Rassismus : "Ihr seid hier nicht in Afrika"
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Verlobte fand Wevelsiep bewusstlos im Schlafzimmer

Die Polizei wurde gerufen, laut Wevelsiep auf Vorschlag seiner Verlobten. Die drei Polizisten und eine Polizistin wollten die Ausweise sehen. Wevelsiep hatte seinen nicht dabei, nannte Namen und Geburtsdatum, die Beamten überprüften am Telefon seine Identität, wie er sagt. Trotzdem leerten sie seine Taschen, Visitenkarten von Geschäftspartnern landeten auf dem Bürgersteig. Als er sich beklagt habe, sei er als "dummer Schwätzer" abgekanzelt worden.

Die Beamten wollten ihm Handschellen anlegen. Wevelsiep protestierte: Er müsse doch nur rasch zu Hause den Ausweis holen. "Ich zähle bis zwei", habe der Polizist gesagt. Eins, zwei – Faustschlag ins Gesicht. Dann hätten ihn die Beamten gefesselt, wieder geschlagen, getreten. Seine Verlobte fand ihn später im Schlafzimmer seiner Wohnung, bewusstlos.

Die Frankfurter Verkehrsgesellschaft (VGF) sagt, nach Darstellung der Kontrolleure habe die Verlobte Wevelsieps keinen gültigen Fahrschein gehabt und eine Kontrolleurin als "Nazi" beschimpft. Diese hat Anzeige erstattet. Was die Polizisten aussagen, erfährt die Öffentlichkeit vorerst nicht.

Opposition fordert unabhängige Aufklärung

Die Reaktionen in sozialen Netzwerken sind heftig. Sie zeigen: Das Ansehen der Polizei ist schwer beschädigt. Fast alle Kommentatoren gehen fest davon aus, dass Wevelsieps Vorwürfe stimmen. Viele geben an, selbst Erlebnisse mit rabiaten und/oder rassistischen Beamten gehabt zu haben. Am Donnerstag demonstrierten nach einem Aufruf auf Facebook mehr als 2.000 Menschen gegen Polizeigewalt und Rassismus.

Die Opposition im Landtag verlangt rückhaltlose Aufklärung. Auf keinen Fall dürfe ein falsch verstandener "Korpsgeist" dazu führen, dass Polizisten geschont würden. Grüne und SPD fordern eine unabhängige Stelle, die Vorwürfe gegen Polizisten untersucht. Das Innenministerium hält das nicht für nötig. Außerdem bearbeite beispielsweise die britische Independent Police Complaints Commission (IPCC) mit 600 Beschäftigten 7.000 Beschwerden pro Jahr, so etwas könne ein Bundesland gar nicht stemmen. Vielleicht reicht es nicht, wenn nur die Hessen über den Fall Wevelsiep nachdenken.

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Kommentare

115 Kommentare Seite 1 von 13 Kommentieren

Das liegt (denke ich) daran...

...dass Sie die Polizei nur aus der Zeitung kennen. 250 000 Beamte sind in Deutschland (täglich) im Einsatz. Sie regeln den Verkehr, fahren Streife. Sie werden täglich zu dutzend Streits gerufen. Und wenn ich einen Polizeibeamten auf der Straße anspreche, dann ist er (zumindest in meinem Fall) zu 100% freundlich und korrekt zu mir - mag da auch andere Einzelfälle geben, wie bei jedem Menschen oder jeder Menschengruppe. Aber, das alles sehen Sie nicht. Die Polizei als das was sie eigentlich ist, sehen Sie nicht. Sie sehen die Polizei nur im Zeitungsartikeln. Und, ach welch Wunder, die Zeitung berichtet natürlich nur dann über die Polizei, wenn diese wieder etwas schlechtes oder unpopuläres tut. Daher Ihre Sichtweise - denke ich mal.
Und bitte - keine Einzelbeispiele. Davon gibt es, egal welchen Standpunkt man vertreten will, genügende.

Und die Krone....

