Die Flüchtlinge haben Riace zu wirtschaftlichem Aufschwung verholfen
Als mit den Jahren immer mehr Flüchtlinge kamen, sah er, wie sie seine Heimat belebten. Lucano nahm für die Gemeinde ein Darlehen auf, um die heruntergekommenen Häuser wieder herrichten und den Zuwanderern Löhne zahlen zu können. Und er beantragte bei der kalabrischen Regierung eine Sondergenehmigung für die unbürokratische Aufnahme von Migranten.
Nach Angaben des italienischen Roten Kreuzes kostet die Unterbringung von Flüchtlingen in kalabrischen Auffanglagern etwa 55 Euro pro Person und Tag. Riace dagegen benötigt für jeden Migranten nur halb so viel Geld. "Weil die Neuankömmlinge schnell Anschluss finden", sagt Lucano.
Seine neueste Erfindung: der Riace-Euro. Weil Migranten in Italien manchmal bis zu sieben Monate lang auf ihr Geld von der Regierung warten müssen, können sie mit speziellen Münzen in lokalen Geschäften bezahlen, um das Nötigste einzukaufen. Sobald die Zahlungen der Regierung eintreffen, können Ladenbesitzer die Münzen in Bargeld umtauschen. Die Flüchtlinge haben Riace in den letzten Jahren auch zu wirtschaftlichem Aufschwung verholfen. Werkstätten, Bäckereien und Friseur-Salons haben wieder ihren Betrieb aufgenommen. Die traditionelle Töpfer- und Textilkunst wurde neu belebt. Sogar eine Schule gibt es mittlerweile wieder. Kinder, die mit ihren Eltern nach Riace gekommen sind, lernen hier als Erstes Italienisch.
"Die Jugendlichen brauchen am meisten Zeit, um hier anzukommen", sagt Lehrerin Emilia, 51. Viele seien in ihrer Heimat mit politischer Verfolgung und Bürgerkrieg aufgewachsen, kannten nur das Leben auf der Flucht. Dass sie hier einen Ort gefunden hätten, an dem sie dauerhaft bleiben könnten, sagt Emilia, würden die meisten nur sehr langsam begreifen.
Dorfbewohner fürchteten erst, aus ihrer Heimat vertrieben zu werden
Auch die Einheimischen brauchten Zeit, um sich an die vielen neuen Gesichter in ihrem Dorf zu gewöhnen. Es waren vor allem die älteren Dorfbewohner, die skeptisch waren. Einige fürchteten gar, die Barmherzigkeit ihres Bürgermeisters könnte dazu führen, dass sie am Ende selbst aus ihrer Heimat vertrieben würden. Doch je mehr das Dorf wieder aufblühte, sagt Emilia, "desto leiser wurden die Zweifel."
Heute schauen die alten Riacesi auf dem Marktplatz afrikanischen Buben beim Fußballspielen zu. Aus der Bäckerei, wo es nach frisch gebackener Ciabatta duftet, erklingt arabische Musik. Und in den Handwerksläden, wo Schmuck und Keramik hergestellt werden, arbeiten Einheimische und Ausländer Hand in Hand.
Nur der gefürchteten 'Ndrangheta ist so viel Harmonie ein Dorn im Auge. Die kalabrische Mafia, die die Armut Riaces jahrzehntelang für ihre Zwecke zu nutzen wusste, versucht den Wiederaufbau des Dorfes bis heute zu sabotieren. Als Lucano 2009 kurz vor seiner Wiederwahl stand, vergifteten die Mafiosi zuerst seinen Hund und durchsiebten dann mit einem Dutzend Kugeln die Wände der Trattoria Donna Rosa, in der Lucano sich gerade mit Freunden zum Abendessen traf. Doch ein paar Tage später ließ er Plakate anbringen, auf denen bis heute in großen Buchstaben steht: "Riace – Stadt der Gastfreundschaft."
Vor zwei Jahren wurde Lucano aufgrund seines Engagements für den World Mayor Award nominiert. In Riace würden sie ihren Bürgermeister auch für den Friedensnobelpreis vorschlagen. Er sagt: "Viel wichtiger ist, dass die Geschichte von Riace Menschen in aller Welt inspiriert." Die Nachbardörfer Stignano und Caulonia haben sich schon ein Beispiel genommen und nehmen nun ebenfalls Flüchtlinge auf. Und auch in Hollywood ist der Name Riace mittlerweile ein Begriff: 2010 kam der Regisseur Wim Wenders nach Kalabrien, um einen Dokumentarfilm über die Flüchtlingsproblematik zu drehen. Doch als er von dem Dorf der Flüchtlinge hörte, beschloss er, mit dem Streifen Il Volo die Geschichte Riaces zu erzählen.
