Mehr als 80 Prozent aller Deutschen befürworten, dass die Videoüberwachung ausgeweitet wird, erzählt die Nachrichtensprecherin im Radio. Ist ja auch ganz schön viel passiert in letzter Zeit, denke ich morgens um halb sieben beim Zähneputzen. Ein Junge wurde auf dem Alexanderplatz totgeprügelt, ein Anschlag auf den Bonner Hauptbahnhof gerade noch abgewendet. Dann halt noch ein paar Kameras mehr.

Moment mal: Habe ich das eben wirklich gedacht? Hätte man mir diese Frage vor ein paar Jahren gestellt, ich hätte nicht eine Sekunde gezögert und wäre im Brustton der Überzeugung für Datensicherheit und gegen den Überwachungsstaat eingestanden. Was also hat mich heute, im Dezember 2012, plötzlich zögern lassen?

Fühle ich mich unsicherer als früher? Die Ausschreitungen in öffentlichen Verkehrsmitteln – gerade in Berlin , wo ich lebe – machen mir tatsächlich Angst. Auch ich habe schon Situationen erlebt, die nur um Haaresbreite gut gegangen sind. Aber würden mich Kameras beruhigen? Nein.

Videoüberwachung verhindert keine Straftaten, sie erleichtert höchstens deren Aufklärung. Und im Bonner Fall nicht einmal das. Dort wurde zwar aufgenommen, wie der Koffer abgestellt wurde, aber nicht aufgezeichnet. Viele empörten sich darüber : Wenn die Kameras schon angebracht seien, dann sollte man sie in Gottes Namen bitte auch auf Aufnahme schalten.

Solche Reaktionen zeigen, dass wir Kameras auf öffentlichen Plätzen gar nicht mehr hinterfragen. So wie es eben die Fluggastdatenübermittlung gibt und die Funkzellenauswertung .

Eigentlich aber müsste es uns erschrecken, dass es im öffentlichen Diskurs inzwischen nur noch um das "Wie viel?" geht statt um das "Ob" und das "Warum". Denn es gibt bisher keine Studie, die belegt, dass Kameras eine abschreckende Wirkung auf potenzielle Straftäter haben, wie es konservative Politiker so gerne behaupten.

Die verwackelten Schwarz-Weiß-Bilder beeinflussen das Angstempfinden

Die verwackelten, körnigen Schwarz-Weiß-Bilder der Prügelexzesse graben sich gleichwohl in unser kollektives Gedächtnis ein. Ob Kameras zu einem erhöhten Sicherheitsgefühl beitragen, müsse angesichts dieser Bilder bezweifelt werden, schrieb der Soziologe Nils Zurawski in einem Beitrag für ZEIT ONLINE . "Sie werden zu einer Ikone, Gewalt gerät zum Spektakel."


Diese Bilder haben offensichtlich auch mein Angstempfinden beeinflusst. Doch die Taten, vor denen wir am meisten Angst haben, werden von Kameras gerade nicht verhindert: einen Selbstmordattentäter wird keine Überwachung abhalten, ebenso wenig den Täter, der unter starkem Alkohol- oder Drogeneinfluss steht.

Wir versuchen, der Gewalt mithilfe von technischen Kontrollmechanismen entgegenzutreten. Aber bedeutet das Aufrüsten unseres Lebensraums mit Kameras nicht gerade eine Kapitulation vor der Gewalt, wenn wir dafür unsere Zivilcourage aufgeben?