Simon-Wiesenthal-Zentrum"Ja, Augstein ist ein Antisemit"

Das Simon-Wiesenthal-Zentrum hat seine Kritik an dem Journalisten Jakob Augstein verschärft. Unterstützung erhält es von einem Forscher. von 

Während seines Deutschland-Besuchs hat Rabbiner Abraham Cooper den mit Antisemitismus-Vorwürfen konfrontierten deutschen Verleger Jakob Augstein erneut kritisiert. Zur Unterscheidung zwischen legitimer Kritik und Antisemitismus gelte die Regel der "drei D" von Nathan Sharansky, sagte er auf einer Pressekonferenz des Mideast Freedom Forum Berlin. Wer Juden und Israel dämonisiere, delegitimiere und Doppelmoral walten lasse, überschreite eine Grenze. Ähnlich hatte Cooper seine Kritik schon im Interview mit ZEIT ONLINE begründet.

Augstein steht auf Rang neun eines Rankings antisemitischer Äußerungen des Simon-Wiesenthal-Zentrums, dessen Vizedirektor Cooper ist. In der Pressekonferenz verteidigte er die Entscheidung, Augstein auf die Liste zu setzen. "Ja, er ist ein Antisemit", sagte er. Am 9. Januar hatte Cooper noch relativiert: Die Anschuldigung habe sich nicht auf Augstein als Person, sondern lediglich auf seine Aussagen bezogen. Nachdem der Journalist mittlerweile aber mehrere Gelegenheiten, sich zu entschuldigen, habe verstreichen lassen, änderte Cooper sein Urteil.

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In Deutschland hatten mehrere Publizisten Augstein in Schutz genommen, andere verstärkten die Kritik. Cooper war das erste Mal seit Veröffentlichung der Liste der zehn schlimmsten antisemitischen und anti-israelischen Verunglimpfungen des Jahres 2012 in Deutschland. Er erstellt die Liste.

Schockiert von den Reaktionen in Deutschland

Die Reaktionen in Deutschland hätten ihn überrascht, sagte der Rabbiner. Viele Journalisten hätten reflexartig ihren Kollegen verteidigt, ohne dessen Äußerungen inhaltlich zu hinterfragen. "Ich war schockiert, dass er dafür nicht zur Rede gestellt wurde."

Unterstützung erhielt Cooper von Matthias Küntzel, Mitarbeiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Er hatte zuvor bereits in einem Artikel in der Welt Position bezogen. Darin heißt es, Augstein sei nicht wie der Titel seiner Kolumne "im Zweifel links", sondern "im Zweifel rechtsradikal".

Zum Ranking der Beleidigungen sagte Küntzel, dass er sie mittlerweile für notwendig erachte: "Von solchen Listen habe ich früher nichts gehalten, aber die produktive Diskussion, die sich daraus ergeben hat, hat meine Meinung geändert." Die Debatte, die das Zentrum angestoßen hat, sei notwendig, da zunehmender Antisemitismus in Deutschland unterschätzt werde: "So wie es früher normal war, etwas pauschal gegen Juden zu haben, ist es heute normal, etwas pauschal gegen Israel zu haben."

An der Liste für 2013 wird gearbeitet

Küntzel sagte, in Augsteins Spiegel-Streitgespräch mit Dieter Graumann vom Zentralrat der Juden in Deutschland habe sich gezeigt, dass es ihm nicht um Pressefreiheit, sondern um die "Freiheit der Ressentiments und des Hasses" gehe. Nun müsse eine Debatte über das Verhältnis von Journalismus und Antisemitismus beginnen.

Die besondere Verantwortung der Deutschen müsse dabei berücksichtigt werden. "In Deutschland kann man sein Verhältnis zu Israel nicht selbst reflektieren, wenn man sich nicht klarmacht, dass die Schuldentlastung eine große Verlockung ist", sagte Küntzel. Cooper sagte hingegen mit Verweis auf seinen Lehrer Simon Wiesenthal, dass es keine Kollektivschuld gebe.

