Chinas Tempel werden gut besucht, doch weniger von Gläubigen – hauptsächlich von Touristen. Kameras und Sonnenhüte prägen das Bild mehr als die traditionelle Kleidung der Mönche. Manch ein Besucher zündet Räucherstäbchen an, kniet vor dem Altar nieder oder wirft eine Münze gegen die Tempelglocke, das verheißt dann Reichtum oder Glück. Viele Chinesen glauben bei Bedarf , denn schaden kann es nicht.

Als wirklich religiös beschreiben sich die Wenigsten. Chinas Tempel folgen dem Trend. Sie verkaufen sich, laufen Gefahr zum Kitschprogramm zu verkommen. Allerlei Ramsch wird feilgeboten und der Besuch kostet nicht selten hohen Eintritt. Ein Tempel, der es nicht unter die lokalen Sehenswürdigkeiten schafft, bleibt leer. Selbst der bekannte Konfuzius-Tempel in Peking wirkt an vielen Tagen wie ausgestorben.

Ein leerer Tempel? In Indien undenkbar. Jedes noch so kleine Gotteshaus wird gut besucht. In indischen Tempeln, gleich welcher Prägung, herrscht buntes Treiben und mitunter wirres Durcheinander. Es wird gesungen, getanzt, selten still meditiert. So vielfältig die Götter und die Farben der Tempel, so lebendig praktizieren die meisten Inder bis heute ihre Religion. Kaum ein Land beherbergt so viele verschiedene Glaubensrichtungen wie Indien. Die überwältigende Mehrheit der Inder gehört dem Hinduismus an, einer der ältesten Religionen der Welt .

Gandhi und Mao prägten Indien und China

In Indien wie in China garantiert die Verfassung Religionsfreiheit. Doch die Auslegungen dieser Freiheit könnten unterschiedlicher kaum sein. In Indien werden beispielsweise die Sikkhs, eine religiöse Minderheit, beim Motorradfahren von der theoretisch herrschenden Helmpflicht befreit. Ein gläubiger Sikkh darf seinen Turban nicht abnehmen, eine Sikkh-Frau ihren Kopf nicht bedecken. Die Gesetzgebung nimmt darauf Rücksicht. Jede Menge gesetzliche Ausnahmeregelungen garantieren den unterschiedlichen Glaubensrichtungen Indiens ein ungehindertes Ausüben ihrer Religion.

In China dagegen dürfen Religionen den staatlichen Abläufen keinesfalls in die Quere kommen . Tun sie es trotzdem, siehe die Falungong-Sekte, werden sie verboten und verfolgt. Ohnehin erkennt China nur eine Auswahl der Religionen an. Das Misstrauen gegenüber den neuen Religionen ist groß, das Missionieren untersagt. Indien ist geprägt von Gandhis friedlichem Widerstand und seiner Lehre der Toleranz, China von Mao Zedong , dem Kritiker aller Religionen, der nach völliger Zerstörung des Vergangenen trachtete, um gänzlich Neues zu schaffen. Das wirkt bis heute nach, in beiden Ländern.

Indiens religiöse Toleranz wird viel gelobt, manchmal gar als beispielhaft hervorgehoben. Während Deutschland heute vor der Herausforderung steht, mit der neuen religiösen Vielfalt richtig umzugehen – Beispiel Beschneidungsdebatte – ist Indien in diesem Punkt seit mehreren tausend Jahren konflikterprobt. Hindus, Moslems, Sikkhs und Buddhisten, sie leben in Indien friedlich zusammen. Meistens zumindest: Im Bundesstaat Gujarat im Nordwesten Indiens wird gerade Ministerpräsident Narendra Modi mit großer Mehrheit wiedergewählt, ein Mann, der sich der Verfolgung von Muslimen schuldig gemacht, ihre Ermordung zugelassen, vielleicht gar angeordnet hat. Auch in Indien ist sich jede Glaubensgemeinde selbst die nächste und die Grenzen der Toleranz sind schnell erreicht. Wenn ein Moslem eine Kuh schlachtet, läuft er Gefahr, den hinduistischen Mob gegen sich aufzubringen. Im indischen Vielvölkerstaat prallen zwangsläufig tiefreligiöse Welten aufeinander.