ObdachlosigkeitEin Mann am Nullpunkt

Ein kranker und arbeitsloser Schuster sah das Gefängnis als letzte Rettung vor der Parkbank. Nur deshalb bedrohte er eine Verkäuferin - die Strafe lautet 22 Monate Haft. von Kerstin Rebien

Der graubärtige Mann zog ein Messer. "Geld her", nuschelte er. Er versetzte die Verkäuferin in Angst und Schrecken. Doch dann stand Räuber Bernhard F. wie angewurzelt in dem Geschäft im Hauptbahnhof. Er machte keinen Druck, trotz der Schreie ringsherum türmte er nicht. Bernhard F., ein 59-jähriger Schuster, wartete. "Es ging mir nicht um Geld, es ging mir um Hilfe, ich war am Nullpunkt", sagte er am Freitag vor dem Landgericht. Er suchte an jenem Nachmittag eine Bleibe. Er fand sie im Gefängnis.

Zehn Wochen später der Prozess. Mit dem Überfall beging Bernhard F. aus Sicht der Juristen eine versuchte schwere räuberische Erpressung.

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"Das ist eines der schwersten Verbrechen", hielt ihm der Ankläger vor. Es drohen in solchen Fällen bis zu 15 Jahre Haft. Bernhard F. hörte ruhig zu. Er hatte schon einmal mit einem Messer in der Hand dafür gesorgt, dass sich sein Leben für eine Weile hinter Gittern abspielte. Damals hatte er in eine Ladenkasse gegriffen. 350 Euro waren darin. Er nahm nur 40 Euro. Als Räuber bekam er fünf Jahre und drei Monate Haft.

"Als ich in München im Gefängnis war, bekam ich auch medizinische Hilfe, das hatte ich bei der Sache auf dem Bahnhof im Hinterkopf", sagte der Angeklagte. Er redete nichts schön, er war nicht auf Mitleid aus – und schon gar nicht auf richterliche Milde so kurz vor Weihnachten. Für alle Prozessbeteiligten eine ungewöhnliche Situation. Bernhard F. versicherte auch nicht, dass er in Zukunft wieder der brave Schuster sein werde. "Was kommt nach der Haft?", fragte der Staatsanwalt. Der hagere Graubärtige ruderte mit den Armen. Hilflos wirkte er. "Keine Arbeit, keine Wohnung, keine Wohnung, keine Arbeit, ich sitze wohl wieder auf der Straße."

Nach der Reha war der Job weg

Das Drama begann im Juli in einem Zug. Bernhard F. war im Urlaub, als er eine schwere Herzattacke erlitt. Er musste operiert werden. "Drei Bypässe, dann kam die Reha." Im August aber habe er erfahren, dass er seinen Job in einer kleinen Schusterwerkstatt verloren hatte. "Dann war auch die Wohnung weg." Er suchte keine Hilfe bei Behörden. "Ämter – das habe ich nie gebraucht, ich habe da auch eine Phobie." Er setzte sich in einen Zug. Ziellos fuhr er durch die Republik – weg von seinen Problemen. Er strandete im September in Berlin. "Ich lebte auf dem Bahnhof." Bis er sich sehr schwach fühlte, Wasser in den Beinen, Schmerzen und längst nichts mehr zu essen hatte.

Er hätte zu einem Arzt oder gleich ins Krankenhaus gehen können. Wieder hob der Angeklagte hilflos die Arme. "Ich dachte, dass man ohne Arbeit auch nicht mehr krankenversichert ist." Und ein Obdachlosenheim? "Da war ich mal, das konnte ich nicht, da sind die Matratzen versifft." Er habe sich für die Parkbank entschieden. "Als ich körperlich am Boden war, habe ich den Überfall gemacht", sagte er ohne Selbstmitleid in der Stimme. Seine Geschichte hatte er kurz und sachlich auch den Polizisten erzählt, die ihn abführten. "Es hat mich betroffen gemacht", sagte einer der Beamten.

