Männer-ProstitutionAlles außer küssen

In Deutschland prostituieren sich Tausende junger Männer, weil sie arm sind. Die meisten von ihnen kommen inzwischen aus Bulgarien und Rumänien. von Sebastian Kempkens

Aleko Mahia* fallen die Haare aus, sein Bauch dehnt den Pullover. Er verdient sein Geld mit Sex und ist mit 26 fast schon zu alt dafür. Seine Konkurrenten sind selten älter als 22. Jungs. Mit engen Jeans mit Glitzersteinchen, faustgroßen Gürtelschnallen, trainierten Körpern. Mahia arbeitet auf dem schwulen Straßenstrich in München. Seit Rumänien und Bulgarien in die Europäische Union aufgenommen wurden, haben junge Roma wie er den Markt auf der Straße fast vollständig übernommen. 

Sozialarbeiter schätzen, dass die Zahl der männlichen Prostituierten in Deutschland im mittleren vierstelligen Bereich liegt. Verlässliche Statistiken gibt es nicht. Allein in München arbeiten etwa 500 Stricher. Viele sprechen schlecht Deutsch und wollen, wie Mahia auch, lieber nicht mit Journalisten reden. Die Sozialarbeiterin Nadine Schreiterer erzählt seine Geschichte. Sie arbeitet in der Stricher-Beratungsstelle Marikas in München und hilft ihm, wenn er Unterstützung braucht.

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Die Zahl der jungen Männer, die das Angebot von Marikas in Anspruch nehmen, hat sich in den vergangenen drei Jahren verdreifacht. Mahia ist schon seit 2005 in Deutschland, mit einer kurzen Unterbrechung. Er weiß inzwischen, wie wichtig es ist, ein Kondom zu benutzen. Aber viele seiner jüngeren Kollegen wissen nichts über Aids oder andere sexuell übertragbare Krankheiten. "Häufig haben die jungen Männer keine Krankenversicherung, sie gehen erst zum Arzt, wenn es fast schon zu spät ist", sagt Schreiterer. Die meisten sind nur kurz zur Schule gegangen, viele von ihnen sind sogar Analphabeten.

Die Stricher schlafen mal bei Freiern, mal draußen

Die Jungs, wie Schreiterer sie nennt, schlafen mal bei Freiern, mal draußen oder sie machen die Nacht durch. In der Beratungsstelle werden sie nicht nur aufgeklärt, sie können sich auch ausschlafen, ihre Wäsche waschen oder Hilfe bekommen, wenn sie aussteigen wollen.

Prostitution ist in Deutschland zwar grundsätzlich erlaubt und seit 2001 gesetzlich geregelt. In München ist jedoch der größte und rigideste Sperrbezirk Deutschlands. In der gesamten Innenstadt ist Prostitution verboten. Viele weibliche Prostituierte arbeiten deshalb außerhalb der Stadt. Doch die schwule Szene trifft sich rund um den Hauptbahnhof oder im Glockenbachviertel. Deshalb sind auch die Stricher dort und laufen ständig Gefahr, aufzufliegen.

Auch Mahia hat die Polizei schon einige Male aufgegriffen. Etwa einmal pro Monat würden Polizisten die einschlägigen Kneipen durchkämmen, sagt Polizeisprecher Werner Kraus. Hin und wieder gibt es Razzien. Zu Prozessen kommt es trotzdem fast nie, weil den jungen Männern meist nichts nachgewiesen werden kann. Die "Anbahnung", wie Sozialarbeiter das Kennenlernen zwischen Freier und Stricher nennen, könnte ja auch immer privat sein. Das eigentliche Geschäft findet erst zu Hause beim Freier statt. "Selbst, wenn die Freier ausgeraubt werden, melden sie sich nicht bei uns“, sagt Kraus. Dabei machen sich die Freier nicht strafbar. Es ist verboten, Sex im Sperrbezirk anzubieten, "ihn entgegenzunehmen ist erlaubt", sagt er.

