ZEIT ONLINE: Die Katholische Kirche hat das Forschungsprojekt zur Aufarbeitung ihres Missbrauchsskandals vorerst gestoppt. Warum ist die Studie ihrer Ansicht nach gescheitert?

Norbert Denef: Die Bischofskonferenz versprach unter dem Druck der Öffentlichkeit eine Aufklärung. Tatsächlich gibt es in der Kirche auch Kreise, die einen Täterschutz wollen und die Taten als "Fehltritte" bagatellisieren. Der römisch-katholischen Kirche selbst fällt es bei jedem konkreten Einzelfall schwer, die Verbrechen einzugestehen und eine Mitverantwortung zu übernehmen. Und natürlich passt eine Schuld der Kirche nicht in das Konzept der stärker werdenden reaktionären Kreise, für die eine Unfehlbarkeit und der moralische Alleinvertretungsanspruch nicht verhandelbar sind. Darum wurden seitens der Kirche immer mehr Nachbesserungen verlangt. Eine unabhängige Studie war nicht mehr gewünscht. Zum Schluss wurde der Vertrag, wie man uns berichtet hat, aufgekündigt. Nach anderthalb Jahren ist also außer Spesen nichts gewesen.

ZEIT ONLINE: Hat auch der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Christian Pfeiffer, Fehler im Umgang mit der Kirche gemacht?

Denef: Für Professor Pfeiffer, der sogar zwei Mitarbeiter wieder freisetzen musste, war das sicher eine sehr unangenehme Zeit, aber es gebührt ihm Respekt dafür, dass er sich nicht verbiegen ließ. Pfeiffer ist ein renommierter Kriminologe, Dozent und ehemaliger Landesjustizminister. Wir sehen keine Fehler bei ihm.

ZEIT ONLINE: Wie wichtig wäre die Studie gewesen, für die Prävention, die Aufarbeitung oder die Opfer selbst?

Denef: Die Studie hätte vermutlich eine sehr umfassende Übersicht ergeben, wie oft Täter wegen Sexualstraftaten erfasst gewesen sind, die Vorgesetzten also im Bilde waren. Aber auch, wo Akten vorsätzlich, systematisch und umfangreich gesäubert und vernichtet wurden. Von einer solchen Situation wird über das Bistum München und Freising berichtet. In einem nächsten Schritt wäre es auch denkbar gewesen, Betroffene in den entsprechenden Gemeinden zu bitten, sich an den Arbeitgeber der Täter, die Kirche, zu wenden. Vielen Betroffenen fehlt der Mut, allein und als vermeintlich erster diesen Schritt zu gehen, denn sie haben zu viel Angst. Gleichwohl hieß es auch, dass Ordensgemeinschaften und Lehrpersonal in die Studie nicht einbezogen worden seien. Da haben wir uns schon gefragt, ob eine vollständige Erfassung tatsächlich gewünscht ist.

ZEIT ONLINE: Die Kirche sucht nun einen neuen Vertragspartner. Was kann in einer neuen Studie jetzt noch kommen?

Denef: Die Kirche beschäftigt seit geraumer Zeit unabhängige Gutachter, zum Beispiel Norbert Leygraf, Hans-Ludwig Kröber, Friedemann Pfäfflin, Manfred Lütz. Leygraf schlägt für "sexuell übergriffige katholische Geistliche" vor, dass sie innerhalb ihrer Kirche bleiben, was unter "rückfallpräventiven Gesichtspunkten als protektiver Faktor angesehen" werden könne. Strafen und Gutachten über die Einsatzfähigkeit sollen eben nur nach Kirchenart beurteilt und geregelt werden. Die Vorgesetzten haben solche Täter gedeckt und werden dafür gedeckt. Eine neue Studie würde den Umfang der Verbrechen und ihrer Vertuschung kleinreden und die Situation verharmlosen, so wie die Opfer von sexualisierter, physischer und psychischer Gewalt in deutschen Kircheninstitutionen auch jetzt schon kleingehalten werden können, weil sie der deutsche Staat im Stich lässt.

ZEIT ONLINE: Was könnte der Staat denn tun?

Denef: Wenn es um Aufklärung sowie um Gerechtigkeit und Hilfe für die Opfer ginge, müsste noch viel intensiver aufgearbeitet werden, als es der Kooperationsvertrag mit Professor Pfeiffer versprochen hatte. Wir sehen aber, dass freiwillige Selbstverpflichtungen keinen Sinn ergeben, wenn die beteiligten Institutionen es nicht können und nicht wollen. Hier ist der Staat gefragt und eine Politik, die sich nicht von den Religionsgemeinschaften einschüchtern lässt. Die Kirchen stehen außerhalb der Rechtsstaatlichkeit. Da muss sich vieles ändern. Hätten wir in Deutschland eine Anzeigepflicht für Sexualstraftaten und andere Straftaten gegen die Gesundheit bezüglich Kindern und Jugendlichen, die sich ja selbst kaum wehren können, gäbe es anstelle von Studien und Betroffenheit auch mehr Hilfe und Gerechtigkeit.