Bangladesch : Mehr als 100 Tote bei Feuer in Textilfabrik

Vier Stunden lang brannte die mehrstöckige Fabrik am Rand von Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch. Hunderte von Arbeitern waren eingeschlossen, viele starben im Feuer.
Feuerwehrmann in der ausgebrannten Textilfabrik in Savar (Bangladesch) ©Andrew Biraj/Reuters

Bei einem Brand in einer Textilfabrik in Bangladesch sind mindestens 112 Menschen gestorben. Das Feuer brach am Samstagabend in einem neunstöckigen Gebäude im Industriebezirk Savar am Rand der Hauptstadt Dhaka aus; erst nach vier Stunden brachte die Feuerwehr den Großbrand unter Kontrolle. Nach dem Ende der Löscharbeiten wurden 100 Leichen aus der Fabrik geborgen. Weitere zwölf Menschen, die sich schwer verletzt hatten, nachdem sie aus dem brennenden Haus gesprungen waren, starben im Krankenhaus.

Die Zahl der gefundenen Toten könne weiter steigen, da die Suche nach Opfern andauert, teilte die Feuerwehr mit. Örtliche Medien zählen bereits 124 Tote. Weitere 200 Menschen erlitten Verbrennungen. Etwa 1.000 Arbeiter und Arbeiterinnen nähten zum Zeitpunkt des Unglücks in der Fabrik.

Allein 69 Leichen wurden im ersten Stock geborgen. Die meisten Opfer seien im Innern des Gebäudes eingeschlossen gewesen, weil es keine Notausgänge gegeben habe. "Die Fabrik hatte drei Treppenhäuser und alle führten ins Erdgeschoss", sagte ein Sprecher der Feuerwehr. Dort habe der Brand aber begonnen, sodass es für mehrere Hundert der meist weiblichen Arbeiter keine Fluchtmöglichkeiten gegeben habe. Die Ursache des Feuers war zunächst unklar.

Viele Opfer waren bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Soldaten und Grenzpolizisten wurden gerufen, weil sich Tausende besorgte Angehörige von Fabrikarbeitern in der Nähe versammelten. Es war die bislang schlimmste Brandkatastrophe des Landes dieser Art.

Viele Arbeiterinnen auf engstem Raum

Ministerpräsidentin Sheikh Hasina zeigte sich schockiert. Sie forderte die Behörden auf, weiter nach Opfern zu suchen. Der Verband der Textilhersteller und die Vereinigung der Exporteure kündigten Hilfen für die Familien der Opfer an.

In Bangladesch gibt es etwa 5.000 Textilfabriken . Dort herrschen in der Regel sehr schwierige Arbeitsbedingungen . Der gesetzliche Mindestlohn wird den Textilarbeitern vorenthalten . Es gibt in den Fabriken wenige Sicherheits- und Gesundheitsvorkehrungen, oft arbeiten viele Menschen auf sehr engem Raum. 2006 waren bei einem Brand in einem Hafen der Stadt Chittagong 84 Menschen gestorben. Damals konnten die Türen der Notausgänge nicht geöffnet werden.

Textilien sind das wichtigste Exportprodukt des Landes: Durch den Verkauf von Textilien vor allem an die USA und nach Europa nimmt Bangladesch jährlich 15,5 Milliarden Euro ein. Zu den Kunden gehören unter anderen H&M, Wal-Mart , JC Penney, Carrefour und Tesco .

Kritik an fehlenden Sicherheitsstandards

Die Kampagne für Saubere Kleidung (CCC) kritisierte schlechte Arbeits- und Sicherheitsbedingungen in vielen Textilfabriken in Bangladesch. Sie begünstigten verheerende Unfälle, sagte CCC-Koordinator Lars Stubbe. Sehr häufig gebe es keine vernünftigen Notausgänge; mögliche Fluchtwege seien mit Waren vollgestellt und versperrt. Nach Angaben von CCC starben seit 2006 über 470 Menschen, vor allem Frauen, aufgrund von Bränden in den Textilfabriken Bangladeschs.

Ein Sprecher der abgebrannten Fabrik in Savar sagte hingegen, der Betrieb habe EU-Standards eingehalten, etwa mit mehreren alternativen Treppenaufgängen. Die Arbeiter seien aber panisch zum Hauptausgang gestürmt.

CCC kritisierte außerdem, dass in Bangladesch die Arbeit von freien Gewerkschaften extrem behindert werde. Es sei daher schwer, Arbeits- und Sicherheitsstandards in dem Billiglohnland zu verbessern. Die dortige Politik habe daran wenig Interesse. Auch deutsche Auftraggeber müssten sich ihrer Mitverantwortung bewusst sein.

Stubbe sagte, es würden überwiegend junge Frauen zu geringsten Löhnen bei einem regelmäßigen Überpensum an Arbeit beschäftigt. Die meist aus Dörfern in die Großstadt gezogenen Frauen lebten häufig in Gemeinschaftsunterkünften. Für deren Miete müssten sie einen großen Teil ihres Lohns ausgeben.

