ReichspogromnachtUnbekannte reißen in Greifswald sämtliche Stolpersteine aus

Zehn Stolpersteine erinnern in der Hansestadt an jüdische Mitbürger. In der Nacht brachen vermutlich Rechtsextremisten sie aus dem Pflaster. Der Staatsschutz ermittelt. von dapd und

In der Nacht zum Gedenktag an die Reichspogromnacht haben Unbekannte in Greifswald sämtliche Stolpersteine aus dem Boden gehebelt. Die zehn quadratischen Gedenktafeln aus Messing, die im Stadtgebiet in den Gehweg eingelassen sind, erinnern an jüdische Mitbürger, die in der Zeit des Nationalsozialismus ermordet wurden.

Bürger hatten die Stadtverwaltung am heutigen Freitagmorgen auf die Schändung aufmerksam gemacht. Die informierte daraufhin die Polizei. Der Staatsschutz habe inzwischen die Ermittlungen aufgenommen, sagte ein Polizeisprecher. Wegen des geschichtsträchtigen Datums werde ein politischer Hintergrund nicht ausgeschlossen.

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In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 hatten Nationalsozialisten Synagogen in ganz Deutschland in Brand gesteckt. Dieser Tage gedenken viele Menschen des Geschehens vor 74 Jahren.

Meist private Initiativen

Der Oberbürgermeister der Hansestadt, Arthur König, sagte zu, alles dafür zu tun, um die Täter zu ergreifen. "Menschen, die bis heute nicht wahrhaben wollen, dass die Jüdischen Mitbürger der Zeit des Nationalsozialismus vernichtet wurden, werden nicht die Oberhand gewinnen", schrieb er in einer Mitteilung.

Für die Verlegung der Gedenksteine gründen sich in den jeweiligen Gemeinden meist private Initiativen. Der Kölner Künstler Gunter Demnig fertigt die Messingquader, und graviert die Namen, Lebensdaten und den Todesort in die Oberseite. Dann verlegt er sie – meist im Rahmen einer Feierstunde – in das Straßenpflaster. In Greifswald ergriff die Evangelische Studentengemeinde die Initiative . Seit Juni 2008 erinnern hier Stolpersteine an elf jüdische Mitbürger.

Die Initiative trägt die Kosten des Projekts. Bürgermeister König sagte, gemeinsam mit den Initiatoren des Projektes werde die Stadtverwaltung "eine pragmatische Lösung finden", um die Stolpersteine zu ersetzen.

Demnig spricht von gezielter Aktion

Die Schändung von Greifswald ist nicht die erste ihrer Art: Erst im September hatten vermutlich Neonazis in der nahen Küstenstadt Wismar sämtliche Stolpersteine mit Stahlplatten überklebt , in die Namen von Wehrmachtssoldaten eingraviert waren. In Wismar beobachten Kenner eine vitale rechtsextremistische Szene. Die Universitätsstadt Greifswald ist bisher nicht derart aufgefallen. Auch an anderen Orten schänden immer wieder Unbekannte Stolpersteine.

Demnig sagte ZEIT ONLINE, im Laufe der Jahre seien bisher etwa 100 Stolpersteine von Unbekannten herausgerissen worden. Genau am Gedenktag der Reichspogromnacht sei dies noch nicht geschehen. "Das ist eine absolute Premiere", sagte Demnig und sprach von einer gezielten Aktion. Seinen Angaben nach hat er bisher etwa 38.000 Stolpersteine in zwölf Staaten Europas verlegt. In Deutschland haben sich bisher 802 Kommunen beteiligt.

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Leserkommentare
  1. wirklich eine echte Vorstellung von dem damals durch das Regime ausgelöste und durchgeführte scheusliche Unrecht haben?

    Hätten sie es und machen es trotzdem können die nur Patienten für geschlossene Anstalten zwecks Therapie sein.

  2. eine Schande für unser Land. Man darf auf die Ermittlungsergebnisse gespannt sein.

  3. wirklich rechtsextreme? Ich denke die Steine sehen ja auch ein wenig nach wert aus (goldig glänzend). Könnte ja auch an sich Leute mit GEld im Kopf gewesen sein.

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    • docere
    • 09. November 2012 13:58 Uhr

    ist es einfach zu behaupten diese oder jene waren das.
    Aber die Wahl des Datums und dann diese Mühe...
    Leute die Geld im Kopf haben stehlen auf dem Friedhof alles was mit Metall zu tun hat, ohne Gewissen.
    Subjekte die Stolpersteine aus dem Pflaster reißen besitzen nicht einmal Hirn.

    Am 9. November muss man wohl davon ausgehen. Eine erbärmliche Aktion.

    • kakoe
    • 10. November 2012 3:08 Uhr

    ... und zu glauben, dass ausgerechnet die Entfernung von Stolpersteinen ausgerechnet zu diesem Datum einen "harmlosen" Hintergrund haben könnte, zeugt von einer beneidenswerten Gutgläubigkeit. Anzudeuten, es könnten ja auch jüdische Nachkommen der Opfer gewesen sein (wie es ein anderer Mitkommentator tut), ist eine grenzwertige These in meinen Augen. Dass es in Wolgast einen Naziaufmarsch am 9. November gab, ist sicher auch reiner Zufall.

