Indien und ChinaWenn Milliardenvölker altern

In China leben 122 Millionen Alte, in Indien 67. Der Umgang mit ihnen ist in China ein Thema – in Indien nicht. von Imke Vidal

Shendurjane

Im Dorf Shendurjane im westindischen Landkreis Satara   |  © AFP PHOTO/Punit PARANJPE

Chinas Senioren sind aktiv, selbstbewusst und machen Tai-Chi. Rüstige Rentner im Reich der Mitte, soweit das Vorurteil. Wie so oft liegt dem ein wahrer Kern zugrunde: Tatsächlich trifft man überall in China auf aktive alte Menschen. Einige halten sich mit Kampfsport, Tanz oder Gymnastik fit, andere treffen sich zum Kartenspiel oder auf eine Partie Majong. Viele betreuen ihre Enkelkinder und unterstützen ihre erwachsenen Kinder. All das tun sie nicht etwa hinter verschlossenen Türen, sondern in den Parks und Hinterhöfen. Wohnungen sind klein und eng in China, das Leben findet auf der Straße statt.

Auch in Indien herrscht geschäftiges Treiben in den Parks und auf den Straßen. Die Städte sind eng, bieten nicht jedem eine Wohnung. Auf Indiens Straßen wird gekocht, gegessen, geschlafen. Auch hier findet das Leben draußen statt. Doch anders als in China sieht man wenig alte Menschen. Das gilt zumindest für die Großstädte.

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Dafür gibt es gute Gründe. China zählt fast doppelt so viele Alte wie Indien. 122 Millionen Chinesen sind heute über 65 Jahre alt, aber nur 67 Millionen Inder. Und das bei vergleichbar großen Bevölkerungszahlen. Die Lebenserwartung liegt in China entsprechend höher: Ein Chinese darf heute bei der Geburt mit 75 Lebensjahren rechnen, ein Inder nur mit 67.

Ältere Inder ziehen sich aus der Öffentlichkeit zurück

Schon die Zahl der Alten bedingt, dass es in China heute ein viel größeres Bewusstsein für die Probleme älterer Menschen gibt. Zudem altert China viel schneller als Indien; seine geburtenstärksten Jahrgänge sind heute 40 bis 44 Jahre alt. In Indien sind die geburtenstärksten Jahrgänge immer noch die allerjüngsten. Alles dreht sich um den Nachwuchs. Die älteren Inder sind es deshalb gewöhnt, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen und keine Ansprüche zu stellen. Die meisten haben keine medizinische Versorgung, über zwei Drittel leiden an Lungen- und Gelenkerkrankungen, die in der Regel unbehandelt bleiben.

Ravi Kalra, Gründer der Earth Saviour Foundation in Delhi, hat sein Leben den Alten gewidmet. Seit sechs Jahren nimmt er sich alter Menschen an, die von der Gesellschaft ausgestoßen werden. Dafür hat er im Süden Delhis ein kleines Zeltdorf errichtet, wo die Alten leben, drei Mahlzeiten am Tag bekommen und sich mit armen Kindern und Tieren beschäftigen. Kalra ist überzeugt, dass ein Großteil der heutigen Großelterngeneration in den eigenen Familien unter schlimmsten Bedingungen lebt.

Beschimpfungen und körperliche Misshandlungen seien an der Tagesordnung. "Die alten Menschen werden nicht mehr respektiert. Vor 20 Jahren war das noch kein Problem", sagt Kalra und erklärt, woran das liegt: "Seit die junge Generation bessere Bildungschancen hat, fühlen sie sich nicht mehr auf den Rat der Alten angewiesen. Die Senioren werden nutzlos. Wenn sie nicht zum Unterhalt der Familie beitragen können, werden sie einfach auf die Straße gesetzt."

Leserkommentare
  1. Dies ist ein Armutszeugnis für neureiche Gesellschaften wie sie in Indien und China entstanden sind

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    Neureich? Das bereits Kaufkraftbereinigte BIP/Einw.(PPP) Deutschland: 37.897 USD, China: 8.382 USD, Indien: 3.694 USD

    China bspw. hat ein Deutschland sehr ähnliches Rentensystem mit den Säulen (Grundrente, betr. Altersvorsorge, Privat). Genau wie in D besteht die Grundrente aus Basisrente + leistungsbezogen Zusätzen und geht Notgedrungen zur Umlagefinanzierung über. Der Rest der Altersvorsorge wird bei den Banken angelegt und dort wird damit gezockt (was dachten Sie woraus sich die sagenhaften Fonds und Reserven dort speisen?). Einen Rentenanspruch ab 60 für die Landbefölkerung gibt es ebenfalls als Basisrente. Die ist allerdings so niedrig, dass sie nicht ernsthaft erwähnt werden muss.

