Kritiker bemängeln, es fehle den Behörden an Ressourcen und Erfahrung, um ernsthaft durchzugreifen. Mit den Inspektionen etwa kommen sie kaum hinterher: Seit September 2011 sind gerade 26 Häuser geschlossen worden – auch, weil niemand weiß, wo die Kinder stattdessen unterkommen sollen. Zudem beziehen sich die neuen Regeln nur auf Vermittlungen ins Ausland – den geschätzten 250.000 bis 500.000 Kindern, die auf der Halbinsel gegen Geld als Hausdiener an wohlhabende Familien weitergereicht werden, werde damit nicht geholfen, sagt Pressoir. 

Er will das Problem selbst angehen. Derzeit laufen die Pläne für ein neues Heim, das 600 Waisen und Halbwaisen ein Zuhause geben soll. Im nächsten Jahr, so hofft er, sollen die ersten zwei Millionen Dollar bereitstehen. 

"Es soll ein Platz sein, an den ich auch meine eigenen Kinder schicken würde", sagt Pressoir. Das Besondere: Die Kinder sollen zwar adoptiert werden, aber im Land bleiben. Paare oder Gruppen aus den USA , Frankreich , Deutschland sollen den Kindern den Platz in der "Akademie" finanzieren, rund 300 Dollar im Monat. Denn wenn die Kinder reihenweise ins Ausland vermittelt würden, sei das nicht nur für sie schwierig. "Es ist auch ein Problem für Haiti und unsere Zukunft." Eines Tages sollen aus den Waisenkindern bei Pressoir Architekten, Ingenieure oder Agrarwissenschaftler werden. Lehrer aus der Diaspora sollen die Kinder unterrichten.

5.000 Schulen wurden zerstört, das Bildungssystem ist kaum existent

In Haiti sind gute Lehrkräfte schwer zu finden, seit zahlreiche Akademiker in den Jahren der Militärregierung von François Duvalier zwischen 1957 und 1971 das Land verlassen haben und der Nachwuchs ausbleibt. Das Schulsystem zählt heute zu den schlechtesten der Welt, das zuständige Ministerium ist mit der Aufsicht und Finanzierung der öffentlichen Schulen überfordert. Von der gesetzlich festgeschriebenen freien Ausbildung für alle ist nichts zu sehen. Nur 53 Prozent aller Haitianer über 15 Jahre können lesen und schreiben. 

Der Privatsektor hat die Ausbildung übernommen, doch einheitliche Standards und Lizenzvergaben sucht man vergebens, vielen Einrichtungen fehlt es an Büchern, fließendem Wasser oder Toiletten. Das Erdbeben hat fast 5.000 Schulen zerstört, um sie wieder aufzubauen, fehlt das Geld.

Auch Josue Pamphile träumt davon, mit seinem Heim in ein neues, größeres Gebäude zu ziehen. Eine Schule soll dazu gehören, mehrere Schlafsäle, richtige Toiletten – und ein großer Tisch, um daran zu essen. Er zeigt den Bauplan für das neue Gebäude der Fondation Manmie Doune. Das Land in Jacmel im Süden von Haiti ist schon da, doch ob die Pläne jemals umgesetzt werden, steht in den Sternen. Nicht nur die Mittel fehlen, auch die Firma hinter den Plänen hat weder Genehmigung noch Lizenz zum Bau.