Amoklauf : "Die Täter kommen nicht aus sozialen Dunkelzonen"

Für den Kulturwissenschaftler Joseph Vogl sind Taten wie zuletzt in Newtown Angriffe auf die zivile Ordnung. Sie erklären zu wollen, sei ein soziales Reinigungsritual.

ZEIT ONLINE: Herr Vogl, nach Amokläufen setzen meistens Reflexe ein . Dazu gehört die große Frage nach dem Warum, nach einer Erklärung.

Vogl: Es gibt zwei Gründe, die, etwas unvorsichtig gesagt, die Taten so attraktiv machen und das Erklärungskarussell, die zum Teil absurde Diskursflut in Gang setzen. Das ist einerseits die Unähnlichkeit zwischen Tat und Täter. Wo ist die Brücke zwischen einem wenig auffälligen, vielleicht allzu schüchternen Täter und dem Massenmord? Diese Lücke zieht die Deutungsspezialisten an, vom Friseur nebenan bis zum Kriminalpsychologen.

ZEIT ONLINE: Und der zweite Grund?

Joseph Vogl

geboren 1957, ist Professor für Literatur- und Kulturwissenschaft/Medien an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er gehört zu den bekanntesten deutschsprachigen Philosophen. Im Jahr 2010 legte er mit "Das Gespenst des Kapitals" seine erste Studie über die Finanzwirtschaft vor. Vor kurzem erschien sein zweites Buch zum Thema: "Der Souveränitätseffekt" im diaphanes Verlag. 

Vogl: Diese Verbrechen sind meistens Mittelstandsverbrechen. Die Täter kommen nicht aus sozialen Dunkelzonen, aus dem Prekariat, sondern aus den Suburbs, aus gemütlichen Kleinstädten, aus dem bürgerlichen Milieu. Und die Anschläge selbst gelten den Schauplätzen, wo sich die Gesellschaft in ihrer größten zivilen Normalität präsentiert: Einkaufszentren, Universitäten, Schulen, Kinos .

ZEIT ONLINE: Orte sozialen Friedens.

Vogl: Man könnte sogar noch weitergehen. Es sind Orte, in denen unsere Gesellschaften ihre Zivilität gewissermaßen ausstellen. Ortschaften, an denen sich die zivile Ordnung regelrecht exponiert.

ZEIT ONLINE: Demnach könnte man einen Amoklauf auch als eine Kriegserklärung gegen diese Ordnung betrachten. 

Vogl: Die Geschichte dessen, was man Amoklauf nennt, hat in den USA 1966 an der Universität Austin/ Texas mit einem gewissen Charles Whitman begonnen. Und sie ist meist – insbesondere in den school shootings seit den 1990er Jahren – mit Kriegsszenarien verknüpft: Militärwaffen, Kriegsausrüstung, Kampfkleidung, die Imitation von Kommandoaktionen. Es sind Attacken, in denen sich eine radikale Feindschaftserklärung manifestiert.

ZEIT ONLINE: Ein Amoklauf wird oft auch als Defekt moderner westlicher Gesellschaften interpretiert.

Vogl: Man könnte hier fast von 'diagnostischen Verbrechen' sprechen. In konzentrischen Kreisen und im Nachhinein wird das Spektrum sozialer Krisenlagen durchdekliniert: was schief läuft in Kinderzimmern, in Kleinfamilien, in Schulen, mit Computerspielen, im Mediengebrauch überhaupt. Mit einem Mal präsentiert sich der soziale Verkehr von seiner toxischen Seite. Und zuweilen findet das sogar ein Pendant im Selbstverständnis von Tätern. Die beiden Schüler aus der Columbine Highschool haben vor ihrem Massaker selbst solche Krisendiagnostik betrieben. In den Aufzeichnungen, die sie 1999 hinterließen, wimmelt es von Feindschaftserklärungen gegen die 'Leute', die 'Gesellschaft', die 'Menschheit'.

ZEIT ONLINE: Eric Harris, einer der Columbine-Täter von 1999, schrieb in seinem Tagebuch: "Meine Schuld gehört mir."

Vogl: Ja, Klebold und Harris haben das Ganze zugespitzt und die Zurechnung ihrer Taten ganz ausdrücklich reklamiert. Als wollten sie allen späteren Reden und Kommentaren zuvorkommen, und auch dafür noch ihre eigene, mörderische Autorschaft behaupten.

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Kommentare

18 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Gutes Interview

Man kann die Handlungen dieses Attentäters nicht erklären.
Sie ergeben keinen Sinn für uns. Punkt.

Wie aber erklärt sich die amerikanische Gesellschaft, die dafür steht, Kriegswaffen in private Hände gibt?

"Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten."

Überschrift

1. wenn der täte noch leben würde, könnte man ihn nach dem sinn fragen. hat bei breivik ja auch geklappt. manche hinterlassen auch abschiedsbriefe in denen erklärungen stehen. es ist also nicht so, als seien die gründe für derartige taten immer übergroße mysterien.

2. quasi jeder us-amerikaner der in den letzten 500 jahren eben dorthin ausgewandert ist, war in irgendeiner form auf der flucht. ob vor seinem ehemaligen staat oder seinen ehemaligen mitbürgern. das recht auf selbstverteidigung (auch mit waffe) ist amerikanisches grundrecht. es hat schon seinen grund, warum es 1789 in die bill of rights aufgenommen wurde.

Kriegswaffen?

Was ist denn bitte eine ,,Kriegswaffe"? Ich lese dieses Wort so oft in den Kommentaren. Eine semi-automatik Waffe ist eben KEINE Kriegswaffe. Sie koennen hier auch voll-automatische Waffen kaufen, was dann eine Kriegswaffe waere, aber der buerokratische Aufwand ist imens. Selbst wenn sie alle Huerden genommen haben und im Besitz einer Kriegswaffe sind, muessen sie ( in meinem Bundestaat ) diese zusaetzlich beim ,,County Sheriff Department" anmelden. Weiterhin muessen sie unterschreiben dass der Sheriff jederzeit und ohne vorherige Anmeldung bei ihnen vorbeischauen kann um die Fachgerechte Lagerung der Waffe zu ueberpruefen. Soviel zu Kriegswaffen.

Ihr Versuch der Realtivierung, angesichts der toten Kinder und

Lehrer ist so was von daneben...

Selbstverständlich bekommt man AK47 und co. auch als Halbautomatik. Damit ist sie offiziell keine Kriegswaffe mehr - aber immer noch bestens geeignet viele Menschen schnell zu töten.

Und mitunter kann man sie sehr einfach zur Vollautomatik machen.;)

Ich habe entfernte Verwandte in den Staaten.

Da nicht wenige junge Menschen dazu neigen, jeden Blödsinn den sie verzapfen auf Facebook zu veröffentlichen, kann ich das gut von hier verfolgen.

Die Diskussionen, welche Wumme mit welcher Munition den geilsten Sound hat, usw. usf.

Und auch das Wutgeheul von ihm und seinen Kumpels, als jetzt die Diskussion um ein Verbot solcher Waffen (mal wieder) aufgeflammt ist.

Soviel zu ihrem Versuch der Haarspalterei und Verharmlosung.