RückblickDie Toten des Jahres 2012

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Rauf Denktaş

Dreißig Jahre lang regierte der Rechtsanwalt Rauf Denktaş die türkische Volksgruppe auf Zypern, von 1975 bis 2005. 1974 hatte das türkische Militär den Norden der Insel besetzt, 1983 rief Präsident Denktaş seine unabhängige Türkische Republik Nordzypern (TRNZ) aus. Doch bis heute ist dieser Staat isoliert und international nicht anerkannt. Das hat viel damit zu tun, dass der griechische Süden – seit 2004 EU-Mitglied – einen UN-Wiedervereinigungsplan verhindert, den die türkischen Nordzyprer 2004 akzeptiert hatten, die Bevölkerung des Südens jedoch mehrheitlich ablehnt. Doch auch Denktaş war in der Frage der Wiedervereinigung ein Bremser. Seine Türkische Republik Nordzypern ist bis heute abhängig von Hilfen aus der Türkei, einen wirklich eigenen Staat zu etablieren, hat er nicht geschafft. Der 1924 geborene Denktaş starb am 13. Januar 2012 in Nikosia.

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Whitney Houston

Whitney Houston hat höchste Höhen und tiefste Tiefen durchlebt. Sie war der erste weibliche schwarze Popstar, der ein weißes US-Massenpublikum erreichte, stand mit ihrem Olympia-Song One Moment In Time auf dem Siegertreppchen des Pop und verdiente unter anderem mit dem Soundtrack zu ihrem Film Bodyguard inklusive der Schmetterhymne I will always love you Millionen. Die 1963 geborene Tochter des Gospel-Stars Cissy Houston und Patentochter von Aretha Franklin sang mit elf im Kirchenchor und mit 15 im Background bei Chaka Khan. Ihr erster internationaler Hit wurde 1987 I Wanna Dance With Somebody. Doch dann heiratete sie Bobby Brown. Das Paar versank in Drogen und häuslicher Gewalt, Houston nahm keine Alben mehr auf. Als sie sich scheiden ließ, war ihre Stimme schon ruiniert, das Comeback scheiterte. Eine der größten Diven der Popgeschichte ertrank, von Kokain und Herzproblemen gezeichnet, in der Badewanne, am 11. Februar 2012 in Beverly Hills. Sie wurde 49 Jahre alt.

Frank Sherwood Rowland

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Frank Sherwood Rowland

Als erste Wissenschaftler bekamen Frank Sherwood Rowland und zwei Kollegen 1995 den Nobelpreis für ein Umweltschutz-Thema: Die Chemiker hatten das Schwinden der Ozonschicht erklärt. 1974 warnten sie erstmals davor, dass die vor gefährlicher UV-Strahlung der Sonne schützende Schicht über der Antarktis dünner wird, weil von Menschen in die Atmosphäre geblasene Chlor-Atome sie zersetzen. Das Chlor kam vor allem aus Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW), die als Kühlmittel und als Treibgas in Sprühdosen verwendet wurden. Die Industrie versuchte, Rowland als KGB-Agenten zu denunzieren. Doch das Ozonloch wuchs, und 1987 beschlossen zahlreiche Staaten, den Einsatz von FCKW drastisch zu reduzieren. Rowland, Sohn eines Mathematikers, hatte sein Chemiestudium schon mit 16 Jahren begonnen. 1964 wurde er Professor an der University of California in Irvine, wo er zeitlebens blieb. Er starb am 10. März 2012 mit 84 Jahren an den Folgen seiner Parkinson-Erkrankung.

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Heinz Kahlau

Das Leben des Schriftstellers Heinz Kahlau war "an die Wirrnisse und Träume des 20. Jahrhunderts gebunden", sagte sein Freund und Kollege Hans-Eckardt Wenzel über ihn. Zu Kahlaus Wirrnissen gehört sein berüchtigtes Jubelgedicht auf den Mauerbau 1961, "Klappe zu, Affe tot, endlich lacht das Morgenrot", zu seinen Träumen der Glaube an eine gerechtere, weil sozialistische Welt. Der DDR-Schriftsteller hatte 1956 die Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes kritisiert und ließ sich danach mit der Stasi ein, um Strafe zu vermeiden – eine Verstrickung, die er nach der Wende selbst offenlegte. Er wurde Funktionär im DDR-Schriftstellerverband und erntete für seine Alltagslyrik für den Arbeiter- und Bauernstaat etliche Orden. Der 1931 geborene Arbeitersohn und Brecht-Schüler reimte Lieder und dichtete Drehbücher, schrieb für Funk, Fernsehen und FDJ. Seine schlichten, sentenzenreichen Liebesgedichte (vor allem aus dem Erfolgsband Du von 1971) standen in vielen ostdeutschen Poesiealben, mit seinen Bilderbüchern wuchsen Kinder in der DDR auf. Kahlau war einer der meistgelesenen Lyriker der deutschen Sprache, noch vor Erich Fried und Hans Magnus Enzensberger im Westen. Nach der Wende engagierte sich Kahlau für PDS und Linkspartei. Er starb am 6. April 2012 mit 81 Jahren in Greifswald.

Ivan Nagel

Das Leben Ivan Nagels ist eng verwoben mit der europäischen Geschichte: 1931 in Budapest geboren, überlebte der ungarische Jude den Holocaust. Nach dem Krieg floh er vor den Kommunisten erst in die Schweiz, dann nach Paris und schließlich nach Deutschland. In Frankfurt an Adorno geschult, etablierte er sich in den 1960er Jahren als Theaterrezensent und Dramaturg, eine Aufgabe, die er sehr ernst nahm: "Jeder Aufführung ist aufgetragen, dass in unserem Kopf und Herzen etwas Unwiederbringliches geschieht“, sagte er einmal. Er wurde Intendant in Hamburg und Stuttgart. Seine wichtigste Rolle war die des Nachdenkenden über das Theater, auch das Musiktheater – sein Buch über Mozarts Opern gehört zu seinen erfolgreichsten. Mit Werken wie Das Falschwörterbuch oder Streitschriften wirkte er bis in das politische Feuilleton hinein. Vor seinem Tod mit 81 Jahren bekannte sich Nagel zu seiner Homosexualität: "Dieses Rätsel will ich leben. Ich stehe dazu, ich zu sein.“ Er starb am 10. April 2012 in Berlin.

