SexismusFemen-Aufschrei in der Herbertstraße

Protest gegen Prostitution: Die Frauenrechtsbewegung Femen zog am Freitag durch die Herbertstraße auf St. Pauli. Ein weiterer #aufschrei gegen Sexismus. von Steffi Fetz

Femen hätte sich eigentlich keinen besseren Zeitpunkt für den lang geplanten Sturm auf die Hamburger Bordelle aussuchen können. Dass ihr Protest gegen Prostitution in eine Woche fällt, in der in Deutschland über Herrenwitze und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz und auf der Straße debattiert wird, konnten die Aktivistinnen vorher nicht wissen. Aber es passt. Aus Stuttgart, Köln, Kiel und Berlin sind sie angereist. Am Nachmittag treffen sie sich zur Vorbereitung im Frauenkulturhaus in Hamburg-Harburg.

Sie malen sich mit schwarzer Plakatfarbe "Stop Sex Slavery" auf ihre Brüste, wie immer demonstriert Femen oberkörperfrei. Für die Frauen ein Zeichen der sexuellen Selbstbestimmung, ein Zeichen der Freiheit. Und für die Kameras das Zeichen für den Auslöser: Schaut auf uns, wir wollen euch etwas sagen.

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Ein bisschen aufgeregt sind sie, weil Sasha heute da ist. Sasha ist Alexandra Schewtschenko, eine der ukrainischen Gründerinnen von Femen. Schewtschenko hat als Jugendliche in der Ukraine nach einer Beschäftigung gesucht, nach einer Aufgabe. Als 16-Jährige wollte sie, dass in ihrem Land endlich über Frauenrechte gesprochen wird. Als 24-Jährige will sie nun eine weltweite feministische Bewegung anstoßen. Sie will die Herrschaft der Männer nicht aufheben, sondern umdrehen, weil sie daran glaubt, dass Frauen besser mit Macht umgehen, keine Kriege führen würden. "Warum sonst hat uns die Natur die Fähigkeit gegeben, über die Fortführung von Leben zu entscheiden?" Jetzt steht sie vor den acht Frauen aus Deutschland und schreit sie an: "Sex industry is facsism". Die Frauen schreien zurück. Aufwärmübungen. In der nach oben gestreckten Hand ein Holzstock, mit Bandagen umwickelt. Später auf der Demonstration wird der Stock dann zur Fackel.

"Ich bin freiwillig hier, ich bin freiwillig hier"

Kurz nach 18 Uhr ist die Herbertstraße noch leer, als die Femen-Frauen ihre Jacken ausziehen. Die Leuchtreklamen der Bordelle verblassen jetzt gegen das Feuer der Fackeln und das Blitzlichtgewitter der Fotografen. Nur einzelne Männer kommen hinter der Absperrung hervor. Die Barriere am Eingang der Herbertstraße, auf der jetzt eine Zigarettenwerbung prangt, wurde 1933 angebracht. Im Nationalsozialismus war Prostitution verboten, außer hier im Verborgenen. An diese Wand werden die Femen-Frauen später mit weißer Farbe "Arbeit macht frei" schmieren. Vorher laufen sie durch die Straße, in der Frauen der Zugang untersagt ist.

Normalerweise sitzen Frauen in der Herbertstraße nur in den Schaufenstern, wo jetzt verlassene Drinks stehen und Handtücher über den Stühlen hängen. Eine Prostituierte kommt kurz ans Fenster, macht ein Handyfoto von den halbnackten Frauen, die in drei Reihen ihre Plakate in die Kameras halten. Bevor sie gefragt werden kann, sagt sie schnell: "Ich bin freiwillig hier, ich bin freiwillig hier." Und: "Die prostituieren sich doch selber." Dass Femen dafür belächelt werden, weil sie sich ausziehen, ist ihnen egal. Antonia, Irina und die anderen benutzen den eigenen Körper als eine Plattform gegen die Sexindustrie und gegen das Patriarchat.

