IntegrationszwangGericht statuiert Exempel an einer älteren türkischen Frau

Ein Gericht zwingt eine türkische, analphabetische Frau zum Deutschkurs. Was bringt das dem Staat? Warum kann man sie nicht einfach in Ruhe lassen?, fragt D. Baspinar. von Deniz Baspinar

Wenn deutsche Gerichte grundsätzlich werden, kommen bisweilen befremdliche Urteile heraus. Das Verwaltungsgericht Karlsruhe hat nun eine 61-jährige türkische Großmutter zu einem Integrationskurs verpflichtet. Das Gericht wies damit die Klage der Frau gegen eine entsprechende Anordnung durch die Ausländerbehörde ab.

Was war passiert? Die Mitarbeiter der Ausländerbehörde hatten bei einem Termin mit der alten Dame bemerkt, dass sie kein Wort Deutsch sprach, obwohl sie seit 30 Jahren in Deutschland lebt. Sie war einfach mit der Erziehung ihrer sechs Kinder beschäftigt, die alle eine Ausbildung haben und berufstätig sind, wie die Klägerin dem Gericht vortrug. Aktuell betreue sie die Enkelkinder, ihr Ehemann kümmere sich um den kleinen, eigenen Laden. Eine stolze Lebensleistung, könnte man meinen.

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Doch der Ausländerbehörde reichte das offenbar nicht. Sie wollte wohl noch etwas für die Selbstverwirklichung der Großmutter tun und ordnete ihre Teilnahme am Integrationskurs an – was um so bemerkenswerter ist, weil sie gar nicht lesen und schreiben kann. Die Klägerin ist Analphabetin, hat noch nie eine Schule besucht.

Jetzt könnte man einwenden, es sei doch gut und nützlich für die Frau, auf ihre alten Tage noch Deutsch zu lernen. In einer idealen Welt würde sie diese Chance nutzen und ihren Enkelkindern ein Vorbild sein. Ja, in einer idealen Welt gäbe es auch keine Selbstzweifel und Ängste. In einer idealen Welt gäbe es keine deutschen Omis, die den ganzen Tag mit dem Kissen auf der Fensterbank sitzen. In einer idealen Welt würden alle türkischen und deutschen Omis Volkshochschulkurse besuchen, sich stetig weiterbilden, Yoga machen und nicht soviel Fernsehen gucken. In einer idealen Welt hätte es auch bereits vor 30 Jahren, als die Frau nach Deutschland einwanderte, staatliche Integrationsangebote gegeben.

Leserkommentare
    • Suryo
    • 29. November 2012 15:14 Uhr
    497. Weltfremd

    "....so dürfte es sich doch wohl empfehlen, diese Sprache zu lernen - wie möchten Sie sonst Ihr Alltagsleben bewältigen?"

    Tausende Deutsche im Ausland haben damit auch nicht das geringste Problem. Glauben Sie, die deutschen, die in Dubai oder China arbeiten, könnten alle genug Arabisch oder Mandarin, um einen Fernsehanschluss zu organisieren? Haha.

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    Ihr Kommentar ist kein Argument gegen Integration durch Sprache, sondern viel mehr ein Zeichen, dass es auch unter Deutschen im Ausland ein Mangel an Integrationswillen gibt.

    Jedoch kommt man in solch internationalen Städten, wie Doha oder Dubai durch Englisch auch mit Menschen ausserhalb seines Kulturkreises in Berührung, was mit Türkisch in Deutschland nicht der Fall ist. Für einen reinen Arbeitsaufenthalt in Doha (Katar hat 80% Ausländeranteil) braucht man tatsächlich nur Englisch und nicht Arabisch.
    Die Arbeiter dort haben aber meist nur begrenzten Aufenthalt und einem Mitarbeiter eines türkischen Unternehmens soll man auch gar nicht Deutschunterricht vorschreiben, wenn er in Deutschland an einem Projekt arbeitet.
    Wenn ich aber tatsächlich auswandere, dann habe ich die Sprache zu lernen. Das gilt nicht weniger für Deutsche.