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Adams Yauch

Turnschuhe und guter Wein, graue Haare und Nerd-Rap: Adam Yauch war das Mastermind der Beastie Boys, die in den Achtzigern als weiße Mittelschichtteenager den Rap gekapert und nicht mehr hergegeben hatten. Der 1964 geborene Sohn eines jüdischen Architekten und einer katholischen Sozialarbeiterin fing mit Hardcore-Punk an, der niemanden interessierte – bis DJ-Kumpel Rick Rubin die Beastie Boys zum Chaoten-Rap-Trio umstylte. Dass die Party-Hiphopper zu Jazz-Rap-Pionieren und Retro-Futuristen reiften, dürfte ebenso zu einem großen Teil Yauchs Verdienst sein wie der unternehmerische Erfolg samt eigener Streetwear-Marke. Der Buddhist organisierte Konzerte für die Freiheit Tibets, lernte seine Ehefrau während einer Ansprache des Dalai Lama kennen und distanzierte sich von frauenfeindlichen und homophoben Sprüchen der Band-Frühzeit. Als "Nathanial Hörnblowér“ drehte "MCA“, wie er in der Band hieß, auch die Videos der Boys. Yauch starb am 4. Mai 2012 mit 47 Jahren in New York an Krebs.

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Maurice Sendak

Die "wilden Kerle“ machten Maurice Sendak unsterblich: Das sparsam betextete Bilderbuch Wo die wilden Kerle wohnen über Max, der hungrig ins Bett geschickt und auf einer Trauminsel zum Herrscher über die einheimischen Monster wird, ist eines der beliebtesten Werke der Kinderliteratur. Erwachsene hatten 1963, bei seinem Erscheinen, allerdings noch Mühe zu verstehen, dass die gruseligen Figuren der kindlichen Psyche nicht etwa schadeten, sondern auf die Sprünge halfen. Der 1928 geborene Sendak lebte 50 Jahre lang mit einem Psychoanalytiker zusammen; er verheimlichte seine Homosexualität bis wenige Jahre vor seinem Tod. Zeichner und Illustrator wollte er schon als Kind werden, erfüllte sich seinen Traum auf dem Umweg über einen Job als Dekorateur in einem Spielzeugladen und Abendkurse. Sein letztes Buch, Brundibar, war eine Adaption der gleichnamigen Kinderoper aus dem Konzentrationslager Theresienstadt. Er starb am 8. Mai 2012 in Danbury, Connecticut, mit 83 Jahren nach einem Schlaganfall.

Günther Kaufmann

Sein größter Film war sein eigenes Leben: Günther Kaufmann wurde 2002 zu 15 Jahren Haft wegen Mordes verurteilt, weil er seine krebskranke Ehefrau durch Falschaussagen schützen wollte. Sie hatte vermutlich die wahren Mörder angestiftet, um einen Mitwisser in einem Betrugsplan loszuwerden. Nach ihrem Tod widerrief Kaufmann seine Aussage und kam frei. Der 1947 geborene Sohn einer Bayerin und eines US-Besatzungssoldaten überschrieb seine Autobiografie Der weiße Neger vom Hasenbergl nach dem Münchner Problemstadtteil, in dem er aufwuchs. In den siebziger und achtziger Jahren spielte er in 16 Filmen von Rainer Werner Fassbinder, darunter Berlin Alexanderplatz, Die Ehe der Maria Braun und Querelle. In den neunziger Jahren folgten Rollen in TV-Serien wie Derrick und Der Alte, sowie Auftritte auf Theater- und Musicalbühnen. 2009 landete Kaufmann im Dschungelcamp. Sein Leben sollte 2013 verfilmt werden, mit ihm selbst in der Hauptrolle, doch Kaufmann starb am 10. Mai 2012 in Berlin mit 64 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts.

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Carlos Fuentes

Geschichte und Moral, Revolution und Verrat: Carlos Fuentes arbeitete sich in stilistischer Brillanz an den großen Themen seiner lateinamerikanischen Heimat ab. Für den Literaturnobelpreis wurde der 1938 geborene Mexikaner zwar immer wieder gehandelt, doch anders als Octavio Paz und Gabriel García Márquez, die wie er von Lateinamerika aus die spanische Literatur prägten, bekam er ihn nie. "Ich glaube", sagte er einmal, "meine Generation wurde mit ausgezeichnet, als García Márquez 1982 den Preis erhielt." Der Diplomatensohn reiste viel, konnte als Botschafter in Paris und Hochschullehrer in den USA sein Land auch von außen betrachten. Dennoch schilderte er immer wieder den mexikanischen Alltag. Neben Romanen wie Landschaft im klaren Licht, Die gläserne Grenze, Terra nostra oder Nichts als das Leben verfasste der "Marxist im Smoking" auch Sachbücher und Theaterstücke. Er starb 83-jährig am 15. Mai 2012 in Mexiko-Stadt.

Kurt Felix

Streiche mit versteckter Kamera sprechen die niedersten Instinkte an: Schadenfreude und Fremdschämen liegen nahe beieinander. Kurt Felix machte dieses Prinzip 1974 mit der Show Teleboy in der Schweiz und 1980 mit Verstehen Sie Spaß in Deutschland populär. Vielleicht gelang es ihm auch deshalb so gut, weil er dem Spott mit verschmitztem Humor und sympathischen Umgangsformen immer wieder die Spitze nahm. In den meisten Shows stand seine zweite Ehefrau, die Schlagersängerin Paola, an seiner Seite; 2006 wählten die Zuschauer die beiden Schweizer zu Deutschlands Traumpaar. Der gelernte Lehrer Felix, Jahrgang 1941, hatte beim Schweizer Fernsehen mit einer Sendung über das alemannische Kartenspiel Jassen begonnen und entwickelte auch später immer wieder originelle, erfolgreiche eigene Formate. Zuletzt arbeitete er hinter der Kamera. Seit 2003 zwang ihn der Krebs, sich immer mehr aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Er starb am 16. Mai 2012 mit 71 Jahren in Sankt Gallen.

