AmoklaufNewtown im Schockzustand

Verzweifelte Eltern, ratlose Polizisten: Ein Ort versucht, das Unfassbare zu fassen. Motiv und Ablauf der Tat sind noch immer ungeklärt. von Lars Halter und

Sandy-Hook-Grundschule in Newtown

Sandy-Hook-Grundschule in Newtown  |  © Spencer Platt/Getty Images

Joseph Wasik war zunächst nicht allzu besorgt, als seine Frau anrief. Die Grundschule, in der ihre Tochter Alexis die dritte Klasse besucht, habe einen Warnhinweis an alle Eltern verschickt: Das Gelände sei abgeriegelt. Solche Alarmmeldungen haben die Wasiks schon öfter bekommen, bisher war es stets Fehlalarm. Nach früheren Massakern in Schulen, Kinos und Einkaufszentren, hat man in Amerika die Sicherheitsvorkehrungen verschärft. Auch in einem Städtchen wie Newtown , Connecticut , in das Menschen der guten Bildung wegen ziehen, wurde ein Schutzsystem eingeführt. Nach Unterrichtsbeginn ist die Tür zum Schulgebäude verschlossen. Wer hinein will, muss klingeln.

Doch als der 42-jährige Elektriker seinen Laptop öffnet und die Schlagzeile "Schulschießerei in Connecticut" sieht, bekommt er Angst. "Ich bin zu meinem Auto gerannt und losgerast", erzählt er später Reportern der Washington Post . Um die Schule herum herrscht Chaos. "Kreuz und quer sind Autos abgestellt, dazwischen die Wagen der Swat-Spezialteams der Polizei. Eltern rufen verzweifelt die Namen ihrer Kinder." Wasik macht sich ebenfalls auf die Suche nach seiner Tochter. Der Rotorenlärm der über der Schule kreisenden Helikopter füllt die Luft. Erwachsene rennen durcheinander, vielen stehen Tränen in den Augen.

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Lehrer und Polizisten führen Kinder im Gänsemarsch aus der Schule. Die Schüler sollen die Augen schließen und beide Hände auf die Schultern des Kindes vor ihnen legen. Manche haben Blutflecken auf der Kleidung. Viele Kinder weinen so hemmungslos, dass ihre Körper zittern. Feuerwehrleute hüllen sie in Decken und bringen sie in die nahe Feuerwache. Dort tragen Polizisten die Namen der Neuankömmlinge in eine Liste geretteter Kinder ein.

Manche Eltern warten in der Feuerwache darauf, dass ihr Kind auftaucht. Andere nimmt der herbeigeeilte Gouverneur von Connecticut, Dan Malloy, diskret beiseite, um ihnen die schreckliche Nachricht nahe zu bringen, die alle so fürchten: dass ihr Kind nie mehr nach Hause kommen wird. Wasik stößt auf seinen Freund Steve, der nach seinem Sohn fahndet, einem Erstklässler. Viele Stunden später wird er erfahren, dass Steves Sohn unter den Toten ist.

Viele Fehlinformationen

Wasik läuft um das abgesperrte Schulgelände, während die Panik in ihm wächst. Nach langen 20 Minuten sieht er seine Tochter, schließt sie in die Arme, versucht sie zu trösten. Die kleine Alexis ist unter Schock. "Sie hat schlimme Dinge gesehen", sagt Wasik. Die Familie will möglichst schnell wegfahren, Abstand gewinnen und einen Weg finden, wie sie dem kleinen Mädchen das Unfassbare fassbar machen kann.

Vielen geht es so wie den Wasiks. Die Kleinstadt mit 27.500 Einwohnern ist jäh aus der vorweihnachtlichen Freude gerissen worden . Auch am Samstag waren viele auf der Suche nach verlässlichen Nachrichten über das Geschehen. Der genaue Ablauf des Massakers klärt sich erst nach und nach. Viele Informationen aus den ersten Stunden haben sich als falsch erwiesen.

Für die Ermittler ist das eine übliche Erfahrung. In solchen Ausnahmesituationen funktionieren die menschlichen Sinne nicht präzise. Augenzeugen versuchen ihre Eindrücke zu ordnen. Die Polizei ist deshalb sehr zurückhaltend, unbestätigte Informationen herauszugeben. Zunächst wurden, zum Beispiel, unrealistische Angaben über die Menge der abgegebenen Schüsse gemacht. Der Täter Adam L. wurde mit seinem älteren Bruder Ryan verwechselt. Und lange hieß es, er habe seine Mutter, die in der Schule unterrichtet, in ihrem Klassenraum erschossen. Nun weiß man nicht einmal, ob die Frau überhaupt zum Schulpersonal gehörte.

Als sicher gilt inzwischen, dass der 20-jährige Täter seine Mutter in dem Haus tötete, in dem sie gemeinsam wohnten. Er nahm drei Waffen an sich, die ganz legal auf den Namen der Mutter angemeldet sind: zwei Pistolen der Marken Glock und Sig Sauer sowie ein halbautomatisches Gewehr vom Typ 223 Bushmaster . Mit dem Auto der Mutter fuhr der Täter zur Schule. Dort traf er gegen 9.30 Uhr ein.

