DrogenkonsumNazis auf Entzug

Sächsische Neonazis handeln mit Drogen und begehen unter dem Einfluss von Crystal Meth Straftaten. Dabei will die NPD osteuropäischen Drogendealern den Kampf ansagen. von Thomas Trappe

Prag nenne man inzwischen das " Amsterdam des Ostens", unkte der NPD -Vorsitzende Holger Apfel im Frühjahr in einer Kleinen Anfrage im sächsischen Landtag. Synthetische und im Nachbarland hergestellte Drogen gefährdeten die Menschen im Freistaat. Wie viele Drogenhändler mit Migrationshintergrund es in Sachsen gebe, wollte Apfel vom Innenminister wissen. Was Apfel nicht fragte, war, wie viele deutsche Drogenhändler einen rechtsextremen Hintergrund haben. Das fragen sich nun andere – unter anderem das sächsische Innenministerium .

"Nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes sind Rechtsextremisten vereinzelt in Drogengeschäfte involviert", erklärte das Ministerium auf Anfrage von ZEIT ONLINE. Zwar könnten die Beamten noch keine systematische Überschneidung zwischen Drogenhändler- und Nazi-Szene feststellen. Allerdings, so Sprecher Frank Wend, seien "diese Einzelerkenntnisse Anlass dafür, genauer hinzuschauen".  Besonders "personelle und organisatorische Verbindungen und Überschneidungen zwischen Rockerbanden und Rechtsextremisten" sollen genauer untersucht werden.

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Doch die "Einzelfälle" werden immer mehr. Ende November wurde in Hoyerswerda Ralf A. festgenommen, weil ihm Drogenhandel vorgeworfen wird. Ralf A. war Frontsänger der Band Bollwerk, die vom sächsischen Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft wird. Kurz zuvor, Mitte September, erwischte es gleich eine ganze Gruppe von Drogenhändlern im nordsächsischen Delitzsch. Bei drei Verdächtigen wurde Crystal Meth im Wert von 40.000 Euro sichergestellt. Einer von ihnen, Lars S., kandidierte 2009 für einen NPD-Stadtratsposten in Delitzsch. Und in Thüringen wurde im Oktober bekannt, dass der Geschäftsführer des Neonazi -Modelabels Ansgar Aryan in Oberhof eine einschlägige Drogenkarriere hinter sich hatte und wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt wurde.

Meistens geht es in den in Sachsen bekannt gewordenen Fällen um die euphorisierende, schnell süchtig machende und billige Droge Crystal. Nach Angaben des sächsischen Gesundheitsministeriums gab es 2008 noch rund 1.300 Klienten in den Suchtberatungsstellen des Freistaats, die Crystal Meth konsumierten, 2011 waren es schon nahezu doppelt so viele. Auch für 2012 sei ein "massiver Anstieg" absehbar, sagt der Ministeriumssprecher Ralph Schreiber. Im Vergleich zu anderen Bundesländern sei Crystal in Sachsen überdurchschnittlich verbreitet. Wie sehr das "Hitler-Speed" – so wird die Droge wegen ihrer Vergangenheit als Aufputschmittel von Wehrmachtssoldaten auch bezeichnet – unter den neuen Nazis eingenommen wird, darüber wird weder bei Gesundheits- noch beim Innenministerium Statistik geführt.

Einer dieser Fälle erregt große Aufmerksamkeit. Vor dem Leipziger Landgericht findet noch bis zum Januar der Prozess um den Tod eines Obdachlosen im mittelsächsischen Oschatz statt. André K., 50 Jahre alt, starb im Mai 2011, nachdem er brutal zusammengeschlagen wurde. Fünf Männer sind wegen Totschlags angeklagt, ein weiterer wegen unterlassener Hilfeleistung. Mindestens einer der Angeklagten wird der rechtsextremen Szene zugerechnet . Im Prozess machte nun ein anderer der mutmaßlichen Täter, der jedoch auch als szenezugehörig gilt, mildernde Umstände geltend: Er habe während des Vorfalls unter Crystal-Meth-Einfluss gestanden.

Undine Weyers, Nebenklägerin und Anwältin der Tochter des Getöteten, glaubt zwar, dass der Drogeneinfluss vorgeschoben ist, Aber dass der Angeklagte in der Vergangenheit Crystal nahm, sei unstrittig. Für Weyers, die regelmäßig in Prozessen mit rechtsextremen Schlägern zu tun hat, eine neue Erfahrung. "Sonst geht es eigentlich immer um Alkohol", sagt sie. Einen weiteren Einzelfall gab es in Hoyerswerda: Dort wurde vor zwei Wochen ein 30-Jähriger verurteilt, weil er mehrfach den Hitlergruß gezeigt hatte. Laut einer lokalen Zeitung versuchte der Anwalt des Täters, dies mit massiven Crystal-Konsum zu rechtfertigen.

Illegaler Drogenhandel ist eines der Kernthemen des NPD-Programms. Im sächsischen Landtag stellte die Partei in der vergangenen Legislatur den größten Teil der Kleinen Anfragen zum Thema – meist mit dem Grundtenor, osteuropäische Banden würden den Freistaat vergiften. Tatsächlich ist unstrittig, dass Crystal Meth seinen Weg aus Tschechien und Polen nach Sachsen findet. Umso peinlicher, wenn Neonazis die Drogen abnehmen und weiterverkaufen.

Entsprechend hektisch reagiert die NPD in Sachsen. Maik Scheffler, stellvertretender Landesparteivorsitzender, sagte zum aufgeflogenen Drogenhändlerring in Delitzsch, dass Lars S. 2011 aus der Partei ausgetreten sei und kommentierte: "Lars S. hat sich aus einer Gemeinschaft herausgelöst, für die ein klarer Geist und ein gesunder Körper zu den Grundwerten ihrer Weltanschauung gehören." Im vergangenen Jahr dementierte Scheffler auch jede Verbindung zu den Schlägern aus Oschatz. Und Jürgen Gansel, NPD-Fraktionsvorstand im Landtag, erklärte, dass der "offenbar drogendealende Skinhead-Sänger aus Hoyerswerda nie etwas mit der NPD zu tun hatte". Auch er argumentierte mit gewohnt völkischer Rhetorik: "Eine nationale Gesinnung verbietet jede Form der Drogenverbreitung, weil ebendiese zur Vergiftung des eigenen Volkes beiträgt."

Es gebe noch kein Gesamtbild über die rechte Drogenszene, lässt die Linken-Landtagsabgeordnete Kerstin Köditz ZEIT ONLINE erklären. Gerade stellte sie eine Kleine Anfrage im Landtag, schon die Überschrift ist ein Provokation für die NPD: "Drogengelder für die Naziszene?" Auch die Thüringer Linken-Abgeordnete Katharina König, die mit einer Anfrage den dealenden Ansgar-Aryan-Chef aufdeckte, fordert weitere Untersuchungen. Sie spricht nicht von Einzelfällen – sondern von "Zufallsfunden".

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    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Schlagworte NPD | Innenministerium | Droge | Landtag | Verfassungsschutz | Tschechische Republik
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