ItalienFlüchtlinge retten Riace vor dem Untergang

Halb Europa schottet sich vor Einwanderern ab. Aber ein Fischerdorf in Italien bietet Flüchtlingen ein Zuhause – und sichert damit sein Überleben. von Claas Relotius

Flüchtlinge willkommen: das italienische Dorf Riace

Flüchtlinge willkommen: das italienische Dorf Riace  |  © piervincenzocanale

Von den Bergwänden blöken die Schafe, vom Strand her rauscht das Meer und irgendwo dazwischen ist Mimmos Utopie wahr geworden –  von einem Ort, der für Gastfreundschaft steht statt für Grenzen. Mimmo heißt eigentlich Domenico Lucano, aber niemand nennt ihn so, obwohl er der Bürgermeister des Fischerdorfs Riace im kalabrischen Südzipfel Italiens ist. Drei Kirchen gibt es hier und knapp 1.500 Einwohner, in den Straßen ein paar Dutzend Hühner und hinkende Hunde. Ein Ort, so unscheinbar, dass sich kaum ein Tourist dorthin verirrt.

Lucano hat sein Heimatdorf zur Heimat der Flüchtlinge erklärt, während halb Europa versucht, sich mit immer höheren Zäunen und Mauern gegen illegale Zuwanderer abzuschotten . "In unserem Dorf", sagt Lucano, "empfangen wir Flüchtlinge mit offenen Armen." Mehr als 500 Migranten leben heute in Riace. Fast jeder dritte Bewohner ist in den letzten Jahren zugewandert. Keiner hatte eine Aufenthaltserlaubnis oder gültige Arbeitspapiere. Es sind junge Männer aus Tunesien , dem Senegal und Eritrea , Frauen und Kinder aus Syrien und Algerien , die aus ihren Heimatländern vor Krieg und Armut flüchteten.

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Adama Kone, 33, kam vor zwei Jahren aus Mali , wo er keine Arbeit mehr fand, um seine beiden Kinder zu ernähren. Heute bewohnt er in Riace ein eigenes Haus und betreibt in der zugehörigen Garage seine eigene kleine Autowerkstatt. In einem Textilgeschäft drei Gassen weiter arbeitet die 24-jährige Afghanin Fatma, 24. Sie ist vor den Taliban aus ihrer Heimat geflohen und ist nun Näherin und Teppichknüpferin in Riace. Rund 600 Euro bekommt sie dafür im Monat. Das Geld zahlt ihr die Gemeinde, die ihr auch eines der alten, leerstehenden Häuser kostenlos zur Verfügung stellt. Die Einheimischen haben Fatma geholfen, es zu renovieren und wieder bewohnbar zu machen. Zum Dank betreut sie mehrmals in der Woche deren Kinder oder pflegt die an Demenz erkrankten Angehörigen.

Die Flüchtlinge helfen, den Ort wiederaufzubauen

"Hilfe ist in Riace keine Einbahnstraße", sagt Bürgermeister Lucano. "Wir versuchen, den Flüchtlingen hier ein Zuhause zu bieten, und im Gegenzug helfen sie uns, dieses Zuhause am Leben zu halten." Flüchtlinge, die andernorts aufgrund fehlender Papiere abgeschoben werden, erhalten in Riace Arbeit, werden in den Dorfalltag integriert – und helfen dabei, einen Ort wiederaufzubauen, der vor gut 14 Jahren fast ausgestorben war.

Das Dorf liegt inmitten einer der strukturschwächsten Regionen des Landes. In Beton gegossene Tristesse, schlecht bezahlte Jobs und zu viel Spielraum für die Mafia. Seit Jahrzehnten hatte es die Menschen weggezogen. Von einst 3.000 Einwohnern waren gerade noch etwa 800 in Riace geblieben. Die letzten Pizzerien und Eisdielen im Ort hatten dicht gemacht. "Unsere geliebte Heimat", sagt Lucano, "war wie ein Patient, der im Sterben liegt und nur noch den Tod erwartet."

Da geschah das, was die Menschen in Riace noch heute als ein Wunder bezeichnen: In der Nacht des 1. Juli 1998 trieb ein Boot an die Küste, in dem 218 Kurden saßen. Sie wollten nach Griechenland fliehen, waren aber vom Kurs abgekommen. Unterkühlt, erschöpft und halb verhungert hatten die meisten von ihnen die Hoffnung bereits aufgegeben. Lucano sorgte dafür, dass die Flüchtlinge versorgt und von den Einheimischen aufgenommen wurden.

Leserkommentare
  1. Toller Artikel, hat mich sehr gerührt.
    Ich wünschte es gäbe mehr solcher Dörfer und mehr Menschen wie Lucano. In meinen Augen hat er den Nobelpreis eher verdient als Obama und die EU zusammen.

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    • Moika
    • 13. November 2012 13:05 Uhr

    Ich fürchte nur, solche Erfolgsgeschichten einer schnellen und praktisch vollen Integration kann es nur in relativ kleinen und überschaubaren Kommunen geben. Jeder kennt praktisch jeden, alle achten aufeinader - aber auch nur so kann es eigentlich funktionieren.

    In der Anonymität größerer Städte, in der fast jeder nur für sich selbst "zuständig" ist, wird das kaum zu realisieren sein. Eigentlich schade.

    offen für das Fremde sind. Meistens ist es dochj eher umgekehrt, nach dem Motto "Was der Bauer nicht kennt.....".
    Toll das es dort funktioniert, so soll es sein. Die Stadt der Weltbürger, Herkunft, Farbe, Religion völlig Wurscht...schließlich müssen wir alle irgendwo auf der Kugel leben. sehr schöner Bericht.
    Wenn man den Bericht gestern bedenkt, 19% der deutschen seien rechtsgesinnt........brrr

    • yurina
    • 13. November 2012 11:53 Uhr

    wie schön - und hoffentlich wirklich genau so!
    Es gibt also Beispiele, dass Offenheit und Mut zum Gegen-den-Strom-Schwimmen positive Entwicklungen in gang setzt. Möchten sie doch weithin leuchten und andere zur Nachahmung ermutigen!
    Und wie schön, wenn es hier mal niemanden gäbe, der da ein Haar in der Suppe findet!

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    ... gibt es auch genug Dörfer, denen durch Abwanderung das Ende droht. Aber dort füllen zumeist ganz andere Kräfte das entstehende Vakuum. Leider.

    • Moringa
    • 13. November 2012 12:05 Uhr

    Das klingt ja fast wie ein utopisches Märchen. Man mag es kaum glauben, so ein schönes Beispiel für mögliche Integration und das einvernehmliche Zusammenleben unterschiedlicher Nationen. Hoffentlich nehmen sich noch weitere Orte - überall auf der Welt - ein Beispiel daran!

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Italien | Dorf | Flüchtling | Hollywood | Ndrangheta | Taliban
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