Ihre Ansammlung verharmlosender Allgemeinplätze - bitte jetzt kein Kollektivverdacht gegen Polizei, und außerdem is ja noch nix bewiesen, warten wir mal die Ermittlungen ab (Polizei gg Polizei, haha, der war gut) - ja, so minimalkonsensfähig, dass es schon wieder irrelevant farblos ist.

Aber wie Sie dann das Opfer noch zum Täter drehen wollen, das setzt dem ganzen doch dir Krone auf: Seine Frau/Verlobte wird völlig unrechtmäßig als Schwarzfahrerin drangsaliert (trug gültige Fahrkarte bei sich); er wird rassistisch beleidigt, und soll das kommentarlos hinnehmen, seine Replik habe laut Ihnen "keine Rechtfertigung". Es besteht zudem in D KEINE Mitführpflicht des Ausweises!

Ungeschickt ist da höchstens, wie Sie hier mit Ihrem gefährlichen Halbwissen hausieren gehen und dabei insinuieren, das Opfer hätte die Tracht Prügel von der Polizei etwas "geschickter" sicher vermeiden können und trage demnach eine Mitschuld - jaja, wenn es denn überhaupt bewiesen wird, dass die Polizei überhaupt so etwas böses machen kann, schon klar.

Dass allerdings so ein Kommentar, voll von verharmlosenden Allgemeinplätzen einerseits und zynischer Verdrehung von Opfer und Täter andererseits von einem Zeit-Redaktionsmitglied auch noch mit einer Empfehlung geadelt wird, macht mich völlig sprachlos vor Entsetzen. Das ist intellektuell wie moralisch eine Bankrotterklärung des betreffenden Redakteurs.

Und wenn ich Ihnen jetzt erzähle, was ich...

...in fünf Jahren in Neukölln alles erlebt habe? Was soll das? Da müsste ich jetzt der größte Nazi sein - aber mir ist klar, dass ich jetzt fünf mal 365 Tage unter 70 000 Ausländern lebe und vielleicht 20 Einzelfälle vorzuweisen habe - ja, die habe auch ich persönlich erlebt. Wieso ist das bei Ihnen in Ordnung und bei mir würde man wohl sofort den Kommentar löschen. Sie müssen verstehen, jeder Polizist ist ein Mensch, ein Individuum, meist ein Vater, der zu Hause seine kleine Familie hat und Sie misstrauen diesen Menschen generell. Und dann echauffieren Sie sich über "beispielhafte Vorverurteilung".
Ich will Ihnen einfach nochmal die Zahl ins Gedächtnis rufen. Es gibt 250 000 Polizisten in Deutschland. Zum Thema "ist der Ruf erst runiniert..." Ja, ich glaube Polizisten aber nicht selten ihre Freude an pubertierenden Jugendlichen. Da ist sogar mir mal was widerfahren: Ich wurde zu Unrecht aus der Disco rausgeworfen und zwar wirklich geworfen und landete direkt vor dem Polizeiwagen. Ich wollte mich beschweren, die Beamten haben sich nur lustig über mich gemacht - naja, ganz nüchtern war ich auch nicht. Mein Gott, ich kanns verstehen, auch wenn es nicht korrekt ist. Aber, genauso wie oben beschrieben, werde ich mich hier nicht hinstellen und die Frage in den Raum schieben: "Warum wohl glaube ich der Polizei generell nicht"...
Wenn Sie nur schlechte Erfahrungen mit der Polizei machen und keine guten... dann liegt es vielleicht auch an Ihnen.

Fakten sind immer Einzelbeispiele,

egal ob es sich um Diebstahl, Erpressung, Mord oder Terrorismus handelt. Auch Gewalttätigkeit von Staatsdienern gegen friedliche Staatsbürger tritt natürlich nur in Einzelfällen auf.

In jedem Fall ist aber die Frage, wie Staat und Justiz mit solchen kriminellen Gewalttätern umgeht - gibt es rückhaltlose Aufklärung und eine angemessene Strafe, oder wird gelogen, vertuscht, und mittels Gegenanzeigen genötigt?

