Presseschau Newtown : Neues Waffengesetz als "moralischer Imperativ"

Das Massaker von Newtown erinnert die großen US-Zeitungen an die Feigheit des Kongresses vor der Waffenlobby: Der Besitz von Schusswaffen müsse schärfer reguliert werden.
"Ehrenflagge" für die 26 Opfer des Massakers von Newtown ©Shannon Stapleton/Reuters

The Hartford Courant: Niemand braucht ein Sturmfeuergewehr

Der Tag erinnerte die Älteren an den düsteren, kalten Tag 1963, als Präsident John F. Kennedy ermordet wurde. Heute wie damals war das ganze Land benommen, sprachlos, untröstlich. Was kann einen Menschen dazu bringen, in eine Schule zu gehen (...) und unschuldige Kinder und Erzieher brutal zu töten? (...) Jäger wollen und brauchen keine militärischen Sturmfeuergewehre, dafür gibt es keine zivilen Einsatzmöglichkeiten. Es liegt an der Macht der Waffenlobby und an der wehleidigen Feigheit des Kongresses, dass es 60 Massaker in 30 Jahren gab und – selbst nach dem Attentat auf die Demokratin Gabby Giffords 2011 in Arizona – nichts unternommen worden ist. (...)

Die Regierung hat darin versagt, uns vor Amokläufern zu schützen, aber auch wir haben es nicht geschafft, uns selbst zu schützen, indem wir Freunden oder Angehörigen Hilfe geben, wenn sie sie brauchen. Wir müssen über soziale Außenseiter nachdenken, über Drogenmissbrauch, über gewalttätige Videospiele und Filme, und wofür das Internet benutzt wird.

The New York Times: Angst vor der Waffenlobby

Wie wäre es, sich mit dem Problem der völlig außer Kontrolle geratenen Verbreitung von Schusswaffen zu beschäftigen – ein Problem, das jedes Mal auftaucht, wenn ein Amokläufer das Feuer auf einen Raum voller Menschen eröffnet, das aber dann wieder verschwindet? Das unter Präsident Clinton beschlossene Waffengesetz war unzulänglich und ist ausgelaufen. Obama sprach nach dem Amoklauf in dem Kino in Aurora von der Notwendigkeit einer "vernünftigen" Waffenkontrolle, und im Wahlkampf hat er angedeutet, dass er ein neues Waffengesetz unterstützen könnte, vermutlich dann, wenn jemand anders es einbringen würde.

Die Republikaner werden dies niemals tun, denn sie sind in eine Ideologie verstrickt, die sich jeder Waffenkontrolle widersetzt. Nach jeder Tragödie, wie jetzt wieder, übersäen manche Leute das Internet mit grotesken Vorschlägen, dass es besser sei, wenn jeder (Erzieher in Kindergärten?) bewaffnet wäre. Viel zu viele Demokraten leben ebenfalls in Angst vor der Waffenlobby und werden ein Verbot nicht unterstützen. (...)

Wann wird dieser Tag kommen? Er kam nicht 1999 nach dem Massaker von Columbine oder 2007 nach dem Amoklauf an der Universität Virginia oder nach den Morden in Aurora im vergangenen Sommer. Je mehr wir über Waffenkontrolle hören und nichts geschieht, desto weniger können wir glauben, dass sie jemals kommt. Es sei denn, Obama und die Parteiführer im Kongress zeigen den Mut, es wahr zu machen.

The Washington Post:  Massaker sind schwieriger mit Messern

Wir wollen über Waffen streiten oder, besser gesagt, über die Frage, warum unsere Politiker fast gar nicht mehr über Waffen streiten. Die einen werden widersprechen und sagen, Waffengesetze hätten nichts mit einzelnen Ereignissen zu tun und solche Tragödien sollten nicht für politische Zwecke ausgebeutet werden. Wir wissen, dass viele unserer Leser zu dieser Gruppe gehören. Und dann wird es andere geben, wozu wir gehören, die sagen: Was immer die Fakten in diesem Fall sind, dieses Land wäre sicherer mit weniger Waffen; Massaker sind schwieriger mit Messern durchzuführen. Nicht die Verfassung, sondern politische Feigheit verhindert eine sinnvolle Regulierung. Wir sollten diese Tragödie nicht instrumentalisieren, um über dieses Thema zu diskutieren, aber ohne die Tragödie wird überhaupt niemals darüber geredet werden.