Nach wenigen Minuten sind die Fackeln heruntergebrannt und der Ruf "Die Frau ist keine Ware" verstummt. Alexandra Schewtschenkos Marsch durch die Herbertstraße war ein Schritt auf ihrem Feldzug. Die Frauen von Femen-Germany sind der Ikone aus der Ukraine hinterhergelaufen, aber sie gehen einen eigenen Weg. Zana Ramadani zum Beispiel ist nicht nur bei Femen-Germany aktiv, sondern auch seit zwei Jahren CDU-Mitglied. Öffentliches Blankziehen für eine oberflächliche Aufmerksamkeit – für sie schön und gut; aber sie will auch politisch mitarbeiten, um etwas zu erreichen. Frauenrechte sind ihr Thema. In ihrem Leben gibt es aber nicht nur das große Ziel, Prostitution verhindern und den damit verbundenen Menschenhandel eindämmen. Auch Ramadani kennt aus ihrem eigenen Alltag und aus der politischen Welt die kleinen sexistischen Bemerkungen, wie sie unter #aufschrei gesammelt werden, und wehrt sich dagegen: "Ich sag das den Männern, dass das nicht geht."

Ihre Femen-Aktion am Freitag auf St. Pauli war geplant und hat vor allem Bilder erzeugt. Der virtuelle #aufschrei dagegen entstand spontan und könnte mit seinen Tweets mittlerweile wohl das Kopfsteinpflaster der 80 Meter langen Herbertstraße ausfüllen. Letzterer hat sicherlich mehr zur öffentlichen Debatte beigetragen, doch beider Aufschrei hat dasselbe Ziel: mehr Respekt vor und für Frauen.

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Leserkommentare
  1. Wissen diese **Feministinen **Nicht Welsche Tuer sie Moeglicherweise mit solchen Totalen Verboten Aufstossen Koennten?

    Dagegen koennte ein bisschen Prostituion Harmlos sein.

    Gegen Sex-Sklaverei zu Protestieren ist etwas ganz anderes und Berechtigt,aber so ganz Pauschal?

    Soll Frauen geben die machen das Freiwillig.......

  2. @basti

    "....ihres freigewählten berufes"
    das glauben sie doch hoffentlich selbst nicht oder? wenn menschen arbeiten annehmen aus ökonomischen nöten, dann wird das wohl kaum freiwillig sein. ich glaube der anteil derer, die das "wirklich" freiwillig machen ist sowas von gering, diese werden wohl auch kaum auf dem "billig-strich" zu finden sein. diese frauen kommen nicht selten aus osteuropäischen ländern und werden unter falschen versprechen hergelockt.

    3 Leserempfehlungen
    • Plupps
    • 26. Januar 2013 19:17 Uhr

    Ob einem das gefällt oder nicht: Derzeit ist Prostitution in Deutschland so legal wie das Klempnerhandwerk. Das muss einem nicht gefallen, also kann man auch protestieren. Aber so eine Attacke plus dem NS-Ausspruch - hmmm da hätte man - wenn man darüber berichtet - doch etwas mehr Distanz im Text erwartet.

    Will sagen: Die Frauen die dort arbeiten, haben auch ein Recht auf Respekt und von Grenzüberschreitungen und Belästigungen verschont zu bleiben und nicht nur Journalisten.

    Ach ja: Nein ich gehöre nicht zur Kundenklientel

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  3. ... soll es tatsächlich geben.

    Mitunter werden auch etliche Prostituierte darunter fallen. Diese Femen-Proteste richten sich aber gegen eine undefinierte Zusammensetzung von freiwilligen und nicht-freiwilligen Prostituierten, spricht also denen, die es tatsächlich freiwillig machen
    (ob es jetzt nun prozentual viele oder wenige sind, sei mal dahingestellt), die Selbstbestimmung ab und instrumentualisiert sie regelrecht für ihr Macht- und Aufmerksamkeitsgebahren.

    Da wird eigentlich auf dem Rücken einer guten Sache, nämlich dem Kampf gegen wirklichen Sexismus und Unterdrückung von Frauen eine schmierig-polemische und undifferenzierte Posse betrieben und künstlich die Opfermasse hochgeschraubt.