Das Beispiel des Prozesses um den Tod Oury Djallos läßt allerdings nichts Gutes erwarten - Corpsgeist, Dichtmachen, und keine Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

Aber natürlich sind das "Einzelfälle" - genau wie wenn jamnd in einem U-Bahnhof von Schlägern zusammengetreten wird.

.....

"Ja, dann ist die Polizei immer schuldig...
Das Spiel ist immer einfacher."

Wenn 4 Polizisten eine einzelne Person krankenhausreif schlagen, kann man hier garnicht mehr anders sagen.

Sorry, aber mit 4 Personen kann man schon erwarten, dass man eine Person ohne solche Gewalteinwirkung fixieren kann.

Im Übrigem kommt aus der Untersuchung nichts raus - kennen wir doch. Man deckt sich hier gegenseitig (4 Personen). Aussage gegen Aussage bestenfalls. Schlechtenfalls hat noch das Opfer eine Anzeige wegen Angriff auf Polizeibeamte und Widerstand gegen die Staatsgewalt am Hals.

Und wem wird hier wohl eher geglaubt?

Da bin ich absolut bei Ihnen...

...in anderen Ländern gibt es unabhängige Ermittlungen bei polizeiinternen Fällen. Mit der Aufklärung solcher Fälle (wie in der BRD) bin ich nicht einverstanden. Ich kann es verstehen, dass ein Beamter seinen Arbeitskollegen, wo er oft Frau und Kinder persönlich kennt, nicht ans Messer liefern will - denn das bedeutet Jobverlust und den fin. Ruin für die Familie. Das ist irgendwo menschlich, wenn auch falsch. Aus diesem Grund sollte es hier, wie in anderen Ländern, auch unabhängige Ermittlungsstellen geben.

Und jetzt die komplett andere Frage, bzgl. Einzelfall oder nicht. Der Schläger in der U Bahn und Polizeigewalt - ja, Einzelfälle. Also, bei 250 000 Beamten, die 365 Tage im Jahr arbeiten oder 2.75 Mio. Fahrgästen PRO TAG (alleine in der BVG Berlin) ist das so.

Naja.

Das kommt darauf an. Jedem Polizisten kategorisch eine erhöhte Gewaltbereitschaft zuzuschreiben ist sicherlich pauschal und verleumderisch. Allerdings besitzen die Landespolizeien und die Bundespolizei als Inhaber des Gewaltmonopols eine besondere Verantwortung und stehen unter besonderer Beobachtung. Das ist alles andere als Falsch und wenn ein solcher Fall ans Tageslicht kommt, ist es auch kein schlimmer Fehler, scharfe Ablehnung zu äußern und so etwas wie Systemversagen vage an die Wand zu malen.

Denn es wäre schrecklich, wenn Polizisten die Sonderrolle, die sie innerhalb der Gesellschaft einnehmen, nur allzu leicht für den persönlichen Lustgewinn aus niederen Beweggrüunden missbrauchen könnten. Eine gewisse Grundskepsis gegenüber der Exekutive, wie sie der erste Kommentator äußert, halte ich eigentlich für durchaus angebracht.

Persönlich nie Probleme gehabt,

finde ich mich in der selben Situation wie Sie wieder. Intuitiv glaube ich dem Päarchen und mißtraue den Beamten.

Keine Frage, es gibt viele gute Polizisten und ich habe scheinbar bisher nnur mit denen auskommen müssen. Aber die schlechten schaffens eben in die Schlagzeilen und hinterlassen.

Hat die Kontrolleurin wirklich "Bin ich Nazi?" gefragt oder fehlt da ein Artikel im Text? Das bildungsferne Schichten eher zum Rassismus neigen ist nichts Neues! Macht das Ganze noch glaubwürdiger.

Außerdem ist doch sicher vom Anruf bei der Polizei ein Mitschnitt gemacht worden, so dass der Anrufer zweifelsfrei identifiziert werden kann. "Die Polizei wurde gerufen, laut Wevelsiep auf Vorschlag seiner Verlobten." Hier eine sichere Info würde doch bereits etwas Licht ins Dunkel bringen.