    • tronco
    • 29. November 2012 15:15 Uhr

    Im Übrigen, das sehe ich jetzt erst: Der Artikel läuft unter dem Unterthema "Integrationszwang" - naja, was meinen Sie denn, wer hier 30 Jahre lang rumlebt und anscheinend nicht im geringsten Interesse an einer Integration zeigt, dann muss er eben gezwungen werden oder aber bitte gehen.

    Ich verstehe das Problem nicht und finde vielmehr, dass jeder gezwungen werden sollte; was ja nicht einmal richtiger "Zwang" wäre, weil ja eben jeder, dem es nicht beliebt nicht kommen braucht oder wieder gehen kann.

    Wie soll der Laden denn sonst laufen? Was wäre denn die Alternative dazu, die Leute mal machen zu lassen, damit es im Zweifel mehr würden? Man hat jahrelang nichts gemacht, das war nicht recht, jetzt gehts mal anders rum, das ist auch nicht recht.

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    Ja, das wird aus Ihrem Kommentar deutlich. Um das Problem für Sie etwas nachvollziehbarer zu machen, verlinke ich zum xten Mal das Urteil http://lrbw.juris.de/cgi-...

    Es geht darum, daß diese Frau gern mit ihrem Mann in der Türkei ihren gemeinsamen Lebensabend verbringen UND ohne wochenlange Warterei mit dem Risiko der Ablehnung des benötigten Visums ihre Kinder und Enkel in Deutschland besuchen möchte - dazu bräuchte sie eine Niederlassungserlaubnis in Deutschland.

    Nach 30 Jahren nicht erfolgter Integrationsangebote soll sie nun alphabetisiert werden und deutsch lernen müssen, um besagte Niederlassungserlaubnis zu erhalten. Sehr viel einfacher und sinnvoller wäre, Deutschland würde die Visa-Praxis mit der Türkei der Praxis mit anderen potentiellen EU-Beitrittsstaaten anpassen. Davon würden nicht nur Familien (von denen es eine ganze Menge in einer ähnlichen Situation geben dürfte), sondern auch Tourismus und deutsch-türkische Geschäftsbeziehungen profitieren.

    Aber nein, man ist in Deutschland heutzutage einfach ZU stolz auf das Instrument Integrationskurs, um auf Pragmatismus und Augenmaß zu kommen.

    • Yuminae
    • 29. November 2012 15:19 Uhr

    Also sollte man lieber alle dumm lassen?

    Wenn das das Einzige Argument ist, welches Sie aufbringen können, verstehen Sie nicht einen Satz aus meinem Text.

    Analphabeten bekommen Hilfe. Analphabeten sprechen deutsch, insbesondere deutsche Analphabeten. Legastheniker sprechen deutsch und können sich unterhalten mit Menschen.
    Hier werden Äpfel als Bananen verkauft - Kommunikation ist ein wichtiger Bestandteil der Integration - übrigens auch ein Grund weshalb Vollverschleierung eingesetzt wird: Kommunikation soll erschwert werden mit der "bösen Außenwelt".

    Aber vielleicht anders, etwas intellektueller. Ich zitiere zum besseren Verständnis Wittgenstein:
    "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt."
    Vielleicht versteht jetzt einer mehr, warum es nicht nur ethisch, sondern auch zwingend notwendig ist, dass man die Möglichkeit hat lesen zu lernen und Sprache zu verstehen - in fremden Ländern und weit ab der Heimat um so mehr.

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    • Suryo
    • 29. November 2012 16:12 Uhr

    Legastheniker und deutsche Analphabeten sollten aber doch extreme Schwierigkeiten haben, eine Fremdsprache zu lernen, meinen Sie nicht? Sprachen lernt man in der Regel nun mal auch schriftlich, meines Wissens ist das in den Integrationskursen der Fall. Abgesehen davon, daß der Test am Ende, soweit ich weiß, ein schriftlicher ist. Was sollte denn nun geschehen, wenn die Dame am Ende des Kurses durchfällt?

