Diese Juden! Sie haben es schon wieder geschafft: die Deutschen in helle Aufregung zu versetzen.

Gerade ist das erste Buch des witzigen israelisch-amerikanischen ZEIT ONLINE-Kolumnisten Tuvia Tenenbom auf Deutsch erschienen, in dem er von seinen vielen lustigen Erfahrungen Allein unter Deutschen , wie der Titel es ausdrückt, berichtet.

Darin behauptet Tenenbom unverschämterweise, Antisemitismus in Deutschland gäbe es noch. Um dies zu beweisen besucht er sogar einen Neonazi-Treff in Neumünster : Stimmt auch, dort trifft er auf Neonazis.

Die Empörung über Allein unter Deutschen ist seltsam groß. Man könnte fast meinen, dieser Vorwurf wäre in Deutschland zum ersten Mal laut geworden. Dabei marschieren die Neonazis jedes dritte Wochenende durch eine peinlich berührte Großstadt, in zwei Landtagen sitzt die NPD und jedes Mal, wenn der Nobelpreisträger Günter Grass ein Gedicht über Israel schreibt , schreit jemand "Antisemitismus". Richtig neu ist das Thema nicht.

Warum dann die Aufregung?

Es ist ja nicht so, dass Tenenbom behauptet, es gäbe Antisemitismus nur in Deutschland. Im Gegenteil, wer seine Kolumne liest, weiß, dass ihm dergleichen fast überall begegnet. Auch in Amerika ist dies neben anderen Formen von Rassismus weit verbreitet. Der Ku-Klux-Klan, die American Nazi Party, die Aryan White Resistance sind alle Antisemiten; Verlage wie Institute for Holocaust Review und Noontide Press verbreiten eifrig entsprechende Verschwörungstheorien.

Ich kann mir sogar vorstellen, dass es vergleichsweise weniger Antisemitismus und Rassismus in Deutschland gibt: Erstens betreiben die Deutschen immer wieder so viel staatsfinanzierte Öffentlichkeitsarbeit für Toleranz, dass mehrere große Werbeagenturen allein davon leben können, zweitens haben wir Amis auch mehr Ethnien insgesamt und auch – da könnt ihr wirklich nur neidisch sein – mehr Juden. (Wäre es antisemitisch zu sagen, das ist eines der Geheimnisse unseres Erfolges?)

Doch während die Amerikaner mit den Schultern zucken und sagen, "Ja, Rassismus ist schlimm, da muss man wirklich was tun, und was gibt’s heute zu Essen?", erstarren die Deutschen wie das Kaninchen vor der Schlange.

In den USA macht sich kein Mensch wirklich vor, dass eine Welt ohne jede Art von Rassismus möglich ist. Wir sind ein Land von Einwanderern und wir wissen: Frieden und Harmonie ist was für die Titelstorys auf einem Flugblatt der Zeugen Jehovas.

Auf Hawaii , wo ich aufgewachsen bin, gibt es nur Minderheiten. Die Weißen, die Chinesen und die Japaner machen jeweils rund 25% der Bevölkerung aus. Dazu kommen noch die Native Hawaiians, die Schwarzen, die Portugiesen… Wer ist da die Mehrheit? Ich hatte kein Problem damit, ab und zu auf die ahnungslosen Haoles zu schimpfen – obwohl ich mit meiner weißen Haut selber einer war.

"Deutsch" bedeutet in Deutschland immer noch "weiß"

Aber: Uns Amis wird es recht schwer gemacht, andere auszuschließen. Wir würden dem Juden, Inder, Vietnamesen, Latino ja gerne sagen: "Du bist keiner von uns", aber dann zückt er seinen Pass und sagt: "doch". Wir können ihn weiterhin hassen, aber tief im Herzen wissen wir: Wir hassen einen Ami.

In Deutschland ist das genau umgekehrt.

Ab und zu sitze ich mit ein paar Ausländern zusammen: Meist Türken, ab und zu ein Japaner, eine Chinesin oder ein Schwarzafrikaner. Wir sprechen natürlich über "Ausländer in Deutschland", was sonst? Dann und wann wird auch gemeckert, es gäbe immer noch Ausländerfeindlichkeit hier.

Dabei bin ich der einzige Ausländer am Tisch. Alle anderen sind deutsche Staatsangehörige. Nur, sie haben eine andere Hautfarbe. Im Deutschen gibt es kein Wort für "Deutscher mit anderer Hautfarbe". Die Definition von "deutsch" bedeutet immer noch "weiß" und "eine lange ortsgebundene Genealogie ohne Römer und andere Spinner". Auch wer die deutsche Staatsangehörigkeit annimmt, ist noch lange kein "Deutscher". Nicht für die Deutschen.

Anders in den USA: "Amerikaner" bedeutet einfach "Besitzer eines amerikanischen Passes". Sagt man dort, "er ist schwarz", meint man, "er ist ein schwarzer Amerikaner". Ich sage oft, ich sei "schwedisch". In Amerika fragt keiner, wie es mir in Amerika gefällt. Sie wissen, ich bin Amerikaner mit schwedischen Vorfahren.

Im Deutschen gibt es "Mitbürger mit Migrationshintergrund", aber das bedeutet eigentlich nur "nicht deutsch". Egal, wie tolerant die Deutschen sein wollen (und sie geben sich wirklich Mühe, man muss schon sagen) werden nicht-weiße Deutsche ohne deutsche Genealogie hier immer "Ausländer" sein. Es liegt nicht am Willen, es liegt am Vokabular. Tief im Herzen wissen die Deutschen immer, es gibt nur zwei Arten von Menschen auf der Welt: Wir und sie. Deswegen trifft es sie so, wenn irgendsoein amerikanischer Jude das offen ausspricht.

Das wird sich wohl erst in Zukunft ändern, wenn die zusammenwachsende Europäische Union die Grenzen zwischen den Nationalitäten verwischt. Irgendwann wird es reichen, genau wie in Amerika, einen europäischen Pass zu besitzen, und schon gehört man dazu. Dann kann man sagen, "Scheiß-Türke", "Scheiß-Jude" und "Scheiß-Deutscher", und man wird zwangsläufig damit meinen: "Auch du bist einer von uns."