    BTW:
    Müllabfuhr, Kanalarbeiter, Arbeiter im Klärwerk, Schlachter etc. sind auch keine Berufe, die man aus ideeller Berufung wählt. Wer setzt sich öffentlich für deren höhere Entlohnung und bessere Arbeitsbedingungen ein?

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    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • hakufu
    • 26. Januar 2013 20:46 Uhr

    Meine Empfehlung.

    " BTW:
    Müllabfuhr, Kanalarbeiter, Arbeiter im Klärwerk, Schlachter etc. sind auch keine Berufe, die man aus ideeller Berufung wählt. Wer setzt sich öffentlich für deren höhere Entlohnung und bessere Arbeitsbedingungen ein?"

    Vor gut einem Jahr haben wir ein paar schöne Tage verlebt. Sie bestätigte Ihre Aussagen : don't want to be a cleaner.

    Ja, man kann dies an den herrschenden wirtschaftlichen Verhältnissen festmachen.

    Es gibt Frauen, die sich sich damit abfinden, und andere, die auf anderen Wegen versuchen, ihre Position zu verbessern ( wer Verbindungen zu anderen Threads findet, liegt nicht verkehrt ).

    Die ihr Schicksal in die Hand nehmen, um ihre Situation zu verbessern, wer hat das Recht sich über sie zu mokieren ?

    Das führt unausweichlich zum disclaimer, Zwang. egal in welcher Version, ist abscheulich und zu bekämpfen.

    • Jastrau
    • 26. Januar 2013 19:27 Uhr

    Und ich bleibe dabei. Eine Gruppe wie Femen mit solch radikalen Ansichten sollte keinesfalls mit öffentlichen Geldern auch noch gefördert werden, wenn auch nur indirekt(Frauenkulturhaus Hamburg-Harburg).

    Und man schaue sich die Fotos auch einmal an. Da ist ein Plakat, und auf diesen steht "Burn fuckers". Dann werden die Fackeln angezündet....
    Nicht nur in meinen Augen werden da Grenzen klar überschritten, das erinnert fast an einen Aufruf zur Lynchjustiz..
    Das solch eine "Gruppe" so wohlwollend von einigen Medienleuten behandelt wird, ist im Grunde ein Skandal, aber bestimmt nicht überraschend...

    2 Leserempfehlungen
    • Laoyafo
    • 26. Januar 2013 19:58 Uhr

    ... und dazu gehört auch gut gemeinte Bevormundung durch solche Damen. Die könnten sich eine Menge Mühe sparen, wenn sie die dort arbeitenden Frauen unter vier Augen fragen würden, ob die sich als Sklaven fühlen. Vielleicht ganz im Gegenteil. Ich kenne eine Domina dort, die die kühnsten Träume der Femen erfüllt, sie verhaut Männer und bekommt gutes Geld dafür. Mit der sollten sie sich mal unterhalten.
    Keine Frage, Sex-Sklaverei existiert; aber doch nicht wirklich gerade da. Etwas mehr Zielschärfe wäre vielleiht sinnvoll.

    2 Leserempfehlungen
  4. Hinsichtlich der Anzahl für Kriege verantwortlicher männlicher und weiblicher Regierungs-chefs sollten Sie auch bitte nachrechnen, wie viele Frauen bisher an der Spitze von Regierungen standen. Das könnte zu dem Schluss führen, dass Männer für mehr Kriege verantwortlich sind, weil sie bisher generell für mehr Politik verantwortlich waren. Ferner könnten M. Thatcher usw. einen auf den Gedanken bringen, dass für Männer wie Frauen politische Notwendigkeiten gelten.

    Frauen in der Politik sind sicher nicht schlechter als Männer und erweitern den Kreis geeigneter Kandidaten, aber Patentrezepte für eine bessere Welt besitzen sie ebensowenig wie Männer.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Kriegerfrauen"
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Alexandra Schewtschenko | Bordell | Menschenhandel | Prostitution | Selbstbestimmung | Sexindustrie
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