    • Eintrag
    • 29. November 2012 16:20 Uhr

    Entfernt. Bitte kehren Sie zu einer sachlichen und themenbezogenen Diskussion zurück. Danke. Die Redaktion/kvk

  1. 500. Seltsam

    Wie kann man 30 Jahre ij einem Land leben ohne die Landessprache zu gebrauchen? Nache inem Jahr hat sie alles vergessen udn sowieso ist alles sinnlos....was ist denn das für eine Aussage über eine 60 jährige Frau? Wenn man das derzeitige Renteneintrittsalter für Frauen in Deutschland bedenkt, müsste eine Frau mit 60 noch voll im Berufsleben stehen.
    Glauben Sie, mit 60 Jahren hört das Leben auf? Warum sollt es unterstützt werden, dass man sich jahrzentelang in einer Gemeinschaft abschottet? Sie tun so, als bedeute ein Sprachkurs martialische Qualen. Das ist ein Bildungsangebot udn eine große Chance...nicht nur für diese Frau. Sie ist doch erst 60 udn nicht 90! Also wirklich!

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    Antwort auf
  2. 501. Danke!

    Wäre die Redaktion ehrlich, würde sie sich für den Link bedanken und zugeben, dass hier nicht allzu gründlich recherchiert wurde.

    Haben Sie vielen Dank dafür!

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  3. Angehörige anderer Nationalitäten pflegen ihre Alten nicht mehr NUR in der Großfamilie; es ist zwar traditionell so üblich, ich weiß aber aus Gesprächen mit Türken, daß es schlicht und einfach nicht mehr so möglich ist, da die Großfamilie in ihren Strukturen entweder so nicht mehr existiert (durch berufliche Ortsveränderungen) oder die jüngeren Angehörigen selber berufstätig sind und zumindest ab einem bestimmten Pflegebedarf völlig überfordert wären - genau wie deutsche Angehörige auch.
    Auch im Altersheim, in dem meine völlig demente Mutter lebt, sind inzwischen nicht nur deutsche Insassen.

    Antwort auf "Türken..."
  4. Ihr Kommentar ist kein Argument gegen Integration durch Sprache, sondern viel mehr ein Zeichen, dass es auch unter Deutschen im Ausland ein Mangel an Integrationswillen gibt.

    Jedoch kommt man in solch internationalen Städten, wie Doha oder Dubai durch Englisch auch mit Menschen ausserhalb seines Kulturkreises in Berührung, was mit Türkisch in Deutschland nicht der Fall ist. Für einen reinen Arbeitsaufenthalt in Doha (Katar hat 80% Ausländeranteil) braucht man tatsächlich nur Englisch und nicht Arabisch.
    Die Arbeiter dort haben aber meist nur begrenzten Aufenthalt und einem Mitarbeiter eines türkischen Unternehmens soll man auch gar nicht Deutschunterricht vorschreiben, wenn er in Deutschland an einem Projekt arbeitet.
    Wenn ich aber tatsächlich auswandere, dann habe ich die Sprache zu lernen. Das gilt nicht weniger für Deutsche.

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    Antwort auf "Weltfremd"
  5. Und ganz im Ernst:

    Wenn man sich das Urteil samt Entscheidungsgründen ansieht, insbesondere einmal den ganzen Verlauf, wie es überhaupt bis nach Karlsruhe kam: Sie wäre eindeutig günstiger, nervlich wohl verschonter davongekommen, wenn sie einfach diesen Kurs mitgemacht hätte. Wer sich einen solchen rechtlich Gang antut, der kann nervlich, körperlich und sonst wie in keiner so unfassbar schlechten Verfassung stecken! So etwas tut sich niemand freiwillig an.

    Ihr Mann hat einen Laden. DER kann offenbar deutsch.

    Im Übrigen: Eine 60jährige Deutsche würde sich ein verniedlichendes "Omi" verbitten. Da kann man nur zynisch sagen: Gut, dass die "Omi" in keiner Sprache lesen und schreiben kann.

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  • Schlagworte Gericht | Ausbildung | Erziehung | Familie | Fernsehen | Haushalt
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