Transparenzgesetz Hamburgs gläserne Behörden auf Bewährung
Aktivisten drückten in Hamburg ein radikales Transparenzgesetz durch. Doch Technik und Behörden sind vorerst überfordert. Von Lisa Altmeier
© Daniel Bockwoldt/dpa

Das Hamburger Rathaus
"Die sind doch sowieso alle gekauft" und "die machen doch eh, was sie wollen", sagten die Menschen zu Michael Hirdes, als er auf den Hamburger Straßen in seiner dicken Jacke herumlief und Unterschriften für das Transparenzgesetz sammelte. "Dann müssen Sie halt hingucken, dann machen die nicht, was sie wollen", antwortete Hirdes, der zweiter Vorsitzender des Chaos Computer Clubs ist. Und die Menschen unterschrieben.
- Korruption
-
Bisher erschienen in der Korruptionsserie von ZEIT ONLINE:
Jetzt, ein Jahr später, können die Hamburger genau hingucken. Denn Hirdes und andere Aktivisten haben dafür gesorgt, dass das Transparenzgesetz innerhalb kürzester Zeit Realität geworden ist. Es gilt seit dem 6. Oktober 2012 und ist das radikalste, was ein deutsches Bundesland in Sachen Transparenz jemals beschlossen hat: Bis 2014 soll es ein Informationsregister im Internet geben, in dem quasi alle Dokumente von öffentlichem Interesse veröffentlicht werden.
Das gilt zum Beispiel für Verträge von Großprojekten, Gehaltslisten von Managern städtischer Unternehmen, Statistiken, Subventionsnachweise und Ausschreibungen. Michael Hirdes' bestes Argument dafür, sich auf der Unterschriftenliste einzutragen, war der Hinweis auf die Hamburger Elbphilharmonie. Denn die Kosten für das Bauprojekt sind mittlerweile auf 500 Millionen Euro gestiegen. Niemand will für Planungsfehler verantwortlich sein; die Stadt und der Baukonzern Hochtief sind zerstritten und die Eröffnung wird ständig verschoben, zuletzt auf das Jahr 2015.
Keine Ahnung von Jura, aber einfach mal ein Gesetz schreiben
So etwas lässt sich mit dem Transparenzgesetz in Zukunft verhindern. Korruption und Fehlplanungen werden erschwert, wenn die Bürger von Anfang an miteinbezogen werden. Davon sind zumindest die Menschen überzeugt, die sich dieses Gesetz ausgedacht haben. An einem Septemberabend trafen sie sich im anthroposophischen Rudolf-Steiner-Haus im Hamburger Mittelweg und überlegten, wie es mit ihnen weitergeht. Zusammengekommen waren Mitglieder des Bündnisses Transparenz schafft Vertrauen: Leute vom Chaos Computer Club, von Transparency International und der Bewegung Mehr Demokratie. Im Rudolf-Steiner-Haus saßen die Aktivisten nicht, weil sie Anthroposophen sind, sondern weil ihr überparteiliches Bündnis sich keinen anderen Tagungsort leisten konnte.
Angefangen hatte alles mit einer Internetseite, einem Wiki. Dort konnte jeder, der wollte, den Entwurf für das Transparenzgesetz mitgestalten. Motto: "Wir schreiben einfach mal ein Gesetz, auch wenn wir keine Ahnung von Jura haben." Sie wollten eine Rechtsgrundlage von Menschen für Menschen und nicht von Juristen für Juristen. Niemand weiß, wer alles mitgeschrieben hat.
Der Grundgedanke der Initiative ist. "Wir haben ein Recht zu erfahren, was mit unseren Steuergeldern passiert." Bis zur Einführung des neuen Gesetzes war das in Hamburg zwar wie in den meisten anderen deutschen Bundesländern grundsätzlich schon möglich. Informationsfreiheitsgesetz nennt sich die rechtliche Grundlage dafür. Aber wer wissen wollte, wofür Politik und Verwaltung Geld ausgeben, musste die Einsicht in die Dokumente in einem langwierigen Prozess beantragen. Viele Deutsche kennen dieses Recht nicht, geschweige denn, dass sie es in Anspruch nehmen. In manchen Bundesländern, zum Beispiel in Baden-Württemberg, gibt es ein solches Gesetz sogar überhaupt nicht.
- Datum 23.11.2012 - 14:23 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 13
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




gerne einmal nachlesen was sie ohnehin weder ändern noch verstehen können sicherlich nicht sinnvoll, besser wäre sie könnten sich nach der Wahl über Politiker freuen die keine "Pferdefüsse" in Gesetzestexten oder Verträgen akzeptieren.
