Anthony Poscano bringt einen Kranz zur Sandy-Hook-Grundschule. © Emmanuel Dunand/AFP/Getty Images

Newtown im Dezember. Ein sonniger, aber kalter Samstagmorgen. Kahle Bäume recken sich in den blauen Winterhimmel, der Frost schwindet nur langsam. Vor den Kirchen stehen Krippen aus Holz, am Feuerwehrhaus lehnen Dutzende Tannenbäume. Doch der Christbaummarkt ist abgesagt, die Weihnachtsstimmung zerstört, seit am Vortag der 20-jährige Adam Lanza mit einem Sturmgewehr 20 Kinder und sechs Erwachsene regelrecht exekutiert hat.

Ein Dorf erlebt seinen schlimmsten Alptraum. Wie schon Littleton, Colorado nach dem Columbine-Massaker wird Newtown , Connecticut nie mehr ein gemütliches Städtchen sein. Wie schon Virginia Tech wird Sandy Hook Elementary nie mehr eine Schule sein, sondern für immer ein Symbol für sinnlose Gewalt, für den Waffenwahn der Amerikaner und für eine Tragödie, die schwer in Worte zu fassen ist.

Der Amoklauf von Adam Lanza begann zu Hause in der Yogananda Street. Hier wohnt die obere Mittelschicht in adretten Fertighäusern, die in den USA als McMansions verspottet werden, weil ein Haus dem anderen gleicht wie ein Burger dem nächsten. Massenware mit Pool und gepflegtem Rasen. Mit Schaukel und Rutschbahn im Garten, damit die Kids nicht auf die Straße rennen.

Eine stolze Besitzerin einer Waffensammlung

An diesem Samstagmorgen, einen Tag nach der Tragödie, ist es ruhig in der Nachbarschaft. Man bleibt zu Hause, die Gardinen zugezogen. Len Strocchia steht vor seinem Haus, will ein wenig frische Luft schnappen. Er kann nicht fassen, was am Tag zuvor passiert ist. Seit fünf Jahren lebt er hier, kam mit seiner Familie aus Long Island, um die Ruhe außerhalb New Yorks zu genießen. "Man hat uns mit offenen Armen empfangen und erst einmal eine Tour durch den ganzen Ort gegeben", sagt er. "Die Schulen gehören zu den besten im Bundesstaat. Deshalb sind wir hierher gekommen."

Ähnlich geht es Dr. Jeannie Pasacreta. Die Psychologin mit eigener Praxis in Newtown ist auf dem Weg zum sporadisch eingerichteten Trauerzentrum in der Turnhalle. Sie will mit Angehörigen reden und sich bemühen, das Unbegreifliche begreiflich zu machen. Dabei hat sie selbst noch lange nicht verarbeitet, was passiert ist. Sie ist vor einigen Jahren aus Philadelphia nach Connecticut gezogen, der Sicherheit wegen. "In Philadelphia waren meine Kinder in einer Privatschule", sagt sie, "weil die öffentlichen Schulen zu gefährlich waren." Ihr ältester Sohn ging mit Adam Lanza in die Abschlussklasse, beschreibt ihn als Einzelgänger, der fast immer schwarz trug, keine Freunde hatte. Näher kannte man sich nicht, und Mutter Nancy habe sie noch nie getroffen. 

Ganz anders im Dorf. Da spricht man über Nancy Lanza, Mutter und erstes Opfer des Amokläufers – und stolze Besitzerin einer Waffensammlung, zu der auch das Bushmaster-Sturmgewehr gehörte, mit dem Adam erst sie erschoss und kurz darauf 26 weitere Menschen, darunter 20 Kinder, alle sechs und sieben Jahre alt. Polizeichef Paul Vance bemüht sich um professionelle Emotionslosigkeit, als er der Presse erklärt, dass alle Kinder von mehreren Kugeln getroffen wurden. Manche wurden regelrecht zersiebt, mit bis zu elf Kugeln.

"Nancy war eine gute Freundin", sagt Louise Tambascio, die 70-jährige Wirtin im Restaurant "My Place". Adam habe sie nur flüchtig gekannt. Er habe an Asperger gelitten, einer Art von Autismus, die normalerweise nicht mit Gewaltbereitschaft verbunden ist. Adam sei "schwierig im Umgang" gewesen, aber intelligent. Das sagen alle. "Man konnte sofort sehen, dass er ein Genie war", meint Alex Israel, die mit Adam in die Klasse ging. Und Marsha Moskowitz, die Adam Lanza jahrelang im Schulbus fuhr, bezeichnet ihn als "nett und sehr höflich".