"Die wahre Utopie", sagte Wenders noch im selben Jahr anlässlich einer Jubiläumsfeier zur deutschen Wiedervereinigung, "ist nicht der Fall der Berliner Mauer, sondern das Zusammenleben der Menschen in Riace." In diesem unscheinbaren Dorf zwischen kahlen Bergwänden und rauschendem Meer habe er eine bessere Welt gesehen.







Toller Artikel, hat mich sehr gerührt.
Ich wünschte es gäbe mehr solcher Dörfer und mehr Menschen wie Lucano. In meinen Augen hat er den Nobelpreis eher verdient als Obama und die EU zusammen.
Ich fürchte nur, solche Erfolgsgeschichten einer schnellen und praktisch vollen Integration kann es nur in relativ kleinen und überschaubaren Kommunen geben. Jeder kennt praktisch jeden, alle achten aufeinader - aber auch nur so kann es eigentlich funktionieren.
In der Anonymität größerer Städte, in der fast jeder nur für sich selbst "zuständig" ist, wird das kaum zu realisieren sein. Eigentlich schade.
offen für das Fremde sind. Meistens ist es dochj eher umgekehrt, nach dem Motto "Was der Bauer nicht kennt.....".
Toll das es dort funktioniert, so soll es sein. Die Stadt der Weltbürger, Herkunft, Farbe, Religion völlig Wurscht...schließlich müssen wir alle irgendwo auf der Kugel leben. sehr schöner Bericht.
Wenn man den Bericht gestern bedenkt, 19% der deutschen seien rechtsgesinnt........brrr
Ich fürchte nur, solche Erfolgsgeschichten einer schnellen und praktisch vollen Integration kann es nur in relativ kleinen und überschaubaren Kommunen geben. Jeder kennt praktisch jeden, alle achten aufeinader - aber auch nur so kann es eigentlich funktionieren.
In der Anonymität größerer Städte, in der fast jeder nur für sich selbst "zuständig" ist, wird das kaum zu realisieren sein. Eigentlich schade.
offen für das Fremde sind. Meistens ist es dochj eher umgekehrt, nach dem Motto "Was der Bauer nicht kennt.....".
Toll das es dort funktioniert, so soll es sein. Die Stadt der Weltbürger, Herkunft, Farbe, Religion völlig Wurscht...schließlich müssen wir alle irgendwo auf der Kugel leben. sehr schöner Bericht.
Wenn man den Bericht gestern bedenkt, 19% der deutschen seien rechtsgesinnt........brrr
Sehr schönes Beispiel was es heißt Menschen zu integrieren! Man muss sie auch wirklich willkommen heißen und ihnen Arbeit geben und mit ihnen zusammenleben!!!
Ja, den Friedensnobelpreis hat Lucano verdient, vor allem, weil er auch sein Leben für seine Arbeit riskiert!
& Filmreif.
http://fm4.orf.at/stories...
danke, endlich eine positivere geschichte. kann die zeit nicht eine positive reihe zu migration initiieren, nicht mit einzelschicksalen, sondern mit geschichten wie diesen? artikel mit effekthascherischen und haarsträubenden immigrations- und migrationsthesen mit einer halbwertzeit von zwei wochen mögen für die auflage spannend sein, aber jeder, der sich mit dem thema eingehender beschäftigt, findet es, soweit ich das beurteilen kann, allenfalls fad und beliebig; bitte sehen sie sich zur not in den amerikanischen medien um, wie diese migration thematisieren.
Über eine solche Reihe würde ich mich auch sehr freuen!
Über eine solche Reihe würde ich mich auch sehr freuen!
Aber man darf sicher nicht vergessen, dass diese Ortschaft aufgrund ihrer wirtschaftlichen und sozialen Situation für solche Massnahmen geeignet war. Nicht jede Region bzw. Gemeinde Europas bietet ein solches Vakuum, welches ohne Weiteres durch Zuwanderer ausgefüllt werden kann. Dort wo schon prekäre Verhältnisse mit hoher Arbeitslosigkeit etc. herrschen, klappt solch ein Projekt sicher nicht.
