf "Beschämend"
    • Suryo
    • 20. November 2012 17:22 Uhr

    Darum ging es mir nicht. Es ging mir darum, daß ein konstitutiver Ritus, wie es die Beschneidung im Judentum nun mal ist, etwas anderes ist als andere religiöse Regeln. Für einen gläubigen Juden ist es nun mal so, daß sein Sohn ohne Beschneidung am achten Tag kein Jude ist. Ein Beschneidungsverbot heißt aus dieser Perspektive schlicht, daß der Staat Menschen verbietet, Jude zu sein.

    Abgesehen davon, liebe Grundrechtekämpfer: wo wart Ihr in den letzten 60 Jahren eigentlich?

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    • GDH
    • 20. November 2012 17:32 Uhr

    "Es ging mir darum, daß ein konstitutiver Ritus, wie es die Beschneidung im Judentum nun mal ist, etwas anderes ist als andere religiöse Regeln."

    Genau das ist eine Frage des persönlichen Überzeugtseins. Ihre Argumentation läuft nach wie vor darauf hinaus, Handlungen eher zu erlauben, wenn der Handelnde sie persönlich (oder sein kulturelles Umfeld) alternativlos findet.
    Damit dürfen tolerante und flexible Leute weniger als besonders starrsinnige Leute. Oder auf einer anderen Ebene:
    Im Namen einer flexiblen Ideologie, die den Vorrang weltlicher Gesetze achtet, darf man Dinge nicht straflos tun, die man um Namen kompromissloser Religionen tun darf.

    Genau das ist meiner Ansicht nach der Grund, warum dieser Gesetzentwurf auf solch leidenschaftlichen Protest stößt.

  3. Nein - da ist nichts hochgefährlich. In diesem Land werden seit Jahrtausenden Knaben beschnitten - und es war immer erlaubt. In keinem Staat dieser Welt steht das unter Strafdrohung. Wenn D. sich jetzt an diesen Maßstab anschliesst (und in der Sache so verfahren wird wie seit eh und je), woher soll da der Dammbruch kommen?

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  4. @Suryo
    "In der Torah sagt Gott ganz eindeutig, daß NUR der Jude ist, der am achten Tag nach der Geburt beschnitten ist." Rein interessehalber hierzu eine Frage: Es ist also unmöglich, zum Judentum zu konvertieren, wenn man älter als acht Tage und nicht beschnitten ist?

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    Antwort auf "Gäääähn"
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    • Suryo
    • 20. November 2012 17:27 Uhr

    Aus orthodoxer Sicht ist das so. Das Judentum missioniert u.a. deswegen auch nicht.

  5. Die Frage die sich bei Ihnen und auch in dem Artikel stellt ist, wie weit soll man denn man mit der Toleranz gehen. Krass wird es ja wenn man die Beschneidungen von Jungen wie Sie zulassen will, aber bei Maedechen eben nicht. Was ist da jetzt das genaue Abgrenzungskriterium? Das sollte ja irgendwie messbar sein, wann etwas zulaessig ist oder nicht, ansonsten haben wir Willkuer. Wenn man das beide Arten von Beschneidungen fuer zulaessig haelt, dann muesste man ja bspw. das Marihuanarauchen von Rastafaris auch fuer zulaessig halten. Was wenn ich dann morgen eine Religion begruende, die das Opiumrauchen und Kokainschnupfen fuer geboten erklaert? Muss man das dann nicht auch alles erlauben? Oder kommt es dann auf das Alter der Religion an, oder die Anzahl der Mitglieder an? Was darf dann eine Religion nicht mehr? Immerhin will man ja nichts anderes als eine Koerperverletzung fuer zulaessig erklaeren, obwohl die Pruegelstrafe natuerlich weiterhin verboten bleibt. Boese formuliert, Ohrfeige nein, aber Vorhaut abschneiden ja? Ich frage mich immer, warum es Juristen so schwer faellt eine halbwegs in sich logische und konsistente Rechtsauslegung hinzubekommen.

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    Antwort auf "Toleranz"
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    • zippi
    • 20. November 2012 17:28 Uhr

    Also ich möchte nicht der verantwortliche Jurist sein, der dieses "Gesetz" formulieren muss. Die Vorgaben durch Regierung und BT waren (nach meiner persönlichen Auffassung) gar nicht im Einklang mit dem GG zu realisieren und werden über kurz oder lang auch kassiert werden.

    • Azenion
    • 20. November 2012 17:31 Uhr

    Da man Knaben mit sonstigen körperlichen Strafen glaubhaft nicht mehr drohen kann (nicht mal mit einer Ohrfeige), geht jetzt immerhin dieses: "Wenn du nicht gehorchst, lassen wir dir einen Stück vom Schwanz abschneiden!" -- Das wirkt bestimmt, denn die Staatsgewalt hält diese Bluttat augenscheinlich für rechtens.

    Wahrlich kuriose Situation!

    (Immerhin, Mädchen sind sicher.)

    • Suryo
    • 20. November 2012 17:26 Uhr

    Warum ist es eine "hochgefährliche" "Entwicklung", was den status quo, der bisher keinen Menschen störte, erhält?

    Das Gesetz schafft doch keine Fakten, die es nicht schon immer gab.

    Im übrigen würde ein Verbot auch nichts ändern - dann wird halt heimlich oder im Ausland (neun Nachbarländer Deutschlands stehen bereit!) beschnitten.

    Eine Leserempfehlung
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    wenn es öffentlich diskutiert worden wäre. Für mich ist eben die körperliche Unversehrtheit ein sehr hohes Gut.

    Aber dieser Staat sieht das grundsätzlich sehr lax. Körperverletzung ist nur ein Antragsdelikt. Ein kleiner Diebstahl wird höher bestraft. Für mich ist das völlig falsch.

    Hier wird jedoch ein Gesetz geschaffen, dass angeblich mit dem Grundgesetz kompatibel ist und für nichtstaatliche Personen das Recht auf Körperverletzung festschreibt. Das war bislang nur dem Staat, z. B. zum Zwecke von Blutproben möglich.

    Damit haben alle Religionsgruppen das Recht für sich auch Sonderrechte zu fordern. Wohin soll das führen.

    • Suryo
    • 20. November 2012 17:27 Uhr

    Aus orthodoxer Sicht ist das so. Das Judentum missioniert u.a. deswegen auch nicht.

    Antwort auf "Re: Gäääähn"
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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Bundesregierung | Recht | SPD-Fraktion | Bevölkerungsgruppe | Bundesrat | Bundestag
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