Bis vor fünf Jahren lebte Bernhard F. geradlinig. Eine Familie hatte er nicht, für ihn war die Arbeit das Wichtigste. F. ist geschickt bei Absätzen und Sohlen, er liest auch, "was die Bücherei hergibt". 2006 verliebte er sich, doch die Beziehung ging ein Jahr später in die Brüche und die Enttäuschung warf ihn aus der Bahn. Er floh aus dem Alltag und wurde erstmals zu einer Haftstrafe verurteilt. Drei Jahre später kam er auf Bewährung frei. "Ich hatte dann Glück und fand Arbeit bei einem alten Schuster", sagte er. Doch dann erlitt er den Herzinfarkt.

Im Gefängnis wollen eigentlich alle raus, doch für Häftling F. wäre es derzeit die wohl härteste Strafe. "In der Untersuchungshaft habe ich mich gleich für Arbeit gemeldet", berichtete er. Der Alltag verläuft zwar unfrei, aber dafür in geordneter Bahn. Pläne für ein Leben in Freiheit habe er nicht, sagte der Schuster. Er sprach ohne Tragik in der Stimme. Doch es gibt ein Problem: Man könne niemanden in Haft stecken, nur weil er es so wolle, betonen alle. Die Richter sahen nur einen "minder schweren Fall", aber Bernhard F. stand noch unter Bewährung. So ging sein Wunsch in Erfüllung: ein Jahr und zehn Monate Gefängnis.

Erschienen im Tagesspiegel
 

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Leserkommentare
    • Zack34
    • 22. Dezember 2012 15:12 Uhr

    den Test tatsächlich gelesen. Ganz im Unterschied zu vielen Mitkommentierenden.

    Es bleibt trocken sachlich festzustellen, dass die erste Kontaktaufnahme zwischen der betroffenen Person und den Ämtern mitnichten auf eine Initiative des Staates selbst erfolgen kann, denn sonst müsste ein jeder von uns non-stop privat wie auch beruflich überwacht werden.

    Der Mann tut mir aufrichtig leid, und ich will seine Situation mitnichten verharmlosen. Ich hoffe, ihm kann dauerhaft geholfen werden.

    • felix78
    • 22. Dezember 2012 15:12 Uhr

    nicht mit einem bedingungslosen grundeinkommen zu vergleichen. zum einem die auflagen die man bekommt um harz 4 zu erhalten...das ist eine entrechtung und eine entmündigung und einfach nur würde los für die betroffenen.

    zum anderen bekommen sie erst harz 4 wenn sie wirklich am ende sind und ganz abgestürzt..haben sie ein paar euro noch oder vieleicht eine eigentumswohnung können sie die erstmal verkaufen in miete ziehen und wenn der erlös weg ist und sie wirlich nichts mehr haben, dann bekommen sie harz 4

    also werfen sie diese beiden begriffe nciht in einen topf.

    das bedingungslose grundeinkommen brauchen wir für unseren sozialen frieden, und finanzieren können wir das locker mit den geldern die zb in der schweiz lagern oder sonst wo.

    niemand will faulenzen sondern in würde arbeiten und seine famielie ernähren, die paar schmarozer die jede gesellschaft hat können wir durchfüttern. zumindest die unten in der gesellschaft..die schmarozer oben kommen immer davon.

    Antwort auf "[...]"
  1. 19. BGE ?

    ##... dann eher dafür, dass auch ein Sozialstaat mit quasi-bedingungslosem Grundeinkommen (Hartz IV) an seine Grenzen stößt. ...##

    Bitte was?
    Der Mann ist in diese katastrophale Situation gerutscht, WEIL das Grundeinkommen an Bedingungen geknüpft ist (z.B. die entwürdigende Unterwerfung unter die Amtspatronage mit anschließender Verfolgungsbetreuung).

