Inselstaat in NotHaiti, das Land der Waisenkinder

Zehntausende Kinder in Haiti leben in Heimen. Ihre Betreuer wollen sie in der Heimat halten, doch das illegale Adoptionsgeschäft blüht. von 

Es ist Mittag, doch Tageslicht dringt kaum in die Räume. Strom gibt es nicht, die durchgelegenen Matratzen auf den Metallbetten sind nur schemenhaft zu erkennen. Wenige Meter neben der offenen Toilette bereitet Emilienne Pamphile das Essen vor. Es gibt Reis mit Bohnen und Huhn, gekocht wird über offenem Feuer, gegessen auf dem Boden. Für die Kinder der Fondation Manmie Doune im Außenbezirk der Hauptstadt Port-au-Prince ist dieser Ort die einzige Zuflucht, die sie haben. 

Tausende hätten nach dem Beben vom Januar 2010 einfach auf der Straße gelebt, weil die Eltern ums Leben gekommen seien, erzählt Josue Pamphile, der Leiter von Manmie Doune. Viele, die überlebten, geben auch heute ihre Kinder noch weg, weil sie bereits vier oder fünf haben. Sie können sich die Schulausbildung nicht leisten oder hoffen, dass ihre Kinder zumindest eine warme Mahlzeit am Tag bekommen. In den Notlagern ist auch zu wenig Platz. Edouardo Valcin ist sieben Monate alt. Seine Mutter starb nach der Geburt, sein Vater ist niemandem bekannt. Pamphile fand ihn vor dem Haus in einem Karton. 

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Heute leben mindestens 30.000 Kinder in den Waisenhäusern von Haiti , manche schätzen die Zahl auf 50.000. Mal sind es große, gut ausgestattete Institutionen mit internationaler Hilfe; doch viel häufiger findet man kleine Einzimmer-Herbergen, denen es am Nötigsten fehlt. Viele Heime wurden vom Beben zerstört, neue wurden in aller Eile aus dem Boden gestampft.

Auch das Kinderheim von Pamphile musste in Port-au-Prince neu anfangen, weil das alte Gebäude im südlichen Cayes das Beben nicht überstanden hatte. Seit die wohlhabende Spanierin, die das Haus in den ersten Jahren unterstützt hatte, durch die Katastrophe ums Leben kam, ist es auch für das Kinderheim von Pamphile eng geworden. "Das Erdbeben hat uns zerstört", sagt er. Die elf Mitarbeiter arbeiten ehrenamtlich, Geld- und Sachspenden kommen nur von Privatleuten. "Wir müssen viele Kinder ablehnen." Hilfe von der haitianischen Regierung oder internationalen Organisationen bekommt er nicht. "Sie interessieren sich für kleine Einrichtungen wie unsere doch gar nicht", sagt Pamphile. Jetzt hängen die Hoffnungen am deutschen Verein ManmieDoune HELP for Haiti. Ab Februar soll er Gelder sammeln und Helfer entsenden. 

Einzelne versuchen den Kindern mit neuen Heimen zu helfen

Die chronischen Probleme von Haitis Sozialsystem hat das Beben auf die Spitze getrieben. Viele Kinder, deren Herkunft ungeklärt war oder deren Papiere fehlten, wurden ins Ausland vermittelt, Adoptionsverfahren innerhalb weniger Tage abgeschlossen. Dabei war oft nicht klar, ob die Eltern noch leben. Geschätzte 80 Prozent aller Kinder in Waisenheimen haben mindestens noch einen lebenden Elternteil. Immer wieder gab es Berichte von Menschenhandel.

Zudem ist ein Großteil der Einrichtungen nicht offiziell genehmigt, lange war selbst die ungefähre Zahl der Waisenhäuser nicht bekannt. Das habe Missbrauch leicht gemacht, sagen die Verantwortlichen des Kinderhilfswerks Unicef . Aufgehalten habe das niemanden, denn das System sei mit seinen Waisen überfordert und auf Adoptionen angewiesen, erzählt Lionel Pressoir. "In den Wochen nach dem Beben sind ganze Flugzeugladungen voller Kinder ausgeflogen worden."

Der Haitianer hat nur wenige Minuten vom Flughafen entfernt ein eigenes Kinderheim gegründet. Gleich nach dem Beben habe er eine Großmutter mit sieben Enkeln getroffen, die alle auf einen Schlag zu Waisen geworden waren. "Ich saß dort, schaute diese alte Frau an und wusste, ich musste etwas tun." Heute leben 38 Mädchen in den farbig bemalten Holzhäusern. Die Ausstattung ist schlicht, aber zumindest sind sie sicher. Denn Mädchen ohne Schutz seien besonders von Gewalt bedroht.

Allmählich reagiert auch die Regierung. Nach fast 40 Jahren will Haiti das System nachbessern, entsprechende Gesetzesänderungen sollen in den kommenden Wochen durchs Parlament gebracht werden. In Fällen, in denen ein Elternteil noch lebt, sollen sich Regierungsmitarbeiter zu Beginn des Adoptionsverfahrens mit den Eltern treffen. Sie sollen sichergehen, dass diese mit der Adoption einverstanden sind. Mögliche Adoptiveltern müssen künftig mindestens fünf Jahre verheiratet, Alleinerziehende älter als 35 sein. Wollen die Eltern ihr Kind behalten, soll es Unterstützung bei der Jobsuche geben. Adoptionen, so das Ziel, sollen nur noch das letzte Mittel sein. Einrichtungen in besonders schlechtem Zustand will die Regierung schließen.

Leserkommentare
  1. Wenn die Kinder nicht gerade als Diener missbraucht werden, haben sie doch eine Chance auf eine positive Zukunft. Andererseits muß dieses illegale Adoptionsgeschäft gestoppt werden, weil kein Kind es verdient hat, als Diener missbraucht zu werden (oder schlimmeres durchzustehen).

    Andererseits verstehe ich nicht, warum die Eltern immer mehr und wieder Kinder bekommen, obwohl es abzusehen ist, dass sie diese nicht ernähren können (ich weiss ... Patriachart, Machogesellschaft etc.).

    Ich weiß, ich sehe die Situation der Menschen dort was engstirnig - aber sowas fällt mir zuerst auf.

  2. Wenn es wirklich (und in Bruchteilen) so ist, freut es mich wirklich!

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  • Schlagworte Haiti | Unicef | Adoption | Diaspora | Eltern | Erdbeben
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