Leserkommentare
  1. Ich wohne in den USA. Ihr Artikel is viel besser als die Artikel, die man hier liest, sehr informationsreich und zurueckhaltend. Das finde ich gut.
    Ja, die NRA (National Rifle Association) hat viel Macht, seitdem sie Ronald Reagan geholfen an, Praesident zu werden. Die Tatwaffen wurden von der Mutter des Taeters legal gekauft, der Taeter selbst haette offiziel keine Waffen kaufen koennen, da er nciht 21 Jahre alt war.

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    • ribera
    • 16. Dezember 2012 2:12 Uhr

    Ok. Wenn die NRA viel Macht hat, dann kann das 2 Dinge bedeuten:
    - Entweder die NRA hat einen breiten Rückhalt in der Bevölkerung - dann ist es die Gesellschaft, die diese Waffengesetze will.
    - Oder die NRA schreit am lautesten, ohne die Bevölkerungsmehrheit hinter sich zu haben. So etwas kennen wir auch.
    Letztlich hilft da wohl nur eine Volksabstimmung.

  2. [...] An Bindekräften gibt es ja nicht mehr viel ausser Religion und Stars & Stripes. Kollektive Trauerfeiern und präsidiale Ansprachen sind rituelle Handlungen, die Halt geben und für einen Moment vergessen machen, wie tief das Land gespalten ist: Das reichste Prozent der Amerikaner besitzt genauso viel Vermögen wie die unteren 90 Prozent (US Census Bureau), die Latinos stellen mehr als die Hälfte der Einwohner von Los Angeles, und es gibt eine tiefe Kluft zwischen den Küstenregionen und dem Landesinneren.
    Die Fragmentierung zeigt sich bei der Entfremdung des Menschen von Arbeit und Familie (die Scheidungsraten in den USA sind ebenso hoch wie in Deutschland), bei der Verfestigung ethnischer und subkultureller Parallelwelten, und bei der extrem ungleichen Verteilung von medizinischer Versorgung und Bildung.

    Eine Revitalisierung der Bürgergesellschaft muss Utopie bleiben, solange die Unterschicht wächst, die Mittelschicht schwindet und sich die Verantwortung der Oberschicht auf selbstgefällige Charity-Veranstaltungen beschränkt. Die Zersplitterung ist so weit fortgeschritten, dass selbst der Klassenkampf keine Option für die gesellschaftliche Neuformatierung ist, weil es an gemeinsamen Interessen und Organisationsstrukturen (v.a. Gewerkschaften) fehlt. Eine historisch einmalige Situation. Und nicht nur für die USA.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf unangemessene Fragestellungen. Danke. Die Redaktion/cv

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    Der Eingangssatz meines letzten Kommentars war etwas daneben, aber es genügt nicht, wenn wir einzelne Probleme sehr verengt diskutieren, hier etwa die Frage eines Waffenverbots. Es muss die Systemfrage gestellt werden.

    Ein Kommentator schrieb: "Eine Ursache ist der Zerfall der Familie auf Kosten der Kinder."
    Ja, und wir leben in einer Tabuzone. Um alleinerziehenden Müttern kein schlechtes Gewissen einzureden, wurde zu selten die Fehlentwicklung von Kindern thematisiert, die in instabilen Familien aufwachsen.

    Zurzeit lese ich das kommunistische Manifest von Marx/Engels, das die Auflösung der sozialen Beziehungen durch den Kapitalismus aufzeigt. Anders als in Deutschland, das noch von Substanz (und den steigenden Schulden der Handelspartner) lebt, gibt es weltweit nur noch sehr wenig Vertrauen in den Kapitalismus, siehe „Die Welt verliert das Vertrauen in den Kapitalismus“:

    http://www.welt.de/wirtsc...

    Das „Grundkapital“ jeder Gesellschaft ist der Mensch. Bei einer Kinderquote von 1,3 bis 1,4 verlieren wir mehr Menschen als durch den ersten und zweiten Weltkrieg zusammen (Zivilisten + Soldaten). Ein solches System kann nicht gesund sein. Einen lesenswerten Anstoss liefert Dieter Thomä in der FAZ: „Der Kapitalismus zersetzt die Familie - ganz subtil“.

    http://www.faz.net/aktuel...