USA Today:  Der moralische Imperativ

Wenn unser Land nur sicher sein könnte, dass das Massaker von Sandy Hook, das zweitschlimmste in seiner Geschichte, den nötigen Wandel auslösen könnte – das wäre ein kleiner Trost. Aber die Nation war schon mal an diesem Punkt der Debatte um Menschen-töten-Menschen oder Waffen-töten-Menschen. Tatsache ist, Menschen mit Waffen töten Menschen, und es muss mehr getan werden, um geistig Verwirrte von den tödlichsten Waffen fernzuhalten.

Die Amerikaner sind leidenschaftliche Anhänger des Rechts, eine Waffe zu besitzen und zu tragen, und der Oberste Gerichtshof hat dieses Recht bestätigt. Hunderte Millionen von Schusswaffen sind im Umlauf, und niemand wird sie beschlagnahmen. Aber ein lernwilliger Kongress und Präsident könnten viel tun. Die Amerikaner unterstützen durchaus ein Verbot von Feuerwaffen mit großen Magazinen. (...) Amerika trauert heute. (...) Aber das Land kann Schritte unternehmen, mögen sie auch unvollkommen sein, um ein weiteres Newtown unwahrscheinlicher zu machen. Nach Freitag ist dies ein moralischer Imperativ.

The Los Angeles Times:  Vorhersehbare Debatte

Ein weiterer tragischer Amoklauf und zwangsläufig sind wieder Experten in allen Medien, die sich für und gegen die schärfere Kontrolle von Waffen ereifern. Die Diskussion folgt einem vorhersehbaren Muster: Die Befürworter heben hervor, dass Waffengewalt in den USA – vermutlich, weil die Gesetze einen einfachen Zugang zu Feuerwaffen gewähren – viel häufiger ist als in restriktiveren Staaten, vor allem in Europa. Die Gegner feuern zurück, dass Kriminelle das Gesetz brechen werden, um an Waffen zu kommen, wenn sie welche haben wollen, denn sie sind ja Kriminelle, die keine sichtbaren Gewissensbisse über einen Amoklauf empfinden. Und überhaupt, wenn mehr Leute Waffen tragen würden, könnten sie den Täter zur Strecke bringen, bevor es weitere Opfer gebe. (...)

Die Linken im Netz werden nach Maßnahmen schreien, Politiker werden versprechen, etwas zu unternehmen, und dann werden sie dieses Waffenkontrollgesetz vergessen, wenn sie ein neues Gemeindezentrum in ihrem Wahlkreis einweihen.

 

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Kommentare

106 Kommentare Seite 1 von 11 Kommentieren

Bitte nicht schon wieder die Videospieldebatte.

Es gibt tausende junger Leute, die Egoshooter auf dem Rechner haben und nichts passiert.... Auch ich bin relativ still und ruhig, man sagt mir eine gewisse Intelligenz nach und und und.... Werde ich jetzt zum Mördertypen abgestempelt, weil ich in dieses Klischee passe?
Vielleicht sollten die Amerikaner an ihrer Gesellschaftsform im Generellen etwas ändern, die zunehmend auf Psychopharmaka und Gewalt aufgebaut ist. Nach den Ursachen forschen und nicht die Auswirkungen auf andere abwälzen und eine Gruppe von Menschen unter Generalverdacht stellen. Das ist wirklich uncool!

Bitte nicht schon wieder Selbstmitleid von Spielern

Ach bitte, hier geht es um viel mehr als um irgendwelche Videospiele. Immer dieses reflexhafte Jammern. Die Gewaltkultur auch in Videospielen gehört sicher mit zu dem grundsätzlichen Problem, das die amerikanische Gesellschaft und in zunehmender Weise auch die hiesige prägt. Sie sagen ja selbst, dass die Gesellschaftsform auf Gewalt aufgebaut ist. Computerspiele spiegeln das wider. Wer da einen Zusammenhang leugnet, ist feige. Ich spiele übrigens selbst Egoshooter und halte den Großteil der Spieler für ungefährdet.

