IndienMutmaßliche Vergewaltiger ab heute vor Gericht

Gegen fünf Männer wird in Indien Anklage wegen Mordes und Vergewaltigung erhoben. Die Anklageschrift hat 1.000 Seiten, kein Anwalt will die Beschuldigten verteidigen.

Indische Frauen protestieren in Neu Delhi gegen sexuelle Gewalt

Indische Frauen protestieren in Neu Delhi gegen sexuelle Gewalt  |  © Prakash Singh/Getty Images

Die mutmaßlichen Vergewaltiger einer jungen Inderin müssen sich ab heute vor einem Gericht in Neu Delhi verantworten. Gegen fünf Beschuldigte soll Anklage wegen Mordes und Vergewaltigung erhoben werden. Bei einem sechsten Tatverdächtigen muss nach Polizeiangaben noch geprüft werden, ob er minderjährig ist. Dann stellt sich heraus, ob auch bei ihm Erwachsenenstrafrecht angewandt werden darf oder ob er vor ein Jugendgericht treten muss.

Das 23-jährige Opfer war am 16. Dezember von mehreren Männern in einem Bus in Neu Delhi vergewaltigt, mit einer Eisenstange misshandelt und nackt aus dem fahrenden Fahrzeug geworfen worden. Am Samstag war die junge Frau nach mehreren Notoperationen in einem Spezialkrankenhaus in Singapur an ihren Verletzungen gestorben.

Die Polizei hatte nach dem Tod der Frau mitgeteilt, sie strebe die höchstmögliche Strafe für die Täter an. In außergewöhnlich schweren Mordfällen kann in Indien die Todesstrafe verhängt werden. Sie wird selten vollstreckt, bei besonders drastischen Straftaten kommt es aber zu Hinrichtungen. Zuletzt war im vergangenen November der letzte überlebende Attentäter der Terroranschläge von Mumbai Ende 2008 gehängt worden.

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Die nun Angeklagten dürften Schwierigkeiten haben, Verteidiger zu finden. In der Anwaltskammer des Bezirks Saket weigern sich die dort zugelassenen Anwälte, die Beschuldigten zu verteidigen. Keiner der 2.500 bei dem zuständigen Gericht registrierten Verteidiger sei dazu bereit, da es unmoralisch sei, diesen Fall zu übernehmen, sagte Sanjay Kumar, ein Mitglied der Anwaltskammer. Die Regierung muss in diesem Fall Pflichtverteidiger bestimmen.

Mutmaßliche Vergewaltiger wollten Opfer nach Tat überfahren

Bei der ersten Anhörung am Donnerstag soll auch der Polizeibericht zu der Tat vorgestellt werden, aus dem am Mittwoch indische Medien zitierten. Demnach versuchten die mutmaßlichen Täter offenbar, das Opfer nach der im Bus begangenen Tat zu überfahren. Lokalzeitungen und TV-Sender berichteten unter Berufung auf den tausendseitigen Polizeibericht, dass der Begleiter der 23-Jährigen seine Freundin gerade noch rechtzeitig wegziehen konnte, als er sah, wie der Bus wendete, um sie zu überrollen.

Die Anklageschrift dürfte mit weiteren Details darüber beginnen, wie der Fahrer des privaten Fahrzeugs seine Freunde zu einer Spritztour überredet haben soll, berichtete The Times of India. Der Fahrer soll sich ebenfalls an der Gruppenvergewaltigung beteiligt haben. Er muss sich zudem wegen der Vernichtung von Beweismitteln verantworten, da er nach der Tat die Kleider der Frau verbrannt sowie versucht haben soll, den Bus gründlich zu reinigen.

Die junge Frau fügte ihren Peinigern während des Angriffs Bisswunden zu, um sich zu befreien. Diese Verletzungen sowie Blut, Sperma und Haare bilden der Polizei und den Medien zufolge gemeinsam mit der Aussage des Freundes der Inderin die Hauptbeweislast.

Am Mittwoch gingen erneut in Neu Delhi Hunderte Menschen auf die Straßen, sprachen Gebete für die Frau und zündeten Kerzen an. Der Staatssekretär für Bildung, Shashi Tharoor, schlug vor, ein geplantes Gesetz zu schärferen Strafen für Sexualverbrechen nach ihr zu benennen. Voraussetzung sei, dass die Familie einverstanden sei, schrieb er über den Internetdienst Twitter. Der Name des Opfers ist bislang unbekannt.

Sexuelle Gewalt gegen Frauen ist in Indien weit verbreitet. Aus Furcht vor einer Stigmatisierung der Familien wird die Identität der Opfer meist geheim gehalten, viele Taten werden nicht angezeigt.