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Donna Summer

Die Karriere von Donna Summer begann mit einem Missverständnis: Für die 1948 als LaDonna Adrian Gaines in eine Gemeinde strenger Christen in Boston geborenen Sängerin war ihr schwüler Disco-Stöhner Love to love you, baby nur ein Scherz. Produzent Hansjörg "Giorgio" Moroder machte daraus in einem Münchener Studio einen Synthesizer-Disco-Hit, der die Charts stürmte – und Summer zur Sex-Ikone wider willen. 1976 versuchte sie, ihrem Leben ein Ende zu bereiten, sang dann aber weiter proto-technoide Erfolgssongs wie I Feel Love oder Hot Stuff. Ihr Gefühl, in diesen Jahren wie eine Sklavin der Musikbranche gehalten worden zu sein, drückte Summer ((http://www.zeit.de/kultur/musik/2012-05/donna-summer-nachruf)9 1983 in She Works Hard For The Money aus. Dann zog sie sich von der Tanzfläche zurück, sang Gospels, betrieb ein Modelabel und tauchte nur noch sporadisch in der ersten Reihe auf wie 2009, als sie bei der Verleihung des Friedensnobelpreises an Barack Obama sang. Donna Summer starb am 17. Mai 2012 mit 63 Jahren in Naples, Florida.

Dietrich Fischer-Dieskau

Dietrich Fischer-Dieskau war der Lied-Interpret des 20. Jahrhunderts. Der 1925 in Berlin geborene Bariton machte Schubert, Brahms und Mahler, Poulenc, Debussy und Grieg, sogar Henze und Rihm mit mehr als 400 Aufnahmen einem großen Publikum zugänglich und prägte als Hochschullehrer Sänger wie Thomas Quasthoff und Christian Gerharer. Weil er sich schon als Zwanzigjähriger mit schlanker Stimme an anspruchsvollste Literatur wagte, prophezeiten ihm manche eine kurze Karriere, doch Fischer-Dieskau gab bis Silvester 1992 Konzerte. Immer wieder fand er neue Herausforderungen wie die von Aribert Reimann ihm auf den Leib komponierte Oper König Lear. Viermal verheiratet (darunter mit dem Kinostar Ruth Leuwerik und der Opernsängerin Júlia Várady), starb "FiDi" am 18. Mai 2012 kurz vor seinem 87. Geburtstag in Berg in Oberbayern.

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Robin Gibb

"Eine Art Punk mit anderen Mitteln" hat die ZEIT genannt, was die Bee Gees in den Siebzigern taten, einen "Aufstand des Synthetischen": in engen Kunstsatinpellen im Falsett zu Discokugelglitzern vom Saturday Night Fever hauchen. Die Gibb-Brüder waren Kinder eines erfolgsarmen Musikers und traten schon im Grundschulalter in Manchester auf, bevor die Familie nach Australien emigrierte, auch, weil Robin Gibb zum Zündeln neigte und immer wieder Ärger bekam. Dort begann die Achterbahn-Karriere der drei Brüder (Nesthäkchen Andy war als Solist unterwegs) mit Everly-Brothers-geschultem Harmoniegesang. Robin, 1949 auf der Isle of Man geboren, war der Klassenclown, der Kasper und Komiker der Truppe, aber auch ein Melancholiker. Der Kampf gegen den Krebs, der Ende 2011 bei ihm diagnostiziert wurde, zehrte ihn völlig aus. Mit seinem Sohn komponierte er kurz vor seinem Tod ein klassizistisches Requiem zum 100. Jahrestag des Titanic-Untergangs. Die Premiere erlebte er nicht mehr: Robin Gibb starb am 20. Mai 2012 mit 62 Jahren in London.

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Ray Bradbury

Science-Fiction-Fans kennen Ray Bradbury als Autor der Mars-Chroniken von 1950 und der von Truffaut 1966 verfilmten Zensur-Dystopie Fahrenheit 451 aus dem Jahr 1953. Doch Bradbury schrieb auch zartere Romane wie das in Deutschland fast unbekannte Löwenzahnwein und sogar Kinderbücher. Auch Theaterstücke und Drehbücher wie für John Hustons Moby Dick von 1956 oder für Fernsehserien wie Die Vierte Dimension verfasste Bradbury 30 Romane, mehr als 600 Kurzgeschichten und zahllose Essays. Noch kurz vor seinem Tod schrieb der 91-Jährige für den New Yorker. Die erste Kurzgeschichte des 1920 geborenen Technikersohnes erschien in einer Zeitschrift, als er 17 war. Er liebte Flash Gordon und Buck Rodgers, war aber kein Technik-Fan. Sein Thema war immer wieder die Unschuld, die sich gegen die Macht der Technokraten verteidigen muss. Durch ihn wurde Science-Fiction zum literarischen Genre erhoben. Am 5. Juni 2012 starb Ray Bradbury im Alter von 91 Jahren in Los Angeles.

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Ob die Menscheit die großen Probleme der Zeit doch noch in den Griff bekommen werden, wollten wir 2009 von Elinor Ostrom wissen. Ostrom, damals 76 Jahre alt, hatte da gerade als erste Frau den Nobelpreis für Ökonomie erhalten, für ihre Forschung für die gute Verwaltung von öffentlichen Gütern. Wir werden es wohl müssen, antwortete sie damals lachend. So war auch ihre Forschung: Vom Optimismus getrieben, dass selbst rare Umweltgüter von Menschen gemeinschaftlich verwaltet werden können, ohne dass sie ausgebeutet und zerstört werden. Zugleich aber pragmatisch genug, um zu sehen, welche zerstörerische Kraft das freie Spiel der Märkte auf die Welt, in der wir leben, haben kann. Ostrom starb im Juni 2012 diesen Jahres in einem Krankenhaus in Bloomington im Bundesstaat Indiana. Sie wurde 78 Jahre alt.

