Amoklauf"Die Täter kommen nicht aus sozialen Dunkelzonen"

Für den Kulturwissenschaftler Joseph Vogl sind Taten wie zuletzt in Newtown Angriffe auf die zivile Ordnung. Sie erklären zu wollen, sei ein soziales Reinigungsritual. von 

ZEIT ONLINE: Herr Vogl, nach Amokläufen setzen meistens Reflexe ein . Dazu gehört die große Frage nach dem Warum, nach einer Erklärung.

Vogl: Es gibt zwei Gründe, die, etwas unvorsichtig gesagt, die Taten so attraktiv machen und das Erklärungskarussell, die zum Teil absurde Diskursflut in Gang setzen. Das ist einerseits die Unähnlichkeit zwischen Tat und Täter. Wo ist die Brücke zwischen einem wenig auffälligen, vielleicht allzu schüchternen Täter und dem Massenmord? Diese Lücke zieht die Deutungsspezialisten an, vom Friseur nebenan bis zum Kriminalpsychologen.

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ZEIT ONLINE: Und der zweite Grund?

Joseph Vogl

geboren 1957, ist Professor für Literatur- und Kulturwissenschaft/Medien an der Humboldt-Universität zu Berlin und gehört zu den bekanntesten deutschsprachigen Philosophen. Er gilt auch als Experte für die Geschichte des Amoklaufs.

Vogl: Diese Verbrechen sind meistens Mittelstandsverbrechen. Die Täter kommen nicht aus sozialen Dunkelzonen, aus dem Prekariat, sondern aus den Suburbs, aus gemütlichen Kleinstädten, aus dem bürgerlichen Milieu. Und die Anschläge selbst gelten den Schauplätzen, wo sich die Gesellschaft in ihrer größten zivilen Normalität präsentiert: Einkaufszentren, Universitäten, Schulen, Kinos .

ZEIT ONLINE: Orte sozialen Friedens.

Vogl: Man könnte sogar noch weitergehen. Es sind Orte, in denen unsere Gesellschaften ihre Zivilität gewissermaßen ausstellen. Ortschaften, an denen sich die zivile Ordnung regelrecht exponiert.

ZEIT ONLINE: Demnach könnte man einen Amoklauf auch als eine Kriegserklärung gegen diese Ordnung betrachten. 

Vogl: Die Geschichte dessen, was man Amoklauf nennt, hat in den USA 1966 an der Universität Austin/ Texas mit einem gewissen Charles Whitman begonnen. Und sie ist meist – insbesondere in den school shootings seit den 1990er Jahren – mit Kriegsszenarien verknüpft: Militärwaffen, Kriegsausrüstung, Kampfkleidung, die Imitation von Kommandoaktionen. Es sind Attacken, in denen sich eine radikale Feindschaftserklärung manifestiert.

ZEIT ONLINE: Ein Amoklauf wird oft auch als Defekt moderner westlicher Gesellschaften interpretiert.

Vogl: Man könnte hier fast von 'diagnostischen Verbrechen' sprechen. In konzentrischen Kreisen und im Nachhinein wird das Spektrum sozialer Krisenlagen durchdekliniert: was schief läuft in Kinderzimmern, in Kleinfamilien, in Schulen, mit Computerspielen, im Mediengebrauch überhaupt. Mit einem Mal präsentiert sich der soziale Verkehr von seiner toxischen Seite. Und zuweilen findet das sogar ein Pendant im Selbstverständnis von Tätern. Die beiden Schüler aus der Columbine Highschool haben vor ihrem Massaker selbst solche Krisendiagnostik betrieben. In den Aufzeichnungen, die sie 1999 hinterließen, wimmelt es von Feindschaftserklärungen gegen die 'Leute', die 'Gesellschaft', die 'Menschheit'.

ZEIT ONLINE: Eric Harris, einer der Columbine-Täter von 1999, schrieb in seinem Tagebuch: "Meine Schuld gehört mir."

Vogl: Ja, Klebold und Harris haben das Ganze zugespitzt und die Zurechnung ihrer Taten ganz ausdrücklich reklamiert. Als wollten sie allen späteren Reden und Kommentaren zuvorkommen, und auch dafür noch ihre eigene, mörderische Autorschaft behaupten.

