JustizskandalWie Gustl Mollath eine Straftat aufklärte und in der Psychiatrie landete

Gustl Mollath zeigte seine Frau wegen unlauterer Bankgeschäfte an – und landete wegen Wahns in der Psychiatrie. Jetzt zeigt sich: zu Unrecht. von Patrick Guyton

Der Mann wirkt aufgeräumt. "Grüß Gott, Gustl Mollath ", stellt er sich vor. Sein Händedruck ist fest, sein Blick offen. Die Fenster in dem Besucherraum der Station FP4 des Bezirkskrankenhauses Bayreuth haben keine Gitter, aber Sicherheitsglas, das man nicht einschlagen kann. Die Tür zum Treppenhaus ist abgeschlossen, ebenso der Zugang zur Station. So sind die Regeln in der forensischen Psychiatrie, der Unterbringung für psychisch kranke Straftäter.

Seit sechs Jahren und neun Monaten ist der 56-Jährige gegen seinen Willen in verschiedenen geschlossenen Einrichtungen in Bayern untergebracht. Laut Expertengutachten und einem Gerichtsurteil ist er psychisch schwer gestört und gewalttätig, ein Straftäter. Mollath glaubt, dass seine Exfrau, einst Vermögensberaterin der Hypo-Vereinsbank (HVB) in Nürnberg , für ihre Kunden in großem Stil Schwarzgeld in die Schweiz verschoben hat. Das Landgericht Nürnberg urteilte deswegen im Jahr 2006, er sei von einem "paranoiden Wahnsystem" besessen.

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Seit ein paar Wochen gibt es allerdings Hinweise darauf, dass Mollath recht haben könnte mit seinen Vorwürfen. Die Geschichte setzt inzwischen auch die bayerische Justizministerin unter Druck. Mollath hat Hoffnung geschöpft.

"Er zeigt keine Krankeneinsicht"

Im Besucherraum erzählt er seine Version der Geschichte. Wie er in den neunziger Jahren von Schwarzgeld-Geschäften seiner Frau erfahren habe. "Ich habe sie angefleht, damit aufzuhören. Sie hat mich ausgelacht." Manchmal sei sie handgreiflich geworden, er habe sich verteidigt. Sagt Mollath. Seine Frau gibt später zu Protokoll, er habe sie verprügelt. Die Ehe zerbricht. Doch Mollath hat Unterlagen, Belege, Abrechnungen gesammelt – alles, was er bei seiner Frau finden konnte. Er schickt Briefe und Eingaben an die Bank, die Nürnberger Staatsanwaltschaft, verschiedene Steuerfahndungen, den Generalbundesanwalt, sogar an den damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber ( CSU ). Demnach soll seine Exfrau für mehrere Dutzend wohlhabende Kunden Geld in die Schweiz gebracht haben, um in Deutschland Steuern zu sparen. Sie sei mehrfach persönlich nach Zürich gefahren, habe sich gar hinter dem Rücken der Bank einen eigenen Kundenstamm aufgebaut und für diesen direkt den Kontakt mit dem Schweizer Institut hergestellt.

Mollaths Bemühungen haben keinen Erfolgt. Eine Nürnberger Staatsanwältin teilt ihm knapp mit, dass nicht ermittelt werden kann, da seine Angaben nur "pauschal" und "unkonkret" seien und keine "zureichenden tatsächlichen Anhaltspunkte" enthielten. Auch die Steuerfahndung rührt sich nicht. Dafür verklagt ihn seine Exfrau wegen Körperverletzung. Das Gericht erklärt ihn 2006 für unzurechnungsfähig und ordnet die Unterbringung in der Psychiatrie an. Ein Bayreuther Psychiater hat in der Verhandlung berichtet, Gewalttätigkeiten Mollaths gegenüber seiner Exfrau seien "von der Erkrankung an einer wahnhaften psychischen Störung geprägt". Mollath halte "unkorrigierbar" am "komplexen System der Schwarzgeldverschiebung" fest, er zeige "keine Krankeneinsicht".

Vorwürfe seien etwas diffus, aber zutreffend

Vor zwei Wochen aber wird dann ein bis dato unter Verschluss gehaltener interner Revisionsbericht der Hypo-Vereinsbank aus dem Jahr 2003 öffentlich. Er liegt ZEIT ONLINE vor: Auf 17 Seiten geht es darin um die "Briefe eines Herrn Mollath". "Umfangreiche Überprüfungen" habe es gegeben über "Vermögenstransfers in die Schweiz, Provisionszahlungen an HVB-Mitarbeiter, Verstöße gegen GWG". Gemeint ist das Geldwäschegesetz. Das Fazit der Prüfer: Mollaths Anschuldigungen klängen "in Teilbereichen zwar etwas diffus". Dennoch hätten sich "alle nachprüfbaren Behauptungen als zutreffend herausgestellt".