Ist es denn nicht so ,

dass durch das Spielen von Ego Shootern ein gewisses Ventil geoeffnet wird und man sich evtl. abreagiren kann bzw. sich abragiert? Natuerlich spielt man nicht grundsaechlich nur um sich abzureagieren. Ich spiele seit 20 Jahren Ego Shooter, angefangen mit Doom. Nur mir wuerde nie in den Sinn kommen das erspielte in die Tat umzusetzten , aus welchem Grund ? Man hat ja nicht automatisch ein gewisses Gefuehl oder eine gewisse Lust Menschen zu toeten. Es ist immer einfach anderen Sachen die Schuld am Versagen der Gesellschaft zu geben.

Wieso nicht?

Wieso nicht auch mal wieder über Killerspiele sprechen?

Ebenso, wie man fragt: wozu braucht man eigentlich Sturmgewehre in privaten Händen — wer braucht das? —, kann man fragen: wer braucht eigentlich Ego-Shooter? Mit der Betonung auf "braucht".

Wozu gibt es dieses Zeug? Ist die Welt besser geworden, seitdem es Ego-Shooter gibt? Oder, andersherum gefragt: Wird die Welt schlechter, wenn man Killerspiele abschafft, verbietet, ächtet?

Ehrlich jetzt: kann mir ein Befürworter von solchen Spielen *ein* schlagendes, überzeugendes Argument liefern, wozu sie gut sein sollen? (Jetzt nicht mit solch' generischem Quatsch kommen wie Triebabfuhr; die lässt sich auch anders bewerkstelligen.)

Ich warte.

Bitte nicht verallgemeinern.

Wad heisst den gut ? Die Menschheit entwickelt sich, dazu gehoert nun auch mal der technische Fortschritt. Ob man Ego Shooter als gut bezeichnet sei doch mal dahingstellt. Meist sind es ja Tactical Shooter. Mein Opa wird naechstes Jar 82 , der hat den Krieg als Jugendlichr mitgemacht. Das was er mit machte wuerde ich nicht wollen. Ich bin froh in einem Land zu Leben wo es keinen Krieg gibt. Im Internet gibt es frei zugaengliche Seiten wo man sich Videos anschauen kann, wo Menschen der Kopf abgeschnitten wird. Ist das gut ? Frueher spielten die Menschen Halma , Mensch aergre dich nicht oder Karten, (was sie heute auch noch tun ) heute Ego Shooter. Ich kann doch nicht die Quelle allen uebels an einem Computerspiel ausmachen. Es gibt ja auch Speiele ala Age of Empires, Total War etc... was Aufbauspiele (Strategie) sein sollen , aber wenn man weiter kommen will "Menschen" toeten muss. So what ? Das sind nicht die Teufel? Nein nur die Egos.

Ein Videospiel ist keine Waffe.

Ich finde, mann sollte den Trennstrich ziehen wo andere Menschen zu Schaden kommen. Den Egoshooter spielt man zu Hause allein (zur Unterhaltung), eine Waffe (speziell ein Sturmgewehr) hat nur einen Sinn: Tötungswerkzeug sein. Habe jedenfalls noch nicht davon gehört, dass ein Egoshooter irgendjemanden umgebracht hätte. Es mag eine Korrelation geben zwischen solchen Spielen und ausgeübter Gewalt aber die Verbindung kann man längst nicht so gut beweisen wie die Verbindung zwischen einer Pistole und der Kugel die besagte Pistole in den Kopf eines Kindes gejagt hat. Sobald Sie mir Studien zeigen, die eindeutig belegen, dass ein Egoshooter den Spieler zum Killer abrichtet bin ich auch für ein Verbot.

"Mit der Betonung auf "braucht"

Es geht, wenigstens noch, in einer Demokratie nicht ums Brauchen, sondern ums Wollen. Deswegen heißt es auch "freier Wille" und nicht "freie Notwendigkeiten".

"Wozu gibt es dieses Zeug? Ist die Welt besser geworden, seitdem es Ego-Shooter gibt? Oder, andersherum gefragt: Wird die Welt schlechter, wenn man Killerspiele abschafft, verbietet, ächtet?"

