Gewalt gegen FrauenAuf den Inderinnen lastet der Fluch der Gewalt

Die brutale Vergewaltigung einer Studentin hat Indien aufgewühlt. Wie gefährlich ist das Leben dort? Imke Vidal wohnt in Neu-Delhi und beschreibt den Alltag der Frauen. von Imke Vidal

Neu Delhi Frauen Gewalt Vergewaltigung Indien

Indische Frauen demonstrierten in Neu-Delhi, nachdem eine Studentin brutal vergewaltigt worden und an den Folgen verstorben war.  |  © Andrew Caballero-Reynolds/AFP/Getty Images

Ich lebe in Neu-Delhi . Es ist nicht lange her, da lud ich ein paar Freunde zum Essen nach Hause ein. Unter den Gästen waren auch deutsche Freunde. Anlass aber war der Geburtstag einer indischen Freundin. Ich nenne sie Sunita, der Name ist fiktiv. Da ich weiß, wie ungern indische Frauen abends allein vor die Tür gehen, fing die kleine Feier schon um 18 Uhr an. Ich hatte Sunita angeboten, bei mir zu übernachten, damit sie nicht spät abends durch Delhi fahren müsste. Sie nahm das Angebot an.

Eine halbe Stunde vor Beginn der Feier bekam ich eine SMS: "Kannst Du mich bitte von der U-Bahn abholen?" Ich konnte gerade nicht. Sunita musste etwa zehn Minuten mit der Auto-Rikscha von der U-Bahnstation bis zu mir fahren. Sie hatte Angst, zu einem fremden Mann in die Rikscha zu steigen. Sie kam wohlbehalten an. Später eröffnete sie mir, aus familiären Gründen könne sie nicht bei mir übernachten. Nach zwei Stunden wollte sie wieder aufbrechen. Ich bot ihr an, einen befreundeten Taxifahrer anzurufen, der sie nach Hause bringen würde. Ich kenne ihn schon lange und sagte zu Sunita, dass ich meine Hand für den Fahrer ins Feuer legen würde. Sunita zögerte trotzdem, willigte aber schließlich ein. Den ganzen Abend lang wirkte sie beunruhigt. Als ich sie zum Auto brachte, musste ich ihr versichern, dass ich selbst schon häufig mit diesem Fahrer gefahren sei. Sie hatte trotzdem Angst. Am nächsten Morgen bekam ich eine SMS von Sunita: "Vielen Dank für alles. Der Fahrer war wirklich super, er hat die ganze Fahrt kein einziges Wort gesagt!" Bis zuletzt hatte sie gezittert. Jedes Wort des Fahrers hätte sie nur noch mehr verängstigt.

Anzeige

"Wovor hat sie nur solche Angst?", fragten anschließend meine deutschen Gäste. Die meisten Ausländerinnen bewegen sich frei in Delhi, haben allerdings auch meist einen eigenen Fahrer zur Verfügung. Ausländerinnen passiert in der Stadt nichts, heißt es deshalb. Doch so denkt keine Inderin. Sie wissen alle um Delhis Ruf als "Hauptstadt der Vergewaltigungen".

Als westliche Frau entgehen mir glücklicherweise einige negative Erfahrungen. Manch anrüchigen Kommentar überhöre ich, oder mein Hindi reicht nicht aus, ihn zu verstehen. Viele Dinge kann man als Ausländerin in Indien nicht richtig einordnen. Wir wissen nicht jeden Gesichtsausdruck zu werten, können oft genug die Körpersprache nicht genau deuten. Erst recht haben wir kein Gespür für die Kasten-Zugehörigkeiten, hören nicht den Bildungsstand aus den Worten unseres Gegenübers heraus. All die kulturellen Kleinigkeiten entgehen uns und sorgen mitunter für Missverständnisse oder ein allzu einfaches Indienbild. Trotzdem hatte ich in Delhi von Beginn an ein Bauchgefühl, das mir sagte: "Nimm die Sorgen der Inderinnen ernst. Sie werden ihre Gründe haben." Ich hatte nie das Bedürfnis, mich in Indien allzu "sommerlich" zu kleiden. Kurze Hose? Rock? Niemals! Auch in der größten Hitze trage ich in Indien lieber lange dünne Kleidung. Die Blicke vieler Männer entgehen auch einer Ausländerin nicht. Glücklicherweise habe ich nie Schlimmeres erlebt als einen anzüglichen Blick oder das vermeintlich zufällige Vorbeistreifen einer Hand. Schon das möchte man sich ersparen.