Leserkommentare
    • zfat99
    • 30. Januar 2013 9:59 Uhr

    ... innerhalb der EU überall, auch in Deutschland. Das Problem nur, was sie arbeiten können, nämlich: "Die meisten sind nur kurz zur Schule gegangen, viele von ihnen sind sogar Analphabeten."

    Welche Arbeit kann ein Analphabet heute noch verrichten?

    Kriminalität und/oder Prostitution sind für bestimmte Bevölkerungsgruppen die einzigen Möglichkeiten, besser zu leben als ihr Sozialstatus erlauben würde. Sowohl der "Romajunge" als auch die "Edelnutte mit akademischer Bildung" haben durch Prostitution einen deutlich höheren Lebensstandard als Menschen mit gleicher "Qualifikation" aber ohne Selbstverkauf.

    Eine Lösung gibt es nicht.

    10 Leserempfehlungen
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    • lm.80
    • 30. Januar 2013 11:28 Uhr

    > "Romajunge" [...] haben durch Prostitution einen deutlich
    > höheren Lebensstandard als Menschen mit gleicher
    > "Qualifikation" aber ohne Selbstverkauf.

    Das ist doch sehr fraglich, ob sie wirklich so viel verdienen. Bei 200..350 Euro im Monat verdient an den richtigen Stellen jeder Straßenmusikant/Bettler mehr.

    Fhttp://www.bundesregierun...ür Rumänen und Bulgaren gilt die Arbeitnehmerfreizügigkeit
    noch nicht:

    zur deutschen Botschaft Sofia können Sie die geltenden Regelungen für Einreise, Aufenthalt und Arbeitsaufnahme bulgarischer Staatsbürger nachlesen:

    http://www.sofia.diplo.de...

    • TDU
    • 30. Januar 2013 10:01 Uhr

    Sie zeigen genau die Widersprüche deutscher und europäischer Zuwandererpolitik auf. Es gibt ganz klar gute und schlechte Zuwanderer.

    Sowie in den 1990igern die Russlanddeutschen die Zuwanderer Kohls waren, um deren Jugendliche man sich nicht gekümmert hat, waren die akademisch gebildeten kurdischen, iranischen und andere aus dem arabischen Raum die guten Zuwanderer.

    Im Ergebnis wurden allerdings die "Ungebildeten" alle gleich behandelt also nicht gefördert und aktiv integriert. Und so ist Prostituion als Möglichkeit, Einkommen zu erzielen, die Folge nicht nur in Deutschland sondern in ganz Europa.

    Und was die Schmuddelecke betrifft. Man würde sich allerdings wundern, wieviel gestandene und gut situierte Herrschaften sich da gerne bedienen lassen von Männern wie von Frauen.

    Küssen ist übrigens bei beiden Geschlechtern nicht erlaubt, wenn die alten Regeln noch gelten sollten.

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    Zitat: Küssen ist übrigens bei beiden Geschlechtern nicht erlaubt, wenn die alten Regeln noch gelten sollten.

    Die alten Regeln gelten noch, Sie können also mal wieder vorbeischauen.

    • Wombel
    • 30. Januar 2013 10:25 Uhr

    Es gibt ganz klar gute und schlechte Zuwanderer, ja natürlich gibt es gut ausgebildete Zuwanderer die die Gesellschaft Wirtschaftlich und Kulturell bereichern und nicht oder schlecht ausgebildete Zuwanderer die die Gesellschaft finanziell und Kulturell belasten.
    Raten Sie mal wer willkommener ist.

  1. Zitat: Küssen ist übrigens bei beiden Geschlechtern nicht erlaubt, wenn die alten Regeln noch gelten sollten.

    Die alten Regeln gelten noch, Sie können also mal wieder vorbeischauen.

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "@ 15 maristra"
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    • TDU
    • 30. Januar 2013 10:53 Uhr

    Na denn, vielleicht sehen wir uns ja mal. In Köln waren Szene und Milieu aber auch recht eng beieinander. Man musste also nicht notgedrungen Angebote annehmen, um Geschichten aus dem Leben zu erfahren.