    • NWJ
    • 15. Dezember 2012 20:50 Uhr

    Es gibt viele Ursachen für den Zufall einer Gesellschaft. Das fängt in der Familie an. Eine Ursache ist der Zerfall der Familie auf Kosten der Kinder. Dann der Irrglaube der amerikanischen Eltern, unsere Kinder sind doch so lieb. Da gibt es z.B. Rauschgiftprobleme verschiedenster Art. Aber man hört immer nur, unsere Kinder sind sonst sehr lieb und vernünftig, obwohl die Eltern berets deb Überblick verloren haben. Und toll was unsere Kinder alles so machen, aber die brotlose Kunst wird nicht erkannt. Wenn es unangenehm word, dann schaut man weg. Wieso konnte dieser junge Mörder derart gezielt die Waffen einsetzen, so dass fast jeder Schuss ein tödlicher wurde. Wo hat der das gelernt. Dazu braucht man sehr lange Übung. Wahrscheinlich hat die Mutter lieber weggeschaut, um sich der heraufziehenden Gefahr zu entziehen. Es wird sich herausstellen, dass nichts in Ordnung war und auch keine Überraschung. Alles hat etwas mit Wegschauen zu tun. Und Schuld sind immer andere.
    [...]
    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/cv

  3. 4. [...]

    Entfernt. Bitte diskutieren Sie zum konkreten Artikelthema. Danke. Die Redaktion/cv

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    Der Kommentar auf den Sie kritisch Bezug nehmen, wurde mittlerweile entfernt. Danke, die Redaktion/cv

  4. Soll jetzt doch eine härtere Gangart eingelegt werden, was die Bewaffnung des amerikanischen Bürgers betrifft?

    Jeder Anlauf die Waffengesetze (z.B. nach einem Amoklauf) in den USA zu verschärfen, hat den Waffenverkäufern und Herstellern von Handfuerwaffen einen erneuten Boom beschert.
    So wird es auch diesmal wieder kommen:
    Allein die Androhung die Gesetze zu verschärfen wird dafür sorgen, dass sich jeder Waffennarr schnell noch einen weiteren Böllermann zulegt.

    gms

  5. Freundlichkeit - Ja, überall wird ja seit neustem USA bashing betrieben. Ich allerdings habe mich bei meinen besuchen in den Staaten so wohl gefühlt wie noch nie. Ich habe des erste Mal! in meinem Leben mit fremden Menschen geredet.
    Bei McDonalds, im Park usw. und Allgemein war jeder extrem Freundlich. Das tut gut.

    In Deutschland habe ich das Gefühl wird freundlichkeit meist nur aus eigennutz betrieben. Bei mir in der Klasse sind Mädchen nur Freundlich zu Lehrern und schönen Jungs gewesen. Bei mir wurde ein Typ in der Klasse gemobbt und bei der Gesprächsrunde haben sich doch mehrere Mädels gemeldet und gemeint der Junge stinke ja garnicht und sie würden ihn sehr gerne mögen. Natürlich haben sie ihn vorher immer ignoriert und dies auch weiterhin getan.

    Allgemein muss man ja bei jedem Obdachlosen auch die Strassenseite wechseln, er könnte einen ja anspringen, den Hollister Pullover beschmutzen und einem das I-Phone wegnehmen.

    Ich würde eigentlich noch viel mehr schreiben, doch das hat alles ja nichts mit dem Artikel zu tun, es versteht hier eh keiner und ändern wird sich an der Gesellschaft auch nichts. Bye

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    Was hat denn Freundlichkeit und "USA-Bashing" mit Kritik an bestehenden Waffengesetzen zutun..?

    Und die Geschichte, die Sie da beschreiben, passiert hier wie dort.

    Auf Straßen u. Plätzen an der Oberfläche ablaufende Gespräche. Das reale Nachbarschaftsleben fand hinter blickdichten 2 m hohen Bretterzäunen statt. Die Nachbarn u. Kinder wurden nicht gesehen, evtl. am gemeinschaftlichen Straßenbriefkasten. Die Nachbarschaft in der mittelständischen Eigenheimstraße wechselte schnell, aus beruflichen Gründen oder auch Hausverkauf aus div. Gründen. Die Straße war menschenleer. Die Kinder wurden vom Schulbus abgeholt und wieder gebracht. Auch sie haben nur eingeschränkte Kontakte. Schulbusse sind billiger als Schulen in der Wohngegend. Man geht durch die Küche in die verschlossene Garage, setzt sich in den Wagen, öffnet elektrisch das Tor, fährt raus und ohne auszusteigen schließt man die Garage wieder elektrisch. Fährt ins Einkaufzentrum und findet sich in einem Gewühl von einkaufenden Menschen wieder, die nur mit Konsum beschäftigt sind. Wer seine Kontakte nicht organisiert, findet keine. Und wer 3 Jobs nachgehen muß, um seine Familie und das Haus zu finanzieren, hat dazu wohl wenig Zeit.

    Diese Erlebniswelt schließt die Touristenroute nicht ein!

    (eine Vorstadt v. Austen/Texas)

  6. Das Mitgefühl gilt den Opfern und Angehörigen.
    Kritik muss ich dennoch loswerden: Über unschuldige Opfer muss natürlich berichtet werden, aber derartiges Medienecho findet man nicht, wenn es sich um unschuldige Opfer handelt, die von Nato-Truppen verletzt und getötet werden. Wenn man sich die Zahlen ansehen würde, würde man feststellen, dass die Berichtrstattung unverhältnismäßig erscheint.

  7. 8. [...]

    Bitte verfassen Sie sachliche Kommentare. Danke. Die Redaktion/cv

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