Leserkommentare
    • Mikoss
    • 28. Dezember 2012 15:40 Uhr

    Vogl zeigt das ganz gut auf:
    überzeugende Erklärungen, etwa auf der Basis von Anthropologie, Psychiatrie, Soziologie gibt es nicht. Stattdessen "Stressbewältigung", Selbstvergewisserung, Verarbeitungsbeihilfe. Jetzt ist Prävention angesagt, mehr Prävention, mehr Aufmerksamekeit, mehr soziale Kontrollle, mehr Waffen, weniger Waffen, etc.
    Das Erstaunliche am AMOK ist: es handelt sich um eine Beziehungstat in einem erweiterten Rahmen. Wo immer der Täter gelebt hat, genau da, wo sein Sozialanschluss stattfindet, wird ziellos gemordet. Das versteht jeder. Eine klare Botschaft.

  1. Die Kultur in der wir leben ist durch die verkultivierung der Symtome des Sexuellenmissbrauchs entstanden. Alle Amokläufer wurden Sexuellmissbraucht.Findet die Selenmörder sie sind die Wahren Täter,der Se mi ist auch die ursache der menschwerdung ,also erkennen wir UNS.Aber der nächste amokläufer wird als erstes den Wachmann angehen,also 2 Wachmänner......

  2. Heute sollte auch der größte (Waffen-) Narr erkennen, dass Kriegswaffen in privater Hand nur Schaden anrichten können.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Überschrift"
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    Was ist denn bitte eine ,,Kriegswaffe"? Ich lese dieses Wort so oft in den Kommentaren. Eine semi-automatik Waffe ist eben KEINE Kriegswaffe. Sie koennen hier auch voll-automatische Waffen kaufen, was dann eine Kriegswaffe waere, aber der buerokratische Aufwand ist imens. Selbst wenn sie alle Huerden genommen haben und im Besitz einer Kriegswaffe sind, muessen sie ( in meinem Bundestaat ) diese zusaetzlich beim ,,County Sheriff Department" anmelden. Weiterhin muessen sie unterschreiben dass der Sheriff jederzeit und ohne vorherige Anmeldung bei ihnen vorbeischauen kann um die Fachgerechte Lagerung der Waffe zu ueberpruefen. Soviel zu Kriegswaffen.

  3. Da schreien schon sehr viele nach schärferen Vorschriften und zwar schon lange. Die USA sind in dieser Frage tief gespalten.

    Außerdem ist es ein weitverbreites Fehlurteil, dass es in den USA furchtbar wenige Vorschriften gäbe - es gibt andere als bei uns, aber durchaus viele und je nach Bundesstaat ganz verschiedene.

    Antwort auf "Schaerfere Gesetze"
  4. Was ist denn bitte eine ,,Kriegswaffe"? Ich lese dieses Wort so oft in den Kommentaren. Eine semi-automatik Waffe ist eben KEINE Kriegswaffe. Sie koennen hier auch voll-automatische Waffen kaufen, was dann eine Kriegswaffe waere, aber der buerokratische Aufwand ist imens. Selbst wenn sie alle Huerden genommen haben und im Besitz einer Kriegswaffe sind, muessen sie ( in meinem Bundestaat ) diese zusaetzlich beim ,,County Sheriff Department" anmelden. Weiterhin muessen sie unterschreiben dass der Sheriff jederzeit und ohne vorherige Anmeldung bei ihnen vorbeischauen kann um die Fachgerechte Lagerung der Waffe zu ueberpruefen. Soviel zu Kriegswaffen.

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    Lehrer ist so was von daneben...

    Selbstverständlich bekommt man AK47 und co. auch als Halbautomatik. Damit ist sie offiziell keine Kriegswaffe mehr - aber immer noch bestens geeignet viele Menschen schnell zu töten.

    Und mitunter kann man sie sehr einfach zur Vollautomatik machen.;)

    Ich habe entfernte Verwandte in den Staaten.

    Da nicht wenige junge Menschen dazu neigen, jeden Blödsinn den sie verzapfen auf Facebook zu veröffentlichen, kann ich das gut von hier verfolgen.

    Die Diskussionen, welche Wumme mit welcher Munition den geilsten Sound hat, usw. usf.

    Und auch das Wutgeheul von ihm und seinen Kumpels, als jetzt die Diskussion um ein Verbot solcher Waffen (mal wieder) aufgeflammt ist.

    Soviel zu ihrem Versuch der Haarspalterei und Verharmlosung.