Gustl Mollaths Ehefrau war im Zuge der Ermittlungen außerordentlich gekündigt worden, anderen Kollegen ebenso. Niemand hatte das aber nach außen getragen. Acht Jahre lang ruhte der Bericht in den Aktenschränken des Geldinstitutes, bis er Ende 2011 an die Nürnberger Staatsanwaltschaft gelangte. Erst jetzt wiederum wurde er publik.

Leserkommentare
    • AndreD
    • 21. November 2012 18:27 Uhr

    1.) Mollath kommt letztlich frei
    2.) Es wird einen Prozess geben
    3.) Er wird eine Entschädigung bekommen
    4.) Es wird einen Prozess gegen die Ex-Frau von Mollath geben
    5.) Sie wird wegen Verjährung freigesprochen werden
    6.) Es wird ein Prozess gegen die in den Akten befindlichen Personen geben
    7.) Auch diese Personen werden wegen Verjährung freigesprochen werden.

    Hätte er doch geschwiegen...

  1. Beginnend in der Kohl-Zeit hat man mächtig geklotzt beim Aufbau Ost. Mechanismen der Ökonomie wurden außer Kraft gesetzt. Die DDR-Ruinen wurden durch kapitalistische Ruinen ersetzt. Dabei spielte die Vorläuferorganisation der HRE, die Bayerische Hypotheken- und Wechselbank eine wesentliche Rolle. Sie hatte erhebliche Altlasten, insbesondere aus der Vergabe von Immobiliendarlehen in den neuen Bundesländern, angehäuft und war somit praktisch mehr als pleite. Mit allerlei Tricks und politischem Segen wurde 2003 die Hypo Real Estate, die Immobilienfinanzierungstochter der HypoVereinsbank, vollgepackt mit den faulen Papieren aus dem Aufbau Ost, abgespalten und an die Börse gebracht. Die faulen Papiere wurden in der Finanzoase Irland versteckt. Das verwaltete Vermögen der betuchten und einflussreichen Großanleger konnte somit in die neue HVB hinübergerettet werden und innerhalb der Uni Credit Group eine sichere Heimat finden. Die Pleite der Hypo Real Estate wurde noch eine Zeitlang verschleiert, war aber seit ihrer Gründung unausweichlich. Die weltweite Finanzkrise wurde genutzt, um die Wahnsinns-Verluste aus dem Aufbau Ost dem deutschen Steuerzahler vor die Füße zu werfen.

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    • AndreD
    • 21. November 2012 18:29 Uhr

    intensivere Beschreibung?

    Ich wäre dankbar!

    • AndreD
    • 21. November 2012 18:29 Uhr

    intensivere Beschreibung?

    Ich wäre dankbar!

    Antwort auf "Hintergrund"
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    Das ist ja eben das Problem. Da müssen Sie schon selbst recherchieren. Es dürfte aber der größte Betrugs-Fall in der deutschen Bankengeschichte sein. Soviel bekannt ist, wurde er nie von der sogenannten 4. Gewalt richtig untersucht, geschweige ans Licht gebracht. Sie können vielleicht selbst Ihre Rückschlüsse ziehen.

    • St. Ivo
    • 21. November 2012 18:35 Uhr

    Hier scheinen viele keine rechte Vorstellung von Gewaltenteilung und richterlicher Unabhängigkeit zu haben, leider auch der Autor des Artikel nicht.

    Viele scheinen auch den Revisionsbericht der Bank von 2003 nicht lesen zu können oder zu wollen, leider wiederum auch der Autor des Artikel nicht. Die Bank ist von einer Handvoll Mitarbeiter hintergangen worden, hat das mithilfe der Anzeige Mollaths herausgefunden und die Urheber - darunter Mollaths Frau - entlassen. Die riesenhafte Schwarzgeldverschwörung, von der Mollath lange nach der fristlosen Entlassung seiner Ehefrau phantasiert hat, wird aber durch keinerlei Indiz belegt, erst recht nicht durch den Revisionsbericht der Bank von 2003.

    Vielen scheinen auch das massenhafte Reifenzerstechen für eine Art Lappalie zu halten und nicht für eine hochkriminelle Handlung an der Grenze zum versuchten Tötungsdelikt - auch dem Autor scheint das leider nicht klar zu sein.

    Ob Mollath jetzt noch verrückt und gefährlich ist, mag zu überprüfen sein - dass er es früher war, erscheint wenig zweifelhaft.

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    • AndreD
    • 21. November 2012 18:42 Uhr

    Psychiatrie das andere.

    Der versuchte Tötungsdelikt ist eine Behauptung der Ex-Frau gewesen, oder?

    Ihnen erscheint es nicht seltsam, dass trotz massiver Beweise über die illegalen Bankgeschäfte in den Händen des Mannes das alles mit "Paranoia" abgeschlagen wurde???

    1. Scheinen da eine paar richtig große Tiere, die wohl auch ein Haufen Kohle regelmäßig an den CSU-Verein spenden, in dem Fall verstrickt zu sein.

    2. Die "Reifenstecherei", sowie die angeblichen Gewalthandlugen gegenüber seiner Ex-Frau sind dem Herrn Mollath nie(!) nachgewiesen worden. Es gibt keine Zeugen für diese Beschuldigungen. Nur die Aussagen seiner Ex-Frau. Und wie glaubwürdig die ist ... na ja, da kann sich ja jeder selbst ein Bild machen.

