Mutigen Menschen habe man zu verdanken, dass es eine gesellschaftliche Debatte über sexuellen Missbrauch gibt. Das sagte Sigrid Klebba von der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft auf einem Hearing, zu dem der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Missbrauchs Rörig am Dienstag eingeladen hatte. Einer von diesen mutigen Menschen hat in dieser Woche gerade sein Pseudonym abgelegt: Andreas Huckele, Betroffener von Missbrauch an der Odenwaldschule , der für sein Buch "Wie laut soll ich denn noch schreien?"  den Geschwister-Scholl-Preis erhält.

Ernüchternd ist jedoch, was daraus geworden ist. Diese Debatte habe bislang nicht zu politischen Folgen geführt, sagte Johannes-Wilhelm Rörig in seiner Begrüßung. Ein Gesetzesentwurf von Juni 2011, der vorsieht, die Verjährungsfristen drastisch zu erhöhen, schlummere seit 18 Monaten im Rechtsausschuss vor sich hin. Ob der große Entschädigungsfond tatsächlich komme, sei unklar. "Aus Sicht der Betroffenen ist das unerträglich". Die politische Bilanz drei Jahre nach Start des Runden Tisches nannte er "bitter".

Ende 2011 hat der von der Bundesregierung eingesetzte Runde Tisch "Sexueller Missbrauch" einen Abschlussbericht mit zahlreichen Empfehlungen vorgelegt. Rörig soll dafür sorgen, dass die Empfehlungen umgesetzt werden. Thema des Hearings am Dienstag war speziell die Opferberatung. Über 200 Teilnehmer, Betroffene und Experten kamen.

Zu wenig Geld für die Opferberatung

Ein Fachbeirat, angesiedelt beim Unabhängigen Beauftragten, hatte dazu die erste Version eines Forderungskatalog vorgelegt, den die Teilnehmer in Workshops weiterentwickelten. Am Abend stellten sie erste Ergebnisse vor. Deutlich wurde: Das größte Problem ist und bleibt das Geld. Ursula Enders, Leiterin der Beratungsstelle Zartbitter e.V. in Köln und seit vielen Jahren in der Opferberatung engagiert, sagte: "Die meisten Opfer sind unterversorgt. Unser Verein hat heute weniger Fördermittel als 1995. Aber uns geht es noch gut." Andere Stellen kämpfen ums Überleben oder schließen, und das, obwohl das Thema virulent ist wie nie zuvor. Eine Idee, die auf dem Podium viel Anklang fand, war ein Personenschlüssel, der ähnlich wie in der Schwangerenkonfliktberatung regelt, wie viele Berater für eine bestimmte Anzahl Einwohner da sein müssten

Bis jetzt würden ganze Gruppen von Kindern und Jugendlichen benachteiligt. Kinder mit Behinderungen, die zum Beispiel in ihrer Ausdrucksfähigkeit oder körperlich eingeschränkt sind, müssten auch  adäquat beraten werden. Genauso Kinder aus Migrantenfamilien, für die es möglicherweise besonders schwierig ist, sich den Eltern anzuvertrauen. Nach wie vor gebe es auch zu wenig Angebote für Jungen. Außerdem würde sexuelle Misshandlung von Jugendlichen untereinander noch viel zu wenig beachtet.

Es herrschte auch Einigkeit auf dem Podium, dass sowohl in der Beratung, in Weiterbildungsangeboten und Supervisionen die Qualität besser überprüft und gesichert und neue Konzepte entwickelt werden müssten. "Für viele Situationen gibt es noch gar keine therapeutischen Konzepte", sagte Enders, "etwa wie man an Schulen sexuelle Übergriffe in der Gruppe aufarbeiten kann."