    Meist sind die Kommentare, vor allem die mit hintersinnigem Geist verfaßt, besser als der "journalistische" Bericht dazu.

    • Wombel
    • 30. Januar 2013 10:25 Uhr

    Es gibt ganz klar gute und schlechte Zuwanderer, ja natürlich gibt es gut ausgebildete Zuwanderer die die Gesellschaft Wirtschaftlich und Kulturell bereichern und nicht oder schlecht ausgebildete Zuwanderer die die Gesellschaft finanziell und Kulturell belasten.
    Raten Sie mal wer willkommener ist.

    Antwort auf "@ 15 maristra"
    • raflix
    • 30. Januar 2013 10:41 Uhr

    Arbeiten die männlichen Prostituierten auch für Zuhälter oder sind sie großteils selbstständig? Das hätte mich auch noch interessiert.

    4 Leserempfehlungen
  2. Verstehen kann ich, dass die Politiker in Brüssel die EU Außengrenzen weiter nach Osten verschieben wollten. Dabei haben sie offensichtlich vergessen, dass in diesen Ländern Menschen wohnen, die wie Menschen 2. Klasse von ihren Machthabern gehalten werden.
    Warum lässt man sie in EU-Länder einreisen, und sie dürfen dort nicht arbeiten? Es gilt ja nicht nur für Deutschland. Italien und Spanien sind noch viel schlimmer dran.
    Hätten man nicht einige Jahre warten sollen, und diese Länder besser auf einen EU Beitritt vorbereiten müssen?
    Der Artikel ist leider schlecht recherchiert und dem Niveau der ZEIT unwürdig. Er geht am wirklichen Thema vorbei.

    3 Leserempfehlungen
    • TDU
    • 30. Januar 2013 10:53 Uhr

    Na denn, vielleicht sehen wir uns ja mal. In Köln waren Szene und Milieu aber auch recht eng beieinander. Man musste also nicht notgedrungen Angebote annehmen, um Geschichten aus dem Leben zu erfahren.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "nichts ändert sich"
    • TDU
    • 30. Januar 2013 11:07 Uhr

    "Arbeiten die männlichen Prostituierten auch für Zuhälter oder sind sie großteils selbstständig? Das hätte mich auch noch interessiert."

    Ich denke, die sind unabhängiger, auch weil es nicht um so viel planbares Geld geht.

    Und die weiblichen Prostituierten brauchen tatsächlich mehr Schutz, z.B. vot gewalttätigen Freiern und zweitens scheint der Kampf ums "Profitcenter" Prostituierte von und zwischen Männern ein ganz anderer. Da war Frau vermutlich froh, sich nur mit einem auseinandersetzen zu müssen.

    In Köln wurde sie ja immer ein wenig romantisiert die Zeit der 1960iger, als man hinter Chicago den zweiten Platz belegte.

    Aber hinter den Kulissen wurde bedroht, geschlagen oder auf heisse Herdplatten gesetzt, wenn das Geld nicht floss. Zur Zeit der Rot-grünen Koalition setze sich dann der Traium Utopie durch, es brauche nur ein Gesetz, und alles sei in bester Ordnung. Hure hiess ab dann souverän, unabhängig und rentenversichert.

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    dass ein junger Mann, der noch keine 20 Lenze zählt als Stricher weniger Gewalt ausgesetzt wäre, als eine Frau diesen Alters?

    glauben Sie, dass Freier mit homosexuellem Hintergrund weniger zu Gewalt neigen als ihre heterosexuellen Pendants, oder glauben Sie tatsächlich, dass die Wehrhaftigkeit des Strichers die Gewalt unterbindet?
    Viele Freier gehen von Zwangslagen bei den jugendlichen Strichern aus, und nutzen genau diese aus - dies fängt beim Feilschen ums Geld an und hört bei Gewaltausbrüchen auf.

    Prostitution ist und war schon immer mit einem Risiko für beide Seiten verbunden. Ich glaube, das ist einer der Gründe, warum dabei soviel Geld fließen kann...

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