FrauenrechteSexismus-Debatte stellt Machtverhältnisse infrage

Die Vorwürfe des Chauvinismus gegen Rainer Brüderle haben eine bundesweite Debatte ausgelöst. Nun zeigt auch eine Umfrage: Sexismus wird nicht mehr toleriert.

In der Debatte um die Sexismusvorwürfe gegen den FDP-Fraktionsvorsitzenden Rainer Brüderle fordern die Deutschen laut einer Emnid-Umfrage für die Bild am Sonntag eine Entschuldigung des Politikers. Demnach waren 90 Prozent der Befragten der Meinung, Brüderle müsse sich bei der Journalistin entschuldigen, wenn die Vorwürfe, die sie gegen den Politiker erhoben hatte, wahr seien. In diesem Fall sprachen sich sogar 45 Prozent der Befragten für einen Rücktritt Brüderles vom Amt des Fraktionsvorsitzenden aus. Befragt wurden bundesweit 500 Bürger.

In einem im Stern veröffentlichten Beitrag hatte die heute 29-jährige Journalistin Laura Himmelreich von einer Begegnung mit Brüderle Anfang 2012 berichtet. Dabei soll der FDP-Politiker anzügliche Bemerkungen gemacht und ihre Hand geküsst haben. Brüderle soll auf ihre Brüste geschaut und gesagt haben: "Sie können ein Dirndl auch ausfüllen."

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Schleswig-HolsteinsFDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki warf dem Stern in der Bild am Sonntag vor, Brüderle schaden zu wollen. Kritik wurde laut, das Magazin fahre eine Kampagne gegen Brüderle.

Unabhängig von diesem Fall entflammte eine Debatte über alltäglichen Sexismus. Auf Twitter berichten Hunderttausende Frauen und Männer unter dem Hashtag #aufschrei von ihren täglichen Erfahrungen mit sexueller Belästigung und Sexismus.

"Frauen werden nachträglich zu Täterinnen gemacht"

Auch die stellvertretende SPD-Vorsitzende Manuela Schwesig prangert alltäglichen Sexismus in der Gesellschaft an. Dieser sei völlig inakzeptabel, sagte Schwesig der Welt am Sonntag. "Letztlich ist das ein deutlicher Ausdruck mangelnder Wertschätzung und damit fehlender Gleichberechtigung der Frauen."

Für Schwesig ist es "nicht hinnehmbar", dass Frauen, "die von solchen sexistischen Übergriffen berichten, nachträglich zu Täterinnen gemacht werden".

Leserkommentare
  1. sind zwei völlig unterschiedliche Dinge, die nichts, aber gar nichts miteinander zu tun haben.

    Sexismus hat nichts mit Erotik zu tun (wie zB gutes Flirten) sondern mit Macht.

    Sexismus ist "in diesem Land" entgegen Ihrer Meinung Alltag und wird seltenst sanktioniert, weder in der Schule noch an der Uni oder am Arbeitsplatz. Warum glauben Sie, geht denn die Debatte darüber so ab? Weil das Schweigen über Sexismus bislang so bleiern war! Frauen sind doch immer noch überwiegend so sozialisiert, Sexismus zu dulden.
    Mehr noch: Sie müssen befürchten, im Zweifelsfall zu Täterinnen gemacht zu werden: Die Begriffe Opferabo und Opferindustrie lassen grüßen!

    Sexismus ggü. Frauen dient dazu, das Machtgefälle zugunsten von Männern immer wieder neu zu konstituieren.

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    Antwort auf "German Angst"
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    • Coiote
    • 27. Januar 2013 14:41 Uhr

    "Sexismus und Flirten sind zwei völlig unterschiedliche Dinge, die nichts, aber gar nichts miteinander zu tun haben.

    Sexismus hat nichts mit Erotik zu tun (wie zB gutes Flirten) sondern mit Macht."

    Das sehen Sie halt falsch. Der Übergang von Sexismus und Flirten ist fließend, und nicht schwarz-weiß. Die eine Frau reagiert auf eine (vielleicht gar plumpe) Anmache in der Disko positiv, die andere findet sie unpassend oder gar sexistisch.

    Ihre undifferenzierte schwarz-weiß-Sicht führt zu nichts. Theorien wie Sexismus hätte ausschließlich was mit Macht zu tun entspringt der Genderforschung. Und diese 'wissenschaftlichen Erkenntnisse' kann man durchaus in Frage stellen. Ich habe auch schon mal aus dieser Reichtung von der Theorie gehört, die Hündchenstellung beim Sex sei sexistisch, weil die Frau dabei kniet, und dies ein Machtgefälle symbolisiert. So ein Unfug.

