AntisemitismusImmer diese Juden!

Das Buch von Tuvia Tenenbom sorgt für Aufregung – bloß weil Tenenbom (auch) über Antisemitismus in Deutschland schreibt. Und unser Kolumnist Eric T. Hansen wundert sich. von 

Der Schriftsteller Tuvia Tenenbom auf einer Pressekonferenz in Berlin

Der Schriftsteller Tuvia Tenenbom auf einer Pressekonferenz in Berlin  |  © Johannes Eisele/AFP/Getty Images

Diese Juden! Sie haben es schon wieder geschafft: die Deutschen in helle Aufregung zu versetzen.

Gerade ist das erste Buch des witzigen israelisch-amerikanischen ZEIT ONLINE-Kolumnisten Tuvia Tenenbom auf Deutsch erschienen, in dem er von seinen vielen lustigen Erfahrungen Allein unter Deutschen , wie der Titel es ausdrückt, berichtet.

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Darin behauptet Tenenbom unverschämterweise, Antisemitismus in Deutschland gäbe es noch. Um dies zu beweisen besucht er sogar einen Neonazi-Treff in Neumünster : Stimmt auch, dort trifft er auf Neonazis.

Die Empörung über Allein unter Deutschen ist seltsam groß. Man könnte fast meinen, dieser Vorwurf wäre in Deutschland zum ersten Mal laut geworden. Dabei marschieren die Neonazis jedes dritte Wochenende durch eine peinlich berührte Großstadt, in zwei Landtagen sitzt die NPD und jedes Mal, wenn der Nobelpreisträger Günter Grass ein Gedicht über Israel schreibt , schreit jemand "Antisemitismus". Richtig neu ist das Thema nicht.

Warum dann die Aufregung?

Eric T. Hansen

Eric T. Hansen ist Amerikaner, Buchautor (Planet Germany) und Satiriker, der sein halbes Leben in Deutschland lebte, heute in Berlin. Sein aktuelles Buch ist Die ängstliche Supermacht: Warum Deutschland endlich erwachsen werden muss. Auf ZEIT ONLINE erklärt er einmal in der Woche die Eigenheiten seiner Heimat – und der Deutschen.

Es ist ja nicht so, dass Tenenbom behauptet, es gäbe Antisemitismus nur in Deutschland. Im Gegenteil, wer seine Kolumne liest, weiß, dass ihm dergleichen fast überall begegnet. Auch in Amerika ist dies neben anderen Formen von Rassismus weit verbreitet. Der Ku-Klux-Klan, die American Nazi Party, die Aryan White Resistance sind alle Antisemiten; Verlage wie Institute for Holocaust Review und Noontide Press verbreiten eifrig entsprechende Verschwörungstheorien.

Ich kann mir sogar vorstellen, dass es vergleichsweise weniger Antisemitismus und Rassismus in Deutschland gibt: Erstens betreiben die Deutschen immer wieder so viel staatsfinanzierte Öffentlichkeitsarbeit für Toleranz, dass mehrere große Werbeagenturen allein davon leben können, zweitens haben wir Amis auch mehr Ethnien insgesamt und auch – da könnt ihr wirklich nur neidisch sein – mehr Juden. (Wäre es antisemitisch zu sagen, das ist eines der Geheimnisse unseres Erfolges?)

Doch während die Amerikaner mit den Schultern zucken und sagen, "Ja, Rassismus ist schlimm, da muss man wirklich was tun, und was gibt’s heute zu Essen?", erstarren die Deutschen wie das Kaninchen vor der Schlange.

In den USA macht sich kein Mensch wirklich vor, dass eine Welt ohne jede Art von Rassismus möglich ist. Wir sind ein Land von Einwanderern und wir wissen: Frieden und Harmonie ist was für die Titelstorys auf einem Flugblatt der Zeugen Jehovas.

Auf Hawaii , wo ich aufgewachsen bin, gibt es nur Minderheiten. Die Weißen, die Chinesen und die Japaner machen jeweils rund 25% der Bevölkerung aus. Dazu kommen noch die Native Hawaiians, die Schwarzen, die Portugiesen… Wer ist da die Mehrheit? Ich hatte kein Problem damit, ab und zu auf die ahnungslosen Haoles zu schimpfen – obwohl ich mit meiner weißen Haut selber einer war.

Leserkommentare
  1. "Ein Türke, ein Grieche und jede(!) andere Nationalität darf stolz sein, soll sogar."

    So viele Jahre meines Lebens habe ich vergeudet, weil ich diese einfache und weitläufig verbreitete Wahrheit nicht verstanden habe, aber vielleicht bekomme ich nun endlich Aufklärung. Jedes Mal, wenn ich einen Türken, Griechen oder etwa Deutschen sagen höre, "Ich bin Türke/Grieche/Deutsche und stolz darauf!", denke ich mir bestenfalls "Hä?" und schlimmstenfalls "Bleib mir bloß vom Leib...", aber meistens beides zusammen.

    Also, worauf genau sollte ein Türke, ein Grieche und jede andere Nationalität stolz sein, und aus welchem Grund?

    Antwort auf "EU-Jünger"
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    • Medley
    • 19. Dezember 2012 17:33 Uhr

    "Also, worauf genau sollte ein Türke, ein Grieche und jede andere Nationalität stolz sein, und aus welchem Grund?"

    Warum kann man eigentlich nur stolz sein auf das, was man selbst als positiven Leistungen erbracht hat? Wenn man jemanden auf der Strasse fragen würde, "Sind sie stolz auf ihre Eltern, ihre Kinder oder ihren Lebenspartner?", also, dann möchte ich mal denjenigen sehen, der dann sagte: "Nö, ich bin nur ganz allein auf mich und meine Leistungen stolz." Na, aber hallo! Warum kann man nicht auch auf die Leistung eines anderen Menschen, der zu einem gehört, oder einer Gruppe, der man (selbst)angehört, stolz sein?" Wenn die deutsche Nationalmannschaft ein Tor schießt, ziehen sie dann etwa ein Gesicht und sagen: "Nö. Jubeln? Nö, das mag ich nicht, weil, das war ja nicht meine Leistung. Ein anderer hat ja dieses Tor geschossen". Also wirklich!

    Vielleicht liegt es wirklich an der Wahrnehmung. Der stolze Mensch an sich ist nicht der, welcher eine (seine) Fahne schwenkt, andere Farben ablehnt oder gar bekämpft.

    Vielleicht zeugt Ihre Angst also vom Missbrauch des eigentlichen Begriffs.

    Stolz - nicht der, den man politisiert und instrumentalisiert - ist keine Haltung, die Toleranz und Offenheit ausschließt. Und, wie der Vorredner schon anfügte, selbstverständlich kann man auch auf mehr als sich selbst stolz sein.

    Im Grunde zeugt dies sogar von einer tieferen Verbindung zum jeweiligen Gut. Man interessiert sich dafür, was aus dem Umfeld, der Gemeinschaft oder eben der Nation wird.

    Das muss keiner "Wir sind Europa"-Bestrebung widersprechen, im Gegenteil. Eher täte dies die totale Aufgabe der jeweiligen Wurzeln oder die Gleichgültigkeit diesen gegenüber.

    Vielleicht lassen wir uns den Begriff Stolz einfach zu oft diktieren und - als Deutsche - immer mit einer Warnung versehen. Abziehbilder inklusive. Dabei ist es auch der Stolz, der getroffen wird, wenn Volksvertreter die Demokratie der Bundesrepublik Deutschland aufweichen und im Sicherheits- und Regulierungswahn befehlen.

    Mir sind stolze europäische Nationen lieber als gleichgültige Weltbürger, die sich von der EU-Zentralregierung vorschreiben lassen, welche Birnen sie in die Fassung schrauben dürfen und die nur an Hand eines vom Autor beschrieben Passes ausmachen können, ob sie nun zusammen spielen oder nicht. Leere Hüllen.

  2. Die israelische Politik mögen hier im Land auch viele nicht.
    Es gibt solche und solche, da muß man schon unterscheiden.

    Ich war in der Kantine, da schimpft ein deutscher Kollege, dass er Juden nicht mag, und er weiß nicht, dass eine Jüdin mit am Tisch sitzt, die er aber gern mag.
    Viele Juden und Jüdinnen leben so unter uns, und sie verschweigen sogar ihren Freunden, dass sie Juden sind.
    Jude oder Jüdin zu sein, ist auch mehr, als nur einer Religion anzugehören, aber wir wissen auch nicht, was der Unterschied genau bedeutet.
    Das hat mir noch nie ein Jude oder eine Jüdin erklären wollen.

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    • Medley
    • 19. Dezember 2012 14:17 Uhr

    "GoldmanSachs"? Wer sagt ihnen denn, das GoldmanSachs jüdisch ist? Okay, sie meinen es nicht negativ, aber kennen sie die heutige Aktionärsstruktur der Bank und ihrer Mitarbeiter so genau, dass sie GoldmanSachs als jüdisch verorten können? Okay, ich weiß, sie meinen es nicht so. Aber andere tun es halt meinen, weshalb sie dehalb ja auch eben diese Bank als Beispiel zitieren.

    "Jude oder Jüdin zu sein, ist auch mehr, als nur einer Religion anzugehören, aber wir wissen auch nicht, was der Unterschied genau bedeutet."
    Ist das sowas wie
    "Deutsch zu sein, ist mehr, als nur einem Volk anzugehören"?
    Dann könnte ich ja drüber lachen.

    Vielleicht will man ihnen einfach nicht erklaeren was es bedeutet jude zu, ich wuerde es ihnen nicht erklaeren wollen.

    • Medley
    • 19. Dezember 2012 14:07 Uhr

    "Egal, wie tolerant die Deutschen sein wollen, werden nicht-weiße Deutsche ohne deutsche Genealogie hier immer "Ausländer" sein."

