"Don't go away", ruft Patrick noch, "Geht nicht weg". Aber es nützt nichts, die ersten Teilnehmer des Workshops zur Asylpolitik haben das Zelt am Berliner Oranienplatz schon verlassen. Die Verständigung im Hauptquartier des Flüchtlingsprotests fällt nicht immer leicht. Patrick schmunzelt, was soll's, dafür kann sich hier jeder frei bewegen. "Geht nicht weg" – manchem Asylbewerber würde es wohl schon reichen, wenn das die Botschaft wäre, die der Staat ihnen schickte.

Seit drei Monaten harrt eine Gruppe von rund 40 Flüchtlingen und Unterstützern im Berliner Stadtteil Kreuzberg aus, auch jetzt im Winter. Patrick ist einer von ihnen. Sie protestieren gegen die Asylpolitik der Europäischen Union und Deutschlands, auf einem der vielen Banner steht "Abschiebung ist Mord". Es ist bitterkalt, die Zelte sind mit Schnee bedeckt. Aber die Migranten wollen nicht weg, nicht schon wieder.

Sie wehren sich unter anderem gegen die Residenzpflicht. Die sieht vor, dass Asylbewerber einen behördlich festgelegten Raum nur mit Sondergenehmigung verlassen dürfen. Das gibt es innerhalb der EU nur in Deutschland, als bislang einziges Bundesland hat Hessen die Residenzpflicht im November 2012 abgeschafft. Allein durch ihre Anwesenheit in Berlin brechen einige der Flüchtlinge mit der Vorschrift.

Seit sich rund 20 von ihnen Anfang September auf einen 600 Kilometer langen Fußweg von Würzburg nach Berlin machten, hat die Protestbewegung neue Unterstützer gefunden. Wochenlang demonstrierten sie am Pariser Platz, direkt vor dem Brandenburger Tor. Politiker der Grünen und Linken sowie der Piratenpartei solidarisierten sich mit den Aktivisten.

Unterstützung aus der Politik

Franz Schulz (Grüne), Bezirksbürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg, kann die Forderungen der Flüchtlinge verstehen. "Mein Eindruck ist, dass im Flüchtlingsrecht Asylbewerber als Menschen zweiter Klasse betrachtet werden. Das widerspricht allen gesetzlichen Vorgaben zur Menschenwürde und den Grundrechten", sagte er ZEIT ONLINE.

Auch die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Maria Böhmer (CDU), setzte sich in einem Schreiben an die zuständigen Behörden dafür ein, dass mit Blick auf die Verletzung der Residenzpflicht die "besondere Situation der Flüchtlinge" beachtet werde. Böhmer hat außerdem zusammen mit der Berliner Senatorin Dilek Kolat (SPD) zugesagt, das Anliegen der Aktivisten am 20. März bei der Konferenz der Integrationsminister in Dresden anzusprechen.

Bereits im Juli 2012, noch bevor der Protest nach Berlin kam, erklärte das Bundesverfassungsgericht das Asylbewerberleistungsgesetz für verfassungswidrig und erließ eine Übergangsregelung: Die seit 1993 nicht veränderte Höhe der Geldleistungen sei "evident unzureichend" gewesen, hieß es. Politisch umstritten ist auch die Frage, ab wann Asylbewerber in Deutschland arbeiten dürfen. Staatsministerin Böhmer fordert die Möglichkeit der Arbeitsaufnahme nach spätestens sechs Monaten.

Trittbrettfahrer nutzen den Protest aus

Am "Infopoint" am Oranienplatz stehen zwei junge Frauen und wärmen sich mit Kaffee. Nora und Ruth wollen die Asylbewerber unterstützen, indem sie die Fragen der Passanten beantworten, die sich über die vielen Zelte direkt an der Bushaltestelle wundern. Die meisten Anwohner seien sehr hilfsbereit, berichten sie. Die Läden aus der Umgebung etwa spendeten Lebensmittel. Doch natürlich gebe es auch Ablehnung von "Konservativen", wie sie sagen.

