Amoklauf in Newtown : "Schützt unsere Kinder! Verbietet Waffen jetzt"

Die USA stehen vor einer neuen Waffen-Debatte. Beide Seiten bringen sich in Stellung und tauschen die altbekannten Argumente aus. Wird sich jetzt doch was ändern?
Waffengegner demonstrieren vor dem Weißen Haus in Washington. © Alex Wong/dpa

Zwei Handfeuerwaffen, eine Glock und eine Sig Sauer sowie ein halbautomatisches Gewehr vom Typ AR-15: Dies ist das Waffenarsenal von Adam L. Der 20-Jährige betrat damit am Freitag eine  Grundschule in Newtown und erschoss 20 Kinder; das jüngste war 5 Jahre alt. 

Diese Fakten erschüttern die Menschen in den USA und treiben ein kleines Grüppchen vor das Weiße Haus in Washington . Wenige Stunden nach dem schlimmsten Schulmassaker in der US-Nachkriegsgeschichte erheben sie ihre Stimme und demonstrierten für eine Reform der laschen Waffengesetze in ihrem Land. Sie entzündeten Kerzen und reckten Plakate in die Luft: "Schützt unsere Kinder – verbietet Waffen jetzt" stand darauf.

Mit diesen Forderungen stehen sie nicht allein. In einer emotionalen Rede äußerte sich der Präsident selbst ähnlich und deutete eine Verschärfung der Gesetze an. "Wir haben in den vergangenen Jahren zu viele dieser Tragödien durchgemacht", sagte Barack Obama . "Wir müssen zusammenkommen und bedeutsam handeln, um mehr Tragödien wie diese zu verhindern, ohne Rücksicht auf Parteipolitik."

Our hearts are broken today: US-Präsident Obama über den Amoklauf in Newtown Nach der Schießerei in einer Grundschule im US-Bundesstaat Connecticut mit zahlreichen Toten hat sich US-Präsident Barack Obama tief bewegt gezeigt.

Deutlicher als Obama wurde New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg : "Nicht einmal kleine Kinder, die das ABC lernen, sind bei uns noch sicher", sagte er. "Nach dem Amoklauf von Columbine hieß es, es sei zu früh, um über Waffengesetze zu diskutieren. Dasselbe hörten wir nach den Vorfällen an der Virginia Tech. Nach Tuscon, Aurora und Oak Creek. Und auch jetzt hören wir es wieder. An jedem Tag, den wir warten, sterben 34 Menschen durch den Schuss einer Waffe. Heute ist meine Entschlossenheit, diesen Wahnsinn zu stoppen, größer denn je."

In den vergangenen Jahren ist in den USA immer wieder darüber diskutiert worden, das liberale Waffenrecht zu verschärfen, ohne dass daraus Konsequenzen folgten. Auch Obama zeigte sich nach den Amokläufen der Vergangenheit immer wieder bestürzt und rief die Politik zum Handeln auf. Passiert ist stets nichts, die Waffengesetze blieben so, wie sie sind.

Das liegt vor allem an der Waffenlobby der National Rifle Association (NRA), die in den USA über enormen Einfluss verfügt. Sie betrachtet die Waffen in den amerikanischen Haushalten – schätzungsweise sollen 300 Millionen Stück im Umlauf sein – als kulturelle Eigenheit der USA und wehrt jeden Reformwunsch als Angriff auf die bürgerlichen Freiheiten ab. Nach den Ereignissen in Newtown hielt sie sich zunächst bedeckt. Dafür äußerte sich der frühere republikanische Präsidentschaftsbewerber Mike Huckabee . Mit strengeren Gesetzen lasse sich ein derartiges "Blutbad" nicht verhindern, sagte er. Stattdessen sollten die Schulen auf mehr Religion setzen.

Das Recht auf Waffenbesitz ist tief im amerikanischen Selbstverständnis verankert , festgeschrieben im zweiten Zusatzartikel der Verfassung. Viele US-Bürger reagieren auf eine Verschärfung der Waffengesetze aber ähnlich allergisch, als solle ihnen das Recht auf freie Meinungsäußerung genommen werden.