    -> http://www.gustl-for-help...

    • uxxus
    • 21. November 2012 20:35 Uhr

    der Kommentar. Vllt sollten sie mal bei der Frau Maske gesch.Mollath anfragen. Allerdings habe ich das Gefühl, dass sie das schon getan haben. Ihr Mann der Herr Maske war übrigens zu der Zeit Direktor der Hypo. Ob der wohl auch Insiderwissen hatte?

    ist der Revisionsbericht der Bank das ultimative Entlastungsdokument für Herrn Mollath gewesen. Wissen sie was das heißt? Der Mann wurde von den Verantwortlichen der Bank absichtlich in der Psychatrie belassen. Ihm wurde jegliche Chance auf Wahrheitsfindung vor Gericht von vornherein abspenstig gemacht.
    Was reden sie also von Rechtssprechung?
    Wenn der Fall, wie oben beschrieben, stimmt, dann haben wir es hier mit einer Aneinanderreihung von Rechtsbrechern und Tätern zu tun, die ihre Stellung missbrauchten.

    Die Fall geistert schon seit Jahren durch die Lande. Auch letztes Jahr konnte man schon darüber lesen.
    Warum die Bank nun den Revisionsbericht überhaupt weitergeleitet hat, wird leider aus dem Artikel auch nicht deutlich.

    • irridae
    • 21. November 2012 23:28 Uhr

    Über die Verstrickungen der Bank können Sie hier Genaueres nachlesen:

    http://www.sueddeutsche.d...

    Das Gericht hatte es nicht für nötig befunden, den Dingen auf den Grund zu gehen. Das hat nichts mit Gewaltenteilung zu tun. Ein ungeheuerlicher Skandal, das kann man jetzt schon sagen. Das muss öffentlich untersucht werden und Konsequenzen haben.

    • fepma
    • 23. November 2012 10:03 Uhr

    Sie scheinen es für unmöglich zu halten, daß es Justizkriminalität gibt.
    Das ist der Trugschluß, dem Sie unterliegen.
    Es fehlt in Deutschland die unabhängige Kontrolle der Justiz.
    Selbstkontrolle reicht nicht.

  2. Das ist ja eben das Problem. Da müssen Sie schon selbst recherchieren. Es dürfte aber der größte Betrugs-Fall in der deutschen Bankengeschichte sein. Soviel bekannt ist, wurde er nie von der sogenannten 4. Gewalt richtig untersucht, geschweige ans Licht gebracht. Sie können vielleicht selbst Ihre Rückschlüsse ziehen.

    Antwort auf "Gibt es dafür eie "
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    • AndreD
    • 21. November 2012 18:46 Uhr

    habe ja selber Verwandte, die an diesen "Investitionen" zerbrochen sind.

    Aber wenn sie sowas hier posten, wären Hinweise doch sehr hilfreich!

  3. "Report Mainz" berichtete am 13.11. darüber, hier

    http://www.swr.de/report/...

    zu betrachten. Besonders zu empfehlen: das komplette Interview mit der sympathischen Noch-Ministerin Beate Merk. Auf deren Homepage gibt es zwar einen Link "TV-Interviews und Videos", aber dieses ist nicht dabei.

    Antwort auf "War der Fall ..."
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    • vistraw
    • 21. November 2012 20:05 Uhr

    wegen Demokratie Defizite. Vielen dank für den Report Mainz Berichtslink!
    Mich erstaunen immer wieder wie gut die Vertuschung bei den CxU Parteien funktioniert. Die Schwiergeldskandale dürfen die ehemaligen BRD Kanzler und Landesfürste folgenlos aussitzen.
    Und dann schafft die Bundeskanzlerin als eine der Wenigen(USA erlauben sich so etwas ab und zu vielleicht) die Demokratie Defizite in den anderen Ländern anzuprangern.

  4. dann muss er natürlich wahnsinnig sein. Beschuldigt dagegen eine Frau einen Mann, dann ist allenfalls noch zu klären, WARUM er das Verbrechen begangen hat: ist er so brutal, oder ist er wahnsinnig? Aber in diesem Fall ist das ja schon geklärt, siehe Überschrift.

    In unseren Gefängnissen sitzen zehn mal so viele Männer wie Frauen: bestimmt deshalb, weil Männer von Natur aus zehn mal so böse sind wie Frauen, obwohl doch Männer und Frauen ansonsten vollständig gleich sind - ein unverbesserlicher Weiberhasser, wer das anders sieht.

    Irgendwo ist bei all dem was faul. Aber wo?

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    Lesen sie sich doch mal in folgende Website ein: Antifeminismus.ch
    Da finden sie gute Antworten!

  5. Die Frage ist wohl nicht "seit wann", sondern "wo".

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  • Schlagworte Beate Merk | Gustl Mollath | CSU | Edmund Stoiber | Straftat | Psychiatrie
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