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Nora Ephron

Von Nora Ephron stammt einer der berühmtesten Sätze der jüngeren Filmgeschichte: "Ich nehme genau das, was sie hatte." Mit diesen Worten wendet sich eine ältere Dame am Nebentisch an den Kellner, nachdem Meg Ryan ihrem Filmpartner Billy Crystal in Harry und Sally (1989) öffentlich einen Orgasmus vorgetäuscht hat. Aus der Feder der 1941 in New York geborenen Drehbuchautorin Ephron stammen romantische Komödien wie E-Mail für Dich, Schlaflos in Seattle und Julie & Julia; bei den beiden letztgenannten führte sie auch Regie. Ephron hatte ihre Karriere als Journalistin begonnen. Eines ihrer ersten Drehbücher thematisierte 1983 den mysteriösen Tod von Karen Silkwood, die in der Atomindustrie arbeitete. Ephron war drei Mal verheiratet, darunter mit dem Watergate-Enthüller Carl Bernstein – eine Beziehung, die sie 1986 in den Film Sodbrennen verwandelte, wie so oft mit ihrer Freundin Meryl Streep in der Hauptrolle. Ephron starb am 26. Juni 2012 mit 71 Jahren an den Folgen einer Leukämie.

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Kaum ein Name steht so sehr für Kompromisslosigkeit und Konfrontation im Nahostkonflikt wie Jitzchak Schamir. Der ehemalige Premier Israels war bekannt für Sätze wie: "Ich will die Araber einfach nicht, die Juden wollen die Araber nicht." Geboren wurde er 1915 im heutigen Weißrussland, wanderte aber schon im Alter von 20 Jahren nach Palästina aus und kämpfte gegen die dortigen britischen Machthaber. Nach der Gründung Israels arbeitete Schamir 20 Jahre lang als Agent für den Geheimdienst Mossad, bevor er 1970 in die Politik ging. Als Hardliner der Likud-Partei wurde er Außenminister und 1983 erstmals Ministerpräsident. Er schlug den ersten Palästinenser-Aufstand (Intifada) mit harter Hand nieder und baute unbeirrt immer neue, umstrittene israelische Siedlungen im Westjordanland. An Friedensgesprächen nahm Schamir überhaupt nur nach massivem Drängen der USA teil. Er starb 92-jährig am 30. Juni in Tel Aviv.

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Lange Zeit war er einer der engsten und mächtigsten Vertrauten des ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak. Als Geheimdienstchef bewahrte Omar Suleiman Mubarak 1995 vor einem islamistischen Anschlag, weil er rechtzeitig eine kugelsichere Limousine besorgt hatte. Die beiden saßen nebeneinander in diesem Auto, als die Geschosse der Terroristen einschlugen. Suleiman hatte sich über Kaderschmieden und Militärakademien hochgedient und alle Kriege gegen Israel mitgekämpft. Er war es am Ende auch, der den Rücktritt Mubaraks im Februar 2011 verkündete. Suleiman wollte danach selbst Präsident werden, wurde von der Militärregierung aber gar nicht erst zur Wahl zugelassen. Er starb am 19. Juli im Alter von 76 Jahren im amerikanischen Cleveland, wohin er zur ärztlichen Behandlung ausgewandert war.

Susanne Lothar

Verhärmte Ehe-Opfer, wilde Liebhaberinnen, zerbrechliche Geliebte und eine den ganzen Theaterabend lang nackte Lulu: Susanne Lothar war eine Extrem-Schauspielerin. Ob auf der Bühne unter der Regie von Peter Zadek, in Filmen wie Das Weiße Band, Drei Mal Leben, Funny Games und Die Klavierspielerin oder auch im Tatort und der Fernsehserie Die zweite Heimat. Die 1960 in Hamburg geborene Tochter eines Schauspieler-Ehepaars (Ingrid Andree und Hanns Lothar) wurde selbst Schauspielerin – mit Studium an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater, mit Engagements unter anderem am Thalia, am Hamburger Schauspielhaus, an der Berliner Schaubühne und am Burgtheater in Wien. Sie heiratete auch einen Schauspieler: Ulrich Mühe, mit dem sie Seite an Seite spielte. Mühe starb 2007 an Krebs. Susanne Lothar überlebte ihren Mann nur um fünf Jahre und starb am 21. Juli 2012; über die Todesumstände schweigt die Familie. Susanne Lothar wurde 51 Jahre alt.

Gore Vidal

"Stil ist zu wissen, wer du bist und was du zu sagen hast, und dich nicht darum zu kümmern, was andere denken." Gore Vidal las seinem Land, den USA, und seiner Schicht, der besseren Gesellschaft, mit spitzer Feder die Leviten. Er betrachtete Amerika als expansionslüsternes, kriegsgeiles Imperium. Das hinderte ihn nicht daran, es regieren zu wollen: Von John F. Kennedy gefördert startete er zweimal vergeblich eine politische Karriere. Die New York Times beschrieb den 1925 geborenen Soldatensohn als "ungewählten Schattenpräsidenten", der alles besser zu wissen glaube. In seinem Roman Geschlossener Kreis thematisierte er 1948 erstmals offen und ausführlich Homosexualität (Vidal selbst liebte Männer und Frauen). Weltruhm brachten Romane wie Julian, Myra Breckinridge, 1876 – und das Drehbuch zu Ben Hur. Vidal hatte berühmte Freunde wie Jack Kerouac, Marlon Brando und Frank Sinatra, erwarb sich in seinem 86-jährigen Leben mit beißendem Sarkasmus aber auch viele Feinde. Er starb am 31. Juli 2012 in Los Angeles.

Silvia Seidel

Sie blieb für immer Anna, das Mädchen in Tutu und Ballettschuhen. In der ZDF-Serie von 1987 und dem folgenden Kinofilm spielte die damals 17-jährige Silvia Seidel eine Ballerina, die einer Wirbelverletzung trotzt. Scharenweise rannten junge Mädchen in die Ballettschulen. Auch in einem US-Film namens Ballerina spielte sie 1989 mit, doch der Erfolg verebbte rasch. "Ich habe mein Leben damit verbracht, unberühmt zu werden", sagte sie über sich selbst. Seidel schlug sich in Boulevardkomödien und mit kleinen Film- und Fernsehrollen – Sturm der Liebe, Forsthaus Falkenau, SOKO Leipzig – sowie im Volkstheater mehr schlecht als recht durch, war oft arbeitslos. 1992 nahm ihre Mutter, an Depressionen erkrankt, sich das Leben; die Boulevardpresse beschuldigte Silvia Seidel, sie habe ihre Mutter im Stich gelassen. Davon, heißt es, habe sie sich nie wieder erholt. Sie wurde am 4. August 2012 tot in ihrer Münchener Wohnung gefunden, mit 42 Jahren. Neben ihr lag ein Abschiedsbrief.

