Amoklauf"Die Täter kommen nicht aus sozialen Dunkelzonen"
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"Wir leben in einer Präventionsgesellschaft"

ZEIT ONLINE: Nach einem Amoklauf werden Psychologen befragt, Angehörige, Nachbarn. Man will alles wissen.

Vogl: Wo man keine klaren Gründe und Motive oder wenigstens einen manifesten Wahnsinn findet, wird exzessiv Hermeneutik betrieben. Das funktioniert wie ein Reinigungsritual nach der Katastrophe. Anders als etwa in Norwegen , im Fall Breivik, wo das Gerichtsverfahren eine solche Funktion übernommen hat , ist man hier auf diffuse Anzeichen und Vermutungen angewiesen. Irgendetwas kommt dann schon heraus, da helfen selbst der Klempner und der ehemalige Babysitter weiter: ein fensterloses Kellerzimmer, eine kleine Absonderlichkeit, eine Spur von Autismus... Als ob man sich darüber immerhin ein wenig beruhigen könnte. Der Horror der Tat wird verdoppelt um einen schrecklichen Riss in der Kausalkette.

ZEIT ONLINE: Der Soziologe Emile Durkheim hat einmal auf das Verbrechen als Faktor öffentlicher Gesundheit hingewiesen. Die Bestrafung und Bekämpfung stellt nicht nur die Ordnung wieder her, sondern die Menschen versichern sich damit ihrer Werte ständig neu. Der größte Triumph des Amokläufers wäre so gesehen, dass er weder bestraft noch bekämpft werden kann.

Vogl: Wenn man Durkheims Gedanken weiter verfolgt, dann müsste man sagen, dass auch bei einem sogenannten Amoklauf eine Verständigung unserer Gesellschaften über sich selbst stattfindet. In der gesamten Berichterstattung zeichnet sich zum Beispiel das Bild einer Präventionsgesellschaft ab.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Vogl: Wir haben es in Newtown mit einer Schule zu tun, die bereits ein Hochsicherheitstrakt war. Man war auf solche Fälle vorbereitet – wie übrigens auch in Winnenden . Gerade diesen Reizschutz, diesen Präventionswall, hat der Täter durchbrochen. Und damit einen besonders kritischen Punkt getroffen. Die Früherkennung, die Warnsysteme, die Alarmbereitschaft haben versagt. Das meine ich mit Präventionsgesellschaften: In ihnen geht es vor allem um Gefahrenabwehr, um die immer effizientere Vorwegnahme potenzieller Gefahren. Umso katastrophaler sind solche Anschläge, die gleichsam ohne Vorzeichen passieren.

ZEIT ONLINE: Ohne Indizien und Vorzeichen. Nach Amokläufen wird oft die Frage gestellt: Was wurde beim Täter übersehen?

Vogl: Seit dem 19. Jahrhundert lässt sich das beobachten, in der Psychiatrie, in der Kriminologie, sogar in der Literatur: wie man aus kleinsten Anzeichen die größte Bedrohung herauslesen kann. Nehmen Sie etwa einen Roman von Émile Zola , die Bestie im Menschen zum Beispiel. Auf den ersten Seiten deutet sich in Winzigkeiten, im Zucken von Lidern oder Lippen, im Flackern des Blicks an, dass am Ende eine fürchterliche Mordtat geschehen wird. Aus dem Unscheinbaren bricht der Horror hervor. Diese Art von Gefährlichkeit hat für uns geradezu mythologischen Charakter. Man braucht sozusagen Wetterstationen, eine Art sozialer Meteorologie...

ZEIT ONLINE: ...die nicht funktioniert.

Vogl: Man hat es tatsächlich mit Figuren zu tun, die sich in der Normalität verrätseln. Man wird ja nicht müde, Tätern dieser Art eine seltsam auffällige Unauffälligkeit zu attestieren. Im Durchschnittlichen, im scheinbar Normalen lauert die Gefahr. Deshalb ist in diesem Fall auch der Verweis auf Asperger so interessant: Mitten im Unauffälligen würde man dann das Antisoziale schlechthin festmachen können.