  2. an der Bar mit einen merklich angesäuseltem alten Herren ein ernsthaft professionelles Gespräch führen und läuft dazu im Dirndl auf?
    Wer wanzt (O-Ton Stern) sich da an wen an?
    http://www.stern.de/polit...
    Wie schreibt der Stern selbst weiter so richtig
    "Zur vollen Wahrheit gehört allerdings auch, dass in manchen Redaktionen junge, attraktive Frauen strategisch eingesetzt werden. Dabei geht es nicht nur um einen anderen, weiblichen Blick. Sondern darum, eine größere Nähe zu Politikern herzustellen, eine anders geartete Nähe. Offenherzigkeit gegen tiefes Dekolleté und klimpernde Wimpern. So einfach ist das manchmal wirklich, leider. Und auch das ist Sexismus, nur anders herum. Ein Spiel mit den Trieben."
    Nur ist die Wahrheit da noch nicht zu Ende, das "Opfer" spielt das spiel ja auch noch mit.
    Was also soll das Gejammer ein Jahr danach sein, wenn nicht die Herstellung der überfälligen Verwertungssituation für den hart erkämpften "Skandal"?

    Und das will man ernsthaft alles auf den Sexismus der Männerseite schieben?

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    "Da wollte jemand nachts um elf
    an der Bar mit einen merklich angesäuseltem alten Herren ein ernsthaft professionelles Gespräch führen und läuft dazu im Dirndl auf?"

    Die Dame trug gar kein Dirndl.

    • FrankyX
    • 27. Januar 2013 14:22 Uhr

    Kündigen Sie bitte und arbeiten Sie als Journalist! Dann hätten wir wenigstens einmal eine Diskussion mit kontroversen Meinungen. Aber wie so oft siegt die Political Correctness über die Realität.

    Auf der einen Seite beschweren sich Frauen über diese sexistischen Anmachen, und wenn sie ausbleiben beschweren sie sich darüber, dass sie uninteressant sind.
    Was solls, mit unserer jetztigen Geburtenrate werden diese typisch deutschen Diskussionen der Menschheit wohl in Zukunft glücklicherweise erspart bleiben.

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    "Was solls, mit unserer jetztigen Geburtenrate werden diese typisch deutschen Diskussionen der Menschheit wohl in Zukunft glücklicherweise erspart bleiben."

    Die niedrigste Geburtenrate in Europa hat übrigens Italien.

    Und zur "typisch deutschen Diskussion" empfehle ich diesen Beitrag im britischen "Guardian" (von gestern):

    "Casual sexism from politicians is no joke"

    http://www.guardian.co.uk...

    Sollten Sie Verständnisprobleme haben, helfe ich gerne beim Übersetzen.

    Das was hier jetzt abläuft ist mal wieder eine ziemlich häßliche Kampagne gegen Männer!Das es auch Sexismus von Frauen gibt, geht zumindest bis jetzt in Debatte nahezu unter! Leider fehlt den Männern eine Lobby die Ihre Interessen vertritt. Und nein diese sind durchaus nicht deckungsgleich mit den Ansichten der Traditionalisten in der CDU/CSU. Man kann jedem Mann nur raten sich von Frauen fernzuhalten. Offensichtlich ist das Ziel dieser Kampagne eine Gesetzgebung wie in Frankreich http://www.aljazeera.com/...

    Bald kann man dann schon im Gefängnis landen, wenn man eine Frau nur fasch anguckt? Will man denn wirklich sämtliches menschliches Verhalten mit dem Strafgesetzbuch ahnden? Und die gleiche Gesellschaft regt sich über den Zeugungsstreik von Männern auf? Habt ihr noch alle Latten am Zaun?

    • S0T86
    • 27. Januar 2013 14:24 Uhr

    Interessant. Rollenklischees in unserer Gesellschaft also. Sie differenzieren also zwischen Sexismus und Rollenklischees. Ich dachte es geht hier darum, "den ganz alltäglichen Sexismus" aufzudecken. Wir reden über einen Altherrenwitz und nicht über eine Vergewaltigung.

    Nach welchem Kriterium ist für sie Brüderles betrunkene Äußerung Sexismus (was ich übrigens unterstreichen würde), und herabwürdigende Formate wie Germanys Next Topmodel oder der Bachelor kein Sexismus (was ich nicht unterstreichen würde) und legitim? Und warum sollten nicht gerade in den Medien verbreitete Rollenklischees hinterfragt werden, die teilweise bereits Kinder aufgreifen? Lustigerweise hab ich mich in der Vergangenheit oft über diese Formate beschwert wegen ihres Sexismus und mir bekannte Frauen haben sie leidenschaftlich verteidigt.

    Wer Frauen kennt, weiß, dass sich viele gerne in privaten Runden mit anderen Frauen treffen um Sexistisch abzulästern. Das ist also auch kein Sexismus? Darüber DARF nicht diskutiert werden? Können nur Frauen Opfer vom "alltäglichen Sexismus" werden? Muss alles verteidigt werden, was weiblich ist und alles bekämpft, was männlich ist? Ich fühle mich als Mann unter einen Generalverdacht gestellt, obwohl ich mich nie entsprechend unangemessen verhalten habe.

