Ich lebe in Neu-Delhi . Es ist nicht lange her, da lud ich ein paar Freunde zum Essen nach Hause ein. Unter den Gästen waren auch deutsche Freunde. Anlass aber war der Geburtstag einer indischen Freundin. Ich nenne sie Sunita, der Name ist fiktiv. Da ich weiß, wie ungern indische Frauen abends allein vor die Tür gehen, fing die kleine Feier schon um 18 Uhr an. Ich hatte Sunita angeboten, bei mir zu übernachten, damit sie nicht spät abends durch Delhi fahren müsste. Sie nahm das Angebot an.

Eine halbe Stunde vor Beginn der Feier bekam ich eine SMS: "Kannst Du mich bitte von der U-Bahn abholen?" Ich konnte gerade nicht. Sunita musste etwa zehn Minuten mit der Auto-Rikscha von der U-Bahnstation bis zu mir fahren. Sie hatte Angst, zu einem fremden Mann in die Rikscha zu steigen. Sie kam wohlbehalten an. Später eröffnete sie mir, aus familiären Gründen könne sie nicht bei mir übernachten. Nach zwei Stunden wollte sie wieder aufbrechen. Ich bot ihr an, einen befreundeten Taxifahrer anzurufen, der sie nach Hause bringen würde. Ich kenne ihn schon lange und sagte zu Sunita, dass ich meine Hand für den Fahrer ins Feuer legen würde. Sunita zögerte trotzdem, willigte aber schließlich ein. Den ganzen Abend lang wirkte sie beunruhigt. Als ich sie zum Auto brachte, musste ich ihr versichern, dass ich selbst schon häufig mit diesem Fahrer gefahren sei. Sie hatte trotzdem Angst. Am nächsten Morgen bekam ich eine SMS von Sunita: "Vielen Dank für alles. Der Fahrer war wirklich super, er hat die ganze Fahrt kein einziges Wort gesagt!" Bis zuletzt hatte sie gezittert. Jedes Wort des Fahrers hätte sie nur noch mehr verängstigt.

"Wovor hat sie nur solche Angst?", fragten anschließend meine deutschen Gäste. Die meisten Ausländerinnen bewegen sich frei in Delhi, haben allerdings auch meist einen eigenen Fahrer zur Verfügung. Ausländerinnen passiert in der Stadt nichts, heißt es deshalb. Doch so denkt keine Inderin. Sie wissen alle um Delhis Ruf als "Hauptstadt der Vergewaltigungen".

Als westliche Frau entgehen mir glücklicherweise einige negative Erfahrungen. Manch anrüchigen Kommentar überhöre ich, oder mein Hindi reicht nicht aus, ihn zu verstehen. Viele Dinge kann man als Ausländerin in Indien nicht richtig einordnen. Wir wissen nicht jeden Gesichtsausdruck zu werten, können oft genug die Körpersprache nicht genau deuten. Erst recht haben wir kein Gespür für die Kasten-Zugehörigkeiten, hören nicht den Bildungsstand aus den Worten unseres Gegenübers heraus. All die kulturellen Kleinigkeiten entgehen uns und sorgen mitunter für Missverständnisse oder ein allzu einfaches Indienbild. Trotzdem hatte ich in Delhi von Beginn an ein Bauchgefühl, das mir sagte: "Nimm die Sorgen der Inderinnen ernst. Sie werden ihre Gründe haben." Ich hatte nie das Bedürfnis, mich in Indien allzu "sommerlich" zu kleiden. Kurze Hose? Rock? Niemals! Auch in der größten Hitze trage ich in Indien lieber lange dünne Kleidung. Die Blicke vieler Männer entgehen auch einer Ausländerin nicht. Glücklicherweise habe ich nie Schlimmeres erlebt als einen anzüglichen Blick oder das vermeintlich zufällige Vorbeistreifen einer Hand. Schon das möchte man sich ersparen.

Als Ausländerin sind die Erfahrungen anders

Immerhin bin ich gut einen Kopf größer als die meisten indischen Männer, mag sein, dass es manchen auf Abstand hält. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass es den meisten Inderinnen schlechter ergeht als mir. Zu häufig hört man von ihnen, dass sie begrapscht oder bedrängt werden. Selbst tagsüber. Kein Wunder, dass die Metro-Waggons, die Frauen vorbehalten sind, immer rappelvoll sind. Selbst wenn die übrigen Wagen leer sind, kommt keine Frau auf die Idee, sich zu den Männern zu gesellen, solange sie die Wahl hat. Zumindest nicht, wenn sie allein reist. Dabei gilt die Metro als Delhis sicherstes Verkehrsmittel. Das Misstrauen gegenüber den Männern ist eben groß im patriarchischen Indien.

Man möchte hoffen, dass eine derart brutale Vergewaltigung mit Todesfolge wie im Falle der Delhier Medizinstudentin auch in Indien die Ausnahme ist. Vergewaltigungen aber, das bestreitet niemand, sind an der Tagesordnung. Sie sind Indiens großes Übel. Wie ein Fluch, der auf den Frauen lastet. Sie spiegeln das Versagen der indischen Polizei und Justiz wieder, aber ebenso den Stellenwert der Frau in der indischen Gesellschaft. Auch die Frauen in der indischen Regierung ändern daran nichts, nicht einmal Sonia Gandhi . Was Indien vor allem braucht, ist ein Umdenken in der Bevölkerung. Die Todesstrafe für Vergewaltiger wird das nicht richten. Aber vielleicht die Tausenden von Demonstranten, Männer wie Frauen, die seit nunmehr zwei Wochen auf die Straßen gehen, um der ermordeten Studentin zu gedenken und um für wirksame Maßnahmen gegen die vielen Vergewaltigungen zu kämpfen. Sie fordern von der Regierung, endlich zu handeln. Sie machen Indiens zahl- und namenlosen Opfern Mut. Sie verlangen Gerechtigkeit. Und vielleicht schauen sie das nächste Mal nicht weg, wenn eine Frau in der Öffentlichkeit bedrängt wird.

Die Protestierenden gehören der eher privilegierten Bevölkerungsschicht an. Wie es täglich den Millionen Frauen ergeht, die in den Slums und in Zelten am Straßenrand leben müssen, die den Empfehlungen der Regierung, nach 18:00 Uhr zu Hause zu bleiben, nicht Folge leisten können, das kann sich selbst unter den Demonstranten kaum jemand vorstellen. Es sind diese Frauen, die das wohl größte Leid tragen. Sie sind die Übersehenen, die in keiner Kriminalstatistik auftauchen, die sich mit ihren Nöten nicht in die Öffentlichkeit trauen, bei keiner Polizei Gehör finden. Wie man diese Frauen vor der Gewalt der Männer schützen kann, dafür hat derzeit niemand einen Plan.