Chavela Vargas

Nach ihrem Tod twitterte Chavela Vargas weiter: "Hier endet meine Geschichte, die aus dem Nichts begann", stand in einer vorbereiteten Nachricht, die wenige Minuten nach ihrem letzten Atemzug auf @ChavelaVargas erschien. Die lateinamerikanische Sängerin war mit ihren 93 Jahren in der Moderne angekommen. Geboren 1919 in Costa Rica begann sie als Straßenmusikerin in Mexiko-Stadt. In Männerkleidung, mit Zigarren, viel Alkohol und groben Ranchera-Liedern wurde sie in der spanischsprachigen Welt berühmt. Zu ihren größten Erfolgen gehören De un mundo raro, La Llorona und Paloma Negra. Mit der deutsch-mexikanischen Malerin Frida Kahlo soll sie in jungen Jahren ein Verhältnis gehabt haben. Vargas spielte 1990 in Werner Herzogs Schrei aus Stein mit und ist in den Soundtracks mehrerer Filme von Pedro Almodóvar zu hören. Mit 83 Jahren gab sie ihr erstes Konzert in der New Yorker Carnegie Hall, nahm kurz vor ihrem Tod mit 93 Jahren noch ein Album auf. Sie starb am 5. August 2012 in Cuernavaca, Mexiko.

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Anna Piaggi

Was genau war Anna Piaggi? Modejournalistin? Ha! Viel zu blass für diese Frau, deren persönliches Archiv, 2006 im Londoner Victoria and Albert Museum ausgestellt, 2865 Modelle aus der Geschichte der Mode, 265 Paar Schuhe und 932 Hüte umfasste, die Bergwacht-Jacken zu Zwanziger-Jahre-Pumps trug oder Frack zum Minirock, all das unter immer neuen bizarren Hüten. Die 1931 geborene Mailänder Tochter aus gutem Hause, die sechs Sprachen beherrschte, begann als Übersetzerin, bevor sie erst in die Moderedaktion der Zeitschrift Ariadne und dann zur italienischen Vogue wechselte. Noch in den letzten zwei Jahrzehnten ihres Lebens – sie wurde 81 – collagierte sie regelmäßig für die Vogue eine Doppelseite zu aktuellen Modethemen. Für eine gewöhnliche Journalistin fehlte ihr auch die Distanz zu den Modemachern, über die sie schrieb; sie gehörte zur Entourage unter anderem von Karl Lagerfeld. Ihr eigener, mehr als exzentrischer Stil inspirierte die Couturiers. Sie starb am 7. August 2012 mit 81 Jahren.

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Kurt Maetzig

Kurt Maetzigs wohl schwärzeste Stunde war ein Artikel im Neuen Deutschland vom Januar 1966. Sein Film Das Kaninchen bin ich war gerade ob seiner Kritik am real existierenden Sozialismus vom SED-Regime verboten worden, und Maetzig geißelte sich im Parteiblatt selbst für seine mangelnde Linientreue. Später schämte er sich für die taktisch motivierte Selbstanklage. Schon mit seinem Zweiteiler über Ernst Thälmann hatte er 1954 und 1955 Heldenverehrung im Sinne der DDR-Spitze betrieben. Dann wagte er sich aber an dokumentarisch-realistische Filme mit wie Schlösser und Katen (1957) mit durchaus kritischen Zwischentönen. Sein wohl wichtigstes Werk, Ehe im Schatten (1947), schilderte die Flucht eines Schauspieler-Ehepaars vor den Nazis in den Tod. Zehn Jahre lang leitete er die Babelsberger Filmhochschule. 1976 hatte er die Kompromisse satt, sagte sich von der DDR-Filmfirma Defa los und drehte keine Filme mehr, blieb aber als Funktionär etwa der Internationalen Filmcluborganisation aktiv. Maetzig starb am 8. August 2012 mit 101 Jahren in Bollewick-Wildkuhl in Mecklenburg-Vorpommern.

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Tony Scott

Tony Scotts letzter Film, Unstoppable, handelt von einem mit hochexplosivem Stoff beladenen Zug, der führerlos durch Nordamerika rast. So waren viele Werke des gebürtigen Briten: überdreht, voll Action und Humor, aber auch mit einer düsteren Seite. Bei der Kritik stand der Regisseur immer ein bisschen im Schatten seines Bruders Ridley (Alien, Blade Runner). Die Gunst des Publikums war ihm nach seinen Erfolgen Top Gun, Tage des Donners oder Déjà Vu sicher. Man sah seinen Kinofilmen an, dass er mit Werbespots angefangen hatte – seine durchgestylten Bilder passten in die achtziger Jahre, in denen er seine größte Zeit erlebte. Seine Kameraführung war energiegeladen, oft hektisch, manche der Drehbücher, die er verfilmte, waren etwas lieblos. Mit True Romance gelang dem Arbeitersohn, der Kunst studiert hatte, 1993 aber auch ein Kleinod aus Liebesgeschichte und brutalem Krimi. Scott sprang am 19. August 2012 mit 68 Jahren von einer Brücke in Los Angeles in den Tod.

Er war ein klassischer Arbeiterführer vom rechten Flügel der SPD, "Kanalarbeiter" nannte man diese damals. Von 1957 bis 1966 war der gelernte Maurer Vorsitzender der IG Bau-Steine-Erden, danach Bundesverkehrsminister in der ersten Großen Koalition und der anschließenden sozialliberalen Koalition. In seiner Amtszeit senkte er die erlaubte Promillegrenze für Autofahrer auf 0,8. Leber scheiterte allerdings mit dem Versuch, mehr Verkehr von der Straße auf die Schiene zu bringen. 1972 übernahm er von Helmut Schmidt das Amt des Verteidigungsministers. Unter ihm wurde die Bundeswehr ausgebaut und aufgerüstet. 1978 trat Leber wegen einer Spionageaffäre in seinem Ministerium zurück. Der 1920 geborene Leber starb am 21. August.
 