ZEIT ONLINE: Ist es zynisch zu sagen, Amokläufe sind nicht zu verhindern?

Vogl: Das ist nicht zynisch. Das ist nichts anderes als realistisch. Nicht zuletzt in Gesellschaften, die derart hochgerüstet sind wie die USA.

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Leserkommentare
    • RGFG
    • 28. Dezember 2012 14:33 Uhr

    So begann ein guter Kommentar auf einem amerikanischen Blog. Die Argumentation ging nach dem Motto: Schaut nicht was die Taten unterscheidet, sondern was sie gemeinsam haben - automatische Waffen und viel Munition. Und dann kommt mir nicht damit, dass man mit schärferen Gesetzen solche Taten nicht verhindern könnte.

    Ja - es kommen mehr Leute bei Autounfällen um und man kann auch nicht alle Autounfälle verhindern, trotzdem verzichtet man nicht auf Vorschriften, um wenigstens die Autos sicherer zu machen. Ja - es kommen mehr Leute beim Sturz von der Haushaltsleiter um - trotzdem verzichtet man nicht auf Vorschriften, um wenigstens die Leitern sicherer zu machen. Und ja - es kommen mehr Kinder beim Spielen um - trotzdem verzichtet man nicht auf Vorschriften, was man als Spielzeug überhaupt verkaufen darf und wie man es sicherer machen kann.

    Alles andere wäre ja eigentlich zynisch. Aber bei den Waffen möchte man drauf verzichten. Und das eben macht es zynisch...

    4 Leserempfehlungen
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    und Vorschriften das ist wonach der Michel schreit, im Gegensatz zum amerikaner. Das ist einer der Unterschiede. Aber Sie koennen beruhigt sein, die EU wird Ihnen noch so viele Vorchriften schenken dass Sie in einigen Jahren endlich gluecklich sind.

  1. Leider lässt der Artikel offen, inwiefern Mind-Control im Zusammenhang mit Selbstmordattentätern eine Rolle spielen könnte:

    Die Forschungen von Dr. Jose Delgado:
    http://www.youtube.com/wa...

    Die finnische Ärztin Dr. Rauni Kilde:
    http://www.youtube.com/wa...

    Und: Wem nützt Mind-Control politisch?

  2. Man kann die Handlungen dieses Attentäters nicht erklären.
    Sie ergeben keinen Sinn für uns. Punkt.

    Wie aber erklärt sich die amerikanische Gesellschaft, die dafür steht, Kriegswaffen in private Hände gibt?

    "Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten."

    2 Leserempfehlungen
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    1. wenn der täte noch leben würde, könnte man ihn nach dem sinn fragen. hat bei breivik ja auch geklappt. manche hinterlassen auch abschiedsbriefe in denen erklärungen stehen. es ist also nicht so, als seien die gründe für derartige taten immer übergroße mysterien.

    2. quasi jeder us-amerikaner der in den letzten 500 jahren eben dorthin ausgewandert ist, war in irgendeiner form auf der flucht. ob vor seinem ehemaligen staat oder seinen ehemaligen mitbürgern. das recht auf selbstverteidigung (auch mit waffe) ist amerikanisches grundrecht. es hat schon seinen grund, warum es 1789 in die bill of rights aufgenommen wurde.

  3. und Vorschriften das ist wonach der Michel schreit, im Gegensatz zum amerikaner. Das ist einer der Unterschiede. Aber Sie koennen beruhigt sein, die EU wird Ihnen noch so viele Vorchriften schenken dass Sie in einigen Jahren endlich gluecklich sind.

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    Da schreien schon sehr viele nach schärferen Vorschriften und zwar schon lange. Die USA sind in dieser Frage tief gespalten.