So wie bei vielen Themen ist das Land auch hier gespalten. Nach dem Amoklauf in einem Kino im US-Bundesstaat Colorado , bei dem zwölf Menschen bei einer Batman -Premiere getötet wurden, sprachen sich in einer Erhebung des Nachrichtensenders CNN 50 Prozent gegen größere Einschränkungen des Waffenbesitzes aus. Dagegen forderten 48 Prozent eine stärkere Waffenkontrolle.

Nichtregierungsorganisationen wie Brady Campaign wissen diese Menge hinter sich und verweisen unverdrossen auf die bekannten Zahlen: Jedes Jahr sterben in den USA etwa 30.000 Menschen durch Schusswaffen. Knapp 60 Prozent davon sind Selbstmorde, 40 Prozent Tötungsdelikte. Damit werden weitaus mehr Amerikaner im eigenen Land erschossen als bei Kriegseinsätzen im Ausland. Eine Reform der Waffengesetze, so die Brady Campaign, sei "lange überfällig".

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Kommentare

196 Kommentare Seite 1 von 19 Kommentieren

mal nachgefragt

Es ist schlimm, dass ich mich gezwungen sehe, solche Taten noch zu kommentieren. Ich wollte gar nichts darüber lesen, nichts weiter hören... Warum? Weil die Angst zu groß ist, dass sich doch nichts ändert. - Wenn Fotografen nur dann abdrücken, wenn der President sich seine Tränen wegwischt, und wenn Waffenlobbyisten nach mehr Religion schreien, dann weiß nicht mehr was ich trauriger finde... Aber zum Thema: Mehr Religion ist das letzte was diese Debatte braucht. Die Kirche der Angst (egal welche) ist doch verantwortlich für solche Gräuel... - Waffen verbieten. Kirchen in der Öffentlichkeit einen Maulkorb verpassen. Keine Diskussion mehr!

Aber gegen Abtreibung braucht es Gesetze.

Schon lustig - wenn Leute erschossen werden, braucht es keine Gesetze gegen Waffen sondern bloß gottesfürchtigere Menschen. Bei Abtreibungen ist das anders - da reicht mehr Gottesfurcht wiederum nicht, da braucht man strengere Gesetze.

Kurz: Wenn ich 'die anderen' kontrollieren darf ist das gut. Wenn 'die anderen' mich kontrollieren wollen ist das schlecht. Das konkrete Thema ist nebensächlich.

Nicht nur Lobby auch Personen und zwar eine Menge

Wenn man die Rifle Association stest nur als Lobby bezeichnet, entsteht der Eindruck das wäre nur so eine Industrie-Klüngel-Veranstaltung. Tatsächlich ist es aber eine Massenbewegung mit eben sehr vielen Anhängern.

Im TV bei uns tauchen stets nur irgendwelche Miliz-Propheten auf, die sich für den Bürgerkrieg rüsten. Etwas unterbelichtet wird, dass in den USA auf dem Land sehr viele Leute jagen – und natürlich vermuten die Jäger zu Recht, dass ein restriktives Waffengesetz auch typische Jagdwaffen betrifft. Nur ein Verbot von schweren MG würde auch kaum Auswirkungen haben.

Und historisch betrachtet haben die Waffenfreunde durchaus Recht: Die Entwaffnung der Bevölkerung in Europa wurde nicht zum Schutz der Bevölkerung betrieben, sondern um die Untertanen unter die Knute der Adelsherrschaft zu zwingen.

Ob das heute ein Argument sein sollte, kann man natürlich bezweifeln.

Also nur mal so zum Verständnis

Ein Argument mehr denn je

Da vor allem in diesen Zeiten in denen der Frieden und die Demokratie gesichert scheint, man ein Volk braucht dasss sich gegen seinen Staat verteidigen kann, falls er seine Grenzen nicht mehr anerkennt. Und wenn man den Lobbyismus, die "alternativlosen Entscheidungen" und die Willkür der Politik beobachtet und sich ansieht wie viele Parteien noch eine wirkliche alternative darstellen zu dem was uns im Moment geboten wird, dann erkennt man recht schnell, dass auch in diesen recht sicheren Zeiten eine Absicherung da sein muss, mit der sich das Volk vor Tyrannei schützen kann. In Europa gibt es das (fast) nicht mehr.