    Den Rest ihres zynischen Kommantars will ich lieber nicht kommentieren.

    Antwort auf "[...]"
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    • Sirisee
    • 22. Dezember 2012 15:25 Uhr

    .... der Typ ist nirgendwohin gelaufen. Er ist auch nicht an der "kalten und hartherzigen" Bürokratie gescheitert, auch nicht den "würdelosen" Auflagen.

    Mich würde auch mal interessieren, aus der Praxis, was so ein kranker Typ in dem Alter in Praxis für Auflagen bekommen würde, außer dass er den Wisch Eingliederungsvereinbarung unterschreiben muss und alle paar Monate zur Kontrolle erscheinen darf. Wirklich sehr unzumutbar und extrem gemein. Dafür bekommt er seine Wohnung, seinen Hausrat und seinen Lebensunterhalt staatlicherseits finanziert.

    Vielleicht findet sich noch - in seinem Fall sogar gutgemeinter - 1 Euro-Job, z. B. Fegen im Stadtpark. Aber auch wäre natürlich "unzumutbar" und gemein und gegen die Menschenwürde.

    Vielleicht sollten die Menschenwürdefreunde sich einmal fragen, ob es menschenwürdig ist, andere zu zwingen, solche Leute und die ewig gierige Sozialindustrie mitsamt den Bofingers und "Ponaders" und den sonstigen Funktionären mit ihren Porsches und Zweitwohnungen zu finanzieren...

  2. nicht vorstellen, wie schwer es manchen Menschen fällt, zum Amt zu gehen und Grundsicherung zu beantragen - gerade auch denen, die, ob selbständig oder nicht, ihr Leben früher gut auf die Reihe gebracht hatten und dann plötzlich auf ALG-II angewiesen sind - mit allen dazugehörigen Konsequenzen: sich quasi nackig machen, Kontoauszüge vorlegen, Ersparnisse erst aufbrauchen (eine Freundin von mir ist Contergankind und hatte natürlich eine Entschädigungszahlung erhalten - folglich hatte sie KEINEN Anspruch auf ALG-II, obwohl die Entschädigung gerade fürs Alter gedacht war, bis dieses Geld zum größten Teil aufgebraucht war), den Nachweis führen, daß auch der Ehegatte einen nicht versorgen kann etc.

    Trifft man dann auf einen überlasteten und unfreundlichen Mitarbeiter beim Amt und darf sich noch die Kommentare mancher Menschen anhören, daß man ein Sozialschmarotzer sei, wundert es nicht, daß manche Menschen z.B. den Selbstmord vorziehen - oder wie obiges Beispiel beweist, das Gefängnis; da hat man dann wenigstens seine Ruhe.
    Manche Kommentare hier sind empörend - aber wie ich schon schrieb, das Ganze wird ja gern als Individualproblem dargestellt, als eigene Schuld sozusagen, und die gesellschaftliche Komponente wird lieber ausgeblendet.
    Es gibt auch Menschen, die sich weigern, zu sehen, wieviele ihrer Mitbürger zu Tafeln oder Kleiderkammern gehen müssen, um nicht hungern zu müssen und in Lumpen herumlaufen zu müssen. Auch die Zahl derer, die in Mülltonnen wühlen, wird negiert.

    • Zack34
    • 22. Dezember 2012 15:18 Uhr


    Ihre Aufregung ist verständlich, und - ja - es gibt eine soziale Umschichtung in dieser Gesellschaft.

    Aber was schlagen Sie ganz konkret - als Folgerung aus Ihren eigenen Worten - vor, damit der Staat von sich aus auf solche Problemfälle sofort re-agieren kann ?

