Protest gegen sexuelle Gewalt in Mumbai © AFP/Getty Images

Bis heute kennt niemand ihren wahren Namen. Doch das unglaubliche Leid der 23 Jahre alten Medizinstudentin, die von sechs Männern vergewaltigt und gefoltert wurde, hat Indien so sehr schockiert, dass das Land auch 13 Tage nach der Tat nicht zur Ruhe findet. Am Samstag verlor die junge Frau den Kampf um ihr Leben , an diesem Sonntag wurde ihr Leichnam in Neu Delhi beigesetzt . Das ganze Wochenende über gingen Zehntausende Menschen mit Schweigemärschen, Kerzenlichtern, mit Gebeten und Gesängen auf die Straße . Auch die Zeitungen sind voll von den Protesten. "Ein Land trauert", titelt The Hindu . Die Hindustan Times druckte auf der ersten Seite eine Traueranzeige.

"Damini" haben die Demonstranten die junge Frau mittlerweile getauft. Es ist der Name einer Filmheldin, die in Indien für Vergewaltigungsopfer kämpft. Das Schicksal der Studentin ist längst zu einem Symbol geworden für die weit verbreitete Gewalt gegen Frauen im Land und ihr alltägliches Leid. Und es offenbart für viele den Blick auf einen Staat, der nur die Mächtigen schützt und die Schwachen schutzlos lässt. Die Ereignisse hätten die "Fäulnis im Herzen von Indiens politischem System" offengelegt, schreibt der Kolumnist Meghnad Desai. Und die Zeitung Mail Today kommentiert, die Jugend fühle sich "von ihren gewählten Repräsentanten verraten".

Indiens Politik ist von der plötzlichen Wut augenscheinlich überfordert. Tagelang wirkte sie angesichts der Proteste hilfslos und schwieg. Polizisten setzten Knüppel und Tränengas ein. Einige Politiker versuchten die Demonstranten als Volksfeinde anzuschwärzen und verglichen sie mit Maoisten. Abhijit Mukherjee, ein Sohn des indischen Präsidenten, bezeichnete die Demonstrantinnen gar als "angeknackste, aufgetakelte Frauen". Erst als ihm die Wut der Medien entgegenschlug, entschuldigte er sich.

Das Wochenende über verschanzte sich die Politik hinter Barrikaden. Das Regierungsviertel in Delhi glich einer Festung, zehn Metro-Stationen wurden geschlossen. "Es scheint, dass sie Angst vor ihrem eigenen Volk haben", meinte die 19-jährige Demonstrantin Neha, die sich mit einem Tuch vermummt hat, um nicht erkannt zu werden. "Meine Eltern haben mir verboten, zu protestieren. Aber ich bin trotzdem gekommen. Wir dürfen nicht länger schweigen." Auch der Student Amit sagt: "Wir werden nicht ruhen, bis sich dieses Land ändert – zum Besseren."

Es sind Indiens Hoffnungsträger, die hier protestieren, die künftige Mittelschicht des Landes. An der Spitze stehen junge Studentinnen und Studenten, die ein neues Indien einfordern: einen Staat, der für seine Bürger da ist und die Schwachen schützt. Der Kolumnist Desai vergleicht die Proteste mit den Studentenbewegungen der sechziger Jahre im Westen. Indiens Jugend trifft dabei auf das konservative, alte Indien, das in Teilen nicht weniger mittelalterlich denkt als in Afghanistan oder Pakistan – und seine Frauen ähnlich schlecht behandelt.

"Ich habe noch nie so schlimme Verletzungen gesehen"

Viele Menschen sind gerade traumatisiert von der Bestialität der Täter. Dabei trifft der Begriff Vergewaltigung nicht das Ausmaß einer Gewalt, die von unbändigem Hass auf die Frauen zeugt. Am 16. Dezember war die 23-jährige in einem fahrenden Bus vor den Augen ihres Freundes von sechs Männern vergewaltigt und dann mit Eisenstangen gefoltert worden, bis ihr Darm und ihr Unterleib zerfetzt waren.

Danach wurden beide wie Müll auf die Straße geworfen. Der Freund kam mit leichteren Verletzungen davon, doch das Mädchen trug so schlimme Wunden davon, dass selbst die Ärzte fassungslos waren. "Ich habe noch nie so schlimme Verletzungen gesehen. Ich konnte nicht mal ihren Magen finden", sagte der Notarzt. Dreimal musste die junge Frau im Unterleib notoperiert werden, die Ärzte entfernten den gesamten Darm.

Am Mittwoch erlitt die Frau Medienberichten zufolge zwei Herzattacken, bei denen es zu schweren Gehirnschäden kam. Trotzdem wurde das sterbende Mädchen noch in eine Klinik nach Singapur geflogen. Um einen letzten Versuch zu unternehmen, sie zu retten, sagt die Regierung. Um die Proteste abzumildern, wenn sie stirbt, monieren die Kritiker. Sie fürchten, dass die Gelegenheit verstreicht, ein grundsätzliches Problem anzugehen: die alltägliche Gewalt gegen Frauen.