    Mensch Leute, wacht endlich auf: Wir haben ein Neonazi-Problem! Es gab den NSU, aber es gab und gibt auch unabhängig von dieser hässlichen Spitze des Eisbergs jede Menge tiefbraunes Gedanken- und Aktionistentum. Es gibt "national befreite Zonen"!!!

    Es werden wieder und weiter Asylantenheime bedroht. Und viele, viele Menschen, die berechtigte Angst haben müssen, weil sie genau all das ablehnen. Oder auch einfach, weil sie jüdisch, arabisch, schwul, links, ausländisch aussehend, schwarz, nicht weiß oder sonst irgend etwas sind oder zu sein scheinen, das in dieses erbärmlich simple Bild dieser Morgenluft witternden Möchtegern-Herrenmenschen nicht passt. Einfach zum Kotzen.

    Die man über Stolpersteine klebt bin ich mir aber sehr sicher.

  4. Ob das nun Rechtsextreme waren oder nicht, dass es immer wieder Leute schaffen, solcherlei symbolträchtige Taten zu vollüben ist schlimm.

    • rommmel
    • 09. November 2012 13:55 Uhr

    ........"Hätten sie es und machen es trotzdem können die nur Patienten für geschlossene Anstalten zwecks Therapie sein."

    das ist pure verharmlosung !

    die täter wissen genau ,was sie an diesem tag machen und es ist geplant!
    sie wissen !

    und für mich grenzt das schon an verbrechen!

    diese täter sollten ebenfalls verfolgt werden und nicht bloß wegen diebstahl!
    hart soll die strafe sein !
    aber man muß sie auch wirklich aufklären, was judenhass heißt und wohin er führt!

    und wenn filme über die deutsche wehrmacht( wie rommel )
    im fernsehen gezeigt werden , muß deutlich sein ,daß die wehrmacht den boden für die verbrechen an den juden bereitet hat !

    • docere
    • 09. November 2012 13:58 Uhr

    ist es einfach zu behaupten diese oder jene waren das.
    Aber die Wahl des Datums und dann diese Mühe...
    Leute die Geld im Kopf haben stehlen auf dem Friedhof alles was mit Metall zu tun hat, ohne Gewissen.
    Subjekte die Stolpersteine aus dem Pflaster reißen besitzen nicht einmal Hirn.

    Antwort auf "Waren das "
  5. 7. Zitat:

    .
    "... Wegen des geschichtsträchtigen Datums werde ein politischer Hintergrund nicht ausgeschlossen ..."

    Bitte auf der Zunge zergehen lassen:

    "... werde ein politischer Hintergrund nicht ausgeschlossen ..."

    Zschäpe, Mundlos und Konsorten bleiben, zumindest was den Erlebnishorizont gewisser Ermittler bezüglich Rechtsterrorismus angeht, überaschenderweis' offensichtlich völlig folgenlos.

    Man reibt sich verwundert die ungläubigen Augen und fragt sich in welcher Welt diese Leute zuhause sind ...

    "... werde ein politischer Hintergrund NICHT AUSGESCHLOSSEN ..."

    ... oder muss man das schon als ERFOLG anerkennen, dass die Dumbos den politischen Hintergrund wenigstens NICHT MEHR AUSSCHLIESSEN?

    Liebermann, ich würg mit Dir!

  6. ... braucht man sich über solche Aktionen nicht wundern! Die Rechtsextremen fühlen sich hierzulande wie auch durch die Supermacht Amerika völlig bestätigt in ihrem Handeln. In Facebook gibt es unendlich viele "Schwarze Humor Seiten", in denen Witze über die Ermordung von Juden als "so lustig" empfunden werden und das Publikum sind vor allem Schüler! Wird dann z. B. die Abbildung Hitlers mit der Unterschrift "Schon wieder so eine hohe Gasrechnung!" als Rassenhass gemeldet, passiert rein garnichts! Das gleiche bei einem Bild von jüdischen Gefangenen hinter einem Zaun eines KZ, untertitelt mit "Nur 40 können sich daran erinnern".

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wenn die interessenten heute Schüler sind, haben sie ja wohl sicher auch keine Schuld auf sich geladen - die sind darüber hinweg, diese Dinge sind für sie Geschichte, nichts weiter. Es ist in Dtld. eben omnipräsent und dadurch für sowas beliebt - ich denke aber sowas ist für die heutige Generation das gleiche wie Napoleon im Gechichtsbuch einen Lockenkopf und Brille aufzumalen...
    Das hat mit Leuten die an so einem Datum die Stolpersteine ausreissen nichts zu tun. Auch wenn ich als Mitglied einer jüngeren Generation die Dinger ebenfalls nicht sonderlich mag, da es keinen Nutzen hat und der einzige Effekt schlechte Stimmung ist - ausreissen finde ich aber, auch als jemand der über schwarzen Humor lachen kann äusserst unangebracht - und so wird es vermutlich so ziemlich allen gehen, die derartige Seiten besuchen...

    Immer wieder indoktrinieren die Rechtsextremen Facebook, Schüler-VZ und andere Social-Networks oder gehen mit ihren "Schüler-CDs" an die Schulen, um aus der Jugend, für die das Deiner Meinung nach "Geschichte" ist, erneut wieder für den Nationalszialismus zu begeistern. Und sie haben mehr Erfolg damit als man je vermuten würde!

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dapd, tst
  • Schlagworte Brand | Ermittlung | Oberbürgermeister | Reichspogromnacht | Synagoge | Greifswald
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