Caglar Budakli, der Challa genannt werden will, saß schon mit 14 Jahren im Knast. In Challas Strafregister stehen Diebstahl, Körperverletzung und Drogendelikte. Einmal hätte der heute 31-Jährige mit der jugendlich klingenden Stimme, der sportlichen Figur und der auffälligen Tätowierung am Hals fast einen Fremden umgebracht. Er trat in seiner Wut noch zu, als sein Opfer auf dem Boden lag.

Als im Oktober vergangenen Jahres ein 20-jähriger Berliner totgeprügelt wurde, sah Challa seine eigene Vergangenheit an sich vorbeiziehen. An einem frühen Sonntagmorgen wurde Jonny K. von sechs Männern am Berliner Alexanderplatz so brutal zusammengeschlagen, dass er einen Tag später starb. Vier der sechs Männer sind ermittelt, zwei weitere Tatverdächtige sollen sich im Ausland aufhalten. Der Fall sorgte bundesweit für Entsetzen und feuerte die immer wiederkehrende Debatte um jugendliche Gewalttäter an.

Challas Eltern kamen in den fünfziger Jahren aus der Türkei nach Berlin. Der Vater schuftete als Gabelstaplerfahrer, die Mutter als Hausfrau. Sechs Kinder kamen auf die Welt. Die Familie lebte in einer Zweizimmerwohnung in Kreuzberg. "Wir hatten ständig Schwierigkeiten", sagt Challa. Sein Vater sei gewalttätig und seine Mutter hilflos gewesen. Seine Eltern konnten ihn in der Schule nicht unterstützten, "weil sie kaum Deutsch sprechen, ich hatte keine Ansprechperson". Während eines Ausflugs, er war sieben oder acht Jahre alt, habe ein Kind mit dem Finger auf ihn gezeigt und gefragt: "Mama, ist das ein Ausländer?" Das hat er nicht vergessen. "Wie ein Affe im Zoo habe ich mich gefühlt", schildert er diesen Moment.

Er sei schon mit sieben Jahren aggressiv geworden, erzählt er. Wenn Mitschüler bessere Noten hatten, verprügelte er sie, "dann konnte ich wenigstens körperlich gewinnen". Er blieb mehrfach sitzen, sechsmal musste er die Schule wechseln, bis ihn kein Schulleiter mehr aufnehmen wollte. Challa wurde immer brutaler, er beschaffte sich das, was er wollte, mit Gewalt. Einen Tag nach seinem 14. Geburtstag landet er wegen Erpressung und Körperverletzung im Jugendknast Lichtenrade. Während der drei Monate Haft habe er erst richtig gelernt, "kriminelle Dinger zu drehen". Drinnen seien mehr Drogen im Umlauf gewesen als draußen.

Kein Migrationsproblem

Die Gewalt sei eine Hilfskonstruktionen, die Täter aus der Versagerposition herausführen soll, sagt der Bremer Soziologe Gunnar Heinsohn. In Berlin sind derzeit 517 Intensivtäter registriert. Als ein solcher gilt, wer mehr als zehn Straftaten in einem Jahr begeht. Neben jungen Männern aus bekannten Clans seien es auch zunehmend Verwahrloste, die in ihrer Kindheit selbst Opfer von Gewalt geworden sind, sagt die Staatsanwaltschaft.

Gewaltforscher Heinsohn warnt davor, das Entsetzen über die Gewalttaten in eine Migrations- und Glaubensdebatte ausufern zu lassen. "Nicht Hautfarbe, Religion oder das Einkommen der Eltern spielen für solche Gewaltausbrüche eine Rolle, sondern die früher familiäre Konstellation", sagt Heinsohn. Vor allem soziale Schieflagen und psychische Probleme seien die Gründe für aggressives Verhalten. "Wir haben hier kein Migrationsproblem, sondern ein psychisches Problem." Wer aus belasteten Familien kommt, neige eher zu Gewalt oder zu Suizid als andere. Heinsohn gibt aber zu bedenken, dass das kein Automatismus sei: "Die wenigsten, die eine schwierige Kindheit haben, werden später zu Intensivtätern."

Kaputt mit 19

Aus dem Jugendgefängnis entlassen, verkaufte Challa weiche Drogen. Damals sei er nie auf die Idee gekommen, etwas Falsches zu machen, sagt er. Heute sieht er sein Verhalten als Hilferuf, er wollte Aufmerksamkeit und Zuneigung. Er wollte dazugehören.

Mit 18 Jahren kam es zur zweiten Zäsur in seinem Leben. Weil ein Fremder ihn als "Kanake" beschimpft, rastete er aus, und rammte dem Mann eine Flasche ins Auge. Als dieser auf den Boden sackte, zielte Challa noch mit dem Barhocker auf den Kopf seines Opfers. "Mir war egal, ob ich ihn töten würde." Der Mann überlebte mit einer Sehschwäche, Challa musste für zweieinhalb Jahre ins Gefängnis. Dort schnitt er sich die Pulsadern auf, wurde aber rechtzeitig entdeckt. "Ich war erst 19, ich war kaputt, keiner stand mehr zu mir".