Frauen protestieren in Neu Dehli gegen sexuelle Gewalt © Noah Seelam/AFP/Getty Images

Nach dem Tod der indischen Studentin, die in Neu-Dehli in einem Bus vergewaltigt und misshandelt wurde, hat ihr Freund massive Vorwürfe gegen die Polizei erhoben. Der schwer verletzten Frau sei fast eine Stunde lang niemand zu Hilfe gekommen, sagte er dem Fernsehsender Zee News. Passanten habe er vergeblich um Hilfe gebeten. Erst nach 45 Minuten sei dann die Polizei gekommen, und obwohl seine Freundin stark blutete, hätten die Polizisten zuerst diskutiert, welches Revier für die Tat zuständig sei.

Schließlich habe es noch mehr als zwei Stunden gedauert, bis sie ins Krankenhaus gebracht worden sei. Die Polizisten hätten sie auch nicht in ein nahe gelegenes Hospital, sondern in eine weiter entfernte Klinik gefahren. "Sogar im Krankenhaus mussten wir warten und ich musste buchstäblich um Kleidung bitten", sagte der junge Mann dem Sender.

Einem Bericht der Times of India zufolge bestreitet die Polizei von Neu Delhi die Vorwürfe des Mannes. In einer Erklärung teilte sie mit, die ersten Rettungswagen seien bereits innerhalb weniger Minuten nach dem Eingang des Notrufs vor Ort gewesen. Die schwer verletzte Frau sei eine halbe Stunde später ins Krankenhaus eingeliefert worden. Die Angaben beziehen sich auf ein minutengenaues Polizei-Protokoll auf Basis von GPS-Daten der Einsatzfahrzeuge.

Die Studentin war Mitte Dezember in einem privaten Kleinbus von sechs Männern vergewaltigt, mit einer Eisenstange misshandelt und aus dem fahrenden Fahrzeug geworfen worden. Ihr Freund, der verprügelt und ebenfalls aus dem Fahrzeug geworfen wurde, erlitt einen Beinbruch und weitere Verletzungen. Polizeiangaben zufolge versuchte der Fahrer des Busses anschließend, die Frau zu überfahren. Die Studentin starb nach mehreren Notoperationen in einem Spezialkrankenhaus in Singapur.

"Die Grausamkeit, die ich gesehen habe, hätte niemand jemals sehen dürfen"

Zum Hergang des Geschehens sagte der Mann, er habe zunächst nicht in dem Bus mitfahren wollen. Seine Freundin sei aber spät dran gewesen, deswegen seien sie eingestiegen. Der Fahrer des Busses habe als erster lüsterne Bemerkungen von sich gegeben, später hätten die anderen fünf Vergewaltiger eingestimmt. Er habe dann verlangt, den Bus anzuhalten, doch die Männer hätten daraufhin die beiden Türen verriegelt. "Sie haben mich mit einem Knüppel geschlagen und meine Freundin zu einem Sitz nahe der Fahrerkabine gezerrt." Dort hätten die sechs Männer die Freundin vergewaltigt und "auf die schlimmstmöglichen Arten an den intimsten Stellen des Körpers" geschlagen. "Ich kann gar nicht sagen, was ich fühle, wenn ich daran denke", sagte der Freund.

"Ich habe zuerst gegen die Männer zu kämpfen versucht und sie später immer wieder angefleht, sie in Ruhe zu lassen", sagte der junge Mann. "Die Grausamkeit, die ich gesehen habe, hätte niemand jemals sehen dürfen."

Dem Freund zufolge kam niemand zu Hilfe, als beide nach ihrer einstündigen Tortur verletzt auf der Straße lagen. "Ein Passant hat uns gefunden, aber meiner Freundin nicht einmal seine Jacke gegeben, wir haben auf Rettung durch die Polizei gewartet", sagte er. Seine Freundin sei dann in eine Klinik gebracht worden, wo auf ihren mentalen Zustand keine Rücksicht genommen worden sei. "Mich haben sie wie eine Sache behandelt, sie wollten den Fall lösen, noch bevor ich behandelt wurde", sagte er.

Ermittlungen gegen den Sender

Als Reaktion auf das Interview nahm die indische Polizei Ermittlungen gegen den Sender Zee News auf. Es werde geprüft, ob das Interview zur namentlichen Identifizierung des Vergewaltigungsopfers führe, was strafrechtlich verboten sei, sagte Polizeisprecher Rajan Bhagat.

Die Vergewaltigung hatte in Indien eine Diskussion über sexuelle Gewalt ausgelöst und zu heftigen Protesten geführt. Die indische Regierung kündigte an, Gewalt gegen Frauen stärker zu bekämpfen. "Es ist schlicht inakzeptabel, dass Frauen in unserer Gesellschaft in Angst und Sorge leben müssen", sagte Innenminister Sushil Kumar Shinde. Vorfälle wie diese seien "für unsere Demokratie nicht hinnehmbar. Das muss mit einer eisernen Hand eingeschränkt werden."

Shinde kündigte an, in jeder der oft nur von Männern besetzten Polizeiwachen in Neu Delhi würden künftig auch zwölf Beamtinnen arbeiten. Für die Dienststellen in der Hauptstadt sollten mehr als 2.500 Polizistinnen rekrutiert werden.