Weiße Rosen mit Bildern der getöteten Kinder in Newtown, Connecticut © John Moore/Getty Images

Einen Tag nachdem Adam Lanza an einer Grundschule in Connecticut zwanzig Kinder und sieben Erwachsene erschoss , veröffentlichte Liza Long einen Blogeintrag mit der Überschrift "Ich bin Adam Lanzas Mutter" . Long ist nicht wirklich die Mutter des Amokläufers. Aber sie hat einen dreizehnjährigen Sohn, der mit schweren psychologischen Störungen ringt. Immer wieder wird er gewalttätig, oder bedroht seine Eltern und Geschwister. Long fürchtet deshalb, dass er eines Tages eine ähnliche Untat wie Lanza begehen könnte. "Ich liebe meinen Sohn," schreibt sie. "Aber er versetzt mich in Angst und Schrecken."

Der Hintergrund: Auch Adam Lanza soll psychisch krank gewesen sein. Es heißt, er habe am Asperger-Syndrom gelitten, einer Form des Autismus, die allerdings normalerweise nicht mit Gewaltbereitschaft verbunden ist. Longs Blogeintrag traf dennoch einen Nerv. Innerhalb weniger Tage wurde er auf Facebook und Twitter massenhaft weiterverbreitet. Aber Long ging es nicht darum, ihre intimsten Ängste zu teilen. Vielmehr wollte sie eine Debatte über Amerikas Behandlung von psychisch Kranken lostreten. Denn im Umgang mit ihrem Sohn fühlt sie sich – so wie viele Amerikaner, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen – seit Langem alleine gelassen.

Das liegt zu einem großen Teil daran, dass für psychisch kranke Patienten in den USA immer weniger Geld zur Verfügung steht. Viele Krankenversicherungen bewilligen für psychische Leiden nur sehr begrenzte Mittel. Selbst viele Amerikaner, die sich eine reguläre Krankenversicherung leisten können, klagen deshalb über unzureichende Versorgung.

Tipp des Sozialarbeiters: den Sohn anzeigen

Weitaus schlimmer sieht es für die fast 50 Millionen Amerikaner aus, die überhaupt nicht krankenversichert sind. Sie müssen sich auf öffentliche Einrichtungen verlassen, die von den Bundesstaaten finanziert werden. Diese sind bestenfalls mittelmäßig – und schlimmstenfalls hoffnungslos überlastet. Vor wenigen Jahren stellte ihnen die National Alliance on Mental Illness (NAMI) ein "überwiegend miserables" Zeugnis aus.

Viele bedürftige Amerikaner bekommen deshalb erst dann fachmännische Hilfe, wenn sie aufgrund von Straftaten als Gefahr angesehen werden. So beschreibt Long, wie sie verzweifelt einen Sozialarbeiter um Beistand bat. Dieser aber riet ihr schlicht dazu, ihren Sohn anzuzeigen. Aus Erfahrung wusste er: "Wenn keine Straftat vorliegt, wird sich niemand um ihn kümmern."

Den Umgang mit psychisch Kranken haben die USA auf diese Weise immer mehr auf die Strafjustiz abgewälzt. Alleine zwischen 2000 und 2006 hat sich der Anteil von psychisch Kranken an der gesamten Gefängnisbevölkerung fast vervierfacht. Laut einer Studie des Treatment Advocacy Centers sitzen in den USA mittlerweile mehr von ihnen in Gefängnissen als in psychiatrischen Kliniken.