    Und die Gesellschaft ist schonmal garnicht schuld. Wie das Beispiel China zeigt, können die meissten ja durchaus mit Unterstützung ihrer Verwandten rechnen.

    Mit Indien kenne ich mich jetzt nicht so aus, aber das BIP legt nahe, dass die Optionen dort noch eingechränkter sind.

    • Marobod
    • 24. Januar 2013 22:29 Uhr

    Ìch mein, wer seine eigenen Eltern auf die Straße wirft, muß doch damit rechenn das das die eigenen Kinder mit einem spaeter auch tun . [...]

    Wieder ein grund mehr, diese Indien-Pilger damit mal zu konfrontieren dieses land etwas kritischer zu sehen ...

    Gekürzt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

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    • kai1
    • 25. Januar 2013 6:33 Uhr

    ...wenn er denn (wie in Deutschland seltener werdend) überhaupt noch welche in die Welt setzt...

  2. Welche Maßstäbe legen sie an? Wie erleben in beiden Ländern im Rahmen der Globalisierung wie Gesellschaften gleichzeitig die Industrialisierung und die Umwandlung in Dienstleistungs orientierte Gesellschaften. Was in Europa 200-300 Jahre dauerte geschieht in diesen Ländern in einem Wimpernschlag der Geschichte, einem halben Jahrhundert. Die Bevölkerungszahl Indiens hat sich in den letzten 50 Jahren fast verdoppelt. Natürlich verstört es von alten Menschen zu lesen, die von der eigenen Familie aus dem Zug gestoßen wurden oder anders entsorgt werden. Vielleicht hilft es sich in Erinnerung zu rufen, dass um 1900 im Berliner Stadtwald oder in den Wäldern um anderen Großstädten Siedlungen von alten der Gesellschaft und Familie nicht mehr zuträglichen Menschen existierten die ihr Überleben dem sammeln von Wurzeln und Pilzen verdankte. Auch in Europa ist der Sozialstaat erst seit dem Ende des zweiten Weltkriegs in der Lage alten und anderen bedürftigen Menschen zu helfen.

    Für mich ein durchaus lesenwerter Artikel, vielleicht interessiert es das die städtische Rente in China häufige auch nur für das Mieten einer Parzelle von wenigen Quadratmetern reicht. Es gibt in vielen Großstädten Häuser in denen diese Parzellen nicht von Wänden sondern Gittern abgetrennt sind.

    Gebt diesen Ländern Zeit und sie werden ihre Probleme lösen.

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    In China leben rund 700 Millionen Menschen von der Landwirtschaft. Wenn es in dem Artikel heißt: "Zurück bleiben Großeltern, die sich um ihre Enkelkinder kümmern und auf dem Hof die Stellung halten, bis der Sohn oder die Tochter, so hoffen sie, eines Tages zurückkehrt", so wird der Eindruck erzeugt, dass die Landflucht ein Massenproblem ist. Ich habe in den Monaten, in denen ich in der Provinz Liaoning lebte, erfahren, dass
    - die Menschen auf dem Lande ein ( gemessen an unserem Wohlstand ) armes aber glückliches Leben lebten,
    - alle genug zum Essen hatten
    - Fröhlichkeit aus den Gesichtern zu lesen war
    - Alt und Jung gut zusammen lebten.

    Ich habe aber auch in den Neubaugebieten gesehen, dass
    - westlicher Standard einzog und mit dem
    - eine beginnende Separierung von Alt und Jung.

    Es sollte einmal die Frage geklärt werden, ob der Wohlstandsglaube letztlich zu den negativen Auswirkungen der Gesellschaftsentwicklung führt, wie wir sie in westlichen Gesellschaften seit Jahrzehnten kennen.

