MissbrauchsstudieDie Aufarbeitung der Kirche ist gescheitert

Eine unabhängige Missbrauchsstudie passte der Katholischen Kirche nicht mehr, sagt Betroffenensprecher Denef im Interview. Weil sie keine Verantwortung übernehmen will. von 

ZEIT ONLINE: Die Katholische Kirche hat das Forschungsprojekt zur Aufarbeitung ihres Missbrauchsskandals vorerst gestoppt. Warum ist die Studie ihrer Ansicht nach gescheitert?

Norbert Denef: Die Bischofskonferenz versprach unter dem Druck der Öffentlichkeit eine Aufklärung. Tatsächlich gibt es in der Kirche auch Kreise, die einen Täterschutz wollen und die Taten als "Fehltritte" bagatellisieren. Der römisch-katholischen Kirche selbst fällt es bei jedem konkreten Einzelfall schwer, die Verbrechen einzugestehen und eine Mitverantwortung zu übernehmen. Und natürlich passt eine Schuld der Kirche nicht in das Konzept der stärker werdenden reaktionären Kreise, für die eine Unfehlbarkeit und der moralische Alleinvertretungsanspruch nicht verhandelbar sind. Darum wurden seitens der Kirche immer mehr Nachbesserungen verlangt. Eine unabhängige Studie war nicht mehr gewünscht. Zum Schluss wurde der Vertrag, wie man uns berichtet hat, aufgekündigt. Nach anderthalb Jahren ist also außer Spesen nichts gewesen.

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ZEIT ONLINE: Hat auch der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Christian Pfeiffer, Fehler im Umgang mit der Kirche gemacht?

Norbert Denef
Norbert Denef

Norbert Denef ist einer der aktivisten politischen Aufklärer in Sachen sexualisierte Gewalt. Als Sprecher des deutschlandweiten Netzwerks Betroffener streitet er für die Rechte der Opfer. Denef wurde als Kind jahrelang von einem katholischen Priester und einem Kantor missbraucht. Beide Täter gestanden, wurden nicht belangt, weil ihre Taten verjährt waren. Denef erwirkte 2005 bei der Kirche eine Entschädigungszahlung – als erstes Opfer in Deutschland. 2012 trat er in den Hungerstreik, um für die Aufhebung der Verjährungsfristen zu kämpfen.

Denef: Für Professor Pfeiffer, der sogar zwei Mitarbeiter wieder freisetzen musste, war das sicher eine sehr unangenehme Zeit, aber es gebührt ihm Respekt dafür, dass er sich nicht verbiegen ließ. Pfeiffer ist ein renommierter Kriminologe, Dozent und ehemaliger Landesjustizminister. Wir sehen keine Fehler bei ihm.

ZEIT ONLINE: Wie wichtig wäre die Studie gewesen, für die Prävention, die Aufarbeitung oder die Opfer selbst?

Denef: Die Studie hätte vermutlich eine sehr umfassende Übersicht ergeben, wie oft Täter wegen Sexualstraftaten erfasst gewesen sind, die Vorgesetzten also im Bilde waren. Aber auch, wo Akten vorsätzlich, systematisch und umfangreich gesäubert und vernichtet wurden. Von einer solchen Situation wird über das Bistum München und Freising berichtet. In einem nächsten Schritt wäre es auch denkbar gewesen, Betroffene in den entsprechenden Gemeinden zu bitten, sich an den Arbeitgeber der Täter, die Kirche, zu wenden. Vielen Betroffenen fehlt der Mut, allein und als vermeintlich erster diesen Schritt zu gehen, denn sie haben zu viel Angst. Gleichwohl hieß es auch, dass Ordensgemeinschaften und Lehrpersonal in die Studie nicht einbezogen worden seien. Da haben wir uns schon gefragt, ob eine vollständige Erfassung tatsächlich gewünscht ist.

ZEIT ONLINE: Die Kirche sucht nun einen neuen Vertragspartner. Was kann in einer neuen Studie jetzt noch kommen?

Denef: Die Kirche beschäftigt seit geraumer Zeit unabhängige Gutachter, zum Beispiel Norbert Leygraf, Hans-Ludwig Kröber, Friedemann Pfäfflin, Manfred Lütz. Leygraf schlägt für "sexuell übergriffige katholische Geistliche" vor, dass sie innerhalb ihrer Kirche bleiben, was unter "rückfallpräventiven Gesichtspunkten als protektiver Faktor angesehen" werden könne. Strafen und Gutachten über die Einsatzfähigkeit sollen eben nur nach Kirchenart beurteilt und geregelt werden. Die Vorgesetzten haben solche Täter gedeckt und werden dafür gedeckt. Eine neue Studie würde den Umfang der Verbrechen und ihrer Vertuschung kleinreden und die Situation verharmlosen, so wie die Opfer von sexualisierter, physischer und psychischer Gewalt in deutschen Kircheninstitutionen auch jetzt schon kleingehalten werden können, weil sie der deutsche Staat im Stich lässt.