Als Ausländerin sind die Erfahrungen anders

Immerhin bin ich gut einen Kopf größer als die meisten indischen Männer, mag sein, dass es manchen auf Abstand hält. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass es den meisten Inderinnen schlechter ergeht als mir. Zu häufig hört man von ihnen, dass sie begrapscht oder bedrängt werden. Selbst tagsüber. Kein Wunder, dass die Metro-Waggons, die Frauen vorbehalten sind, immer rappelvoll sind. Selbst wenn die übrigen Wagen leer sind, kommt keine Frau auf die Idee, sich zu den Männern zu gesellen, solange sie die Wahl hat. Zumindest nicht, wenn sie allein reist. Dabei gilt die Metro als Delhis sicherstes Verkehrsmittel. Das Misstrauen gegenüber den Männern ist eben groß im patriarchischen Indien.

Man möchte hoffen, dass eine derart brutale Vergewaltigung mit Todesfolge wie im Falle der Delhier Medizinstudentin auch in Indien die Ausnahme ist. Vergewaltigungen aber, das bestreitet niemand, sind an der Tagesordnung. Sie sind Indiens großes Übel. Wie ein Fluch, der auf den Frauen lastet. Sie spiegeln das Versagen der indischen Polizei und Justiz wieder, aber ebenso den Stellenwert der Frau in der indischen Gesellschaft. Auch die Frauen in der indischen Regierung ändern daran nichts, nicht einmal Sonia Gandhi . Was Indien vor allem braucht, ist ein Umdenken in der Bevölkerung. Die Todesstrafe für Vergewaltiger wird das nicht richten. Aber vielleicht die Tausenden von Demonstranten, Männer wie Frauen, die seit nunmehr zwei Wochen auf die Straßen gehen, um der ermordeten Studentin zu gedenken und um für wirksame Maßnahmen gegen die vielen Vergewaltigungen zu kämpfen. Sie fordern von der Regierung, endlich zu handeln. Sie machen Indiens zahl- und namenlosen Opfern Mut. Sie verlangen Gerechtigkeit. Und vielleicht schauen sie das nächste Mal nicht weg, wenn eine Frau in der Öffentlichkeit bedrängt wird.

Die Protestierenden gehören der eher privilegierten Bevölkerungsschicht an. Wie es täglich den Millionen Frauen ergeht, die in den Slums und in Zelten am Straßenrand leben müssen, die den Empfehlungen der Regierung, nach 18:00 Uhr zu Hause zu bleiben, nicht Folge leisten können, das kann sich selbst unter den Demonstranten kaum jemand vorstellen. Es sind diese Frauen, die das wohl größte Leid tragen. Sie sind die Übersehenen, die in keiner Kriminalstatistik auftauchen, die sich mit ihren Nöten nicht in die Öffentlichkeit trauen, bei keiner Polizei Gehör finden. Wie man diese Frauen vor der Gewalt der Männer schützen kann, dafür hat derzeit niemand einen Plan.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Das ist kein Fluch. Sondern von Menschen gemacht.

    14 Leserempfehlungen
  2. 3. [...]

    Entfernt. Verzichten Sie auf unangebrachte und geschmacklose Äußerungen. Die Redaktion/mak

  3. Indien und die Lebensrealität der Frauen dort ist uns hier meist sehr fremd. Selbst wer mal dort war, in Goa das Party-Leben genoss oder eine Rundreise machte, ist meist von dem Alltag der Menschen und hier speziell der Frauen weit entfernt.

    Deshalb mein Dank für diese Beschreibung des Abends, dem Anreißen der Situation, die mit unserer in West-Europa nicht mal annähernd zu vergleichen ist.

    7 Leserempfehlungen
  4. ist ein Aufstand der Anständigen. Die obige Reportage zum Thema ist schon dadurch aufklärerisch, weil die Autorin darüber informiert, wie schwierig es für westliche Menschen ist, die dortigen Verhaltensweisen, Gesten usw. zu verstehen. Und doch übt die Autorin Solidarität mit den dort lebenden Menschen, wie ihre Einladung an das Geburtstagskind "Sunita" zeigt. Darüber hinaus sind insbesondere die indischen Männer gefragt, um einen Kulturwandel hin zu einem Umgang mit Frauen herbeizuführen, der die Frauen achtet und hochschätzt. Es gibt eine reiche, uralte indische Literatur über den liebenden Umgang zwischen den Geschlechtern. Solche dort vielfach beschriebene - ich sage es einmal altmodisch - Ritterlichkeit sollte herangezogen werden, um den überfälligen Bewusstseinswandel zu bewirken.

    3 Leserempfehlungen
  5. Also ich habe in mehreren deutschen Großstädten Freundinnen Abends/in der Nacht vor ihr Haus, bzw. an die Haltestelle einer direkten Straßenbahnverbindung mit warten bis zur Abfahrt begleitet, weil sich diese zu der Zeit unsicher gefühlt haben. Sollen wir jetzt auch für Deutschland den Notstand ausrufen, wo der Macho in freier Wildbahn kaum noch gesichtet wird?

    Solch ein Bedrohungsempfinden ist immer sehr subjektiv und kaum verallgemeinern.

