Minas, der neben Vassilis sitzt, hat seit einer Stunde nichts gesagt. Seine Augen sind nur halb offen, er wirkt abwesend, schlummert vor sich hin. Vassilis rüttelt seinen Kollegen wach, verabschiedet sich und macht sich auf, seine Nachmittagsdosis zu organisieren. Minas ist ein schlaksiger junger Mann, 30 oder 31 Jahre alt, so genau weiß er es nicht. Wenn er spricht, riecht es nach scharfer Salami. Er kratzt sich immer wieder an den zahlreichen blutigen Wunden in seinem Gesicht.

Unweit vom Drogenhaus hat Minas die letzte Nacht verbracht, auf einem Gitter am Eingang einer Filiale der Eurobank. Er hat die schlechte Nachricht Weihnachten vor einem Jahr erfahren. Auch er wollte sich daraufhin das Leben nehmen . Während er erzählt, braut er sich eine Dosis in einem kleinen Schälchen. "Wenn ich meinem Dealer drei neue Kunden vermittle, bekomme ich eine Ration gratis", erzählt er. Andere verdienen ihr Geld mit Prostitution. Ungeschützter Sex bringt dabei ein paar Euro mehr ein, was das Infektionsrisiko weiter steigen lässt.

Drei bis vier Jahre warten auf den Therapieplatz

Dr. Hatzakis von der Universität Athen hat herausgefunden, dass es im Zentrum der griechischen Hauptstadt vier Subgruppen des HIV-Virus gibt. Eine davon sei eindeutig auf einen "Patient Zero" zurückzuführen: auf einen afghanischen Flüchtling, der es mitgebracht hat. In die Pressemitteilung zur Studie hat es diese Information nicht geschafft: "Wir haben mit den Neonazis in Griechenland schon genug Probleme, das wäre nur noch mehr Futter für die Propaganda der 'Goldenen Morgenröte'", erklärt der Professor seine Entscheidung. Unter den vielen neuinfizierten Obdachlosen sind zwar nur fünfzehn Prozent Migranten, wer aber als Flüchtling auf den Straßen Athens landet, ist nahezu automatisch dem HI-Virus ausgesetzt.

Der Grieche Minas teilt sich das Zentrum von Athen gerne mit seinen Freunden aus Afghanistan , Pakistan und Syrien , wie er beteuert. Wenn die Polizei wieder eine Säuberungsaktion durchführt, versucht er "den Afghanen" zu erklären, was die Polizisten vorhaben und zieht mit ihnen zur nächsten Straßenecke weiter. Zum Abschied hält Minas seinen neuen Personalausweis in der Hand, den er mithilfe der Organisation Okana bekommen hat. Bevor die Sozialarbeiter das Passbild geschossen haben, haben sie Minas gründlich gewaschen, seine Haare ordentlich gekämmt: "Schau! Ich sehe eigentlich ganz gut aus", scherzt er.

Das Stück Plastik ist auch ein Stück Hoffnung, nämlich der erste Schritt, um sich für einen Therapieplatz zu bewerben. Die Wartezeit dafür beträgt allerdings drei bis vier Jahre. Wer keine Medikamente nimmt, um das Virus im Körper einzudämmen, wird es weiter auf den Straßen von Athen verbreiten.