Massenmorde USA : "Man bekommt leichter Waffen als psychische Hilfe"

2007 starben an der Virginia Tech 32 Menschen bei einem Amoklauf. Lucinda Roy hatte davor gewarnt. Im Interview sagt sie, warum Newtown eine politische Zäsur sein könnte.
Gedenkstätte an der Universität Virginia Tech für die Opfer eines Amoklaufs © Chip Somodevilla/GettyImages

ZEIT ONLINE : Frau Roy, was haben Sie gedacht, als Sie vor einer Woche von dem Amoklauf im Städtchen Newtown gehört haben?

Roy: Es war entsetzlich, ich war sehr verstört, denn ich habe etwas sehr Ähnliches durchgemacht. Aber gleichzeitig muss ich sagen, dass es mich nicht überrascht hat. Denn seit den Morden vor fünf Jahren an der Virginia Tech und auch schon davor habe ich Angst vor solchen Angriffen. Es scheint mir, als würde es immer wahrscheinlicher, dass es dazu kommt.

ZEIT ONLINE : Haben Sie die Trauerfeier für die Opfer von Newtown im Fernsehen verfolgt?

Roy: Ja. Solche Trauerfeiern sind immer schwierig für mich, denn sie bringen mich zurück in die Zeit, als ich das Gleiche erlebt habe. Mein Mitgefühl für die Trauernden ist deshalb besonders groß. Aber solche Zeremonien sind sehr wichtig, denn sie erinnern an die Toten. Wir müssen zurückschauen, um aus den Ereignissen etwas zu lernen.

Lucinda Roy

Die Autorin Lucinda Roy arbeitet als Dozentin an der Virginia Tech in Blacksburg, Virginia. Dort lernte sie auch den späteren Amokschützen Seung-Hui Cho kennen.

ZEIT ONLINE : Sie waren 2007 Dozentin an Ihrer Universität Virginia Tech und hatten Seung-hui Cho, den Täter, kennengelernt, der 32 Menschen getötet hat. Sie haben vor drei Jahren ein Buch darüber geschrieben. Warum?

Roy: Einige Leute haben mich gefragt, wie man nur so ein Buch schreiben könne, man solle noch nicht mal seinen Namen erwähnen, man müsse vergessen, dass er existierte und einfach weitermachen. Für mich war es sehr schmerzhaft, dieses Buch zu schreiben. Aber ich musste es tun. Denn wir müssen aus solchen Ereignissen etwas lernen. Warum ist unsere Gesellschaft so verletzlich? Warum ist das Bildungssystem so unvorbereitet auf solche Angriffe? Warum haben wir so laxe Waffengesetze?

ZEIT ONLINE : Sie wollten damals im Vorfeld des Amoklaufs erreichen, dass Cho behandelt wird, weil Sie eine Gefahr in ihm gesehen hatten. Was ist passiert?

Roy: Ich leitete damals die Englisch-Fakultät. Eine Kollegin machte mich auf Cho aufmerksam, weil er den Unterricht störte. Was uns alarmierte, war ein bedrohliches Gedicht von ihm. Darin bezeichnete er seine Kommilitonen als unmoralisch, sie seien des Teufels. Einen Pädagogen musste dieses Gedicht besorgt machen. Die Sorgen wurden noch größer, als ich mit ihm gesprochen habe. Ich habe dann alle möglichen Stellen der Universität alarmiert. Ich habe versucht, eine Behandlung für ihn zu organisieren. Aber damals durfte an der Virginia Tech niemand behandelt werden, der das nicht wollte.

ZEIT ONLINE : Und er wollte nicht?

Roy: Nein, erst nicht. Ich habe ihn mehrmals getroffen und langsam hat er angefangen, ein wenig zu reden. Schließlich ist er ein paar Mal zur Beratung gegangen, aber unglücklicherweise gab es nie eine Diagnose für ihn. Später hatte ich eine andere Position inne, und dadurch durfte ich leider nicht mehr erfahren, ob er noch in Behandlung ist.