So ganz "bezweifeln" muss man, wie Sie sagen,

dieses Argument sicher nicht,

schauen wir doch einmal genau hin, wer genau da bei uns bewaffnet ist: Eine Mischung aus konservativen Traditionalisten, Jägern, Schützenbrüdern, Burschenschaftlern, Militär- und Autoritätsfans, Rechtsextremen, Kriminellen, dazu ein Haufen leicht zu instrumentalisierender Menschen ohne Selbstwertgefühl,

für eine Miliz von auf-rechten Bürgern gegen alles, was sich mit dem Prädikat "Links" und "Fremd" versehen lässt, wie geschaffen.

Die NRA

Sie haben völlig recht, dass hinter der NRA eine breite Anhängerschaft steht, gerade auf dem Land und in den fly-over-states.

Sie hätten aber auch erwähnen sollen, dass sich die NRA gegen JEDE Regulierung stemmt. Egal ob Jagdwaffen ausgenommen sind - selbst die Minimallösung einer 24 Stunden "Abkühlperiode" um einen spontanen Waffenkauf zum sofortigen Einsatz zu verhindern war der NRA zuviel.

Wer glaubt solche Tragoedien durch ein Verbot von Waffen

verhindern zu koennen , macht es sich viel zu einfach. Wer glaubt, dass das Boese, das diese unvorstellbare Tat erst ermoeglicht hat, sich so einfach aus der Welt schaffen laesst ist mehr als naiv. Obwohl es schon immer Waffen zu hauf gab, scheint die Hauefung dieser Taten sowohl als auch die Wahl der Opfer in diesem Fall auf eine sehr viel andere Ursache hinzudeuten. Und obwohl es zu frueh ist darueber zu spekulieren, was diesen Menschen dazu getrieben hat, ist es sicher so dass es deutliche Warnzeichen gegeben hat, die ignoriert wurden. Und es ist sicher auch so, dass dieser Taeter nicht der Letzte war. In einer Gesellschaft, in der Gewalt, Drogen, Medikamentenmissbrauch und Sittenverfall staendig zunehmen und die "traditionelle" Familie als Auslaufmodell betrachtet wird, sollte man sich nicht darueber wundern. Die Polizei kann uns davor nicht schuetzen und kommt wie immer zu spaet. Und Politiker, die das ganze Jahr hindurch Klassenkampf predigen sind nicht glaubhaft, wenn sie jetzt sagen, dass "wir als Nation zusammenkommen muessen".

Das Böse

gibt es nicht. Was Sie meinen ist ein Vacuum des Guten. Wenn das Menschsein als Verantwortung für Gemeinschaft in einem ethischen Rahmen fehlt, dann regieren die Sozialprogramme unseres Affenkörpers.
Dieser Rückfall in unser Tierdasein ist nicht "böse", aber mit diesem genetisch fixierten tierischen Sozialverhalten kann die heutige entwickelte Menschengemeinschft nicht aufrecht erhalten werden.

Kultur der Gewalt

Wie kann ein offensichtlich geistesgestörter Mensch an solche Waffen kommen? Ganz einfach: Die USA haben kein grundsätzliches LegalwaffenBESITZproblem, sie haben ein Problem mit dem UMGANG mit Waffen! Aber wer gerne mal seine Soldaten in den Krieg schickt (Irak, Afghanistan, ...), der braucht auch eine kriegerisch eingestellte Bevölkerung.

In Kanada sind ähnlich viele Waffen (in Relation zur Einwohnerzahl) in der Bevölkerung vorzufinden, aber da gibt es solche Probleme nicht. Die Amerikaner sollten einen besonneneren Umgang mit Waffen anstreben, gepaart mit sinnvolleren Aufbewahrungs- und Besitzregelungen.

Ein Komplettverbot von Legalwaffen hilft jedoch nur den Illegalwaffenbesitzern. Siehe UK.