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Seine Spuren sind immer noch auf dem Mond zu sehen, wo kein Wind weht und kein Regen sie verwäscht. Am 21. Juli 1969 tat Neil Armstrong jenen berühmt gewordenen kleinen Schritt, der ein großer für die Menschheit war, und betrat als erster Mensch die Oberfläche des Erdtrabanten. Der 1930 geborene Nachkomme von Schotten, Iren und Deutschen hatte seinen ersten Flugschein, bevor er Autofahren durfte. Er wurde Marineflieger im Korea-Krieg, Testpilot und Luftfahrtingenieur. Armstrong war der erste Zivilist, den die Nasa ins All schoss, zuerst mit einer Gemini-Kapsel und dann mit Apollo 11 zum Mond. 1971 verließ er die Nasa, unterrichtete Luftfahrttechnik, saß in einigen Aufsichtsräten und in den Kommissionen, die die Beinahe-Katastrophe von Apollo 13 und die Challenger-Explosion untersuchten. 2010 warnte er in einem Offenen Brief, die USA würden bei der Weltraumforschung bald nur noch zweitklassig sein. Armstrong starb am 25. August 2012 mit 82 Jahren nach einer Herzoperation. 

Er war der Mann, der die Zahlen für Josef Ackermann lieferte, den ehemaligen Chef der Deutschen Bank. Doch er war auch das: Ein streitbarer Ökonom, ein brillanter Analytiker und einer seiner Zunft, der das offene Wort nicht scheute. Von 1990 bis 2009 war er der Chefdenker und Chefökonom der Deutschen Bank,  der Mann im Konzern also, der die großen ökonomischen Trends vorhersagte. Oft sollte er Recht behalten  - selbst mit seiner für die damalige Zeit gewagten Prognose, die deutsche Wirtschaft werde im Krisenjahr 2009 um fünf Prozent schrumpfen. Das brachte ihm Kritik aus der Politik, der er trotzte. Später gab er zu Protokoll, er sei „stolz“ auf seine Prognose gewesen, auch weil er dem Gegenwind aus der Politik und der Wirtschaft Stand gehalten habe. Walter starb Ende August im Alter von 67 Jahren. 

Der rechte CSU-Politiker, ein Wegbegleiter von Franz Josef Strauß, trug den Spitznamen "Old Schwurhand", weil er 1960 in der bayerischen Spielbankaffäre wegen Meineids verurteilt worden war. Später allerdings sprach man ihn wegen angeblicher Unterzuckerung wieder frei. Als Bundesinnenminister von 1982 bis 1989 unter Helmut Kohl vertrat er eine harte Linie. So ließ er vom Verfassungsschutz die damals junge Partei Die Grünen beobachten und kämpfte gegen alles, was er für “links“ hielt. 1989 wechselte er noch einmal für zwei Jahre an die Spitze des Verkehrsministeriums. 1991 zog er sich aus der Politik zurück. Der 1925 in München geborene Zimmermann starb am 16. September  in seinem Ferienhaus in Österreich.

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Herbert Rosendorfer

Otto Jägermeier ist tot. So hieß der fiktive Komponist, den Herbert Rosendorfer erfand und der in manchen Musiklexika steht wie die Steinlaus im Pschyrembel. Der 1934 in Bozen geborene Rosendorfer studierte zwar erst Bühnenbildnerei, wechselte aber dann zu Jura: "Ich wollte doch etwas Solides machen und habe es nie bereut", sagte er einmal. 1967 wurde er Richter, schrieb nebenher satirisch gefärbte Werke über diese Welt wie Ballmanns Leiden oder Lehrbuch für Konkursrecht und Die Donnerstage des Oberstaatsanwalts. Bekannt wurde er 1969 mit dem Roman Der Ruinenbaumeister, sein größter Erfolg war der Beststeller Briefe in die chinesische Vergangenheit (1983). Rosendorfer schrieb fantastische Romane und Erzählungen, aber auch Theaterstücke, Abhandlungen zur Musik und Reiseführer. "Ich könnte gar nicht anders als weiterzuschreiben", sagte Rosendorfer an seinem 75. Geburtstag. Am 20. September 2012 starb er im Alter von 78 Jahren nach langer Krankheit in seinem Geburtsort in Südtirol.

 Seit 1963 leitete er New Yorks größte und berühmteste Tageszeitung: die New York Times. Sein Großvater hatte die Zeitung rund 70 Jahre zuvor gekauft. Sulzberger sollte die Zeitung in seiner Zeit zu dem machen, was sie heute ist: eines der wichtigsten publizistischen Organe der USA. Er verordnete in seiner Zeit dem Blatt ein radikal neues Design und ließ das Blatt nicht nur in New York, sondern im ganzen Land verkaufen. „Punch“ nannten sie ihn, sein Grundsatz war die finanzielle Unabhängigkeit der Zeitung. Nur so könne die Times unabhängig und stark bleiben. Sulzberger starb im September im Alter von 86 Jahren in seinem Haus in Southhampton.

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Dirk Bach

Bis zu seinem Tod kannten viele Dirk Bach nur als die dicke Ulknudel aus dem Dschungelcamp, als schrill-schwulen Comedian und als Improvisationskomiker aus der Schillerstraße. Dass der 1961 geborene Kölner aus der freien Theaterszene kam, bei den Nibelungen-Festspielen in Worms mitspielte und Kafka-Hörbücher einsprach, erfuhren viele erst aus den Nachrufen. Für die Erwachsenenwelt sei er "einfach zu verspielt", sagte er einmal von sich, und fühlte sich doch in düstere Rollen ein wie den Konzentrationslager-Erhardt in einer Bühnenfassung von Ernst Lubitschs Sein oder Nichtsein ein. In der Schule war er dreimal sitzengeblieben, eine Schauspielschule hatte er nie besucht. Der Mann, den Weggefährten wie Hape Kerkeling, Hella von Sinnen oder Alfred Biolek "Dicki" nannten, sammelte Plüschtiere, engagierte sich für Tierrechte, gegen Aids und die Diskriminierung Homosexueller. Der kleine Mann mit dem großen Herzen starb am 1. Oktober 2012 mit 51 Jahren in Berlin.