Gefragt, ob Jakob Augstein 2013 erneut auf der Liste stehen werde, antwortete Cooper: "Den Platz darauf muss man sich verdienen." Das Material für das neue Ranking werde bereits gesammelt.

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Leserkommentare
    • gooder
    • 31. Januar 2013 16:33 Uhr

    Und anders als bei Jakob Augstein, dürfte jegliche Kritik an der Politik der israelischen Regierung, einen Existenzbedrohenden Shitstorm auslösen. Augstein ist finanziell unabhängig, die meisten Journalisten sind es nicht.

    11 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ranking !"
  1. Ich äußere mich nicht ,sonst steht mein Name am Ende auch auf der Liste.
    Nur eins, ein erwachsener Diskurs kann so nicht stattfinden, wenn man sich mit Dreck bewirft.

    12 Leserempfehlungen
  2. Allerdigs ist jemand, der zu vielen Themen, zurückhaltend formuliert, "recht offensiv" und mit heftiger und gewollter medialer Präsenz daherkommt, stets in Gefahr als "irgendwas" bezeichnet zu werden.
    Das ist selten gänzlich unverdient und da es Teil des Geschäftsmodells "Augstein" ist, sollte sich das Wehklagen in Grenzen halten.

    6 Leserempfehlungen
  3. trennen.
    Populisten haben verschiedene Methoden ihre Macht zu behaupten,es gibt solche die nicht schrecken auch Opfer von Greultaten für sich einzuspannen, diese Beanspruchung ist ungerecht und sollte offen angeprangert werden, ohne Rücksicht auf Nationalitäten ,Rassen , oder Religionen.
    Vorher aber sollte sich jeder die Verantwortung übernehmen damit es ein Holocaust sich nicht mehr wiederholt , Europa muss diese Verantwortung in ihre Verfassung festankern.

    2 Leserempfehlungen
  4. Zitat: "..."So wie es früher normal war, etwas pauschal gegen Juden zu haben, ist es heute normal, etwas pauschal gegen Israel zu haben."..."

    Bei allem Verständnis: Für mich leiden diese Leute unter Verfolgungswahn.

    Was bitteschön darf man denn an Israel überhaupt kritisieren, ohne gleich als Antisemit zu gelten? Das Wetter vielleicht?

    54 Leserempfehlungen
  5. 14. [...]

    Kritik an der Moderation richten Sie gerne an community@zeit.de. Darüber hinaus bitten wir darum, zum konkreten Artikelthema zu diskutieren. Danke, die Redaktion/jk

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Überzogen aus Kalkül"
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    Entfernt. Der Kommentar, auf den Sie Bezug nehmen, wurde mittlerweile gelöscht. Danke, die Redaktion/jk

    doch. Sind Sie neu hier?

  6. muss auch einstecken können.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    austeilt, muß auch einstecken können - oder, wer wie die israelische Regierung austeilt, muß auch einstecken können? - Wozu soll das führen? -

    • dacapo
    • 31. Januar 2013 17:52 Uhr

    Herr Augstein hat doch eingesteckt. Er hat aber nicht einsehen können, dass man ihn einen Antisemiten schimpft. Wenn jemand nach wie vor darauf besteht, dass er eben doch ein Antisemit sein soll, dann wird er das einstecken. Aber was ist damit gesagt? Was ist damit gewonnen. Es geht ja bei diesen Diskussionen darum, warum man ihn einen Antisemiten schimpft. Da gibt es Meinungsunterschiede, ob er einsteckt oder nicht.

    • Sauzahn
    • 31. Januar 2013 16:46 Uhr

    das gerade als Deutscher mit dieser unsäglichen Geschichte, und das ist keineswegs pauschal!

    "So wie es früher normal war, etwas pauschal gegen Juden zu haben, ist es heute normal, etwas pauschal gegen Israel zu haben."

    Es wäre schön wenn das Simon-Wiesenthal-Zentrum nicht mehr so pauschal über Deutsche dächte.

    Danke.

    24 Leserempfehlungen

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Jakob Augstein | Debatte | Forum | Israel | Journalismus | Pressefreiheit
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