ZEIT ONLINE: Was könnte der Staat denn tun?

Denef: Wenn es um Aufklärung sowie um Gerechtigkeit und Hilfe für die Opfer ginge, müsste noch viel intensiver aufgearbeitet werden, als es der Kooperationsvertrag mit Professor Pfeiffer versprochen hatte. Wir sehen aber, dass freiwillige Selbstverpflichtungen keinen Sinn ergeben, wenn die beteiligten Institutionen es nicht können und nicht wollen. Hier ist der Staat gefragt und eine Politik, die sich nicht von den Religionsgemeinschaften einschüchtern lässt. Die Kirchen stehen außerhalb der Rechtsstaatlichkeit. Da muss sich vieles ändern. Hätten wir in Deutschland eine Anzeigepflicht für Sexualstraftaten und andere Straftaten gegen die Gesundheit bezüglich Kindern und Jugendlichen, die sich ja selbst kaum wehren können, gäbe es anstelle von Studien und Betroffenheit auch mehr Hilfe und Gerechtigkeit.

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Leserkommentare
  1. Wie soll das gemacht werden ?
    Die Sekte, die -rk Kirche-,
    ist ein Staat, im Staat.

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    Das ist mir aber völlig neu.

    • Pepper6
    • 09. Januar 2013 18:36 Uhr

    "Die Kirchen stehen außerhalb der Rechtsstaatlichkeit." Man sieht das an den Missbrauchsfällen, an der Beschneidung von Kindern und an der Schächtung von Tieren. Dies ist ein Zustand, der so nicht mehr hingenommen werden kann in einer aufgeklärten Gesellschaft.

    24 Leserempfehlungen
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    Aber Ihnen ist schon klar, dass das mit der Beschneidung bei Juden und Muslimen vorkommt und die Schächtung auch nicht von Christen praktiziert wird. Sie schmeißen in ihrer Empörung jede Begrifflichkeit (und Sachlichkeit) durcheinander.

    und auch nicht geschächtet.

    Des einen Problem ist oft nicht das Problem des anderen.

    • Pepper6
    • 09. Januar 2013 20:18 Uhr

    "Des einen Problem ist oft nicht das Problem des anderen."
    Das ist wohl richtig. Aber unser aller Problem ist es (oder sollte es doch sein), dass man Religionsgemeinschaften nicht Sonderrechte außerhalb der Gesetze zugebilligt, die ihnen in einem Staat wie dem unsrigen nicht zustehen sollten.

    • Jalella
    • 10. Januar 2013 10:43 Uhr

    In dieser Reihenfolge zumindest bis zur Beschneidung; das mit der Schächtung von Tieren ist ja nicht wirklich strafbar (wäre angesichts von Massentierhaltung und Tierversuchen auch wirklich nicht konsistent).
    Aber in der Tat steht die Kirche offenbar außerhalb unseres Rechsstaates und das ist nicht hinnehmbar. Ich bin zwar kein Jurist, aber soweit ich weiß, schreibt das Gesetz vor:
    * Missbrauch ist ein Kapitalverbrechen.
    * Die Staatanwaltschaft ist verpflichtet, Kapitalverbrechen nachzugehen.
    * Passiert das nicht, ist es Veitelung im Amt.
    * Wer eine solche Untersuchung behindert, macht sich strafbar.

    Wenn das im Falle der Kirche nicht passiert, macht sich offenbar der Staat strafbar. Oder sehe ich da was falsch?

  2. Mich würde nicht wundern, wenn das nunmehr eine erneute Welle von Kirchenaustritten zur Folge hätte. Man darf sich erneut überlegen, ob man Mitglied in einer Bande sein möchte, in der Kindesmissbrauch eher ein "Kavaliersdelikt" zu sein scheint.

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    • Bashu
    • 09. Januar 2013 19:07 Uhr

    Ich glaube an keine weitere Empörungswelle.
    Denen, die bisher noch nicht ausgetreten sind, ist's egal, oder sie glauben tatsächlich an folgendes: Kehrst du der Kirche den Rücken, so kehrst du Gott den Rücken. Kein Paradies usw.

    Sich selbst Unfehlbarkeit zu bescheinigen und direkter Vertreter Gottes auf Erden zu sein (Papst), das war der größte Coup der letzten 2 Jahrtausende. Absolute Macht und Kontrolle, denn: Bist du gegen ihn, so bist du gegen Gott.
    (und ich kenne Leute, die Worten von Kirchenmännern blind folgen)

    ist schon ein starkes Stück.