    Ich bleibe dabei, dass hier eine weibliche Sicht aufgezwungen werden soll. Und um Vergewaltigung geht es hier nicht, sondern über den "alltäglichen Sexismus", den Brüderle verbreitet haben soll.

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    Das Problem an der Überschrift "Sexismus" ist, daß sie verschiedene Ebenen vollkommen unreflektiert durcheinander wirft.

    Grundlegend ist Sexismus die kulturell bedingte, stereotypisierte Merkmalszubeschreibung (Geschlechterrollen). Hiervon zu unterscheiden ist Sexismus als überzeichnetes damit potentiell diskriminierendes Rollenklischee. Hiervon ist wiederum Sexismus als aktive Übertretung der Schamgrenze und bewußte Verletzung der sexuellen Intimsphäre eines anderen Menschen zu unterscheiden.

    Es besteht daher ein riesiger Unterschied zwischen einem Mann, der mir während eines Gesprächs auf den Busen glotzt, mir dabei auf die Pelle rückt, und einem TV-Format, das Gender-Klischees bis hin zur unfreiwilligen Karikatur überzeichnet.

    Ersteres verletzt real meine Individualdistanz auf sehr intimer Ebene und zwingt mich zum Rückzug oder zur Verteidigung. Letzteres beleidigt nur meine Intelligenz.

  3. Frau Himmelreich seinerzeit darüber gekichert, bestenfalls gedacht hat "Hm, dass lässt sich bestimmt mal verwenden!"

    Die ganze Debatte ist sowas von unnötig hochgepusht.
    Wir haben so viele schwerwiegende Probleme auf der Welt und in D.

    In Berlin sind 10.000 Obdachlose von Erfrierungen bedroht, aber das gesellschaftliche Problem Nr. 1 ist der Sexismus.

    Wichtig, wichtig...

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    Antwort auf "Internet-McCarthyism"
  4. "Da wollte jemand nachts um elf
    an der Bar mit einen merklich angesäuseltem alten Herren ein ernsthaft professionelles Gespräch führen und läuft dazu im Dirndl auf?"

    Die Dame trug gar kein Dirndl.

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    • vommond
    • 27. Januar 2013 14:27 Uhr

    Immerhin freut es mich, wenn ich Ihnen ein Lächeln entlocken konnte. Aber Sie haben mein Argument leider falsch wiedergegeben. Wer hat denn je behauptet, Betrunkene hätten ein Recht auf sexuelle Übergriffe? Niemand.

    Wenn Sie die Behauptung aufrecht erhalten wollen, es habe weitere Anspielungen gegeben, nachdem die Journalistin auf einem professionellen Gespräch bestand, müssen Sie das wirklich belegen. Ich habe dazu nichts gefunden. Daher bleibt es dabei. Es gab den Dirndl-Spruch. Danach hätte sie einfach gehen können, war ja wohl eh nicht der Rahmen und die Zeit für ein seriöses Interview. Aber nein, sie wollte ihm weiter ein Gespräch zu ihren Konditionen aufdrängen. Wo ist da bitte der Übergriff von Hrn. B.? Jetzt sagen Sie bitte nicht der Handkuss. Tut mir leid, unter sexueller Belästigung stelle ich mir irgendwie etwas anderes vor.

    Auf den Punkt, dass es sich bei der ganzen Sache bisher nur um Behauptungen handelt, gehen Sie nicht weiter ein. Aber das könnte Sie in Ihrem Furor ja stören, ebenso wie Fakten. Lieber diskutieren Sie einen imaginären Fall und befassen sich mit Argumenten der Anderen, die Sie so lange verdrehen, bis sie wirklich diskutabel sind.

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    warum hat dann Brüderles Pressesprecherin, also seine Untergeben, eingegriffen und ihn von der Frau weggeholt?

  5. Ich habe in der letzten Zeit den Eindruck, dass der Betroffenheitsjournalismus immer breiteren Raum einnimmt. Ob jetzt in der Sexismus-Debatte, oder kurz vor Weihnachten in der Armutsdiskussion.

    Im ersten Schritt wird über ein Einzelbeispiel berichtet. Im zweiten werden Statistiken und Umfragen herangezogen, die meist nicht aktuell sind, um das Einzelbesispiel zu rechtfertigen. Es ist wird damit eine mediale Diskussion ausgelöst, die meist an den Ursachen von Problemen vorbeigeht. Im besten Fall melden sich noch Politiker mit dem schönsten Betroffenheitsblick zu Wort. Spätestens da wird dem medialen Bürger vorgegaukelt, dass das Problem bei der Politik angekommen sei und die Diskussion schläft ein. Zurückbleibt ein gesamtgesellschaftliches Problem.

    Ich habe nur eine ganz große Hoffnung, dass die wirklich Betroffenen nach solchen Debatten nicht noch zusätzlich Schaden nehmen.

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