    Setzen Sie sich, atmen nochmals richtig durch und lesen Sie nochmals was ich geschrieben hatte. Haben Sie? Gut denn nun werden Sie feststellen dass ich mich mit meinem Kommentar nur auf das WORT Kriegswaffen bezogen habe. Capisce?

    • aurorix
    • 28. Dezember 2012 18:04 Uhr

    Kühl betrachtet könnte man derartige Wahnsinnstaten auch als individuelle Zuspitzungen einer Kultur deuten, in der sich alles um das Generieren von Aufmerksamkeit dreht. Für den maximalen Einsatz erhält der verwirrte spätpubertäre Jüngling die maximale mediale Aufmerksamkeit. Allein für die Vorstellung, nach dem großen Abtritt in aller Munde zu sein, ist er bereit sein eigenes Leben zu zerstören. Möglicherweise steckt in ihm auch noch ein besonders wettbewerbsorientierter Sportsgeist, der seine Vorgänger an Opferzahl und Martialität zu überbieten trachtet. Immer höher, immer schneller, immer weiter...

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    • aurorix
    • 28. Dezember 2012 19:21 Uhr

    Wenn es denn tatsächlich der Fall sein sollte, dass sich hier ein unbefriedigtes Verlangen nach Aufmerksamkeit Bahn bricht, könnte es einen Versuch wert sein, solchen Neurotikern die öffentliche Aufmerksamkeit vollends zu entziehen. Klar muss vor Ort nach Ursachen, persönlichen wie sozialen, gesucht werden, aber doch nicht wochenlang und rund um die Welt.

    (Da dieser Vorschlag aber wohl nicht viel Unterstützung finden wird, kann ich nur hoffen, dass sich auch das Problem mit der Aufmerksamkeit wettbewerblich in Wohlgefallen auflösen wird, denn wenn das Thema allzu breitgewalzt wird, verringert sich zwangsläufig das allgemeine Interesse. So auch, wenn der Amok weiter Schule machen und es zu wöchentlichen Scharmützeln kommen sollte.
    Dann werden auch die hormongebeutelten gefallenen Engel wieder zu amökonomischem Verstand kommen!)

  5. Lehrer ist so was von daneben...

    Selbstverständlich bekommt man AK47 und co. auch als Halbautomatik. Damit ist sie offiziell keine Kriegswaffe mehr - aber immer noch bestens geeignet viele Menschen schnell zu töten.

    Und mitunter kann man sie sehr einfach zur Vollautomatik machen.;)

    Ich habe entfernte Verwandte in den Staaten.

    Da nicht wenige junge Menschen dazu neigen, jeden Blödsinn den sie verzapfen auf Facebook zu veröffentlichen, kann ich das gut von hier verfolgen.

    Die Diskussionen, welche Wumme mit welcher Munition den geilsten Sound hat, usw. usf.

    Und auch das Wutgeheul von ihm und seinen Kumpels, als jetzt die Diskussion um ein Verbot solcher Waffen (mal wieder) aufgeflammt ist.

    Soviel zu ihrem Versuch der Haarspalterei und Verharmlosung.

    Antwort auf "Kriegswaffen?"
    • aurorix
    • 28. Dezember 2012 19:21 Uhr

    Wenn es denn tatsächlich der Fall sein sollte, dass sich hier ein unbefriedigtes Verlangen nach Aufmerksamkeit Bahn bricht, könnte es einen Versuch wert sein, solchen Neurotikern die öffentliche Aufmerksamkeit vollends zu entziehen. Klar muss vor Ort nach Ursachen, persönlichen wie sozialen, gesucht werden, aber doch nicht wochenlang und rund um die Welt.

    (Da dieser Vorschlag aber wohl nicht viel Unterstützung finden wird, kann ich nur hoffen, dass sich auch das Problem mit der Aufmerksamkeit wettbewerblich in Wohlgefallen auflösen wird, denn wenn das Thema allzu breitgewalzt wird, verringert sich zwangsläufig das allgemeine Interesse. So auch, wenn der Amok weiter Schule machen und es zu wöchentlichen Scharmützeln kommen sollte.
    Dann werden auch die hormongebeutelten gefallenen Engel wieder zu amökonomischem Verstand kommen!)

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  • Schlagworte Amoklauf | Autismus | Früherkennung | Meteorologie | Norwegen | USA
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