    Das Politbüro in der DDR mit seinen aktivsten Helfern, das war eine Bande.

    Nein, es braucht weder Dawkins noch Hitchens noch sonstwen, um die Schäfchen davon rennen zu lassen - die römisch-katholische Kirche in all ihrer Rückständigkeit und Intransparenz ist sich selbst ihr ärgster Feind.

    • grrzt
    • 09. Januar 2013 18:52 Uhr

    "Leygraf schlägt für "sexuell übergriffige katholische Geistliche" vor, dass sie innerhalb ihrer Kirche bleiben, was unter "rückfallpräventiven Gesichtspunkten als protektiver Faktor angesehen" werden könne. Strafen und Gutachten über die Einsatzfähigkeit sollen eben nur nach Kirchenart beurteilt und geregelt werden." = weiter so wie bisher. Na, Jungs und Mädels zieht euch warm an.

    4 Leserempfehlungen
  3. So Naiv kann man eigentlich nicht sein!
    Jetzt mal ehrlich, wahrscheinlich sind keine 10% der wirklichen Missbrauchsfälle an die Öffentlichkeit gelangt!
    Oder wie wahrscheinlich ist es, dass ein 23 Jähriger, der feierlich schwört für den Rest seines Lebens auf den stärksten Trieb der Natur verzichten zu können eine halbwegs normale Persönlichkeit hat??

    29 Leserempfehlungen
    • Bashu
    • 09. Januar 2013 19:07 Uhr

    Ich glaube an keine weitere Empörungswelle.
    Denen, die bisher noch nicht ausgetreten sind, ist's egal, oder sie glauben tatsächlich an folgendes: Kehrst du der Kirche den Rücken, so kehrst du Gott den Rücken. Kein Paradies usw.

    Sich selbst Unfehlbarkeit zu bescheinigen und direkter Vertreter Gottes auf Erden zu sein (Papst), das war der größte Coup der letzten 2 Jahrtausende. Absolute Macht und Kontrolle, denn: Bist du gegen ihn, so bist du gegen Gott.
    (und ich kenne Leute, die Worten von Kirchenmännern blind folgen)

    10 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Kriminelle Bande"
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    Zitat Bashu:
    "Denen, die bisher noch nicht ausgetreten sind, ist's egal, oder sie glauben tatsächlich an folgendes: Kehrst du der Kirche den Rücken, so kehrst du Gott den Rücken. Kein Paradies usw."

    Ich bin röm-kath. Mir ist Mißbrauch von Kindern nicht egal.
    Ihr seltsamer "Schluß", "kein Paradies usw." kennzeichnet das reduzierte Verständnis der Atheisten vom christlichen Glauben, als wäre es eine Art "Feuerversicherung".
    Christ ist man, weil man das Gute ein Gott erkennt und eine Beziehung zu Gott eingeht im Gebet. Wer die christlichen Ideale der Nächstenliebe lebt und in Tat umsetzt reift als Mensch und die Gesellschaft wird liebevoller verantwortungsvoller.

    Zitat Bashu:
    "Sich selbst Unfehlbarkeit zu bescheinigen und direkter Vertreter Gottes auf Erden zu sein (Papst), das war der größte Coup der letzten 2 Jahrtausende."

    Ein weiteres Mißverständnis von Atheisten. Das Dogma der Unfehlbarkeit bezeichnet, das der Papst in dogmatischen Fragen kirchenrechtlich das letzte Wort hat und nicht, das er unfehlbar sei.
    Ohne hauptverantwortliche Instanz ist das Resultat völlige Beliebigkeit, wie wir es im sunnitischen Islam mit 300 diversen Auslegungen sehen.

  4. " stärker werdenden reaktionären Kreise, für die eine Unfehlbarkeit und der moralische Alleinvertretungsanspruch nicht verhandelbar sind." (denef)

    Der man spricht eine grausame Wahrheit aus, die leider auch Einzug in die nicht nur Kirchenmitglieder betreffenden politischen Entscheidungen genommen hat(Förderung bestimmter Familienbilder, Ausschluß Homosexueller...).
    mein tiefstes Mißtrauen für eine Partei, die mit C beginnt, nicht wegen des Christentums, sondern wegen der Kirchenverbundenheit (was auch für andere Parteien gelten soll, keine Frage).

    6 Leserempfehlungen
    • TottiZ
    • 09. Januar 2013 19:12 Uhr

    Ich trete aus!

    23 Leserempfehlungen
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    hat sowieso nicht geglaubt.

    Das kann man nur begrüßen :)

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Christian Pfeiffer | Kirche | Katholische Kirche | Aufklärung | Bischofskonferenz | Bistum
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