ZEIT ONLINE: Herr Vogl, nach Amokläufen setzen meistens Reflexe ein . Dazu gehört die große Frage nach dem Warum, nach einer Erklärung.

Vogl: Es gibt zwei Gründe, die, etwas unvorsichtig gesagt, die Taten so attraktiv machen und das Erklärungskarussell, die zum Teil absurde Diskursflut in Gang setzen. Das ist einerseits die Unähnlichkeit zwischen Tat und Täter. Wo ist die Brücke zwischen einem wenig auffälligen, vielleicht allzu schüchternen Täter und dem Massenmord? Diese Lücke zieht die Deutungsspezialisten an, vom Friseur nebenan bis zum Kriminalpsychologen.

ZEIT ONLINE: Und der zweite Grund?

Vogl: Diese Verbrechen sind meistens Mittelstandsverbrechen. Die Täter kommen nicht aus sozialen Dunkelzonen, aus dem Prekariat, sondern aus den Suburbs, aus gemütlichen Kleinstädten, aus dem bürgerlichen Milieu. Und die Anschläge selbst gelten den Schauplätzen, wo sich die Gesellschaft in ihrer größten zivilen Normalität präsentiert: Einkaufszentren, Universitäten, Schulen, Kinos .

ZEIT ONLINE: Orte sozialen Friedens.

Vogl: Man könnte sogar noch weitergehen. Es sind Orte, in denen unsere Gesellschaften ihre Zivilität gewissermaßen ausstellen. Ortschaften, an denen sich die zivile Ordnung regelrecht exponiert.

ZEIT ONLINE: Demnach könnte man einen Amoklauf auch als eine Kriegserklärung gegen diese Ordnung betrachten. 

Vogl: Die Geschichte dessen, was man Amoklauf nennt, hat in den USA 1966 an der Universität Austin/ Texas mit einem gewissen Charles Whitman begonnen. Und sie ist meist – insbesondere in den school shootings seit den 1990er Jahren – mit Kriegsszenarien verknüpft: Militärwaffen, Kriegsausrüstung, Kampfkleidung, die Imitation von Kommandoaktionen. Es sind Attacken, in denen sich eine radikale Feindschaftserklärung manifestiert.

ZEIT ONLINE: Ein Amoklauf wird oft auch als Defekt moderner westlicher Gesellschaften interpretiert.

Vogl: Man könnte hier fast von 'diagnostischen Verbrechen' sprechen. In konzentrischen Kreisen und im Nachhinein wird das Spektrum sozialer Krisenlagen durchdekliniert: was schief läuft in Kinderzimmern, in Kleinfamilien, in Schulen, mit Computerspielen, im Mediengebrauch überhaupt. Mit einem Mal präsentiert sich der soziale Verkehr von seiner toxischen Seite. Und zuweilen findet das sogar ein Pendant im Selbstverständnis von Tätern. Die beiden Schüler aus der Columbine Highschool haben vor ihrem Massaker selbst solche Krisendiagnostik betrieben. In den Aufzeichnungen, die sie 1999 hinterließen, wimmelt es von Feindschaftserklärungen gegen die 'Leute', die 'Gesellschaft', die 'Menschheit'.

ZEIT ONLINE: Eric Harris, einer der Columbine-Täter von 1999, schrieb in seinem Tagebuch: "Meine Schuld gehört mir."

Vogl: Ja, Klebold und Harris haben das Ganze zugespitzt und die Zurechnung ihrer Taten ganz ausdrücklich reklamiert. Als wollten sie allen späteren Reden und Kommentaren zuvorkommen, und auch dafür noch ihre eigene, mörderische Autorschaft behaupten.

"Wir leben in einer Präventionsgesellschaft"

ZEIT ONLINE: Nach einem Amoklauf werden Psychologen befragt, Angehörige, Nachbarn. Man will alles wissen.