Ersetzen Sie "Egoshooter" durch "Fastfood", "SUVs", "Rock 'n' Roll", "Wäschetrockner" etc. und ergänzen die Liste mit Begriffen aus ihrer Umwelt. Vielleicht merken Sie dann selbst, das Vieles die Welt zwar verändert, aber nur Weniges sie "besser" gemacht hat, und noch weniger davon unverzichtbar wäre.

Und wie kommen Sie eigentlich darauf, dass ihr Modell von der "besseren" Welt" mehr Anspruch auf Gültigkeit hat?

"Ehrlich jetzt: kann mir ein Befürworter von solchen Spielen *ein* schlagendes, überzeugendes Argument liefern, wozu sie gut sein sollen?"

Sie wollen doch etwas; nämlich die Freiheit beschränken, und deshalb liegt die Last der Argumentation bei Ihnen, und nicht bei denen, die Sie reglementieren möchten. Ihre persönliche Meinung zu etwas, ist jedenfalls kein Argument und nur in ihrer Vorstellung "besser", als die persönliche Meinung Ihrer Mitmenschen.

Wenn Sie gerne in einer Gesellschaft leben, in der verordnet wird, was der Bürger braucht und von Staats wegen definiert wird, was "gut" ist, empfehle ich Nord-Korea.

Nein, eine Debatte

ob gewaltverherrlichende Computerspiele verboten werden sollten, die möchte ich hier nicht vom Zaun brechen. Ein Verbot also nicht. ABER der Umgang damit und die Kontrolle, wer diese Spiele kauft, diese Komponenten müssen mehr in den Blickpunkt geraten.

Viele Jugendliche spielen diese Spiele allein in ihrem Zimmer, oft auch Spiele, die für ihre Altersgruppe gar nicht freigegeben sind. Da muss das Elternhaus verantwortlich handeln. Ich kenne Fälle, bei denen der Vater seinem Sohn Spiele besorgt hat, die er noch gar nicht spielen durfte (übrigens:Mädchen spielen diese Spiele nicht oder sehr selten). Weiterhin muss mit den Jugendlichen über den Inhalt der Spiele gesprochen werden - ob moralisierend oder nicht - ein Erwachsener muss Stellung beziehen, ob Eltern oder Lehrer. Diese windelweiche Haltung, einfach weg zu schauen und nicht Stellung zu beziehen, aus Angst, dass man ein genervtes "man, davon hast du keine Ahnung" hört, das ist keine Erziehung. Man kann sich nicht aus solchen Sachen heraushalten und Kinder und Jugendliche mit solchen Bildern allein lassen, die brennen sich eben mehr ein, als das gelesene Wort.

Noch einmal: Elternhäuser und Schule sind gefragt, Fragestellungen aufzuwerfen, Stellung zu beziehen und mit den Jugendlichen zu diskutieren. Wegschauen ist das Versäumnis, nicht, dass versäumt worden ist, die Spiele zu verbieten - die sind jetzt in der Welt und eben für viele (männliche) Jugendliche reizvoll.

die spiele bis zum Erbrechen

Die Videospiel-Debatte macht wirklich langsam nur noch eines: verzweifelt. Mich zumindest.

Jemand, der solch ein Attentat begeht, will offensichtlich ein großmögliches Leid erzeugen, und zwar für alle!
Im Gegensatz zu dem Fall in den Niederlanden vor ein paar Wochen ( man erinnere sich an diese unglaubliche Aussage "mein Leben war eine Hölle") reicht diesen Menschen ein Suizid scheinbar nicht mehr. Diese Menschen müssen eine unfassbare(!) Ablehnung erfahren haben. Woher soll ein solcher Hass auf die Menschen sonst kommen? Machen wir doch mal dort weiter. Was Menschen in unserem Land, die nicht den gängigen Normen entsprechen, erleben, wird oftmals unter diesem verniedlichenden "Mobbing" in den Schulen abgetan. Es gibt da wohl noch mehr.

Als Reaktion auf so eine Tat mit Computer-Spielen zu kommen offenbahrt entweder die völlige Ahnungslosigkeit mit dieser Materie, oder es ist einfach zynisch.
Auch ein am Computer spielender Mensch bleibt einer. Und als wäre das Phänomen des bleichen Kellerkindes nicht schon längst Mainstream geworden. War da nicht was dazu in der letzten Zeit?