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Erhard Wunderlich war 1978 mit nur 21 Jahren jüngster Spieler des Weltmeister-Teams von Vlado Stenzel. Der Rückraumspieler war schon damals ein herausragender Handballer. Im Laufe seiner Karriere entwickelte er sich zu einem der besten deutschen Handballer aller Zeiten. 1999 wurde er tatsächlich zum Handballer des Jahrhunderts in Deutschland gewählt. Alle seine großen nationalen und internationalen Titel gewann er mit dem VfL Gummersbach. Später spielte Wunderlich für den CF Barcelona und der TSV Milbertshofen. 1981 und 1982 wurde er in Deutschland zum Handballer des Jahres gewählt. Zu den größten Erfolgen des "Sepp" genannten, 2,04 Meter großen Spielers zählten neben dem Sieg bei der Weltmeisterschaft 1978 die olympische Silbermedaille 1984, vier Europapokalsiege, die Europameisterschaft für Vereinsmannschaften, zwei deutsche Meistertitel und vier deutsche Pokalsiege.
 

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Nils Koppruch

Es gibt wenige wirklich gute deutschsprachige Singer-Songwriter. Seit diesem Jahr gibt es einen weniger. Nils Koppruch bastelte aus Liedermacherei und Deutsch-Pop mit Punk-Attitüde seinen eigenen, lakonischen bis zynischen, oft hochpoetischen Stil, der sich zum herkömmlichen Indiefolk etwa so verhielt wie Johnny Cashs Outlaw-Country zum Nashville-Mainstream. Groß abgeräumt hat er damit weder als Sänger der Hamburger Band Fink noch in der Solokarriere danach. Wenn man sie denn Karriere nennen mag: Koppruch blieb ein Geheimtipp, wenn auch ein heiß gehandelter. Seinen Lebensunterhalt verdiente das Mittelschichtkind, Jahrgang 1965, hauptsächlich mit wilden, dadaesken Art-Brut-Gemälden und als Betreiber von Ausstellungsräumen. Zuletzt nahm er ein Album zusammen mit dem jüngeren Gisbert zu Knyphausen auf, unter dem Bandnamen Kid Kopphausen, und bekam gute Kritiken dafür. Am 10. Oktober 2012 ist Koppruch, nach Angaben seiner Plattenfirma, "friedlich eingeschlafen"; er wurde nur 46 Jahre alt.

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Für Franz Beckenbauer war Helmut Haller "definitiv einer der besten Mitspieler", die er je hatte. Haller war ein Dribbler, einer, dem man gerne zuschaute, wenn er den Ball am Fuß führte. Er wechselte als einer der ersten deutschen Fußballer nach Italien und feierte dort große Erfolge. Den FC Bologna führte er 1964 zum italienischen Meistertitel, später gewann er den sogenannten Scudetto noch zweimal (1972 und 1973) mit Juventus Turin. Für die deutsche Nationalmannschaft bestritt Haller insgesamt 33 Spiele. Bei der Weltmeisterschaft 1966 in England wurde er mit der deutschen Mannschaft Vize-Weltmeister, Haller hatte sie in Führung geschossen. 1970 holte er in Mexiko mit der Auswahl den dritten Platz. "Helmut Haller war einer der größten Fußballhelden der Nachkriegsgeschichte und hat den Augsburger Fußball und Generationen von Fußballern geprägt," teilte der Aufsichtsratsvorsitzender des FC Augsburg, Peter Bircks, mit, als er vom Tod des 73-Jährigen erfuhr. 

Damals, vor 30, 40 Jahren abends im ZDF, als das Aktuelle Sportstudio richtig gut, richtig relevant war, das war seine Zeit. Harry Valérien: Mitbegründer und Moderator des Sportstudios. Selbst der unsportlichste Zuschauer kam bei Valérien auf seine Kosten. Auf populäre, nie populistische Weise prägte Valérien über Jahrzehnte den Sportjournalismus im deutschen Fernsehen. Begonnen hatte diese Karriere nach dem Zweiten Weltkrieg und der Freilassung aus US-amerikanischer Gefangenschaft mit einer Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule, es folgte Arbeit beim Münchner Merkur und seit 1949, unterstützt von Robert Lemke, ein Reporterjob beim Bayerischen Rundfunk. Dann der Ruf des ZDF. 283 Mal führte Valérien durch das Aktuelle Sportstudio, von 1963 bis 1988. Neugierig, charmant, meistens im bunten Wollpullover – so begeisterte Valérien Zuschauer und Gäste. Er erhielt für seine Arbeit zahlreiche Preise, darunter den Bambi und die Goldene Kamera sowie 2004 den Ehrenpreis beim Bayerischen Fernsehpreis.

Wolfgang Menge

Als Wolfgang Menge in den 1950er Jahren anfing, Fernsehen zu machen, war das Medium noch jung und offen für alles – sogar für Anspruch. Was einmal daraus werden könnte, beschrieb er als Drehbuchautor 1970, als er in Das Millionenspiel für eine fiktive Fernsehshow einen Kandidaten von Auftragskillern hetzen ließ. In Smog schilderte er 1973 eine Umweltkatastrophe. Aber der Sohn eines Studienrates benutzte gar nicht so oft den pädagogischen Zeigefinger, um seine Inhalte an die Zuschauer zu bringen. Der erste Erfolg des 1924 in Berlin geborenen Menge war die Krimiserie Stahlnetz, etliche Tatorte folgten. Am nachhaltigsten bleibt "Ekel Alfred" Tetzlaff in Erinnerung, der Spießer, der sich in den sechziger und siebziger Jahren durch die Familienserie Ein Herz und eine Seele schnodderte. In der Talkshow 3 nach 9, einer der ersten im deutschen Fernsehen, moderierte Menge auch. Manchmal nahm er dafür sogar die Pfeife aus dem Mund. Menge wurde 88 Jahre alt, er starb am 17. Oktober 2012 in Berlin.
 