 

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Kommentare

26 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Dass über 100 Arbeiter elend verrecken,

weil der Kapitaleigner auf Notausgänge meinte verzichten können, die aber, wie eine ähnliche Katastrophe im Jahre 2006 zeigte, auch nichts nützen, wenn sie verschlossen sind, dass auch diese Katastrophe von 2012 wie bereits die von 2006 nichts an den grauenhaften Verhältnissen, unter denen das Kapital nicht nur Billig-, sondern auch Markentextilien produzieren lässt, ändern wird, dass es ebenfalls nichts ändern würde, wenn der gutsituierte "kritische Verbraucher" künftig keine Kleidung mehr aus Bangladesh kaufen würde, weil dann die Kapitaleigner eben woanders produzieren würden, z.B. in Pakistan, wo im September über 250 Textilarbeiter verbrannten, das alles gehört ebenso zur entsetzlichen kapitalistischen Alltagswelt wie die Tatsache, dass es diese Zeitung nicht schaffen will, in ihrer Berichterstattung über diese Katastrophe deren Ursache zu benennen.

Ob die Manager solcher Fabriken gut schlafen können?

Ich könnte es nicht.

Die industrielle Revolution läuft langsam, meiner Ansicht nach viel zu langsam in den Herstellerländern ab. Unterstützung bekommt sie weder von der dortigen, noch von der hiesigen Politik. Auch wir Verbraucher haben eine Mitschuld. Gaucks Worte bekommen durch solche Ereignisse Nachdruck.

Ob die Manager von H&M, Wal-Mart, JC Penney, Carrefour und Tesco, sowie KIK, IKEA, T.K International, Heusel Textil, NKD, C&A, REAL, Pimkie u.a. gut schlafen können? Das weiß ich nicht. Aber eines ist mir klar: Von "dort werden Sie nicht geholfen". Von keinem.

Das Bedingungslose Grundeinkommen würde solche Zustände von Grund auf ändern. Keine Frau müsste in solchen Todesfallen arbeiten. Wir müssten allerdings für unsere Kleidung mehr ausgeben. Damit sänke der Konsum. Bessere Lebensbedingungen durch weniger Konsum, geht das überhaupt? Bessere Lebensbedingungen durch mehr Konsum funktioniert jedenfalls nicht.

Wir sollten es endlich einmal probieren.

benötigen wir 2o T-Shirts oder kämen wir auch mit der Hälfte aus, die zwar teurer aber möglicherweise über bindende und kontrollierbare menschenwürdige Arbeitsbedingungen die die Lebensqualität der Menschen wenigstens - nein, ich mag das Wort ein "bisschen" in diesem Zusammenhang nicht - bessern würden?

Dabei müssten wir auch nichts verzichten und riskierten nichts. Wobei die Profitgier sicherlich nicht gefährdet wäre.Leider.

Und unter dieen menschenverachtenden Bedingungen haben Religionen Hochkonjunktur, als gesellschaftspolitische Bremsklötze.

Hallo Klaus Fuchs

Ein wenig gebe ich IHnen recht. Wer aber in Deutschland zu den aussorierten 10 Millionen gehört (Leihareiter, Niedriglohnarbeiter, Alleinstehende mit Kind ...) der kann sich vielleicht nur Hoseb für 10 € leisten.
Mir sagte mal eine Frau in Hamburg: "Ich würde meinen 4 Kindern auch gerne die unbehandelten, human produzierten Pullis von Greenpeace für 40 DM das Stück kaufen, aber ich kann es mir nicht leisten."
Und ausserdem ist nicht ausgeschlossen, daß eine Hose für 80 € nicht auch dort, unter den gleichen schlechten Bedingungen, hergestellt wurde.

Trigema lebt natürlich auch von dem...

Image, auf das dieser Leser so leicht hereinfällt: Da erzählt ein sich paternalitisch gebender Unternehmer, er produziere nur in Deutschland und werde das auch weiterhin tun. Na prima. Dass Trigema nicht Mitglied des Tarifverbandes ist, verschweigt er ebenso wie andere Besonderheiten des deutschen Kapitalismus, z.B. die Arisierung.
Dass Ausbeutung gemildert werden könne, wenn Einheimische nur Einheimische ausbeuten, ist ein absurder Gedanke. Er ignoriert die Geschichte des Kapitalismus, die nicht erst seit 5, sondern 500 Jahren eine globale ist.
Und noch einmal: es wird sich nichts an diesem Wirtschaftssystem ändern, wenn nun alle Zeitleser losziehen und ihre Kleidung entweder, wenn sie es sich leisten können, in irgendwelchen fairtradeBoutiquen kaufen, oder in SecondHandLäden, wenn sie arme Schlucker sind. Sie werden vielleicht ein gutes Gewissen haben (Glückwunsch!), aber daran, dass irgendwo auf der Welt in scheußlichen Fabriken Menschen durch scheußliche, gewinnmaximierende Produktionsbedingungen krepieren, ändern sie nichts.