Mir fällt auf das auch hier wieder ein aktiver Punkt zur Förderung der deutschen Streitkultur beschrieben wurde.
Genau das Gegenteil braucht die deutsche Gesellschaft.
Wie sagte schon der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl:
"Wenn ein Deutscher auf der Strasse stolpert ist das erste was er macht darüber nachdenken wen er dafür verklagen kann."
Ist das echt so? Ich dachte, dass es sowas nur in den USA gibt. Wenn ich stolper, ärger ich mich, dass ich nicht darauf geachtet habe, wo ich hingehe. Genauso, wenn ich gegen eine Laterne laufe.
das könnte von Helmut Kohl stammen
Aber zum Thema: Dann wollen wir doch mal sehen, wie sich das Gesetz (per Wiki! Ich halt das nicht aus!) im harten Alltagseinsatz so bewährt.
Vielleicht kommt ja auch mal etwas Wind in Ole von Beusts "Chefsache", die Elbphilmarmonie.
Ist das echt so? Ich dachte, dass es sowas nur in den USA gibt. Wenn ich stolper, ärger ich mich, dass ich nicht darauf geachtet habe, wo ich hingehe. Genauso, wenn ich gegen eine Laterne laufe.
das könnte von Helmut Kohl stammen
Aber zum Thema: Dann wollen wir doch mal sehen, wie sich das Gesetz (per Wiki! Ich halt das nicht aus!) im harten Alltagseinsatz so bewährt.
Vielleicht kommt ja auch mal etwas Wind in Ole von Beusts "Chefsache", die Elbphilmarmonie.
"was sie ohnehin weder ändern noch verstehen können"
Wie können Sie es wagen meine Intelligenz derart zu beleidigen? Ich als IT-Techniker habe manchmal das Gefühl das ich mehr Ahnung von dieser Thematik habe als so mancher Beamter oder Politiker.
Wahrscheinlich war ihr Post ohnehin nur auf Sie selbst bezogen, jedenfalls weiß ich, dank ihres Zitats, wessen Geistes Kind Sie sind...
konkret haben sie durch Ihre Fähigkeiten verändert daran?
konkret haben sie durch Ihre Fähigkeiten verändert daran?
wenn Politiker wissen, dass alles, was sie tun, dann auch veröffentlicht wird. Somit verhalten diese sich dann hoffentlich besser.
Nur durch die Überwindung der Geheimniskrämerei steigt das öffentliche Wissen.
konkret haben sie durch Ihre Fähigkeiten verändert daran?
Ist das echt so? Ich dachte, dass es sowas nur in den USA gibt. Wenn ich stolper, ärger ich mich, dass ich nicht darauf geachtet habe, wo ich hingehe. Genauso, wenn ich gegen eine Laterne laufe.
Mich wundert das Transparenzforderungen kontroversiell sein können. Ich lebe seit mehreren Jahren in Schweden und arbeite seit gut 5 Jahren in einer Staatlichen Behörde.
ALLES was wir schreiben oder entgegennehmen ist grundsätzlich öffentlich und wird auf Anfrage innerhalb von drei Tagen ausgehändigt!
(nach einer Vertraulichkeitsprüfung nach streng begrenzten Kriterien, die angegeben werden müssen und wogegen Beschwerde eingelegt werden kann).
Und es funktioniert!
(meistens, Ausnahmen bestätigen die Regel, z.B.http://www.defensenews.com/article/20120401/DEFREG01/304010001/Swedish-Government-Industry-Ties-Under-Fire).
In den meisten Fällen gehört das "informierte Volk" einfach zur Qualitätssicherung.
Ungeachtet der schlußendlich resultierenden Information für den interessierten Bürger, mangelt es vielerorts bei Behörden nicht nur an der Technik, sondern vor allem an ihrer zeitgemäßer Nutzung. Geschäftsgänge entsprechen oft noch der vordigitalen Zeit, nach der Unmengen Papier in x-facher Ausfertigung durch die Gegend bewegt werden mußten. Die interne Unterschriftenleiste hat oft noch die Länge eines Lineals. Was zur internen Abstimmung vielleicht noch einen Sinn hätte endet aber nicht dort, da der Vorgang dann nicht digital zum Endverbraucher gebracht, sondern in diversen Ausfertigungen zur nächsten Stelle gegeben wird, die bei einer Änderung...
Wo sich diese verkrusteten Strukturen aufweichen, liegt es meistens an der Initiative netzaffiner Mitarbeiter, die nicht mehr Berge von Mails ausdrucken.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren