Simon-Wiesenthal-ZentrumOrganisation differenziert Antisemitismus-Vorwurf gegen Augstein

Die Antisemitismus-Anschuldigung hat sich nicht auf Augstein als Person, sondern seine Zitate bezogen, so das Wiesenthal-Zentrum. Augstein solle sich endlich erklären.

Rabbi Abraham Cooper, stellvertretender Direktor des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Los Angeles

Rabbi Abraham Cooper, stellvertretender Direktor des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Los Angeles  |  © Odd Andersen/AFP/GettyImages

Das Simon-Wiesenthal-Zentrum hat seinen Antisemitismus-Vorwurf gegen den Journalisten und Verleger Jakob Augstein konkretisiert. In der Auflistung des Zentrums seien israelkritische Äußerungen Augsteins zu den zehn schlimmsten weltweit gezählt worden – das bedeute aber nicht automatisch, dass Augstein ein Antisemit sei. "Wir sprechen nicht von der Person, sondern von den Zitaten", stellte der für die Liste mitverantwortliche Rabbi Abraham Cooper klar.

Wie über Augstein zu urteilen sei, hänge letztlich von dessen Reaktion auf die Vorwürfe ab. "Sprechen wir von antisemitischen Äußerungen, bei denen sich die Person vielleicht gar nicht bewusst war, eine Grenze zu überschreiten? Oder geht es um jemanden mit einem Antisemitismus-Problem – der sich dieses Problems bisher gar nicht bewusst war –, oder sprechen wir von einem Antisemiten?" Augstein habe es gewissermaßen selbst in der Hand, sagte Cooper. "Soweit ich weiß, hat er sich zu den Details noch nicht geäußert, aber genau darauf schauen wir. (...) Er hat sich noch nicht entschuldigt."

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Die US-Menschenrechtsorganisation hatte die Aufnahme Augsteins in die Top-Ten-Liste mit mehreren Zitaten belegt. Darin schließt sich der 45-Jährige der Einschätzung des Literatur-Nobelpreisträgers Günther Grass an, die Atommacht Israel sei eine Gefahr für den Weltfrieden. Zudem vergleicht er die ultraorthodoxen Juden in Israel mit islamischen Fundamentalisten.

Zentralrat der Juden hält Augstein nicht für Anitsemiten

Der Präsident der Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, hat die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus-Vorwurf gegen Augstein scharf kritisiert. "Die ganze Debatte verläuft verbogen und verdreht", sagte Graumann. Augsteins Texte zu Israel seien "fürchterlich und grauenhaft".

Graumann distanzierte sich aber zugleich von der Entscheidung des Simon-Wiesenthal-Zentrums. Augstein sei kein Antisemit, sagte der Zentralrats-Präsident. Doch in seinen Texten zu Israel bediene er "zu oft zu fahrlässig anti-jüdische Ressentiments". Augstein schreibe hier "mit der Sensibilität einer Dampfwalze und transportiert dabei ein undifferenziertes und verfälschtes Bild von Israel".

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Leserkommentare
  1. <em>„das bedeute aber nicht automatisch, dass Augstein ein Antisemit sei. "Wir sprechen nicht von der Person, sondern von den Zitaten"“</em>

    Das stimmt zumindest insofern als die Liste mit „Top 10 anti-Semitic slurs“ überschrieben ist, nicht mit „Top 10 anti-Semites“. Angesichts der sonstigen „Preisträger“ erscheint die Unterscheidung hier jedoch haarspalterisch.

    <em>„Augstein solle sich endlich erklären. [...] Er hat sich noch nicht entschuldigt."“</em>

    „Sich erklären“ ist etwas anderes als sich zu entschuldigen. Sich zu entschuldigen hat Augstein keinen Anlass. Und alles gesagt, was auch zu den SWC-Vorwürfen zu sagen ist, hatte er schon zuvor gesagt: http://tinyurl.com/d9nq6oo

    <em>„Die US-Menschenrechtsorganisation hatte die Aufnahme Augsteins in die Top-Ten-Liste mit mehreren Zitaten belegt.“</em>

    Das ist schlampig formuliert: „Belegt“ wurde hier gar nichts; mit den Zitaten wurde lediglich etwas <em>begründet</em> – und zwar schlecht.

    8 Leserempfehlungen
  2. "Wie über Augstein zu urteilen sei, hänge letztlich von dessen Reaktion auf die Vorwürfe ab."

    Wir stellen antisemitische Vorwürfe in den Raum, dann sehen wir wie der Beschuldigte reagiert und entscheiden, ob er ein echter oder ein unechter Antisemit ist...

    Herr Augstein sollte derartiges Geschwätz weiterhin ignorieren.
    Ganz offensichtlich ist genau das das entscheidende - den Herren Antisemitismuspolizisten tut es wohl am meisten Weh, wenn man sie nicht für voll nimmt...

    10 Leserempfehlungen
  3. wird von Rabbi Cooper auch für möglich gehalten. Als jemand, der viel von Sigmund Freud gelernt hat, stimme ich Herrn Cooper darin zu und gebe zugleich Folgendes zu bedenken:

    [...]

    Ist Kritik an Israel automatisch zu ächten, weil im Unterbewusstsein Antisemitismus der Antrieb dazu sein könnte?

    Eine eindeutige Antwort weiß ich auch nicht.

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/au

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    <em>„Ist Kritik an Israel automatisch zu ächten, weil im Unterbewusstsein Antisemitismus der Antrieb dazu sein könnte? Eine eindeutige Antwort weiß ich auch nicht.“</em>

    Tja, ich schon.

    Kritik wird nicht deshalb falsch, weil sie - tatsächlich oder angeblich - aus falschen Motiven geübt wird. Außerdem hat das SWC, wie Cooper gerade bekräftigt hat, ja gerade die inkriminierten Aussagen <em>selbst</em> als antisemitisch geächtet, und nicht den <em>„Antrieb“</em> dahinter.

    zuerts kommen Sie mit einer fadenscheinlichen Erklärung, die nur im Einzelfall gelten kann und beziehen es auf die Allgemeinheit.

    Wo in der Geschichte gab es schon sowas?

    Wurde diese Methode nicht am Anfang des letzten Jahrhunderts (und schon früher) angewendet, um genau etwas anderes zu fördern?

    Und wer hier noch schreibt, dass Kritik an der israelischen Politik nicht zu tollerieren ist, hat selbst eigene Probleme.

    "Hass ist oft unbewusst"

    und besonderer Israel-Apologetik verbergen.
    Da nennt man das dann Reaktionsbildung.
    ____________________________________________________________________________

    <em>Moshe Zuckermann: Die Rankings haben mit Antisemitismusforschung rein gar nichts zu tun. Und auch mit Aufklärung nicht. Sie sind aber ein Symptom dafür, wie sich die Kulturindustrie mittlerweile des Diskursfeldes „Antisemitismus“ bemächtigt hat. Man quantifiziert das Unquantifizierbare, um Sensation zu erzeugen bzw. um populistische Aufmerksamkeit zu erheischen. Das hat mit der Aufdeckung von Antisemitismus und dessen Bekämpfung ungefähr so viel zu tun wie Schlager-Hitparaden mit der Verfeinerung von Musikkultur. <em>-

    • Moika
    • 09. Januar 2013 13:35 Uhr

    Zitat: "Die Antisemitismus-Anschuldigung hat sich nicht auf Augstein als Person, sondern seine Zitate bezogen,...."

    Jedes Zitat ist eine persönliche Äußerung, die man nicht vom Zitierenden trennen kann. Von daher ist die Bemerkung des SWZ einfach Unsinn.

    Sicher kann Augstein auch Fremde zitieren, aber dann sind diese Ziatate grundsätzlich in einem Gesamtzusammenhang zu sehen.