Seite 1.
"Das Dorf liegt inmitten einer der strukturschwächsten Regionen des Landes. In Beton gegossene Tristesse, schlecht bezahlte Jobs und zu viel Spielraum für die Mafia. Seit Jahrzehnten hatte es die Menschen weggezogen. Von einst 3.000 Einwohnern waren gerade noch etwa 800 in Riace geblieben."
Schlimmere Verhältnisse finden sie kaum noch irgendwo...
dürfte es bald nicht anders aussehen. Deutschland ist überaltert und die Pflegeheime schießen nur so aus dem Boden. Wenn man sich umschaut, sieht man auch hier Häuser und Wohnungen leerstehen (natürlich nicht in den Städten, aber fahren Sie mal über Land).
Da wäre sicherlich auch der ein oder andere Flüchtling willkommen - aber viele unserer Politiker erzählen uns ja was von 'Überfremdung' - und viele Deutsche unterstützen Sarrazins Thesen.
Seite 1.
"Das Dorf liegt inmitten einer der strukturschwächsten Regionen des Landes. In Beton gegossene Tristesse, schlecht bezahlte Jobs und zu viel Spielraum für die Mafia. Seit Jahrzehnten hatte es die Menschen weggezogen. Von einst 3.000 Einwohnern waren gerade noch etwa 800 in Riace geblieben."
Schlimmere Verhältnisse finden sie kaum noch irgendwo...
dürfte es bald nicht anders aussehen. Deutschland ist überaltert und die Pflegeheime schießen nur so aus dem Boden. Wenn man sich umschaut, sieht man auch hier Häuser und Wohnungen leerstehen (natürlich nicht in den Städten, aber fahren Sie mal über Land).
Da wäre sicherlich auch der ein oder andere Flüchtling willkommen - aber viele unserer Politiker erzählen uns ja was von 'Überfremdung' - und viele Deutsche unterstützen Sarrazins Thesen.
wie schön - und hoffentlich wirklich genau so!
Es gibt also Beispiele, dass Offenheit und Mut zum Gegen-den-Strom-Schwimmen positive Entwicklungen in gang setzt. Möchten sie doch weithin leuchten und andere zur Nachahmung ermutigen!
Und wie schön, wenn es hier mal niemanden gäbe, der da ein Haar in der Suppe findet!
... gibt es auch genug Dörfer, denen durch Abwanderung das Ende droht. Aber dort füllen zumeist ganz andere Kräfte das entstehende Vakuum. Leider.
... gibt es auch genug Dörfer, denen durch Abwanderung das Ende droht. Aber dort füllen zumeist ganz andere Kräfte das entstehende Vakuum. Leider.
Seite 1.
"Das Dorf liegt inmitten einer der strukturschwächsten Regionen des Landes. In Beton gegossene Tristesse, schlecht bezahlte Jobs und zu viel Spielraum für die Mafia. Seit Jahrzehnten hatte es die Menschen weggezogen. Von einst 3.000 Einwohnern waren gerade noch etwa 800 in Riace geblieben."
Schlimmere Verhältnisse finden sie kaum noch irgendwo...
Ich denke der Ausschlag gebende Faktor war hier das es einfach nichts mehr gab.
Dieses Dorf schien sich ja auch um sich selbst zu drehen.
Eine eigene kleine Welt. Es war übersichtlich und so konnte an besser Integrieren.
Würde man das in einem Ballungsgebiet versuchen würde das wahrscheinlich anders enden.
Ich freue mich auch das es hier so gut geklappt hat aber sollte deswegen nicht davon ausgehen das es immer so einfach geht.
Ich denke der Ausschlag gebende Faktor war hier das es einfach nichts mehr gab.
Dieses Dorf schien sich ja auch um sich selbst zu drehen.
Eine eigene kleine Welt. Es war übersichtlich und so konnte an besser Integrieren.
Würde man das in einem Ballungsgebiet versuchen würde das wahrscheinlich anders enden.
Ich freue mich auch das es hier so gut geklappt hat aber sollte deswegen nicht davon ausgehen das es immer so einfach geht.
Das klingt ja fast wie ein utopisches Märchen. Man mag es kaum glauben, so ein schönes Beispiel für mögliche Integration und das einvernehmliche Zusammenleben unterschiedlicher Nationen. Hoffentlich nehmen sich noch weitere Orte - überall auf der Welt - ein Beispiel daran!
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren