Die Taube scheint nicht wahrhaben zu wollen, dass die Spritze ungenießbar ist, die sie gerade anpickt. Auf manchen Straßen im Zentrum von Athen liegt mindestens eine Spritze pro Quadratmeter. Mehr als 20.000 Athener sind seit Ausbruch der Krise obdachlos geworden und etwa ein Viertel von ihnen sucht Halt im gemeinsamen Rausch.

Obdachlose, Drogenabhängige, Bettler gehören zu jeder Großstadt. Doch in Athen ist das Zentrum inzwischen fest in der Hand der "neuen Obdachlosen". Viele von ihnen haben sich mit dem HI-Virus infiziert. Wer auf der Straße landet, kein Geld hat und mit Drogen in Kontakt kommt, hat oft keine Kraft mehr, nach einer frischen Spritze zu suchen und teilt sich entweder eine Injektionsnadel oder bedient sich vom Bürgersteig.

Es ist Freitag 13 Uhr. Im "Drogenhaus", wie die Einrichtung der Hilfsorganisation Okana genannt wird, haben die Drogenabhängigen aufgegessen, es gab belegte Brötchen mit Salami. Nur Vassilis und Minas sitzen noch in dem bunten Foyer, das aussieht wie aus einem IKEA-Katalog. Vassilis ist 38 Jahre alt, Analphabet und gebürtiger Athener. Irgendwo im Norden der Hauptstadt sitzt seine 16-jährige Tochter allein zu Haus. Er kann sich nicht um sie kümmern, denn er ist oft so zugedröhnt, dass er sich nicht mehr an den Weg nach Hause erinnert. Probleme hat er selbst genügend: "Vor drei Monaten habe ich erfahren, dass ich HIV-positiv bin", flüstert er, "ich wollte sterben".

Staatliche Hilfen für Drogensüchtige wurden gestrichen

Während die Zahl der Infektionen unter homo- und bisexuellen Männern in Athen leicht zurückgeht, explodiert sie unter den Drogenabhängigen. Im Jahr 2011 stieg die Zahl der drogenbedingten HIV-Neuinfektionen um 1.600 Prozent. Wurden vor der Krise jedes Jahr gerade mal zehn bis fünfzehn Neuinfektionen durch Drogenkonsum registriert, waren es im Jahr 2011 plötzlich 241 neue Fälle, im Jahr 2012 werden es deutlich mehr als 500 sein.

Angelos Hatzakis ist Professor für Epidemiologie an der Universität von Athen. Über seine Kontakte in das Gesundheitsministerium hat Hatzakis eine Millionen Euro aus EU-Fördergeldern akquiriert, um eine Studie zur Verbreitung von HIV im Großraum Athen durchzuführen: "Es gibt eine eindeutige Korrelation zwischen Obdachlosigkeit, Drogenkonsum und HIV-Infektionen." Die Wahrscheinlichkeit, dass Obdachlose am Virus erkranken, ist 33 Prozent höher als für die restliche Bevölkerung.

Im Zentrum von Athen sind die meisten Obdachlosen auf sich allein gestellt, denn staatliche Beihilfen, gesundheitliche Aufklärung und Versorgung wurden in Griechenland rigoros gestrichen.

Vassilis besitzt ein Haus, das er nun nicht mehr findet. Vor der Krise hat er hier und dort als Tagelöhner, in Speditionen, auf Baustellen gearbeitet und schoss sich ab und zu eine Dosis Heroin in die Vene. Seit zwei, drei Jahren, erzählt er, muss er sich für seine Sucht die nötigen fünfzehn Euro pro Tag zusammenbetteln. Zuerst fand er keine Arbeit mehr, dann landete er auf der Straße, stieg auf billigeren Stoff um und fing an, sich diesen zwei, drei Mal am Tag zu spritzen. Auch das eine von vielen Erklärungen für die steigende Infektionsrate: Wer sich öfter am Tag eine Dosis verabreicht, hat auch mehr Gelegenheiten, sich zu infizieren.

"Wenn ich meinem Dealer drei neue Kunden vermittle, bekomme ich eine Ration gratis"

Minas, der neben Vassilis sitzt, hat seit einer Stunde nichts gesagt. Seine Augen sind nur halb offen, er wirkt abwesend, schlummert vor sich hin. Vassilis rüttelt seinen Kollegen wach, verabschiedet sich und macht sich auf, seine Nachmittagsdosis zu organisieren. Minas ist ein schlaksiger junger Mann, 30 oder 31 Jahre alt, so genau weiß er es nicht. Wenn er spricht, riecht es nach scharfer Salami. Er kratzt sich immer wieder an den zahlreichen blutigen Wunden in seinem Gesicht.

Unweit vom Drogenhaus hat Minas die letzte Nacht verbracht, auf einem Gitter am Eingang einer Filiale der Eurobank. Er hat die schlechte Nachricht Weihnachten vor einem Jahr erfahren. Auch er wollte sich daraufhin das Leben nehmen . Während er erzählt, braut er sich eine Dosis in einem kleinen Schälchen. "Wenn ich meinem Dealer drei neue Kunden vermittle, bekomme ich eine Ration gratis", erzählt er. Andere verdienen ihr Geld mit Prostitution. Ungeschützter Sex bringt dabei ein paar Euro mehr ein, was das Infektionsrisiko weiter steigen lässt.

Drei bis vier Jahre warten auf den Therapieplatz

Dr. Hatzakis von der Universität Athen hat herausgefunden, dass es im Zentrum der griechischen Hauptstadt vier Subgruppen des HIV-Virus gibt. Eine davon sei eindeutig auf einen "Patient Zero" zurückzuführen: auf einen afghanischen Flüchtling, der es mitgebracht hat. In die Pressemitteilung zur Studie hat es diese Information nicht geschafft: "Wir haben mit den Neonazis in Griechenland schon genug Probleme, das wäre nur noch mehr Futter für die Propaganda der 'Goldenen Morgenröte'", erklärt der Professor seine Entscheidung. Unter den vielen neuinfizierten Obdachlosen sind zwar nur fünfzehn Prozent Migranten, wer aber als Flüchtling auf den Straßen Athens landet, ist nahezu automatisch dem HI-Virus ausgesetzt.

Der Grieche Minas teilt sich das Zentrum von Athen gerne mit seinen Freunden aus Afghanistan , Pakistan und Syrien , wie er beteuert. Wenn die Polizei wieder eine Säuberungsaktion durchführt, versucht er "den Afghanen" zu erklären, was die Polizisten vorhaben und zieht mit ihnen zur nächsten Straßenecke weiter. Zum Abschied hält Minas seinen neuen Personalausweis in der Hand, den er mithilfe der Organisation Okana bekommen hat. Bevor die Sozialarbeiter das Passbild geschossen haben, haben sie Minas gründlich gewaschen, seine Haare ordentlich gekämmt: "Schau! Ich sehe eigentlich ganz gut aus", scherzt er.

Das Stück Plastik ist auch ein Stück Hoffnung, nämlich der erste Schritt, um sich für einen Therapieplatz zu bewerben. Die Wartezeit dafür beträgt allerdings drei bis vier Jahre. Wer keine Medikamente nimmt, um das Virus im Körper einzudämmen, wird es weiter auf den Straßen von Athen verbreiten.