    • Veda81
    • 24. Januar 2013 22:49 Uhr

    Mein persönliches Erleben von Altsein in Indien steht völlig quer zu dem im Artikel geschilderten. Ein alter Mann, über 80, umsorgt und gepflegt von den nächsten -noch lebenden- Verwandten. Die Nachbarn, zugewandt, regelmäßig zu besuchen anwesend. Interessiert, kümmernd.
    Das Rheumaleiden nach eigenem Willen, weil nunmal das gesamte Leben so praktiziert, mit homöophatischen Mitteln behandelt. Diese Gesellschaft hält nichts von Steroiden für Kinder noch von anderen Hämmern auch nicht für Alte Menschen. bedeutet das nun NICHT behandelt, weil sich wohl ein anderer Wirkunsgrad dabei einstellt?
    Länder wie Indien leiden sicher unter vielen Problemen denen hoffentlich in den nächsten Jahren des Wachsens und der Entwicklung Abhilfe geschaffen werden kann.
    Jedoch ist eine Übernahme westlicher Standards für mich mehr als fraglich. Bringen doch die ach so fortschrittlichen Standards viel leid und Einsamkeit für alte und andere gesellschaftlich nicht kompatible Menschen hier mit sich.

    Indien ist alles andere als perfekt- ebensowenig wie Europa. Was dort auf offener Straße geschieht-passiert hier hinter verschlossener Türe.

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  3. Frau Vidal,
    sehen Sie mal, was Frau Kirchner vom Deutschlandfunk heute kurz vor Ihnen veröffentlicht hat. Das ist sehr interessant und deckt sich mit Ihren Aussagen.
    Viel Freude bei nachhören: http://www.dradio.de/dlf/...
    JV

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  4. 6. Warum?

    Neureich? Das bereits Kaufkraftbereinigte BIP/Einw.(PPP) Deutschland: 37.897 USD, China: 8.382 USD, Indien: 3.694 USD

    China bspw. hat ein Deutschland sehr ähnliches Rentensystem mit den Säulen (Grundrente, betr. Altersvorsorge, Privat). Genau wie in D besteht die Grundrente aus Basisrente + leistungsbezogen Zusätzen und geht Notgedrungen zur Umlagefinanzierung über. Der Rest der Altersvorsorge wird bei den Banken angelegt und dort wird damit gezockt (was dachten Sie woraus sich die sagenhaften Fonds und Reserven dort speisen?). Einen Rentenanspruch ab 60 für die Landbefölkerung gibt es ebenfalls als Basisrente. Die ist allerdings so niedrig, dass sie nicht ernsthaft erwähnt werden muss.

    Und die Gesellschaft ist schonmal garnicht schuld. Wie das Beispiel China zeigt, können die meissten ja durchaus mit Unterstützung ihrer Verwandten rechnen.

    Mit Indien kenne ich mich jetzt nicht so aus, aber das BIP legt nahe, dass die Optionen dort noch eingechränkter sind.

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    Antwort auf "Armutszeugnis"
  5. ... die Alten rauszuwerfen wenn sie nichts mehr bringen...

    dabei haben die Laender genuegend einfache Arbeitslose, oder Leute vom Land, die mit einer kurzen Pflegeausbildung sich um die Alten kuemmern koennten...und das muss auch nicht so teuer sein wie bei uns in D...nur ein wenig Kreativitaet gefragt!

    Eine Leserempfehlung
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    Machen wir uns nichts vor:
    China und Indien sind auch deshalb Billiglohnländer, weil auf die ganzen sozialen Sicherungssysteme weitestgehend verzichtet wird.

    Versorgung von Kindern oder den Alten, dass macht halt die Familie. Wer keine Kinder hat oder wenn die Kinder für eine Versorgung einfach nicht genug Geld verdienen, der hat dann halt auch Pech.

    Minilöhne, das Arbeiten bis zum Umfallen und hohe Lebenshaltungskosten sind das Gift, was gewachsene Sozialstrukturen zerstört.
    Und machen wir uns mal nichts vor: Werden in vielen Billiglohnländern die Lohnkosten nur geringfügig erhöht, dann zieht die Karawane der Arbeitsplätze weiter. Auch Indien ist teilweise schon zu teuer.

  6. Machen wir uns nichts vor:
    China und Indien sind auch deshalb Billiglohnländer, weil auf die ganzen sozialen Sicherungssysteme weitestgehend verzichtet wird.

    Versorgung von Kindern oder den Alten, dass macht halt die Familie. Wer keine Kinder hat oder wenn die Kinder für eine Versorgung einfach nicht genug Geld verdienen, der hat dann halt auch Pech.

    Minilöhne, das Arbeiten bis zum Umfallen und hohe Lebenshaltungskosten sind das Gift, was gewachsene Sozialstrukturen zerstört.
    Und machen wir uns mal nichts vor: Werden in vielen Billiglohnländern die Lohnkosten nur geringfügig erhöht, dann zieht die Karawane der Arbeitsplätze weiter. Auch Indien ist teilweise schon zu teuer.

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  • Schlagworte China | Indien | Eltern | Familie | Generation | Kampfsport
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