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Leserkommentare
  1. an und für sich bin ich eigentlich ein Gegner der Todesstrafe,in diesem äußerst brutalen Fall denkt man irgendwie anders...
    aber dass es eine Todesstrafe gerade in Indien gibt, hab ich auch nicht gewusst...

    2 Leserempfehlungen
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    Ich kann Ihre erste Intuition nachvollziehen, es ging mir genauso. Möglicherweise weil ich einfach von dieser Gewaltfantasie dieser Männer so überrascht bin.

    Dennoch finde ich ein rechtsstaatliches Verfahren, gerade im doch sehr gelungen Verlauf in Bezug auf Breivik/ Norwegen, machbar und sinnvoll. Diese Männer werden mit hoher Wahrscheinlichkeit ihr Recht auf gesellschaftliche Teilhabe verwirkt haben - und das ist in diesem Fall der beste Fortschritt in dieser Angelegenheit.

    Ob das Urteil abschreckend sein wird, ist eine andere Frage. Ich habe gelesen, dass in Indien wie auch in China, Mädchen an sich schon als minderwertig betrachtet werden und damit häufig Abtreibungen zum Opfer fallen, was wiederum zu einem ungleichen Verhältis von Männern und Frauen führt. Ich hoffe also, dass man nicht nur die Tat an sich diskutiert, sondern auch die mangelnde Wertschätzung von Mädchen und Frauen an sich.

    • RlUh
    • 03. Januar 2013 9:20 Uhr
    2. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf überzogene Polemik. Danke, die Redaktion/jp

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    Der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, wurde mittlerweile entfernt. Danke, die Redaktion/jp

  2. 3. [...]

    Der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, wurde mittlerweile entfernt. Danke, die Redaktion/jp

    Antwort auf "[...]"
  3. Ich wäre wirklich dankbar für etwas mehr Hintergrund. Heute morgen wurde in den Fernsehnachrichten berichtet, die Täter hätten auch noch versucht, das Mädchen zu überfahren. War also der Busfahrer beteiligt?

    Was taten die anderen Fahrgäste? Kommt sowas öfter vor oder war es eine Art Amoklauf? Was steht dahinter? Das kann doch nicht im Ernst indischer Alltag sein?

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    • jeggert
    • 03. Januar 2013 10:47 Uhr

    +30+ Guardien http://www.guardian.co.uk...
    ~10x Zeit http://www.zeit.de/schlag...
    ~10x Süddeutsche http://www.sueddeutsche.d...
    usw usw ...

    da die Typen den Bus gestohlen haben.

    doch Alltag in Indien zu sein - es wurde inzwischen über eine weitere Massenvergewaltigung berichtet, die allerdings nicht das Ausmaß an Grausamkeit dieser hier erreichte; die betroffene Frau hat wohl zumindest überlebt.
    Das Ausmaß der sexuellen Gewalt und Belästigungen in Indien und die Dunkelziffer, weil nicht darüber berichtet wird, muß riesig sein.

    • kumari
    • 03. Januar 2013 15:31 Uhr

    Noch letztes Jahr war ich in Indien - Delhi und Vrindavan und habe den Alltag dort erleben dürfen. Ich bin nach zwei Wochen wieder abgeflogen, obwohl ich vier Wochen bleiben wollte. Ich bin in dieser Zeit an die Grenzen meiner Angst gekommen, wenn ich mich in der Öffentlichkeit allein bewegt habe, obwohl ich einen halben Kopf größer bin als der Durchschnittsinder. Vrindavan gilt zwar als die Geburtsstadt Krishnas, ist aber auch gleichzeitig die "Stadt der Witwen". Die Atmosphäre und Stimmung dort ist apokalyptisch düster. Und Delhi empfand ich einfach als sehr bedrohlich, obwohl mich niemand direkt angegriffen hat. Die Blicke der Männer waren zum Teil unerträglich, am liebsten wäre ich mit Tarnkappe herumgelaufen.

    http://www.faz.net/aktuel...

    Um die indische Gesellschaftstruktur, die Gewaltfähigkeit der indischen Männer und den unterdrückten Stand der indischen Frau zu verstehen, siehe die Filme von der sozialkritischen, indischen Regisseurin Deepa Metha. Es gibt so starke indische Frauen! Es ist eine Trilogie: Fire (1996), Earth (1998), Water (2005). Der Film spielt in Vrindavan bis das Filmteam von einem wütenden Mob dazu gezwungen wurde, die Aufnahmen abzubrechen.

    • Ndeko
    • 03. Januar 2013 10:02 Uhr

    "In der Anwaltskammer des Bezirks Saket weigern sich die dort zugelassenen Anwälte, die Beschuldigten zu verteidigen. Keiner der 2.500 bei dem zuständigen Gericht registrierten Verteidiger sei dazu bereit, da es unmoralisch sei, diesen Fall zu übernehmen, sagte Sanjay Kumar, ein Mitglied der Anwaltskammer."