@Bekassine - danke für Ihre Links; meist strukturelle Korruption

Polizeigewalt ist nur die Spitze des Eisbergs, hier wird ein Beharren auf staatsbürgerlichen Rechten als Widerstand fehlinterpretiert; Machtmissbrauch aus fachlicher Überforderung. Den Sicherheitsbehörden fehlt eine innere Führung, die Beamte sowohl weiterbildet aber auch Amtsmissbrauch hart sanktioniert.

Sich gegen Amtsmissbrauch erfolgreich zu wehren, ist bei uns ähnlich schwer wie in einer Diktatur. Es existiert keine unabhängige Kontrollbehörde, und auch Staatsanwaltschaften sind weisungsgebunden. So wird im Zweifel das Ansehen unseres Staates und die Beamtenpension zu Lasten unbescholtener Opfer geschützt - aus Staatsräson! Hinzu kommt weit verbreitete Polizeikorruption, die Kehrseite des Konzepts "Bürgernähe". Darum wissen Bekannte und Verwandte oft im Vorfeld von Verkehrskontrollen aber auch Schwerstkriminelle von Razzien, weil ihr Kumpel bei der Polizei sie selbst für "korrekt" hält.

Jede einseitige Ermittlung nach polizeilichem Fehlverhalten ist letztlich eine Form von Korruption, denn der Begünstigte wird sich dafür revanchieren, eine Hand wäscht die andere, eine berufliche Investition! Es ist ein geldwerter Vorteil, wenn man den Kollegen zur Gegenleistung "moralisch" verpflichten kann, denn niemand ist im Job perfekt - und nachgewiesene Fehler können Karriere und Bezüge schmälern. Daher sind Polizisten leider die denkbar schlechtesten Zeugen, wenn ein Kollege unter Verdacht steht.

Ein "fauler Apfel" reicht, der Kollegen aus Korpsgeist zu loyalen Mittätern macht!

Frankfurt

Ich kenne einige mittlerweile über 30 jährige Polizisten. Laut eigener Aussage war es damals und ist es wohl auch heute noch normal, in Frankfurt gezielt Schwarze aufs Revier einzuladen und kräftig auseinanderzunehmen. Einfach so, aus Lust, Freude, Machtgeilheit.

Das war 100% kein einmaliges "Fehlverhalten". Die Mehrheit der Polizisten hat von Rechtsstaatlichkeit null Ahnung und interessiert sich nicht mal dafür.

Falsche Fragen

Was die unabhängige Beschwerdestelle betrifft so geht es nicht darum was in diesem Einzelfall wirklich passierte, und auch nicht ob solch eine Stelle viel Arbeit zu bewältigen hat. Sondern um die simple Tatsache dass es natürlich Rassismus gibt, wohl auch immer geben wird und dies seitens des Staates äußerst ernst genommen werden muss.
Dass die CDU/FDP-Regierung das blockiert ist - na es fehlen einem da zitierfähige Ausdrücke...
Vielleicht versteht sie zumindest diese Argumentation:
Frankfurt ist internationale Metropole, Messestadt, sollte im eigenen Interesse alles tun um so etwas zu verhindern, wozu eben auch Aufklärung durch Unabhängige gehört.

Ist noch viel schlimmer

>...und es ist erwiesen, dass Deutschland schon lange kein Rechtsstaat mehr ist. Rechtsextremismus grassiert in der öffentlichen Verwaltung, an Universitäten, bei der Jobsuche... absolut überall.<

Also, dass Deutschland schon seit langem kein Rechtsstaat mehr ist, ehrlich, das ist mir jetzt aber total neu! Aber man lernt ja immer gerne hinzu ;-)
Dass der Rechtsextremismus gerade und besonders in der Öffentlichen Verwaltung grassiert, kann ich Ihnen jedoch nur bestätigen. Da verlangt das Standesamt bei Vermählungen und Geburten doch tatsächlich ein Familienstammbuch, also nichts weiter als einen Ariernachweis. Ich war erschüttert!

[...]

Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Polemik. Danke, die Redaktion/ls