Im Gespräch mit Pressevertretern sind die Helferinnen vorsichtig. Sie wollen die Einwanderer nicht bevormunden, für die Kommunikation sei die Mediengruppe zuständig – eine von zwölf Arbeitsgruppen des Protestcamps. Doch was nach exakter Aufgabenteilung klingt, bedeutet nicht, dass die Bewegung immer mit einer Stimme spricht. Konsens ist, dass die Demonstranten die Bedingungen für Asylbewerber nicht anerkennen, aber nicht alle gehen so weit zu sagen, dass der kapitalistische Westen immer noch die kolonialistische Unterdrückung wolle.

Für den Workshop zur Flüchtlingspolitik bittet Patrick, der zur Mediengruppe gehört, ins runde, blau-weiße "Zirkuszelt", wie die Demonstranten es nennen. An einem Tischkreis sitzen darin knapp 30 Menschen, fast ausschließlich Männer, viele von ihnen aus Afrika. Mit Schals und Mützen stemmen sie sich gegen die Kälte, ein surrender Gasheizer treibt die Temperatur auf ein gerade noch erträgliches Maß.

Aktivisten berichten von ihren Erfahrungen mit der deutschen Asylbürokratie. Geredet wird auf Englisch, langsam, leise. In drei Ecken wird simultan ins Deutsche, Französische und Arabische übersetzt. Es geht um Dublin II, um Anwälte und darum, wie man eine Abschiebung verhindern kann. Die Mehrheit der Anwesenden hört konzentriert zu, einige blicken verloren ins Leere.

Die Protestbewegung legt Wert auf die dezentrale Organisation, auch alltägliche Entscheidungen sollen vom Plenum gebilligt werden. Das wichtigste Thema derzeit: ihre Unterkunft in der ehemaligen Gerhart-Hauptmann-Schule und damit einhergehend ein Richtungsstreit. "Wir sind keine Opfer, wir sind Kämpfer", lautet ein Slogan der Aktivisten. Wie die Diskussion zeigt, bedeutet das auch: Kampf um Selbstbestimmung.

Planung für den nächsten Winter

Seit dem 8. Dezember besetzen die Aktivisten die Schule. Die Bezirksverwaltung entschied, dass sie im Rahmen der Kältehilfe bis zum 31. März dort bleiben dürfen. In dem Gebäude, das sie "Irving-Zola-Haus" nennen, wollten die Demonstranten einen "Ort der Würde und des gegenseitigen Respekts" schaffen, verkünden sie auf einer Homepage. Doch in der Vollversammlung berichtet einer der Aktivisten unter zustimmenden Rufen, dass die Schule längst auch von Trittbrettfahrern missbraucht wird, er spricht von Drogen und Hehlerware.

Davon distanzieren sich die Flüchtlinge entschieden. Einige sehen die Bewegung auch inhaltlich in ihrer Eigenständigkeit herausgefordert. Am Oranienplatz weht eine Fahne der Antifa und viele Organisationen wie The Caravan oder The Voice haben sich an den Protest angehängt. Das gefällt nicht jedem.

Die Schule wollen sie vorerst dennoch weiter nutzen, jedoch haben insgesamt rund 40 Organisationen Interesse an den Räumlichkeiten bekundet. Bezirksbürgermeister Franz Schulz wünscht sich ein "soziokulturelles Projektzentrum" mehrerer lokaler Initiativen. Über den "Nutzungsmix" soll die Anwohnerschaft ab Ende Februar mitbestimmen, sagt der Grünen-Politiker. Sollten die Flüchtlinge an der künftigen Nutzung teilhaben wollen, werde er sich "keinem Gespräch verweigern". Schulz geht aber davon aus, dass die Demonstranten sich ab April wieder auf den Oranienplatz konzentrieren werden.

Aufgeben werden die Aktivisten so schnell nicht, ihr Wille ist ungebrochen. Tatsächlich planen sie sogar schon, wie sie ihr Quartier so aufrüsten können, dass sie die Schule bald gar nicht mehr brauchen. Für den nächsten Winter.