    Da hat jemand offensichtlich seinen Beruf nicht richtig verstanden. Oder ich muss erst noch verstehen, warum es unmoralisch sein soll, dafür zu sorgen, dass ein Angeklagter ein faires, rechtsstaatliches Verfahren bekommt.

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    • brazzy
    • 03. Januar 2013 10:17 Uhr

    Man kann wohl davon ausgehen dass die Bemerkung von wegen "unmoralisch" eine Ausrede ist und die Anwälte schlicht Angst haben. Angesichts des Ausmasses der Protestkundgebungen, die ja teilweise gewalttätig waren und auch schon mindestens einen Toten gefordert haben wäre jeder Anwalt, der die Täter verteidigt seines Lebens nicht mehr sicher.

  4. "Auch wenn die Vergewaltiger verurteilt und hingerichtet werden, wird dies keinesfalls abschreckend wirken."

    Eine blosse Gefängnisstrafe wird noch weit weniger abschreckend wirken. Wobei wir jedoch nicht den Fehler begehen sollten, uns zu sehr mit dem möglichen Schicksal der Täter zu beschäftigen. Solange rechtsstaatliche Verfahrensweisen befolgt werden, sollte ein Urteil - auch wenn es dem eigenen Gerechtigkeitsempfinden nach zu hart oder zu weich ausfällt - akzeptabel sein.

    Das eigentliche Problem ist aber doch das offenbar enorme Ausmass an alltäglicher sexueller Gewalt gegen Frauen in diesem Land. Angesichts der tiefen gesellschaftlichen Verwurzelung des Problems bin ich bez. einer kurzfristigen Besserung der Situation jedoch mehr als skeptisch.

    Sicher kann ein derartiger Fall wie man an den aktuellen Konflikten sieht, ein gesteigertes Mass an Bewusstsein für das Problem in der Gesellschaft erzeugen, das letztlich sogar Veränderungen bewirken/erzwingen kann, jedoch sollte man bez. der Dauer derartiger Prozesse nicht allzu optimistisch sein.

    Bedenkt man, dass Vergewaltigung in der Ehe in Deutschland de facto erst seit 1997 strafbar ist, erkennt man, dass Indien in dieser Hinsicht noch einen sehr langen Weg vor sich hat. Dass dieser Fall überhaupt zu Protesten geführt hat, ist aber immerhin ein Anfang.

    5 Leserempfehlungen
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    nicht um Vergewaltigung in einer deutschen Ehe.

    Vielleicht hätten sie da eher über Gruppenvergewaltigungen im Deutschen Lande berichten sollen. Wohl nicht, denn dann hätten Sie auch über die Täter berichten müssen, das aber tut oder darf man nicht.

    • brazzy
    • 03. Januar 2013 10:17 Uhr

    Man kann wohl davon ausgehen dass die Bemerkung von wegen "unmoralisch" eine Ausrede ist und die Anwälte schlicht Angst haben. Angesichts des Ausmasses der Protestkundgebungen, die ja teilweise gewalttätig waren und auch schon mindestens einen Toten gefordert haben wäre jeder Anwalt, der die Täter verteidigt seines Lebens nicht mehr sicher.

    4 Leserempfehlungen
  5. nicht um Vergewaltigung in einer deutschen Ehe.

    Vielleicht hätten sie da eher über Gruppenvergewaltigungen im Deutschen Lande berichten sollen. Wohl nicht, denn dann hätten Sie auch über die Täter berichten müssen, das aber tut oder darf man nicht.

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    Antwort auf "Skeptisch"
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    sollte veranschaulichen, wieviel Zeit derartige Prozesse in Anspruch nehmen. Man sollte von einem Land wie Indien, das in Vielem noch Nachholbedarf hat, nicht zu viel erhoffen, wenn selbst in einem vermeintlich so fortschrittlichen Land wie Deutschland etwas so Selbstverständliches wie die genannte Regelung erst so spät realisiert wird.

    Bez. Ihrer Andeutungen sollten Sie etwas konkreter werden. Diese sind in ihrer kryptischen Form recht wertlos. Wenn Sie für die Frage Aufmerksamkeit gewinnen wollen müssen Sie schon präziser werden.

    Würde ich präziser werden, könnte ich davon ausgehen, dass mein Kommentar gelöscht würde.
    Was hätte ich davon, wo doch informierte Menschen wissen, was ich sagen will.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP, dpa, nf
  • Schlagworte Medien | Bus | Fahrzeug | Indien | Opfer | Strafe
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