    Wenn indische Frauen es generell nicht gewöhnt sind, sich im Dunkeln draußen zu bewegen und permanent davor gewarnt werden, dann muss man sich auch nicht wundern. Ich glaube allerdings kaum, dass diese Ängste weg wären, wenn ihre Freundin Sie in Deutschland besuchen würde.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • klaus.p
    • 31. Dezember 2012 23:51 Uhr

    Sie haben Recht. Für mich ist der Bericht auch nur rein subjektiv und emotionsgeladen. Es wäre interessanter, wenn man sich hier um Statistiken bemüht und auch andere Länder herbeizieht.

    [...]

    Gekürzt. Bite achten Sie auf Ihre Wortwahl. Die Redaktion/mak

    "Wenn indische Frauen es generell nicht gewöhnt sind, sich im Dunkeln draußen zu bewegen und permanent davor gewarnt werden, dann muss man sich auch nicht wundern."

    Ich glaube, Sie verstehen das Problem nicht.

    In einer Gesellschaft, in der eine Frau, die am Abend ohne männliche Begleitung unterwegs ist, als "Freiwild" gilt (Motto: eine anständige, sittsame Frau ist abends zu Hause bei Familie, Mann und Kindern), ist es *objektiv* ein Problem, sich alleine abends auf der Straße zu bewegen.

    Zumal eine vollendete Vergewaltigung nur der Extremfall ist.

    Indische Frauen, auch in den Großstädten, machen aber *täglich* die Erfahrung, am Körper begrapscht zu werden, mit anzüglichen Bemerkungen belästigt zu werden - und das schon *tagsüber*.

    Außerdem machen sie die Erfahrung, dass auch Taxifahrer weibliche Fahrgäste belästigen und ihnen ggfs. Gewalt antun und dass auch Polizisten Täter sind. Von Augenzeugen ist oft kaum Hilfe zu erwarten.

    Wenn eine Frau in Indien ein eigenes Auto zur Verfügung hat, ist sie sicher ein Stück weit unabhängiger. Frauen, die auf Taxis und öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind, sind aber öfter als diese tatsächlichen Gefährdungssituationen ausgesetzt.

    Die Angst der jungen Dame im Bericht ist also berechtigt.

    Ich empfehle den Artikel der Papierausgabe ZEIT zum Thema "Indien ermordet seine Frauen". Vergewaltigung gehört geächtet ob deutsch oder sonstwo! In Indien werden Frauen wie Straßenhunde behandelt. Das ist ein gravierender Unterschied zu Frauen die Abends zuhause bleiben müssen. Hier geht es kaum um ein Bedrohungsempfinden sondern um ganz reale Bedrohungen die zu einer offensichtlichen - aktuell nachgewiesenen - Dezimierung der weiblichen Bevölkerung in Indien führt. Wenn es um eine Rasse, eine Glaubensgemeinschaft ginge, würde es Aufschreie in der Welt geben. Es sind indische Frauen! Etwas mehr Informationen ist hilfreich. Vor Kommentierung!

    • klaus.p
    • 31. Dezember 2012 23:51 Uhr

    Sie haben Recht. Für mich ist der Bericht auch nur rein subjektiv und emotionsgeladen. Es wäre interessanter, wenn man sich hier um Statistiken bemüht und auch andere Länder herbeizieht.

    [...]

    Gekürzt. Bite achten Sie auf Ihre Wortwahl. Die Redaktion/mak

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • wauzi
    • 01. Januar 2013 2:36 Uhr

    sagen nichts resp. falsches aus, wenn die dunkelziffer nahe 100% ist.

    • Charly
    • 01. Januar 2013 1:14 Uhr

    dazu müssten die Frauen wissen, dass Vergewaltigungen verfolgt werden. Solange das so nicht ist, werden viele einfach nicht angezeigt.

    7 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Im Umkehrschluss gibt es auch hierzulande eine große Dunkelziffer - vor allem bei Vergewaltigungen im Bekanntenkreis.

    Was im Artikel dargestellt wird, sind Vergewaltigungen durch Fremdpersonen. Aber sind diese wirklich als schlimmer zu beurteilen? Vergewaltigungen im Bekanntenkreis erfolgen oft über Jahre hinweg.

    dass Vergewaltigungen "verfolgt" werden.
    Eine Anzeige zu machen, ist aber für die Opfer oft eine quälende Angelegenheit. Zunächst werden ja nicht nur in Indien einige Vergewaltigungen nicht angezeigt, weil die Opfer es nicht über sich bringen, den Tathergang noch einmal zu schildern und damit auch ganz offiziell zu bestätigen: Ich wurde vergewaltigt.
    In Indien kommt hinzu, dass die Polizeibeamten möglicherweise bestochen wurden, dass 75% der Angeklagten freigesprochen werden und dass man mit gesellschaftlicher Ächtung rechnen muss.
    Da würde sich doch jeder nochmal überlegen, ob er diese Last nicht lieber im Stillen trägt...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Gewalt | Ausländer | Indien | Kriminalstatistik | Polizei | SMS
Service