Der Mann wirkt aufgeräumt. "Grüß Gott, Gustl Mollath ", stellt er sich vor. Sein Händedruck ist fest, sein Blick offen. Die Fenster in dem Besucherraum der Station FP4 des Bezirkskrankenhauses Bayreuth haben keine Gitter, aber Sicherheitsglas, das man nicht einschlagen kann. Die Tür zum Treppenhaus ist abgeschlossen, ebenso der Zugang zur Station. So sind die Regeln in der forensischen Psychiatrie, der Unterbringung für psychisch kranke Straftäter.

Seit sechs Jahren und neun Monaten ist der 56-Jährige gegen seinen Willen in verschiedenen geschlossenen Einrichtungen in Bayern untergebracht. Laut Expertengutachten und einem Gerichtsurteil ist er psychisch schwer gestört und gewalttätig, ein Straftäter. Mollath glaubt, dass seine Exfrau, einst Vermögensberaterin der Hypo-Vereinsbank (HVB) in Nürnberg , für ihre Kunden in großem Stil Schwarzgeld in die Schweiz verschoben hat. Das Landgericht Nürnberg urteilte deswegen im Jahr 2006, er sei von einem "paranoiden Wahnsystem" besessen.

Seit ein paar Wochen gibt es allerdings Hinweise darauf, dass Mollath recht haben könnte mit seinen Vorwürfen. Die Geschichte setzt inzwischen auch die bayerische Justizministerin unter Druck. Mollath hat Hoffnung geschöpft.

"Er zeigt keine Krankeneinsicht"

Im Besucherraum erzählt er seine Version der Geschichte. Wie er in den neunziger Jahren von Schwarzgeld-Geschäften seiner Frau erfahren habe. "Ich habe sie angefleht, damit aufzuhören. Sie hat mich ausgelacht." Manchmal sei sie handgreiflich geworden, er habe sich verteidigt. Sagt Mollath. Seine Frau gibt später zu Protokoll, er habe sie verprügelt. Die Ehe zerbricht. Doch Mollath hat Unterlagen, Belege, Abrechnungen gesammelt – alles, was er bei seiner Frau finden konnte. Er schickt Briefe und Eingaben an die Bank, die Nürnberger Staatsanwaltschaft, verschiedene Steuerfahndungen, den Generalbundesanwalt, sogar an den damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber ( CSU ). Demnach soll seine Exfrau für mehrere Dutzend wohlhabende Kunden Geld in die Schweiz gebracht haben, um in Deutschland Steuern zu sparen. Sie sei mehrfach persönlich nach Zürich gefahren, habe sich gar hinter dem Rücken der Bank einen eigenen Kundenstamm aufgebaut und für diesen direkt den Kontakt mit dem Schweizer Institut hergestellt.

Mollaths Bemühungen haben keinen Erfolgt. Eine Nürnberger Staatsanwältin teilt ihm knapp mit, dass nicht ermittelt werden kann, da seine Angaben nur "pauschal" und "unkonkret" seien und keine "zureichenden tatsächlichen Anhaltspunkte" enthielten. Auch die Steuerfahndung rührt sich nicht. Dafür verklagt ihn seine Exfrau wegen Körperverletzung. Das Gericht erklärt ihn 2006 für unzurechnungsfähig und ordnet die Unterbringung in der Psychiatrie an. Ein Bayreuther Psychiater hat in der Verhandlung berichtet, Gewalttätigkeiten Mollaths gegenüber seiner Exfrau seien "von der Erkrankung an einer wahnhaften psychischen Störung geprägt". Mollath halte "unkorrigierbar" am "komplexen System der Schwarzgeldverschiebung" fest, er zeige "keine Krankeneinsicht".

Vorwürfe seien etwas diffus, aber zutreffend

Vor zwei Wochen aber wird dann ein bis dato unter Verschluss gehaltener interner Revisionsbericht der Hypo-Vereinsbank aus dem Jahr 2003 öffentlich. Er liegt ZEIT ONLINE vor: Auf 17 Seiten geht es darin um die "Briefe eines Herrn Mollath". "Umfangreiche Überprüfungen" habe es gegeben über "Vermögenstransfers in die Schweiz, Provisionszahlungen an HVB-Mitarbeiter, Verstöße gegen GWG". Gemeint ist das Geldwäschegesetz. Das Fazit der Prüfer: Mollaths Anschuldigungen klängen "in Teilbereichen zwar etwas diffus". Dennoch hätten sich "alle nachprüfbaren Behauptungen als zutreffend herausgestellt".

Gustl Mollaths Ehefrau war im Zuge der Ermittlungen außerordentlich gekündigt worden, anderen Kollegen ebenso. Niemand hatte das aber nach außen getragen. Acht Jahre lang ruhte der Bericht in den Aktenschränken des Geldinstitutes, bis er Ende 2011 an die Nürnberger Staatsanwaltschaft gelangte. Erst jetzt wiederum wurde er publik.