"Der Fall Mollath ist ein Justizskandal ungeheuren Ausmaßes", sagt der Freien-Wähler-Landtagsabgeordnete Florian Streibl, Sohn des einstigen CSU-Ministerpräsidenten Max Streibl . Er verlangt den Rücktritt der bayerischen Justizministerin Beate Merk (CSU), die im Landtag nun am Pranger der Opposition steht. Unverdrossen hält sie zu ihrer Justiz. Auf die Frage, warum Mollath weiter in der Psychiatrie sitze, sagt sie wieder und wieder: "Wegen seiner Gefährlichkeit."

"Gustl Mollath muss rehabilitiert werden"

Mittlerweile muss die Ministerin allerdings um ihr Amt kämpfen. Im März dieses Jahres hat sie im Landtag über den Mollath entlastenden Bankenbericht geschwiegen, obwohl er ihrem Haus längst vorgelegen haben muss: Die Staatsanwaltschaft hatte ihn Ende 2011 weitergeleitet.  Noch in einer Pressemitteilung vom 30. Oktober teilt Merck aber mit: "Ich habe auch dargelegt, dass die bankinternen Untersuchungen die Vorwürfe Mollaths gerade nicht bestätigen."

Für Florian Streibl ist nun klar, dass Beate Merk versucht hat, "wissentlich zu täuschen". Christine Stahl, Abgeordnete der Grünen im Landtag, sagt: "Bei der angeblichen Wahnidee eines Schwarzgeldskandals muss Gustl Mollath rehabilitiert werden." Merk solle zugeben, "dass man sich in diesem Fall geirrt hat". Doch die Ministerin flüchtet sich in juristische Verästelungen, wird immer knapper und unwilliger bei ihren Statements. "Solange Sachverhalte noch verfolgbar waren", so ihre aktuelle Sprachregelung, habe Mollath nicht Recht. Das bedeutet im Klartext, dass die Dinge schon verjährt sind, Justiz und Steuerfahndung ihnen also nicht mehr nachgehen können.

"Den lass ich auf seinen Geisteszustand überprüfen"

An dem Urteil von 2006 fallen zwei Dinge auf. Sämtliche Mollath vorgeworfene Taten – angeklagt waren gefährliche Körperverletzung an seiner Exfrau, Freiheitsberaubung und Sachbeschädigung – werden vom Gericht mit seinem "paranoiden Gedankensystem" begründet. Was ist aber nun, wenn der Wahn vielleicht gar keiner war? Mollath soll seine Frau verprügelt und die Reifen von Autos aufgeschlitzt haben, deren Besitzer bei dem Scheidungsverfahren auf der Seite seiner Frau gestanden haben. Er bestreitet die Taten.

Zum Zweiten beruhen die Annahmen zum Tatgeschehen und der Vorgeschichte wesentlich auf den Aussagen von Frau Mollath. 2011 meldete sich Edward Braun, ein Zahnarzt aus Bad Pyrmont und einstiger Freund des Ehepaares. Seit 2004 hat er die beiden aus den Augen verloren und erst Jahre später von Mollaths Schicksal erfahren. In einer Eidesstattlichen Erklärung schreibt er, dass ihn Frau Mollath Anfang 2000 angerufen und inständig gebeten habe, auf ihren Mann einzuwirken. Demnach soll sie wörtlich gesagt haben: "Wenn Gustl meine Bank und mich anzeigt, mache ich ihn fertig. (...) Der ist doch irre, den lasse ich auf seinen Geisteszustand überprüfen, dann hänge ich ihm was an, ich weiß auch wie."

Mollath hat aus seiner Unterbringung heraus viele Protestbriefe geschrieben. Einer ging an Maria E. Fick, Menschenrechtsbeauftragte der Bayerischen Ärztekammer . Sie besuchte ihn und studierte die verschiedenen Gutachten. Zwei sind für Mollath positiv, doch sie zählten vor Gericht nicht. Die Richter stützten sich auf drei negative Beurteilungen. "Gefälligkeitsgutachten" nennt sie die Ärztin gegenüber ZEIT ONLINE. Die Diagnosen seien "schwammig". Die Ärztekammer soll nun, so ihre Forderung, die Gutachten beurteilen lassen. Die Behandlung Mollaths, so schreibt sie in einem Brief an Justizministerin Merk, erscheine ihr "unbillig und ungerecht". Auch wenn Mollath gewalttätig gewesen sein sollte und Reifen zerstochen habe, könne das nicht "mit einem unbestimmt langfristigen Freiheitsentzug geahndet" werden.