    Außerdem ist es ein weitverbreites Fehlurteil, dass es in den USA furchtbar wenige Vorschriften gäbe - es gibt andere als bei uns, aber durchaus viele und je nach Bundesstaat ganz verschiedene.

    • RGFG
    • 28. Dezember 2012 14:56 Uhr

    gibt es auch in den USA. Darauf bezog sich die Argumentation, die ich oben wiedergegeben hatte (...das kam vielleicht nicht klar genug durch).

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    es Vorschriften fuer Autos und Leitern. Aber anscheinend gibt es nicht genuegend Vorschriften bei Waffen?

  4. es Vorschriften fuer Autos und Leitern. Aber anscheinend gibt es nicht genuegend Vorschriften bei Waffen?

  5. Für Vogl sind es Orte, "an denen sich die zivile Ordnung regelrecht exponiert." Für mich sind es Orte an denen Waffen gesetzlich verboten sind.

    Nirgendwo habe ich davon lesen können, dass sich der Täter bei der Schießerei im Kino ausgerechnet das einzige Kino aussuchte, dass Waffen explizit verbat. Nirgendwo habe ich davon gelesen, dass der Amokläufer im Einkaufszentrum die Waffe gegen sich selbst richtete nachdem er durch eine Waffe eines Zivilisten konfrontiert wurde. Das scheint alles Nebensächlich.

    Was auch nebensächlich scheint ist die Tatsache, dass alle Täter auf psychoaktiven Drogen (z.B. Prozac und co) waren, von denen man aus Studien weis, dass sie zu extremen Gewaltausbrüchen und Selbstmord bei einem kleinen Prozentsatz der Menschen führen können.

    Das erscheint einem aber nur nebensächlich, wenn man, wie der erste Kommentator, garnicht nach dem Warum fragen will. Diese Menschen haben sich ihre Meinung gebildet bevor sie überhaupt wissen was passiert ist und sind nicht zugänglich für rationale Argumentation. Sie verlassen sich lieber auf die Magie eines Gesetzes das anscheinend nur durch seine Anwesenheit das Böse bannt.

    Die Vorstellung, dass unser Leben besser wird, weil ein Bürokrat ein Gesetz erlässt ist irrational und geradezu absurd. Gurte gab es lange bevor ein Gesetz dazu erlassen wurde. Soziale Absicherung gab es lange bevor Bismark sie "erfand". Kinderarbeit wurde abgeschafft als sie nicht mehr notwendig war, und nicht durch ein Gesetz.

    Eine Leserempfehlung
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    Die Kultur in der wir leben ist durch die verkultivierung der Symtome des Sexuellenmissbrauchs entstanden. Alle Amokläufer wurden Sexuellmissbraucht.Findet die Selenmörder sie sind die Wahren Täter,der Se mi ist auch die ursache der menschwerdung ,also erkennen wir UNS.Aber der nächste amokläufer wird als erstes den Wachmann angehen,also 2 Wachmänner......

  6. 1. wenn der täte noch leben würde, könnte man ihn nach dem sinn fragen. hat bei breivik ja auch geklappt. manche hinterlassen auch abschiedsbriefe in denen erklärungen stehen. es ist also nicht so, als seien die gründe für derartige taten immer übergroße mysterien.

    2. quasi jeder us-amerikaner der in den letzten 500 jahren eben dorthin ausgewandert ist, war in irgendeiner form auf der flucht. ob vor seinem ehemaligen staat oder seinen ehemaligen mitbürgern. das recht auf selbstverteidigung (auch mit waffe) ist amerikanisches grundrecht. es hat schon seinen grund, warum es 1789 in die bill of rights aufgenommen wurde.

    Antwort auf "Gutes Interview"
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    Heute sollte auch der größte (Waffen-) Narr erkennen, dass Kriegswaffen in privater Hand nur Schaden anrichten können.

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  • Schlagworte Amoklauf | Autismus | Früherkennung | Meteorologie | Norwegen | USA
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