© China Daily/Reuters

Er war beliebt und wurde vom Volk verehrt: Norodom Sihanouk war mit Unterbrechungen bis 2004 König von Kambodscha. Zuletzt in einer weitgehend zeremoniellen Rolle, hatte der multi-interessierte Monarch zuvor auch politisch gewirkt und war dabei äußerst flexibel – manche nannten ihn auch wetterwendisch. 1941 wurde er im Alter von 19 Jahren König, seinerzeit noch unter französischer Kolonialherrschaft. Sihanouk trat für die Unabhängigkeit ein, was 1953 auch gelang: Nach ihrer Niederlage im Indochinakrieg verließen die Franzosen Kambodscha. Zwei Jahre später verzichtete Sihanouk auf den Thron und ließ sich zum politischen Oberhaupt erklären. Im Kalten Krieg versuchte er sein Land neutral zu halten und pflegte Beziehungen zu den USA wie zu China, im Vietnamkrieg war er mal auf Seiten der Amerikaner, mal auf jener der Vietnamesen. 1970 wurde er abgesetzt und ging nach Peking. Unter Pol Pot war er kurz Staatsoberhaupt, bis ihn die Roten Khmer unter Arrest stellten und mehrere seiner Kinder und Enkel ermordeten. 1979 ging Sihanouk ins Exil nach China. 1991 kehrte er nach Kambodscha zurück und ließ sich wieder als König einsetzen. Sein Ziel war es, Stabilität in seinem Land zu schaffen – sein Vermächtnis blieb zwiespältig. Der 1922 in Phnom Penh geborene Sihanouk starb am 15. Oktober in Peking.

Parteipolitik und echte Demokratie – passt das überhaupt zusammen? Dieser Frage widmete sich der Politologe Wilhelm Hennis über 50 Jahre lang. Er war einer der hartnäckigsten Kritiker und gleichzeitig Verteidiger des deutschen politischen Systems und seiner Akteure. Als Assistent von Carlo Schmid und ab 1962 als Professor in Freiburg verstand er die Politikwissenschaft eher als philosohische Disziplin und wehrte sich gegen den immer stärker werdenden Trend zur datenbasierten, empirischen Wissenschaft. Hennis, der unter anderem mit dem großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, war erst jahrelang SPD-Mitglied, bevor er 1969 in die CDU übertrat. Er starb am 10. November in Freiburg.
 

© Strdel/AFP/Getty Image

Hunderttausende säumten im indischen Mumbai die Straßen, über zwei Millionen Menschen nahmen an der Verbrennung seines Leichnams teil, 50.000 Polizisten mussten seinen Abschied sichern: Bal Thackeray war ein radikaler Hindu-Nationalist und ein Scharfmacher gegen alles vermeintlich Fremde. Er hetzte gegen die Muslime des Landes – immerhin 135,5 Millionen Inder – und auch Christen kamen bei ihm nicht gut weg. ZEIT-Korrespondentin Gabriele Venzky erlebte 1998 einen "äußerst kultivierten Mann mit so guten Manieren wie selten in Indien", der ihr unverblümt mitteilte: "Indien braucht eine Diktatur. Ich bin ein großer Bewunderer von Ihrem Hitler." 1966 gründete Thackeray die nationalistische Hindu-Partei Shiv Sena, die gewalttätig gegen politische Konkurrenten vorgeht und seit 16 Jahren die Finanzmetropole Mumbai regiert. Anfang der neunziger Jahre hetzten er und seine Partei wegen eines Tempels gegen Muslime, viele Hunderte kamen ums Leben. Thackeray wurde dafür nie belangt – im Gegenteil: Als er starb kam selbst von Regierungschef Manmohan Singh eine Würdigung. Er wurde 86 Jahre alt.

 Als nach dem Tod des Studenten Benno Ohnesorg bei einer Demonstration 1967 der Regierende Berliner Bürgermeister Heinrich Albertz zurücktrat, wurde Klaus Schütz sein Nachfolger. Obwohl er selber ursprünglich vom äußersten linken Rand der SPD stammte und einst eine trotzkistische Gruppe angeführt hatte, war Schütz bald eines der größten Feindbilder der damaligen Studentenbewegung. Unter seiner Führung begann der Abstieg der SPD in der geteilten Stadt. Sie verlor erstmals nach dem Krieg ihre absolute Mehrheit und musste mit der FDP eine sozialliberale Koalition eingehen. Nach dem Ende seiner Regierungszeit 1977 war Schütz Botschafter in Israel und Intendant der Deutschen Welle. Der 1926 geborene Schütz starb am 29. November in Folge einer Lungenentzündung. 

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Leserkommentare
  1. Eine Leserempfehlung
  2. Josef Škvorecký

    Eine Leserempfehlung
    • Millen2
    • 20. Dezember 2012 17:33 Uhr
    2 Leserempfehlungen
  3. Was ist das für ein Titel?! "Die toten des Jahres" Wie wenn es ein Ranking für das Ausscheiden aus dem Leben geben würde. Die deutsche Sprache bietet unzählige schönere Formen diesen Inhalt zu betiteln.

    8 Leserempfehlungen
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    Nur Erinnerung. Und ich denke, jeder Mensch hat seine eigene Erinnerung an einen Menschen, der in diesem Jahr gestorben ist.
    Fuer mich persoenlich waren unter den allgemein bekannten Persoenlichkeiten drei Schriftsteller, deren Buecher ich gerne gelesen habe.

    • uwilein
    • 20. Dezember 2012 19:51 Uhr

    Wie immer darf das Wort Tod nicht vorkommen im Leben?

  4. Jonathan Douglas „Jon“ Lord

    http://www.youtube.com/wa...
    (Der Clip ist (evtl. nur für mich ;-) historisch bedeutsam, weil der hier um die Ecke in einem Steinbruch gedreht wurde.)

    3 Leserempfehlungen
  5. Nur Erinnerung. Und ich denke, jeder Mensch hat seine eigene Erinnerung an einen Menschen, der in diesem Jahr gestorben ist.
    Fuer mich persoenlich waren unter den allgemein bekannten Persoenlichkeiten drei Schriftsteller, deren Buecher ich gerne gelesen habe.

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  7. Arthel Lane „Doc“ Watson, der ist auch gestorben dieses Jahr.

    http://www.youtube.com/wa...

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  • Schlagworte Nils Koppruch | Norodom Sihanouk | Wolfgang Menge | FC Augsburg | USA | Drehbuch
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