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Kommentare

19 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Das Umfeld muss rechtzeitig reagieren

...bei all der Diskussion finde ich sehr wichtig, dass auch das Umfeld von psychisch labilen Menschen, die eine Gefahr fuer andere sein koennten im Vorfeld reagiert, dass es dafuer sorgt, dass in dem Umfeld dieses Menschen keine Waffen zu finden sind:
1) muss es moeglich sein dass bei Waffenkauf ein "psychotest" moeglich ist, sodass solche Personen nciht an Waffen kommen
2) Eltern, die ein auffaelliges Kind haben muessen ihre Waffen entweder abgeben oder an einem dem Kind absolut unzugaenglichen Ort aufbewahren...es braucht Aufklaeung i der Gesellschaft fuer diese Notwendigkeit ... und dass die Eltern erkennen was eine gefaehrliche psychische Labilitaet ist
3) Lehrer, die diese Persoenlichkeiten erkennen muessen Sozialarbeiter an der Hand haben, die die Familie besuchen und die eltern bezueglich dem Zuhause als Waffenleerer Raum aufklaeren...und sonstige Unterstuetzung fUer den Beduerftigen anbieten...

Waffen verbieten

Ein anderer Vorschlag:
Man verbietet das Tragen bzw. Aufbewahren von Waffen in privaten Haushalten und spart sich damit die ganzen Soziologen und Psychologen an Universitäten, Schulen und in den Kindergärten. Und wohlmöglich wäre es dann auch möglich, als verhaltensauffälliger Mensch ein Leben zu führen, das nicht unter ständiger Kontrolle stehen würde?
Aber mal im Ernst: verhaltensauffällig bedeutet im Zusammenhang mit Amokläufen, dass Verdächtige im Vorfeld massive Tötungsabsichten äußerten. Diese aus der Vielzahl von Äußerungen herauszufiltern und den Menschen dann zu behandeln muss unterschieden werden zu anderen "Auffälligkeiten", die doch eigentlich den Charakter eines Menschen ausmachen, oder?
Fazit: Ohne Gewehre und Pistolen wären Amokläufe solchen Ausmaßes nicht möglich. Also verbieten.

Einbahn

bei all der Diskussion finde ich sehr wichtig, dass [...].
1) muss es moeglich sein dass bei Waffenkauf ein "psychotest" moeglich ist, sodass solche Personen nciht an Waffen kommen

Gute Idee.
Ich bedauere schon lange, dass in keinem einzigen Geschäft Psychotests zum Erwerb von Scheren, Messer, Äxten ... stattfinden.
Vermutlich wegen der pädagogischen Weisheit "Messer Schere Gabel Licht, dürfen ..."
*ironie aus

Ich fände einen Psychotest dahingehend interessanter, warum Menschen Waffen besitzen wollen.

Stimmt in Newton offenbar nicht

Das mag richtig sein. Im Falle Newton stimmt das aber so nicht, der Täter bzw ddie Mutter hatten Zugang zu allen Betreuungsmöglichkeiten.
Hat nur offenbar nichts genutzt.
Angeblich soll seine geplante Einweisung durch die Mutter bevorgestanden haben.

Und mal nebenbei: Er konnte sich legal keine Waffen kaufen. Hat allerdings wenig genützt, weil er die Sammlung seiner Mutter genutzt hat.
Und als Anmerkung: Damit wird die Tat in die Rubrik "Mord durch "illegalen" Waffenbesitz" einsortiert.

Verletzlichkeit der Gesellschaft

ich denke auch an den vergangenen Wahlkampf in den USA, mit den Herabwürdigungen des politischen Gegners, mit einem Hass auf den Andersdenkenden. All dies zusammen ein Symptom einer echt kranken Gesellschaft- einer Gesellschaft, die sich so stark auf christliche Werte beruft. Kaum zu verstehen.

Mehr Gewalt und Hass als anderswo

Die leichte Verfüpgbarkeit der Waffen ist sicher ein großes Problem, aber nicht die Ursache für all den Hass und die Gewalttätigkeit in den USA.

Es gibt zig Saaten wo auf dem Land in jedem Haus Jagdwaffen vorhanden sind, und trotzdem gibt es nicht diese Gewalt wie in den USA. Und ein Pseudo-Sturmgewehr ist für ein Blutbad gewiss nicht nötig ...

In den USA werden ja per 100.000 noch mehr Morde bzw Totschläge mit Messern etc verübt, als in anderen Staaten überhaupt

http://bjs.ojp.usdoj.gov/...

und der größte Teil bei Schusswaffen erwartungsgemäß mit Pistolen und Revolvern