Vogl: Wo man keine klaren Gründe und Motive oder wenigstens einen manifesten Wahnsinn findet, wird exzessiv Hermeneutik betrieben. Das funktioniert wie ein Reinigungsritual nach der Katastrophe. Anders als etwa in Norwegen , im Fall Breivik, wo das Gerichtsverfahren eine solche Funktion übernommen hat , ist man hier auf diffuse Anzeichen und Vermutungen angewiesen. Irgendetwas kommt dann schon heraus, da helfen selbst der Klempner und der ehemalige Babysitter weiter: ein fensterloses Kellerzimmer, eine kleine Absonderlichkeit, eine Spur von Autismus... Als ob man sich darüber immerhin ein wenig beruhigen könnte. Der Horror der Tat wird verdoppelt um einen schrecklichen Riss in der Kausalkette.

ZEIT ONLINE: Der Soziologe Emile Durkheim hat einmal auf das Verbrechen als Faktor öffentlicher Gesundheit hingewiesen. Die Bestrafung und Bekämpfung stellt nicht nur die Ordnung wieder her, sondern die Menschen versichern sich damit ihrer Werte ständig neu. Der größte Triumph des Amokläufers wäre so gesehen, dass er weder bestraft noch bekämpft werden kann.

Vogl: Wenn man Durkheims Gedanken weiter verfolgt, dann müsste man sagen, dass auch bei einem sogenannten Amoklauf eine Verständigung unserer Gesellschaften über sich selbst stattfindet. In der gesamten Berichterstattung zeichnet sich zum Beispiel das Bild einer Präventionsgesellschaft ab.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Vogl: Wir haben es in Newtown mit einer Schule zu tun, die bereits ein Hochsicherheitstrakt war. Man war auf solche Fälle vorbereitet – wie übrigens auch in Winnenden . Gerade diesen Reizschutz, diesen Präventionswall, hat der Täter durchbrochen. Und damit einen besonders kritischen Punkt getroffen. Die Früherkennung, die Warnsysteme, die Alarmbereitschaft haben versagt. Das meine ich mit Präventionsgesellschaften: In ihnen geht es vor allem um Gefahrenabwehr, um die immer effizientere Vorwegnahme potenzieller Gefahren. Umso katastrophaler sind solche Anschläge, die gleichsam ohne Vorzeichen passieren.

ZEIT ONLINE: Ohne Indizien und Vorzeichen. Nach Amokläufen wird oft die Frage gestellt: Was wurde beim Täter übersehen?

Vogl: Seit dem 19. Jahrhundert lässt sich das beobachten, in der Psychiatrie, in der Kriminologie, sogar in der Literatur: wie man aus kleinsten Anzeichen die größte Bedrohung herauslesen kann. Nehmen Sie etwa einen Roman von Émile Zola , die Bestie im Menschen zum Beispiel. Auf den ersten Seiten deutet sich in Winzigkeiten, im Zucken von Lidern oder Lippen, im Flackern des Blicks an, dass am Ende eine fürchterliche Mordtat geschehen wird. Aus dem Unscheinbaren bricht der Horror hervor. Diese Art von Gefährlichkeit hat für uns geradezu mythologischen Charakter. Man braucht sozusagen Wetterstationen, eine Art sozialer Meteorologie...

ZEIT ONLINE: ...die nicht funktioniert.

Vogl: Man hat es tatsächlich mit Figuren zu tun, die sich in der Normalität verrätseln. Man wird ja nicht müde, Tätern dieser Art eine seltsam auffällige Unauffälligkeit zu attestieren. Im Durchschnittlichen, im scheinbar Normalen lauert die Gefahr. Deshalb ist in diesem Fall auch der Verweis auf Asperger so interessant: Mitten im Unauffälligen würde man dann das Antisoziale schlechthin festmachen können.

ZEIT ONLINE: Ist es zynisch zu sagen, Amokläufe sind nicht zu verhindern?

Vogl: Das ist nicht zynisch. Das ist nichts anderes als realistisch. Nicht zuletzt in Gesellschaften, die derart hochgerüstet sind wie die USA.