    Antwort auf "Kein Zusammenhang?"
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    möglich, Ansprechpartner zu schaffen, die nicht direkt zum Amt gehören - in vielen Stadtteilen in größeren Städten gibt es ja Gemeindezentren und evtl. auch Sozialarbeiter, die dort mitarbeiten und behilflich sein könnten, Amtsgänge zu begleiten.
    Ein normaler Sozialarbeiter (aus irgendeiner Institution), der diesen Mann hätte begleiten können, muß ja auch erst beantragt werden - schon da liegen die Hürden u.U. zu hoch. Ein 'freier' Sozialarbeiter in einem Gemeindezentrum als Ansprechpartner, der sich um die weiteren Vorgänge kümmern kann, wäre sinnvoll. Leider ist es so, daß Sozialarbeiter vom Jobcenter bspw. garnicht die Möglichkeit haben, sich ausreichend zu kümmern. Ich weiß nicht mal, ob die Hausbesuche z.B. machen - bei vielen wäre das vermutlich nötig.
    An Sozialarbeitern wird ja heute auch gerne gespart, zumindest von Amts wegen. Da wird dann gerne auf die Sozialorganisationen verwiesen.

    • hairy
    • 22. Dezember 2012 15:22 Uhr

    das fing nicht mit denen an, sondern wurde von ihnen fortgesetzt. Der Grund dieser Fortsetzung ist der Liberalisierungsruck vor allem im sozialdemokratischen Milieu in den 1990er Jahren, anhaltend bis heute. Folge dieses Rucks war eine Sozialpolitik, die nicht mehr als sozialdemokratisch bezeichnet werden kann. Daher dann auch der Ausstieg linker Sozialdemokraten, wie zB. Lafontaine, aus der SPD. Das ist in den meisten europäischen Ländern im Prinzip nicht anders: Die ehemaligen EU-Sozialdemokraten sind eher Liberale - und sonst 'sozialistisch' oder 'kommunistisch' genannte Parteien sind eher sozialdemokratisch.

    Antwort auf "Alles fing an ..."
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    bekommt man als Arbeitsloser sogar noch Hypotheken-Darlehen,
    weil das Arbeitslosen-Geld etwa 90 Prozent des Gehaltes beträgt.

    • Sirisee
    • 22. Dezember 2012 15:25 Uhr

    .... der Typ ist nirgendwohin gelaufen. Er ist auch nicht an der "kalten und hartherzigen" Bürokratie gescheitert, auch nicht den "würdelosen" Auflagen.

    Mich würde auch mal interessieren, aus der Praxis, was so ein kranker Typ in dem Alter in Praxis für Auflagen bekommen würde, außer dass er den Wisch Eingliederungsvereinbarung unterschreiben muss und alle paar Monate zur Kontrolle erscheinen darf. Wirklich sehr unzumutbar und extrem gemein. Dafür bekommt er seine Wohnung, seinen Hausrat und seinen Lebensunterhalt staatlicherseits finanziert.

    Vielleicht findet sich noch - in seinem Fall sogar gutgemeinter - 1 Euro-Job, z. B. Fegen im Stadtpark. Aber auch wäre natürlich "unzumutbar" und gemein und gegen die Menschenwürde.

    Vielleicht sollten die Menschenwürdefreunde sich einmal fragen, ob es menschenwürdig ist, andere zu zwingen, solche Leute und die ewig gierige Sozialindustrie mitsamt den Bofingers und "Ponaders" und den sonstigen Funktionären mit ihren Porsches und Zweitwohnungen zu finanzieren...

    Antwort auf "BGE ?"
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    • felix78
    • 22. Dezember 2012 15:28 Uhr

    sozialstaat hätten der würdevoll mit den schwachen in dieser gesellschaft umgeht dann bräuchten wir keine sozialindustrie.

  3. bekommt man als Arbeitsloser sogar noch Hypotheken-Darlehen,
    weil das Arbeitslosen-Geld etwa 90 Prozent des Gehaltes beträgt.

    Antwort auf "Nein nein"

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  • Quelle Tagesspiegel
  • Schlagworte Absatz | Alltag | Arbeit | Bahn | Bahnhof | Drama
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