Feminismus : Danke, Alice Schwarzer

Alice Schwarzer wird 70. Anna Sauerbrey ist eine junge Profiteurin und bedankt sich – auch wenn die Feministinnen der ersten Stunde ihr fremd sind.

Wie fängt man das an? Sehr geehrte Frau Schwarzer ? Zu distanziert. Liebe Frau Schwarzer? Zu betulich. Liebe Alice? Ein wenig anmaßend. Wir sind uns nie begegnet. Für meine Generation bist du eher ein Monument, eines aus schwarzem Marmor, schrecklich und schön zugleich. Trotzdem scheint "Alice" am passendsten. Wie jeder in dieser Republik glauben auch wir, dich zu kennen. Also was soll’s. Mit übermäßigem Respekt hattest du’s ja nach allem, was man hört, auch nicht so: Liebe Alice. Alles Gute zum 70.

Wir, das sind die Profiteure (Profiteurinnen, versteht sich, aber das generische Femininum liegt uns nicht so). Wir sind geboren in den Jahren nach dem feministischen Urknall, geboren nach deiner Stern -Aktion gegen den Paragrafen 218 und nach dem "Kleinen Unterschied". Es ist an der Zeit, Danke zu sagen. Danke, dass du für uns im Sturm gestanden hast. Du hast dich beschimpfen lassen, "frustrierte Tucke" war nur der Anfang. 1976 hast du festgestellt: "All das trifft nicht nur mich persönlich, sondern alle Frauen. Denn ich stehe in diesem Fall für die Sache." Und das stimmt. Bis heute.

Wir lesen deine Bücher heute wie Geschichtsbücher. Eine Bundesrepublik ohne straffreie Abtreibung können wir uns nicht mehr vorstellen. In deiner Autobiografie erzählst du, wie du 1959, mit 16, deinen gesetzlichen Vormund beim Jugendamt aufsuchen musstest, um einen Lehrvertrag aufzulösen. Deine Mutter konnte das nicht, denn sie war ledig, und ledige Mütter bekamen einen Vormund für ihre Kinder. Was für ein Land!

Wir, das sind aber auch die Verräterinnen. Machen wir uns nichts vor, wir sind keine Freundinnen. Das liegt nicht nur daran, dass du letzthin zu oft mit den falschen Leuten falsche Sachen gemacht hast (mit Sarkozy gegen das Kopftuch, mit "Bild" gegen Kachelmann). Ihr, die Feministinnen der ersten Stunde, seid uns fremd. Eure Lieder, eure Klamotten, das Vermessen der Schwellkörper der Klitoris, das Herbeidichten eines historischen Matriarchats, überhaupt das ganze Pathos, all das geht uns, postideologisch wie wir sind, gegen den Strich.

Wir sehen uns nicht als Opfer. Wir vertrauen Männern. Ihr habt sie als "Zipfelträger" bezeichnet. Vielen von uns, die wir unsere Männer und Freunde und Söhne lieben, widerstrebt die Herabwürdigung. Rechtlich und materiell gestärkt, nehmen wir Männer als Partner wahr, auch im Kampf gegen die Verhältnisse.

Am stärksten ist es aber wohl die Frage nach dem kleinen Unterschied, die uns trennt, die Frage, nach dem Grund für die Ungleichheit, die geblieben ist. Wie viel ist Biologie, wie viel Erziehung? Uns ist das egal! Uns ist egal, ob der Grund dafür, dass manche von uns auf der Bürotoilette heulen, nun darin liegt, dass uns das Spül’s-mit-nem-Bier-runter-Gen fehlt oder darin, dass wir als Kinder zu viele Kuscheltiere geschenkt bekamen. Wir haben keine Lust auf den Kampf gegen die Biologisten, weil wir uns wohl fühlen, wie wir sind, weil wir glauben, dass wir in vielem sogar besser sind als die Kerls.

Wir, das sind aber auch die "Fräuleins" der 2000er Jahre. Wir sind in den 30ern, gestrandet im Nirvana der unendlichen Weiten des Möglichen und der unendlichen Zwänge des Alltags. Deshalb, Alice, ist es Zeit für eine Wiederannäherung. Wir beginnen zu verstehen, dass das Fräulein zwar weg ist. Dass wir aber als "junge Frauen" in unserem politisch korrigierten Diminutiv feststecken. Vieles, was du beschrieben hast, ist konstant: Die Dreifachbelastung Job-Haushalt-Kinder reibt uns wund. Und macht uns, langsam, wütend.

Kommst du uns altersmilde entgegen, Alice? Ideologisch verbohrt, seist du, heißt es. Zumindest im ersten Teil deiner Autobiografie liest man das nicht. Du erzählst von einer jungen Frau im Konflikt zwischen Liebe und Freiheitssehnsucht. Das ist mal was, das wir verstehen.

Das neue Jahrtausend hat nichts übrig für Radikale wie dich, Alice. Es will Frauen wie uns, die bereit sind, über alles zu verhandeln. Vielleicht tappen wir deshalb auf der Stelle. Vielleicht ist Zeit, dass wir reden.

Erschienen im Tagesspiegel

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Kommentare

90 Kommentare Seite 1 von 13 Kommentieren

Etwas Versönliches

Sehe mich da grad als Mann zwischen den Fronten.

Der Artikel tat gut, hat etwas Versönliches. Etwas, was sowohl in die eine - der weiblichen Nachgeneration - wie auch in die andere Richtung - den Männern - die Hand ausstreckt.

Alles Gute zum Geburtstag, Alice Schwarzer.

Und einfach ganz viel Wärmendes ... in alle Richtungen.

Sehr schön geschrieben, Frau Sauerbrey!

Ich habe den Werdegang von Frau Schwarzer viele Jahre beobachtet, teils mit großem Respekt, teils mit Amüsement, wie sie mit Gesprächspartnern umging. In den letzten Jahren ist dies aber purem Ensetzen gewichen, Ensetzen darüber, wie sie altersstarrsinning verbohrt handelte (siehe das Umspringen mit der temporären EMMA-Chefin), aber auch Ensetzen über unsägliche Allianzen wie mit der BILD. Damit hat sie sich und alle ihre propagierten Ideale letztlich verraten.
Ihre guten Wünsche und Ihr Redeangebot in Ehren, aber ich bezweifele, dass Alice (auf letzteres) ernsthaft enigeht.
Ihr RealMcCoy

Der Zweck heiligt also die Mittel?

Sie finden die Allianz mit der BILD einen "Streich allererster Güte"? Den Schulterschluss mit einem Blatt, das tagtäglich populistisch und menschen- (und speziell frauen-)verachtend auf Kosten aller, die nicht mit der Redaktion kooperieren, schmutzige Wäsche wäscht? Unter dem Mäntelchen "wir sind Volkes Stimme"?
Ich konnte kein kollektives Pro-Kachelmann-Gesabbere wahrnehmen, wie Sie es nennen. Wohl aber mediale Vorverurteilungen und Anprangerungen. Und da spielte Frau Schwarzer in erster Reihe mit.
Sie sagen, Alice Schwarzer hat ein Leben einer Überzeugung hergegeben. Ich sage, sie hat spätestens mit dem BILD-Deal ihre Seele verkauft.