Am "Infopoint" am Oranienplatz stehen zwei junge Frauen und wärmen sich mit Kaffee. Nora und Ruth wollen die Asylbewerber unterstützen, indem sie die Fragen der Passanten beantworten, die sich über die vielen Zelte direkt an der Bushaltestelle wundern. Die meisten Anwohner seien sehr hilfsbereit, berichten sie. Die Läden aus der Umgebung etwa spendeten Lebensmittel. Doch natürlich gebe es auch Ablehnung von "Konservativen", wie sie sagen.

Im Gespräch mit Pressevertretern sind die Helferinnen vorsichtig. Sie wollen die Einwanderer nicht bevormunden, für die Kommunikation sei die Mediengruppe zuständig – eine von zwölf Arbeitsgruppen des Protestcamps. Doch was nach exakter Aufgabenteilung klingt, bedeutet nicht, dass die Bewegung immer mit einer Stimme spricht. Konsens ist, dass die Demonstranten die Bedingungen für Asylbewerber nicht anerkennen, aber nicht alle gehen so weit zu sagen, dass der kapitalistische Westen immer noch die kolonialistische Unterdrückung wolle.

Für den Workshop zur Flüchtlingspolitik bittet Patrick, der zur Mediengruppe gehört, ins runde, blau-weiße "Zirkuszelt", wie die Demonstranten es nennen. An einem Tischkreis sitzen darin knapp 30 Menschen, fast ausschließlich Männer, viele von ihnen aus Afrika. Mit Schals und Mützen stemmen sie sich gegen die Kälte, ein surrender Gasheizer treibt die Temperatur auf ein gerade noch erträgliches Maß.

Aktivisten berichten von ihren Erfahrungen mit der deutschen Asylbürokratie. Geredet wird auf Englisch, langsam, leise. In drei Ecken wird simultan ins Deutsche, Französische und Arabische übersetzt. Es geht um Dublin II, um Anwälte und darum, wie man eine Abschiebung verhindern kann. Die Mehrheit der Anwesenden hört konzentriert zu, einige blicken verloren ins Leere.

Die Protestbewegung legt Wert auf die dezentrale Organisation, auch alltägliche Entscheidungen sollen vom Plenum gebilligt werden. Das wichtigste Thema derzeit: ihre Unterkunft in der ehemaligen Gerhart-Hauptmann-Schule und damit einhergehend ein Richtungsstreit. "Wir sind keine Opfer, wir sind Kämpfer", lautet ein Slogan der Aktivisten. Wie die Diskussion zeigt, bedeutet das auch: Kampf um Selbstbestimmung.

Planung für den nächsten Winter

Seit dem 8. Dezember besetzen die Aktivisten die Schule. Die Bezirksverwaltung entschied, dass sie im Rahmen der Kältehilfe bis zum 31. März dort bleiben dürfen. In dem Gebäude, das sie "Irving-Zola-Haus" nennen, wollten die Demonstranten einen "Ort der Würde und des gegenseitigen Respekts" schaffen, verkünden sie auf einer Homepage. Doch in der Vollversammlung berichtet einer der Aktivisten unter zustimmenden Rufen, dass die Schule längst auch von Trittbrettfahrern missbraucht wird, er spricht von Drogen und Hehlerware.

Davon distanzieren sich die Flüchtlinge entschieden. Einige sehen die Bewegung auch inhaltlich in ihrer Eigenständigkeit herausgefordert. Am Oranienplatz weht eine Fahne der Antifa und viele Organisationen wie The Caravan oder The Voice haben sich an den Protest angehängt. Das gefällt nicht jedem.

Die Schule wollen sie vorerst dennoch weiter nutzen, jedoch haben insgesamt rund 40 Organisationen Interesse an den Räumlichkeiten bekundet. Bezirksbürgermeister Franz Schulz wünscht sich ein "soziokulturelles Projektzentrum" mehrerer lokaler Initiativen. Über den "Nutzungsmix" soll die Anwohnerschaft ab Ende Februar mitbestimmen, sagt der Grünen-Politiker. Sollten die Flüchtlinge an der künftigen Nutzung teilhaben wollen, werde er sich "keinem Gespräch verweigern". Schulz geht aber davon aus, dass die Demonstranten sich ab April wieder auf den Oranienplatz konzentrieren werden.

Aufgeben werden die Aktivisten so schnell nicht, ihr Wille ist ungebrochen. Tatsächlich planen sie sogar schon, wie sie ihr Quartier so aufrüsten können, dass sie die Schule bald gar nicht mehr brauchen. Für den nächsten Winter.