Aleko Mahia* fallen die Haare aus, sein Bauch dehnt den Pullover. Er verdient sein Geld mit Sex und ist mit 26 fast schon zu alt dafür. Seine Konkurrenten sind selten älter als 22. Jungs. Mit engen Jeans mit Glitzersteinchen, faustgroßen Gürtelschnallen, trainierten Körpern. Mahia arbeitet auf dem schwulen Straßenstrich in München. Seit Rumänien und Bulgarien in die Europäische Union aufgenommen wurden, haben junge Roma wie er den Markt auf der Straße fast vollständig übernommen. 

Sozialarbeiter schätzen, dass die Zahl der männlichen Prostituierten in Deutschland im mittleren vierstelligen Bereich liegt. Verlässliche Statistiken gibt es nicht. Allein in München arbeiten etwa 500 Stricher. Viele sprechen schlecht Deutsch und wollen, wie Mahia auch, lieber nicht mit Journalisten reden. Die Sozialarbeiterin Nadine Schreiterer erzählt seine Geschichte. Sie arbeitet in der Stricher-Beratungsstelle Marikas in München und hilft ihm, wenn er Unterstützung braucht.

Die Zahl der jungen Männer, die das Angebot von Marikas in Anspruch nehmen, hat sich in den vergangenen drei Jahren verdreifacht. Mahia ist schon seit 2005 in Deutschland, mit einer kurzen Unterbrechung. Er weiß inzwischen, wie wichtig es ist, ein Kondom zu benutzen. Aber viele seiner jüngeren Kollegen wissen nichts über Aids oder andere sexuell übertragbare Krankheiten. "Häufig haben die jungen Männer keine Krankenversicherung, sie gehen erst zum Arzt, wenn es fast schon zu spät ist", sagt Schreiterer. Die meisten sind nur kurz zur Schule gegangen, viele von ihnen sind sogar Analphabeten.

Die Stricher schlafen mal bei Freiern, mal draußen

Die Jungs, wie Schreiterer sie nennt, schlafen mal bei Freiern, mal draußen oder sie machen die Nacht durch. In der Beratungsstelle werden sie nicht nur aufgeklärt, sie können sich auch ausschlafen, ihre Wäsche waschen oder Hilfe bekommen, wenn sie aussteigen wollen.

Prostitution ist in Deutschland zwar grundsätzlich erlaubt und seit 2001 gesetzlich geregelt. In München ist jedoch der größte und rigideste Sperrbezirk Deutschlands. In der gesamten Innenstadt ist Prostitution verboten. Viele weibliche Prostituierte arbeiten deshalb außerhalb der Stadt. Doch die schwule Szene trifft sich rund um den Hauptbahnhof oder im Glockenbachviertel. Deshalb sind auch die Stricher dort und laufen ständig Gefahr, aufzufliegen.

Auch Mahia hat die Polizei schon einige Male aufgegriffen. Etwa einmal pro Monat würden Polizisten die einschlägigen Kneipen durchkämmen, sagt Polizeisprecher Werner Kraus. Hin und wieder gibt es Razzien. Zu Prozessen kommt es trotzdem fast nie, weil den jungen Männern meist nichts nachgewiesen werden kann. Die "Anbahnung", wie Sozialarbeiter das Kennenlernen zwischen Freier und Stricher nennen, könnte ja auch immer privat sein. Das eigentliche Geschäft findet erst zu Hause beim Freier statt. "Selbst, wenn die Freier ausgeraubt werden, melden sie sich nicht bei uns“, sagt Kraus. Dabei machen sich die Freier nicht strafbar. Es ist verboten, Sex im Sperrbezirk anzubieten, "ihn entgegenzunehmen ist erlaubt", sagt er.

Viele Stricher sagen, sie sind nicht schwul

Mahia kommt aus einem kleinen bulgarischen Dorf, wo er wenige Jahre zur Schule gegangen ist, erzählt Schreiterer. Er ist deshalb einer von wenigen Strichern, die lesen und schreiben können. In Bulgarien haben Bekannte ihm gesagt: "Komm nach Deutschland, da kannst du viel Geld verdienen." Mehr nicht, kein Wort über das, was ihn hier erwartete.

Fast jeden Abend steht Mahia vor einem Sexkino oder an der Bar einer Schwulenkneipe. Seine Freier sind Männer zwischen 50 und 80 Jahren, schätzt Schreiterer. "Viele Stricher sagen, sie sind nicht schwul", erzählt sie. Aber auch die, die es sind, wollten nach außen nicht schwul erscheinen. Mahia ist es wichtig, nicht als Opfer zu erscheinen. Beim Analverkehr würde immer er den aktiven Part spielen: Er penetriert seine Freier, nicht sie ihn, sagt er. Und er küsst die Männer nicht – das sei zu intim.

In der Heimat ist ihr Job tabu

In den Heimatdörfern der jungen Männer ist ihr Job in Deutschland tabu. Viele wüssten es, aber niemand spreche davon, sagt Schreiterer. Offiziell spielen Mahia und die anderen Jungs Akkordeon auf der Straße oder arbeiten auf dem Bau. Trotz ihres jungen Alters haben viele schon Frau und Kinder zu Hause. Was sie nachts wirklich tun, wissen nur die engsten Freunde.

Mahias Hauptproblem ist aber, dass er inzwischen wie ein gestandener Mann aussieht. Er findet pro Woche nur noch etwa einen Freier. Einmal Sex kostet 50 Euro, er kommt auf 200 Euro im Monat. Mahia ist darauf angewiesen, dass ihm Freunde aushelfen, die besser verdienen.

Er will diese Krise nun zum Anlass nehmen, etwas Neues zu beginnen. Er versucht seit einigen Monaten, auszusteigen. Mit Streiterers Hilfe hat er sich auf mehrere Stellen als Pflegehelfer beworben. Eine Ausbildung hat er zwar nicht. Aber er hat seine Großeltern in Bulgarien gepflegt. Bislang war keine seiner Bewerbungen erfolgreich, aber er bleibt dran.

* Name von der Redaktion geändert