    Warum sagen das SWZ nicht klipp und klar, auf welche Zitate Augsteins es sich bezieht. Dann sieht man, was von den Anschuldigungen zu halten ist - aber auch was nicht.

    So bekommt man mehr und mehr den Eindruck, hier wird ein persönlicher Feldzug vom Zaun gebrochen, dem sich Dritte, ohne eine Prüfung der Gründe vorzunehmen, blindlings angeschlossen haben. Und nun sitzt man in der Patsche und weiß nicht, wie man da herauskommen soll.

    Nicht Augstein sollte sich entschuldigen.

    4 Leserempfehlungen
  4. Sollten sie darauf allergisch reagieren, lesen Sie bitte nicht weiter!
    Wie wäre es, wenn Broder und Augstein sich konsperativ zu diesem Schritt verabredet hatten, um die Listenwütigkeit der Organisation zu demonstrieren?

    Es ist ein Zwiespalt, der sich auftut. Die meisten verstehen sicherlich angesichts der Historie, wie eine solche Organisation entstehen konnte und warum sie dieses Thema - Antisemtismus - ja fast schon penetrant verfolgt.
    Doch was ist das bisherige Resultat der 2012er-Liste: Wir wissen nun, dass nicht nur Arier und die sich dafür hielten oder halten, Listen erstellen können. Eine Fortführung des Gedankens dieser Liste ist nämlich: Kauft nicht bei Antisemiten.
    Doch lässt sich das Ansinnen der Organisation kleinreden? Nein. Dazu bedarf es aber letztlich einer Konkretisierung ihres Listenzieles. Antisemitismus wird es immer geben. Der wird nicht entfernbar sein. Was aber der klaren, konkreten Einhegung bedarf, ist die Ansammlung von Antisemiten auf Positionen, die ihnen erlauben, generalstabsmäßtig ihren Antisemitismus gewalttätig oder strukturell auszuleben. Ob dies nun als 'Jugendgruppe' auf dem Dorf ist oder als 'Staatsmänner' im Palais.
    Und deshalb ist die ganze belämmerte Schose, die sich der SWZ selbst eingehandelt hat, seine Chance, statt Personen zu denunzieren, helfen antisemitische Strukturen aufzudecken. Also geht es um Rassismus.

  5. Wollte Ihnen antworten und Sie nicht empfehlen!

    Was Sie da anregen ist nichts anderes als eine Zensur durch ausländische private Organisationen.

    Das wäre grundgesetzwidrig und dürfte sogar den Tatbestand des Landesverrats erfüllen, denn Sie setzen einen privaten Verein an die Stelle von ordentlichen Gerichten und hebeln damit Staatsgewalt der Bundesrepublik aus.

    6 Leserempfehlungen
  6. 31. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Vergleiche. Danke, die Redaktion/jp

  7. <em>„Ist Kritik an Israel automatisch zu ächten, weil im Unterbewusstsein Antisemitismus der Antrieb dazu sein könnte? Eine eindeutige Antwort weiß ich auch nicht.“</em>

    Tja, ich schon.

    Kritik wird nicht deshalb falsch, weil sie - tatsächlich oder angeblich - aus falschen Motiven geübt wird. Außerdem hat das SWC, wie Cooper gerade bekräftigt hat, ja gerade die inkriminierten Aussagen <em>selbst</em> als antisemitisch geächtet, und nicht den <em>„Antrieb“</em> dahinter.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Unbewusster Judenhass"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    lässt sich aber vermuten, wenn jemand geradezu besessen davon ist, Israel zu kritisieren, wenn jemand sich auf das Leid der Palästinenser kapriziert hat, während ihn zum Beispiel die Tibeter unter chinesischer Besatzung gleichgültig lassen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, AFP, nf
  • Schlagworte Jakob Augstein | Israel | Rabbi | Zentralrat der Juden | Debatte | Präsident
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