    Ja. Stimmt! Ist ein Migrant in Deutschland integriert, wenn er perfekt deutsch spricht? Ist er integriert, wenn er auf einer deutschen Schule das Abitur gemacht hat? Ist er integriert, wenn er unsere abendländische Leitkultur lebt? Ist er integriert, wenn er das deutsche Grundgesetz für die beste Verfassung der Welt hält? Ist er intergriert, wenn er leidenschaftlich gerne im Ersten die "Lindenstrasse" sieht? Ist er integriert, wenn er einer versicherungspflichtigen Beschäftigung nachgeht? Ist er integriert, wenn er Lederhosen trägt? Ist er integriert, wenn er gerne Sauerkraut und Bratwurst isst? Ist er integriert, wenn er schwäbelt, bajuwart oder berliniert? Nein. Er ist erst wirklich integriert, wenn er einen mänlichen oder weiblichen "Native German" geheiratet hat. Dann ist er Teil der Familie. Und das nicht nur in Deutschland, nein, sondern überall in Europa oder auch in Asien(Korea, Japan, usw.), also in prakisch allen Ländern, die keine expliziten Einwanderungsstaaten sind oder waren. "Volk", dass bedeutet fast überall auf der Welt, "Wir sind am Ende alle, -wenn auch über 35 Ecken- miteinander verwandt." Und solange man nicht in diese Gemeinschaft eingeheiratet hat, solange ist man "fremd". Das habe ich nicht erfunden, das kann einem passen oder nicht, dass ist halt so auf dieser Welt und das lässt sich so schnell auch nicht ändern.

  3. 28. lol..

    hab mir das auch mal gedacht. Jüdischer Humor ist wirklich eine Marke, so wie englischer Humor. Um das zu begreifen muss man sich aber eben mal mit jüdisch/amerikanischem Humor aussetzen. Zum Glück gibts youtube;p

    Antwort auf "Funny"
    • Medley
    • 19. Dezember 2012 14:17 Uhr

    "GoldmanSachs"? Wer sagt ihnen denn, das GoldmanSachs jüdisch ist? Okay, sie meinen es nicht negativ, aber kennen sie die heutige Aktionärsstruktur der Bank und ihrer Mitarbeiter so genau, dass sie GoldmanSachs als jüdisch verorten können? Okay, ich weiß, sie meinen es nicht so. Aber andere tun es halt meinen, weshalb sie dehalb ja auch eben diese Bank als Beispiel zitieren.

  4. scheint mir da aber bei Ihnen auch vorhanden.

    Antwort auf "Jaja, die Anpassung..."
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    • Ndeko
    • 19. Dezember 2012 16:18 Uhr

    nur leider hat der Kommentator diese Mauer nicht selbst aufgebaut und Sie dürfen mir glauben, dass er diese Mauer auch nicht wollte, denn es kann recht einsam sein auf seiner Seite.

  5. Haben sie gedrückt?
    Ihr Beitrag ist so hemmungslos überzogen, dass er als "schlicht falsch" durchgeht.

    Antwort auf "Schulbank drücken!"
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    ... wollen, aber sich mit der "deutschen" Geschichte nicht auskennen.
    Bin für verpflichtenden Nationalgeschichtstest für "Volksdeutsche" - wer sich nicht auskennt, fliegt 'raus. Gene hin oder her. Könnte schwierig sein, danach ein Einwanderungsland zu finden, aber das wäre dann kein "deutsches" Problem mehr.
    Oder vielleicht ein Zwangsgentest für Unbelehrbare? Der könnte einige in Erklärungsnot gegenüber ihren "Volksgenossen" bringen.
    Da sieht man mal, welche Auswirkungen die Kulturhoheit der Länder auf die "Volksbildung" hat ...

  6. #Das wird sich wohl erst in Zukunft ändern, wenn die zusammenwachsende Europäische Union die Grenzen zwischen den Nationalitäten verwischt. #

    "Was da wohl in Zukunft" sein wird, dass weiss ich nicht. Aber es verstößt ganz klar gegen alles, was ich will. Ich will keinen "europäischen" Pass. Mir ist dieser schon zu europäisch. Hier wird eine Nation einfach so mit Tricks durch die Hintertür abgeschafft. Für sowas muss man das Volk fragen, aber dazu sind die Politiker ja zu feige. Der Gabriel hatte sich gerade über Horst Seehofer mokiert, weil der für "Volksbefragungen" beim übertragen von weiteren Souverenitätsrechten ist und der Gabriel solche Dinge "wohl" lieber sich selbst und seiner Allmacht, statt dem Volke gönne. Diese ganze Sache wird über unseren Köpfen entschieden und genau das wird das Ende der EU sein, denn wo kein Volk wählt, da ist es auch nicht gebunden. Und deshalb sehe ich ziemlich schwarz für "wohl erst in Zukunft"!

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    Guter Beitrag. Richtig: Nationalitäten kann man nicht "verwischen". Wie denn? Sprachen verbieten? Mischehen verordnen?

    Und warum sollte man Nationalitäten verwischen? Ich liebe diese Vielfalt und die nationalen Eigenheiten.

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